Auf der Festwiese Kleers in Quedlinburg gibt es am Sonntag, dem 23. August 2026, Grillwurst, Steak, Getränke, Eis und Süßes. Der AfD‑Landesverband in Sachsen-Anhalt kündigt im Vorhinein einen Tag voller Simsons, „Gemeinschaft und guter Stimmung“ an. Auch eine Hüpfburg für Kinder ist aufgebaut. Die Festwiese ist schon vor dem offiziellen Veranstaltungsbeginn gefüllt mit DDR‑Mopeds. Doch der Star des Tages lässt auf sich warten. Auf der Bühne wird gerätselt, ob Ulrich Siegmund bereits eingetroffen ist.
Zunächst sprechen dort deswegen andere Mandatsträger, unter anderem der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Reichardt. Die Menge hält das aus, sie ist nicht seinetwegen gekommen, dennoch gibt es vereinzelten Applaus. Doch dann tritt Ulrich Siegmund auf die Bühne, und der Jubel beginnt, noch bevor er den ersten Satz gesagt hat. Wie ein Popstar wird er mit erhobenen Händen empfangen, um eine Rede zu halten, die eher arm an politischen Inhalten ist. Doch das ist der Menge egal. Sie ist für „Uli“ angereist. Entsprechend mau ist das Interesse an einem ehemaligen Casting-Show-Teilnehmer, der nach ihm die Bühne betritt. Als schließlich der rechtsextreme AfD‑Ideologe Hans-Thomas Tillschneider spricht, ist die Luft im Publikum raus. Sie will von ihm nichts zu Bildungspolitik hören, nicht nach den positiven Vibes, die Siegmund verbreitet.

Wenn Rechtsextremismus entpolitisiert wird
Um 13 Uhr starten dann mehrere Hundert Mopeds zur Ausfahrt durch den Harz, um 17 Uhr ist Schluss. Zwei Wochen vor der Landtagswahl am 6. September wirkt das wie ein Vereinsfest und genau das ist die Strategie: So wenig Politik wie möglich. Also die Entpolitisierung nach außen bei gleichzeitiger Radikalisierung nach innen, wie ein Blick in das Wahlprogramm zeigt. Rechtsextremismus-Experte David Begrich aus Magdeburg bezeichnet dieses als „Dokument völkischer Radikalisierung”.

Ein Tag zuvor, am 22. August, lud die AfD Sachsen-Anhalt zum „großen Familienfest“ in Merseburg mit Bratwurst und blauer Zuckerwatte. Auch hier mit Siegmund und Tillschneider. Schon vor Siegmunds Ankunft bildet sich bereits eine lange Warteschlange für Selfies und Autogramme. Das Publikum bejubelt frenetisch den Spitzenkandidaten und stimmt am Ende „Siegmund, Siegmund“-Rufe an, die jedoch sofort von lauter Musik übertönt werden. Siegmund gibt sich siegessicher, die Parole lautet „Wir holen uns unser Land zurück“. Seine Rede ist populistisch, emotional aufgeladen und positiv. „Hier steht das Volk!“, „Wir machen Politik aus dem Volk für das Volk!“ sind die prägenden und umjubelten Botschaften. Wer bei diesem „Wir“ und „Volk“ gemeint ist – und wer nicht – bleibt unerwähnt.
Nach der kaum zehnminütigen Rede Siegmunds, die die einzige des Tages bleiben wird, gibt es nur noch einen Programmpunkt: Autogramme und Selfies. Siegmund lächelt, posiert. Im Sekundentakt wird das nächste Handy einer Mitarbeiterin in die Hände gedrückt und schon ist der nächste dran. Die Regel für heute wurde bereits von der Bühne verkündet: ein Foto und ein Autogramm pro Person. Die Selfie-Schlange ist professionell organisiert und läuft routiniert ab. Siegmund signiert hier nicht nur T‑Shirts und Wahlprogramme, sondern auch das Spiegel-Cover, das ihn zum gefährlichsten Mann Deutschlands hochhievt. Der Takt wird nur einmal kurz unterbrochen: Als sich neben der Warteschlange eine Traube an filmenden Menschen bildet, greift der Medienprofi zum eigenen Handy und dreht umjubelt ein kurzes TikTok.
Von der Schlechte-Laune-Partei zum umjubelten „Wir“-Gefühl
Der Soziologe Matthias Quent beschreibt diesen Wechsel im Gespräch mit der FAZ: „Die AfD ist längst nicht mehr nur die Schlechte-Laune-Partei, das war sie lange: eine Art organisierter Kulturpessimismus“. Sie verbinde das inzwischen mit Siegesstimmung und nationalen Auferstehungsnarrativen. Auch das sei ein Element des Faschismus.
Wie das klingt, war in Merseburg und Quedlinburg zu hören: „Wir schreiben Geschichte!“ Und: „Wir holen uns unser Land zurück“. Kein Untergang, sondern ein Aufbruch – und das Publikum jubelt nicht über eine Diagnose, sondern über ein Versprechen.
Siegmund spricht von der Vision 2026 für das Land und verbreitet Aufbruchstimmung: „Wir schreiben Geschichte!“. Er gibt dem Publikum damit das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein. Die anstehende Landtagswahl erklärt er über Sachsen-Anhalt hinaus zu einer Richtungsentscheidung und politischen Wende für Deutschland, Europa und die ganze Welt. Dabei gelingt es ihm ausgezeichnet, rechtsextreme Versatzstücke mit positiven Werten wie Zusammenhalt, Liebe und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verbinden.
Obwohl auf beiden Veranstaltungen AfD-Symbole allgegenwärtig sind und auch vor den Ständen mit Partei-Merch Trauben an Menschen stehen, wirken sie doch erstaunlich unpolitisch, wenig ideologisch. Eben wie Familienfeste, wie Events, die Gemeinschaft schaffen, nur eben eine rechtsextreme. Und Ulrich Siegmund wird hier gefeiert wie ein Popstar. Der Personenkult ähnelt dem um den Thüringer Landeschef Björn Höcke. Zufall ist das nicht. Siegmund hat Marketing studiert und verkaufte früher Raumdüfte an Firmen. Er behandelt den Wahlkampf wie eine Werbekampagne: Erst muss das Produkt sympathisch sein, die Inhalte kommen später. Die sind schließlich im „Regierungsprogramm“ – dem optimistischen Titel des AfD-Wahlprogramms – nachzulesen. Ein wichtiges Mittel für die Vermittlung dieses Wir-Gefühls leistet dabei die Simson.
Die Simson als ostdeutsche Tradition
Im Osten steht das Moped für die erste eigene Mobilität, für Jugend und für Erinnerungen, die nichts mit Politik zu tun haben. Die Simson wird sogar im Wahlprogramm erwähnt: „Die SIMSON-Kultur ist als Teil der Jugendkultur besonders zu fördern. Gerade in den ländlichen Räumen garantieren solche Zweiräder nicht nur die Mobilität Jugendlicher, sondern erinnern an eine gute ostdeutsche Tradition“. Es ist ein Versprechen, das nichts kostet. Die Nachfahren der jüdischen Simson-Gründer wehren sich gegen die Vereinnahmung und gegen die „Verhöhnung unserer Geschichte“.

Siegmunds Schwalbe, auf der er die Fahrten bestreitet, ist AfD‑blau. In Szene gesetzt werden die Ausfahrten vom rechtsextremen Verein „Filmkunstkollektiv“, einer Gruppe, deren Kameraleute aus der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) und anderen Gruppen der Szene stammen. Ihr Leiter Simon Kaupert, ein IB-Kader, drehte 2024 schon einen huldigenden Porträtfilm über Björn Höcke. Die Wohlfühlbilder bewerben das Produkt – eine rechtsextreme Partei.
Wahlkampfhilfe vom rechtsextremen Verlag Compact
Verstärkung kommt von außen. Das rechtsextreme Magazin Compact, dessen Geschäftsadresse seit Oktober 2024 auf dem Rittergut des früheren AfD-Landeschefs André Poggenburg in Stößen liegt, begleitet den Wahlkampf. Die September-Ausgabe, Titelthema „Die Entscheidung – Zweikampf um Deutschland“, flankiert das Magazin nach eigenen Angaben mit einer landesweiten Großplakat-Kampagne für 28.000 €; insgesamt rechnet es mit bis zu 50.000 € Mehrkosten und bittet um Spenden. Kurz vor der Wahl spiele „die freie Presse eine größere Rolle als je zuvor“, heißt es bei Compact.

Auf dem Plakat sitzt Friedrich Merz hinter der Windschutzscheibe einer dunklen Limousine. Siegmund fährt daneben auf einem Motorrad aus dem Bild, Lederjacke, Grinsen, aufspritzender Dreck. Alt gegen jung. Der eine hinter Glas, der andere mit Fahrtwind im Gesicht. Das Bild ist ganz offensichtlich mit KI erstellt. Es ist dieselbe Erzählung wie auf der Festwiese, nur ohne Grillwurst. Klein gedruckt steht in der Ecke, was das Ganze ist: politische Werbung, Auftraggeber die COMPACT Magazin GmbH.


