Für die AfD Mecklenburg-Vorpommern (AfD MV) waren die vergangenen Monate alles andere als ruhig. Im Vorfeld der Landtagswahl am kommenden Sonntag geriet der Landesverband immer wieder in die Schlagzeilen. Dabei bemüht sich die AfD MV im Wahlkampf eigentlich um das Bild einer geschlossenen und regierungsfähigen Partei. Doch stattdessen gab es Machtkämpfe an der Parteispitze, Ärger mit dem Landesrechnungshof und ein geleaktes Wahlprogramm.
Rangeleien an der Spitze
Schon die Frage, wer die AfD Mecklenburg-Vorpommern in den Wahlkampf führen soll, entwickelte sich zu einer Art innerparteilichen Schlammschlacht. Eigentlich stand der Plan: Leif-Erik Holm, Landesvorsitzender der AfD MV, sollte als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten antreten. Enrico Schult, zu diesem Zeitpunkt Co-Fraktionsvorsitzender, sollte die Landesliste anführen.
Dann funkte der damalige Fraktionschef Nikolaus Kramer allerdings überraschend dazwischen. Via Instagram kündigte er an, ebenfalls um den Spitzenplatz auf der Landesliste zu kandidieren. Beim Parteitag im Januar 2026 setzte sich Schult dann aber deutlich gegen Kramer durch: Er erhielt 164 von 249 abgegebenen Stimmen, Kramer kam auf 82.
Doch damit war der Machtkampf noch nicht beendet. Schult wollte anschließend auch Kramers Position als Fraktionsvorsitzender übernehmen. Fünf der damals 13 AfD‑Landtagsabgeordneten beantragten daraufhin Kramers Abwahl; Schult gehörte zu den Antragstellern. Als Begründung nannten Schult und seine Unterstützer*innen unter anderem das Parteiwohl: Zur Landtagswahl müsse der Fokus auf dem Spitzenkandidaten liegen.
Daraufhin wurde am 25. Februar eine Sondersitzung der Fraktion einberufen. Hinter verschlossenen Türen einigte man sich auf einen Kompromiss: Schult zog seinen Abwahlantrag zurück, im Gegenzug erklärte sich Kramer bereit, den Fraktionsvorsitz Mitte Juni an Schult abzugeben.
AfD MV mit Doppelspitze
Zurück also zum neuen alten Plan: Leif-Erik Holm tritt als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten an, Enrico Schult führt die Landesliste an. Das bedeutet: Über Schults Einzug in den Landtag entscheiden die Wähler*innen mit ihrer Zweitstimme. Holm muss dagegen das Direktmandat in seinem Wahlkreis gewinnen.
Leif-Erik Holm, Jahrgang 1970, ist Diplomökonom und war lange als Radiomoderator tätig. Seit 2017 sitzt er im Bundestag und ist Landesvorsitzender der AfD MV. Enrico Schult, 47 Jahre, ist gelernter Vermessungstechniker. Seit 2021 ist er Landtagsabgeordneter sowie stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD, seit Kurzem nun Fraktionsvorsitzender. Beide sind verheiratet und Familienväter. Beide geben sich gemäßigt, sind in der Vergangenheit aber mit radikalen Aussagen aufgefallen. So sieht Schult die „Migrationskrise“ als „Mutter aller Krisen“ und Holm würde gerne ein landeseigenes Ausreisezentrum sowie eine Abschiebehaft einführen.
Geleaktes Wahlprogramm
Was die Partei im Falle eines Wahlsieges außerdem umsetzen will, hielt sie in einem 94-seitigen Papier fest. Das Wahlprogramm sollte eigentlich beim Parteitag am 30. Mai 2026 öffentlich vorgestellt werden, wurde vorher aber allen Mitgliedern zugesandt. Schon Mitte Mai veröffentlichte der NDR Inhalte aus dem internen Papier und machte auf die völkisch-nationalistische Ausrichtung des Programms aufmerksam.
Über die kritische Berichterstattung zum Wahlprogramm ließen sich Holm und Schult wütend auf ihren Instagram-Kanälen aus. Holm bezeichnete die Berichterstattung als „Propaganda-Schau“. Schult warf dem Sender vor, „völlig tendenziös“ zu sein und „gleich mit dem Zeigefinger“ aufzuzeigen, „was alles falsch ist und was überhaupt gar nicht geht“.
Rüge vom Rechnungshof
Turbulent ging es auch während des Wahlkampfs weiter: Im August 2026 erhielt die AfD-Landesfraktion Mecklenburg-Vorpommern laut Berichten der Ostsee-Zeitung eine Rüge des Landesrechnungshofs. Der Vorwurf: Die AfD-Fraktion soll öffentliche Gelder für den Wahlkampf der Partei genutzt haben.
Konkret ging es um einen geplanten Podcast mit Leif-Erik Holm und AfD-Politikerin Petra Federau sowie die Sommertour Schults. Beides wurde von der Landtagsfraktion organisiert, die die Vorhaben auch jeweils über einen Social-Media-Post bewarb. Der Landesrechnungshof bewertete die Maßnahmen als unzulässige Öffentlichkeitsarbeit der Fraktion. Denn besonders in den letzten sechs Wochen vor einer Wahl dürfen Fraktionen ihre staatlichen Mittel nicht für den Wahlkampf einsetzen. Schult kündigte daraufhin an, sowohl den Podcast als auch die Sommertour einzustellen.
Rechtsextreme, Waffenfunde und ein verurteilter Bankräuber
Auch der Verfassungsschutz hat die AfD MV im Blick. 2025 wurde ein Gutachten fertiggestellt, das 13 Abgeordnet*innen und Funktionär*innen der AfD aus Mecklenburg-Vorpommern mit verfassungswidrigen Aktivitäten in Verbindung bringt. Genannt werden unter anderem Nikolaus Kramer und Enrico Schult. Anders als die Landesverbände Thüringen und Sachsen-Anhalt ist die AfD MV zwar noch nicht als gesichert rechtsextreme Bestrebung eingestuft. Verbindungen zur rechtsextremen Szene bestehen dennoch.
Das zeigt schon ein Blick ins Publikum der AfD-Wahlkampfveranstaltungen: Bei einem Wahlkampfauftritt am 28. August 2026 in Grimmen waren laut des Nachrichtenmagazins Katapult MV unter anderem Alexander „Malenki“ Kleine und Haik Jaeger anwesend. Kleine war Kader der „Identitären Bewegung“ (IB) in Leipzig und macht mittlerweile wichtige Arbeit für das rechtsextreme Vorfeld. Mittlerweile mischt seine Agentur „Tannwald Media“ beim Social-Media-Wahlkampf der AfD mit. In Grimmen filmte er im Auftrag der AfD Mecklenburg-Vorpommern. Jaeger ist ein ehemaliger Polizist, der Mitglied des Prepper-Netzwerks Nordkreuz war. Bei einer Durchsuchung 2017 wurden bei ihm 3.000 ungesicherte Schussmunition gefunden. Er wird vom Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern als gewaltbereiter Rechtsextremist eingestuft und ist Fraktionsvorsitzender der AfD in der Stadtvertretung Neukloster.
Mit knapp 92 Prozent der Stimmen wurde der 32-jährige Dario Seifert am 30. Mai 2026 zum Generalsekretär des Landesverbands MV gewählt. Seifert war von 2012 bis 2014 Mitglied der „Jungen Nationalisten“ (JN, damals Junge Nationaldemokraten), der Jugendorganisation der NPD (heute „Die Heimat“). 2024 wurde gegen ihn eine zweijährige Ämtersperre verhängt.
Seifert ist bei Weitem nicht das einzige Mitglied des Landesverbandes mit Verbindungen zum rechtsextremen Spektrum. Bereits 2019 nahmen mehrere heute führende AfD-Politiker*innen aus Mecklenburg-Vorpommern am sogenannten „Königsstuhl-Treffen“ des inzwischen aufgelösten, rechtsextremen „Flügels“ der AfD auf Rügen teil. Das zeigen Recherchen von Katapult MV. Fotos der Veranstaltung dokumentieren unter anderem die Anwesenheit von Dario Seifert, Petra Federau, Christoph Grimm, Tommy Thormann, Thomas Naulin, Enrico Komning und Jens Schulze-Wiehenbrauk. Federau kandidiert bei der Landtagswahl 2026 auf Platz 21 der AfD-Landesliste, Thormann auf Platz 16 und Naulin auf Platz 12. Schulze-Wiehenbrauk tritt als Direktkandidat im Wahlkreis 29 an.
Die Liste der fragwürdigen AfD-Funktionär*innen in Mecklenburg-Vorpommern ließe sich noch lange weiterführen. Im August 2025 wurden bei einer Razzia im Anwesen des AfD-Kommunalpolitiker Philip Steinbeck beispielsweise Waffen und Sprengstoff gefunden. Und der Rostocker Landtagskandidat Sascha Gläser ist verurteilter Bankräuber.
AfD Mecklenburg-Vorpommern: (Un)Reif für die Regierung?
Aller Skandale und Streitigkeiten zum Trotz gibt sich die AfD Mecklenburg-Vorpommern siegessicher. Holm und Schult träumen von der Alleinregierung, Schult attestiert der AfD bereits „Regierungsreife“. Auch ihr Parteiprogramm hat die AfD Mecklenburg-Vorpommern vorsorglich schonmal „Regierungsprogramm“ genannt.
Eins muss man der AfD Mecklenburg-Vorpommern jedenfalls lassen, die Partei konnte während der letzten Wochen noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen, für was sie steht: Chaos und rechtsextreme Inhalte und Forderungen.
Trotzdem liegt die AfD in den Umfragen derzeit mit rund 37 Prozent vor der SPD, die etwa 32 Prozent erreicht. Eine absolute Mehrheit ist damit nicht in Sicht. Für eine Regierungsbeteiligung bräuchte die AfD einen Koalitionspartner, doch SPD, Linke, Grüne und die CDU schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Rechnerisch könnte eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen weiterregieren. Allerdings ist noch nicht sicher, ob die Grünen die 5-Prozent-Hürde schaffen. Laut aktuellen Umfragen erreichen sie 5,2 Prozent. Das BSW verpasst den Einzug in den Landtag laut aktuellen Umfragen mit 4,2 Prozent knapp. Sollte die Partei doch in den Landtag einziehen, wäre eine Koalition mit der AfD nicht ausgeschlossen, die absolute Mehrheit würden die beiden Parteien aber nicht erreichen. Fest steht bislang nur: Die Koalitionsverhandlungen werden kompliziert werden.


