Artur war über 20 Jahre Mitglied in einer Freikirche, die heute unter anderem Kontakte zu missionarischen Netzwerken im Fußball pflegt. Heute klärt der 31-Jährige über christlichen Fundamentalismus auf. Artur ist außerdem Mitglied bei Fundamental frei e.V. und Teil eines dazugehörigen Netzwerks ehemaliger Mitglieder fundamentalistischer Freikirchen und Gruppen.
Elli ist in einer streng konservativen Freikirche aufgewachsen und mit 19 Jahren ausgestiegen. Seit Sommer 2022 engagiert sich die 36-Jährige im Vorstand von Fundamental frei e.V.. In Religionsgemeinschaften, wie denen in denen die beiden aktiv waren, wird die Bibel als tatsächliches Wort Gottes betrachtet, das irrtumsfrei gilt.
Belltower.News: Ihr beide wart in einer Freikirche – was habt ihr erlebt?
Artur: In meiner Freikirche gab es Aussagen wie „Queerness und Feminismus sind Sünde“ oder „Wer nicht glaubt, geht in die Hölle“. Ein weiterer Satz, der häufig sinngemäß fiel: „Frauen sind gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt.“ Für mich entstand daraus ein Spannungsverhältnis zwischen propagierter Gleichwertigkeit und realer Machtverteilung. Wenn innerhalb der Gemeinschaft sogenannte „Verfehlungen“ bekannt wurden, folgten meist Gespräche oder seelsorgerliche Begleitungen, die das Verhalten verändern sollten. Wiederkehrende Konflikte wurden teilweise auch vor der gesamten Mitgliederversammlung thematisiert.
Leitungsrollen wurden biblisch begründet fast ausschließlich von Männern ausgeübt. Frauen engagierten sich überwiegend in sozialen oder unterstützenden Bereichen wie der Arbeit mit Kindern, in der Küche, im Café, der Dekoration oder Musik. Der Umgang mit Themen wie Sexualität und Identität war ebenfalls klar definiert. Sex vor der Ehe sowie queere Identitäten galten als nicht vereinbar mit dem Glaubensverständnis der Gemeinde.
Elli: Ich habe die ersten 19 Jahre meines Lebens in einer streng konservativen
„Brüdergemeinde“ verbracht. Dort gab es strikte Rollentrennung: Als Frau musste ich im Gottesdienst schweigen und mich weiblich kleiden. Das wirkte sich auch auf meinen Alltag aus: In der Schule wurde ich gemobbt, weil ich oft lange Röcke trug und nicht mit auf die Klassenfahrt durfte.
Mit 14 Jahren schlich ich mich nachts aus dem Elternhaus, um auf Partys zu gehen. Mit 19 Jahren kam ich mit meinem damaligen Freund zusammen, der meinem Umfeld nicht gläubig genug war. Das sorgte für viele Konflikte, bis ich vor der Entscheidung stand: Er oder weiterhin sonntags zum Gottesdienst? Ich entschied mich für meinen ehemaligen Freund. Für meinen Ausstieg war das der Anstoß, den ich brauchte. Mein innerer Ausstieg kam aber erst später: Durch mein Theologiestudium auf Lehramt kam ich zum ersten Mal mit der wissenschaftlichen und historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel in Kontakt.
Und wie lief dein Ausstieg, Artur?
Artur: Es war ein langer Prozess. Ich begann, Strukturen und Überzeugungen zu hinterfragen, weil ich den Eindruck hatte, dass bestimmte Entwicklungen Menschen belasten. Dieser Eindruck wurde mir in Gesprächen bestätigt. Meine kritische Haltung wurde innerhalb der Gemeinschaft zunehmend negativ aufgenommen. Ich wurde als „schwierig“ wahrgenommen.
Einmal bezeichnete man mich als „Gefahr für die Gemeinde“. Für mich war mein Verhalten aber eher der Versuch, ehrlich zu reflektieren. Der Ausstieg selbst war ambivalent. Einerseits erlebte ich Schritt für Schritt persönliche Freiheit, andererseits auch Verlust und Verletzungen. Ich nahm wahr, dass sich Menschen zunehmend distanzierten. Außerhalb der Gemeinde entstanden neue Perspektiven und Gespräche, die mir halfen, meine Erfahrungen einzuordnen. Mit der Zeit habe ich den Ausstieg stärker als persönliche Freiheit wahrgenommen.
Seit eurem Ausstieg sind nun einige Jahre vergangen: Wie geht es euch heute?
Artur: Heute geht es mir besser. Gleichzeitig bleibt der Ausstieg rückwirkend ein komplexer Prozess, weil ich nicht nur meine Glaubensgemeinschaft verließ, sondern auch einen Teil meines engen sozialen Umfeldes. Viele Menschen unterschätzen, wie emotional herausfordernd ein Ausstieg sein kann.
Elli: Auch bei mir dauert es sicher noch weitere Jahre und Erfahrungen, um mein als Kind erlerntes Weltbild endgültig über den Haufen zu werfen und neu zusammenzustellen. Eine Psychotherapie hat mir geholfen, besser mit den entstandenen Schäden und Folgen umzugehen.
Fundamental frei e.V. will ein Safer Space für Aussteiger*innen sein. Elli, wie helft ihr Betroffenen?
Elli: Wir helfen nicht aktiv. Den Schritt zur Dekonstruktion und den womöglich folgenden Freikirchen-Ausstieg müssen die Betroffenen alleine bewältigen. Wir bieten Betroffenen eine digitale Plattform zur Vernetzung und zum Austausch.
Bei vielen fällt durch den Ausstieg ein großer Teil des sozialen Umfeldes, der familiären Unterstützung und des Freundeskreises weg. Unsere Arbeit soll helfen, damit betroffene Personen sich nicht alleine fühlen und mit anderen, die Ähnliches erlebt haben, in Kontakt kommen. Die Austauschplattform von fundamental-frei ist eingeteilt in verschiedene Kanäle zu unterschiedlichen Themen, zum Beispiel zu mentaler Gesundheit, dem Umgang mit Fundamentalist*innen und Familie, dem Weiterglauben oder queeren Themen. Besonders bei queeren Personen spielt häufig die eigene, unerwünschte Identität eine wichtige Rolle beim Ausstieg.
Viele Betroffene müssen sich erst in der „normalen“ Welt zurechtfinden. Es dürfen nun ganz neue Erfahrungen gemacht werden, die vorher verboten waren, seien es neue Hobbys oder ausgelebte Sexualität. Die meisten lernen, dass Menschen außerhalb ihrer vorherigen Bubble gar nicht so „böse“ waren, wie oft dargestellt. Häufig folgen Jahre mit intensiver Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Wir sind gut vernetzt mit Sektenberatungsstellen und Weltanschauungsbeauftragten, sowohl von kirchlicher als auch konfessionsloser Seite, an welche wir Anfragen mit dringendem Beratungsbedarf weiterleiten können.
Aus welchen kirchlichen Kontexten kommen die Menschen, die sich an euch wenden?
Elli: Zu uns kommen Menschen aus verschiedenen Freikirchen oder sogar Landeskirchen. Nicht alle Freikirchen sind per se problematisch oder fundamentalistisch. Häufig hängt es mit den Pastor- und Predigerpersonen zusammen.
Problematische Gemeinden haben häufig ein dualistisches Weltbild, lehren angstbasierte Theologie (wer sündigt oder Böses tut, kommt in die Hölle), durch die Bibel begründete Queerfeindlichkeit und veraltete Geschlechterrollen. Oft greifen diese Gemeinden stark in private Bereiche ein, zum Beispiel bei der Sexualität von Mitgliedern. Fundamentalistische Gemeinden erkennt man zudem oft an der Inszenierung als „bibeltreue Christen“. Generell ist der Missionsauftrag in evangelikalen Freikirchen sehr stark ausgeprägt, da sie davon ausgehen, die alleinige Wahrheit zu besitzen, mit der andere Menschen überzeugt werden müssen.
Man hört immer wieder, dass Aussteiger*innen geistlichen Missbrauch erleben. Wie äußert sich das?
Elli: Grundsätzlich immer, wenn von einer höheren Position oder innerhalb der Freikirchenstruktur Dinge von Mitgliedern verlangt und erwartet werden, „weil Gott es so will“ oder „weil es so in der Bibel steht“.
Ein Beispiel ist die sogenannte „Purity Culture“: Oft wird erwartet und teilweise sogar kontrolliert, die eigene Sexualität für die Ehe aufzuheben. Oder Homosexualität: Angeblich ist diese nicht gottgewollt und wird in vielen Freikirchen als „Krankheit“ bis hin zur „dämonischen Besessenheit“ angesehen. Häufig hören Betroffene Sprüche wie „dann glaubst du eben nicht genug“ oder „dann hast du einfach nicht stark genug gebetet“, sollten Dinge im Leben nicht so laufen oder eintreten, wie gewünscht.
Elli, wie beurteilst du den Einfluss Evangelikaler auf andere gesellschaftliche Bereiche wie den Fußball?
Elli: Der Einfluss der Evangelikalen ist derzeit sehr stark. Wir bekommen immer wieder mit, wie Freikirchen sich in verschiedenen Bereichen der sozialen Arbeit oder Kinderbetreuung „eingeschlichen“ haben. Auch eine teils starke Nähe zur rechtsextremen AfD von einzelnen Prediger*innen nehmen wir immer öfter wahr. Einige Freikirchen hingegen distanzieren sich bewusst von rechten Ideologien.
Auch im Fußball beobachte ich problematische Missionierungsversuche, die innerhalb der Fanszenen bislang jedoch weniger erfolgreich sind. Es ist nicht verboten, Religion auf dem Rasen auszuleben. Bei öffentlich queerfeindlichen Aussagen müssen die Verbände und Vereine geschult werden, damit ein Bewusstsein dafür entsteht, dass auch Teile des Christentums problematisch sein können. Besonders in solchen Momenten, wo die Rechte und Legitimation anderer Personen angegriffen oder abgesprochen werden.
Artur, warum sind die Missionswerke gerade im Fußball so präsent?
Artur: Fußball erreicht viele Menschen und schafft starke emotionale Identifikation. Genau deshalb ist er auch für religiöse Bewegungen so interessant. Hinzu kommt die Tatsache, dass einige weltbekannte Spieler*innen offen über ihren Glauben sprechen. Das muss nicht automatisch Missionierung bedeuten. Gleichzeitig geht es mir weniger um die Absicht als um die mögliche Wirkung auf junge Menschen, die diese Personen als Vorbilder*innen sehen.
Wenn ich versuche, mich in die Situation von Nachwuchsfußballer*innen hineinzuversetzen, stelle ich mir Fragen wie: Wie gehe ich damit um, weit weg von meiner Familie zu sein? Was passiert, wenn ich verletzt bin oder der sportliche Erfolg ausbleibt? Und wie gehe ich mit Druck, Unsicherheit und Zukunftsangst um? Glaube kann in diesen Momenten Stabilität und Hoffnung bieten. Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass Weltbilder übernommen werden, ohne sie ausreichend kritisch zu hinterfragen, insbesondere, wenn starke emotionale Bindungen zu Vorbildern entstehen.
Was muss sich aus eurer Sicht im Umgang mit Fundamentalismus ändern?
Elli: Es braucht unbedingt mehr Aufklärung über die Strukturen der problematischen Freikirchen und auch staatliche oder konfessionsfreie Anlaufstellen für Unterstützung und Beratung für Angehörige oder Aussteiger*innen.
Artur: Es gibt genügend gesellschaftliche Schnittstellen, an denen man ansetzen kann:
Ich engagiere mich, um aufzuklären, und durfte mich beispielsweise bei der Borussia-Dortmund-Faninitiative „Ballspiel.Vereint” einbringen. Durch Vorträge oder Workshops kann wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet werden. Vereine, Verbände und ihre Verantwortlichen sollten sich außerdem intensiver mit stark dogmatischen Glaubensformen auseinandersetzen und schulen.
Mir ist wichtig zu betonen: Konservative Werte sind nicht pauschal problematisch. Meine Sorge ist vielmehr, dass stark exklusive oder autoritäre Weltbilder Diskriminierung begünstigen und sich unter Umständen mit radikalen Ideologien verbinden. Gerade der Fußball sollte aus meiner Sicht ein Ort sein, der für Vielfalt steht. Ich hoffe, dass Aussteiger*innen künftig stärker gehört werden und mit ihren Erfahrungen dazu beitragen können, problematische oder toxische Glaubensstrukturen sichtbarer zu machen.


