Die Bertelsmann Stiftung hat eine Umfrage zur "Willkommenskultur" durchgeführt. (Screenshot 10.04.2017)

Umfrage: Willkommenskultur im Wandel

Im Sommer 2015 empfangen Menschenmengen Geflüchtete an Bahnhöfen mit Blumen. Diese Bilder prägen den Begriff der “Willkommenskultur“. Wie ist die Stimmung zwei Jahre danach?

 

Von Simon Raulf

 

Den Spätsommer 2015 prägen Bilder von Menschen, die Geflüchtete mit Geschenken und Applaus am Bahnhof begrüßen. Der Begriff “Willkommenskultur“ wird populär. Pegida läuft bereits seit Oktober 2014 montags durch Dresden. Doch erleben in dieser Zeit viele islamfeindliche Demonstrationen und Anti-Asylkundgebungen in einigen deutschen Städten erheblichen Zulauf.

 

Bei Demonstrationen in Heidenau oder Freital werden Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren, als “Bahnhofsklatscher“ und “Gutmenschen“ verspottet. Aber nicht nur sprachlich heizt sich die Stimmung auf. In dieser Phase steigt die Zahl der Brandanschläge und Übergriffen auf Asylunterkünfte. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigt sich, dass die Meinungen zum Thema Flucht und Migration stark auseinandergehen und polarisieren.

 

Mehrheit sieht Zuwanderung positiv

Die Umfrage “Willkommenskultur im “Stresstest““, die das Meinungsforschungsinstitut „TNS Emnid“ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erhoben hat, fragte 2.000 Teilnehmer_innen im Januar 2017 nach ihrer Einstellung zur Willkommenskultur. Bereits zwei Jahre zuvor wurden die Einstellungen in einer Studie abgefragt. Im Jahr 2017 glaubt eine deutliche Mehrheit der Befragten, dass “sowohl staatliche Stellen (77 Prozent) als auch die Bevölkerung vor Ort (70 Prozent) Einwanderer willkommen heißen, die in Deutschland studieren oder arbeiten wollen.“ Im Vergleich zur Erhebung von 2015, wird die Bereitschaft, weitere Geflüchtete aufzunehmen, eher gering eingeschätzt. Trotzdem glauben 73 Prozent der Befragten, dass Geflüchtete bei Behörden willkommen sind. Die positive Einstellung gegenüber Geflüchteten innerhalb der Bevölkerung werden auf 59 Prozent geschätzt.

Im Vergleich Ost-West zeigt sich ein Auseinanderdriften. Im Osten glauben nur 53 Prozent, dass die Bevölkerung Migrant_innen willkommen heißen will. Im Westen liegen die Werte bei 74 Prozent. Ein Drittel der Menschen in Ostdeutschland glauben, dass die Bevölkerung Geflüchtete offen aufnimmt. Im Westen sind doppelt so viele davon überzeugt.

 

Bereitschaft zur Aufnahme von Geflüchteten sinkt

Die Bereitschaft mehr Geflüchtete aufzunehmen, ist im Vergleich zur Erhebung vor zwei Jahren gesunken. Die Hälfte der Befragten sieht eine “Belastungsgrenze“ erreicht und 81 Prozent fordern, dass jedes EU-Land nach Größe und Wirtschaftskraft, Geflüchtete aufnehmen sollte. Obwohl die Mehrheit der Befragten qualifizierter Zuwanderung positiv gegenüber steht, glauben weniger an positive Effekte für den Arbeitsmarkt. Auch die Befürchtung, dass sich die Zuwanderung negativ auf das Zusammenleben auswirkt ist gestiegen. So glauben 79 Prozent der Teilnehmer_innen, dass Einwanderung den Sozialstaat belastet.

Jüngere Menschen scheinen Migration positiver zu sehen, als ältere Menschen. Sie gaben an, dass kulturelle Vielfalt das Land bereichere und sprachen sich dafür aus, weitere Geflüchtete aufzunehmen.

 

Link zur Studie: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/28_Einwanderung_und_Vielfalt/IB_Umfrage_Willkommenskultur_2017.pdf

 
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