Mindestens 88 Menschen sind nach aktuellem Stand bei dem Versuch gestorben, von Marokko aus das spanische Territorium Ceuta zu erreichen. Unter ihnen waren sehr junge Menschen, Minderjährige, deren Familien noch immer nach ihnen suchen. Vorausgegangen waren der Katastrophe irreführende Berichte über eine vermeintlich offene Grenze nach Spanien. Das Beispiel zeigt die tödliche Gefahr, die von Desinformationen ausgehen kann.
„Nehmt einen Neoprenanzug mit. Tragt Turnschuhe. Packt Wasser und etwas zu essen ein. Wickelt euer Handy wasserdicht ein. Geht in der Nacht oder im Morgengrauen los. Ruht euch zwischendurch auf Schwimmhilfen aus“. Es sind kurze Anleitungen wie diese, die in den Tagen vor der Katastrophe in Facebook-Gruppen, WhatsApp-Chats und Telegram-Kanälen kursierten. Menschen gaben einander Tipps, wie man die Distanz von einigen Kilometern nach Ceuta schwimmend überwinden könne. Welche Route sich eigne. Wann die Strömung günstiger sei. Wo Sicherheitskräfte stünden. Wie man möglichst unbemerkt ans spanische Ufer gelange.
Praktische Anleitungen auf Facebook und WhatsApp
In Facebook-Gruppen wie „Alhucemas 🙋 puerta de Ceuta“ wurde diskutiert, ob „die Tür noch offen“ sei. Unter dem Schlagwort „Vamos a Spania“ verbreiteten sich Nachrichten, man müsse zeitnah los. Andere Gruppen aus dem Umfeld der sogenannten „Haraga“-Community, tauschten Erfahrungen, Routen und praktische Hinweise aus. Parallel liefen über WhatsApp detaillierte Anleitungen und Tipps.
Solche Inhalte aus den sozialen Netzwerken waren der Auftakt zu einem tatsächlich massenhaften Ansturm auf die spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste, bei dem mindestens 88 Menschen starben und Tausende versuchten, von Marokko aus das spanische Territorium Ceuta zu erreichen.
Ein Gerichtsurteil als wahrer Kern
Der konkrete Auslöser waren mutmaßlich irreführende Berichte über ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Das Gericht entschied, dass Menschen, die Ceuta über das Meer erreichen, nicht ohne Weiteres unmittelbar zurückgewiesen werden dürfen, sondern Anspruch auf ein geordnetes Verfahren haben.
Aus dieser juristisch eng begrenzten Entscheidung wurde in sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit eine völlig andere Botschaft. Die Grenze sei offen. Oder auch: „Wer Ceuta erreicht, kann bleiben“. Dies sei eine quasi einmalige Gelegenheit. Aus einer differenzierten Rechtsentscheidung wurde schnell das Versprechen eines offenen Weges nach Europa. Bis heute ist ungeklärt, wer diese Falschinformationen als Erstes verbreitete.
Genau darin zeigt sich ein typisches Muster von Desinformationen. Sie bestehen selten ausschließlich aus erfundenen Behauptungen. Fast immer basieren sie auf einem realen Sachverhalt, verändern ihn so weit, dass daraus eine andere Botschaft entsteht. Ein wahrer Kern wird mit Übertreibungen, Auslassungen oder falschen Schlussfolgerungen verbunden.
Desinformation wirkt bei Unsicherheit und Verzweiflung
Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Faktor. Desinformationen entfalten ihre Wirkung nicht im luftleeren Raum. Seit Jahren existieren in sozialen Netzwerken Gruppen, in denen über Fluchtrouten nach Ceuta, Erfahrungen, Schleusungswege und Grenzübertritte diskutiert wird. Als das Gerichtsurteil veröffentlicht wurde, traf die Fehlinterpretation auf bereits bestehende Kommunikationsnetzwerke.
Doch auch das erklärt noch nicht, warum Tausende Menschen bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der entscheidende Punkt wird in Debatten über Desinformationen häufig übersehen. Desinformationen entfalten ihre größte Kraft dort, wo Menschen verzweifelt sind, Armut herrscht und Perspektiven fehlen.
Die soziale Dimension von Desinformation
Die Menschen glaubten den Falschinformationen nicht einfach deshalb, weil Medienkompetenz fehlt oder sie besonders leichtgläubig gewesen wären, sondern weil sie einen Ausweg versprachen und Hoffnung schüren. Dies ist die soziale Dimension der Desinformation.
Deshalb greift auch das häufig vorgebrachte Rezept zu kurz, man müsse eben Medienkompetenz stärken oder mehr Faktenchecks veröffentlichen. Beides bleibt wichtig. Aber wenn Desinformationen ausschließlich als Informationsproblem deklariert werden, geraten die sozialen Voraussetzungen schnell aus dem Blick.
Der beste Schutz vor Desinformationen ist deshalb nicht nur bessere Aufklärung. Er besteht auch darin, Menschen aus Situationen zu befreien, in denen Hoffnungslosigkeit sie anfällig für falsche Versprechen macht.
Desinformationen töten
Der Fall Ceuta dürfte zu den folgenschwersten bekannten Beispielen gehören, bei denen Desinformationen eine humanitäre Katastrophe mit ausgelöst haben. Nicht, weil eine einzelne Falschmeldung ausgereicht hätte. Sondern weil sie auf Menschen trafen, deren Lebenssituation sie besonders verwundbar machte.
Ein ähnliches Muster war bereits während der Corona-Pandemie zu beobachten. Auch damals glaubten Menschen plötzlich Erzählungen, für die sie unter normalen Umständen vermutlich nicht empfänglich gewesen wären. Nicht, weil sie irrational geworden waren. Sondern weil Unsicherheit, Kontrollverlust und Zukunftsängste den Nährboden für Desinformation bildeten. Menschen verweigerten Impfungen und erkrankten schwer oder starben. Auch hier war Desinformation tödlich.
Desinformationskampagnen setzen genau auf diesen Mechanismus. Sie nutzen Kriege, Naturkatastrophen, Anschläge oder gesellschaftliche Krisen, um Unsicherheit zu verstärken und bestehende Konflikte weiter anzuheizen. Migration bietet Desinformation einen idealen Resonanzraum. Einerseits steht ein reales politisches Problem, für das die Europäische Union bis heute keine überzeugende gemeinsame Antwort gefunden hat. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die bereit sind, lebensgefährliche Risiken einzugehen, weil sie keine Perspektive mehr sehen. Wo beides zusammenkommt, können Desinformationen besonders zerstörerisch wirken.
Die Opfer spielen kaum eine Rolle
Wer Desinformationen wirksam und nachhaltig bekämpfen will, muss deshalb mehr tun, als Plattformen zu regulieren und Fakten zu überprüfen – was beides wichtig ist. Man muss auch die sozialen Bedingungen und Umstände sowie Situationen in den Blick nehmen, unter denen Desinformationen ihre größte Wirkung entfalten. Welche Milieus besonders empfänglich sein könnten.
Dafür müsste man den Blick aber zunächst auf die Menschen richten, die versucht haben, nach Ceuta zu gelangen. Während die verzweifelten Angehörigen von Opfern in Marokko medial eine Stimme erhalten, spielt das Schicksal dieser Menschen in der deutschen Berichterstattung und den politischen Debatten eine nachrangige Rolle. Der Tod geht in der Debatte im wahrsten Sinne des Wortes unter.
EU warnt seit Jahren vor russischen Desinformationskampagnen
Zu Recht warnen die EU und Fachleute seit Jahren vor russischen Desinformationskampagnen und anderen Formen hybrider Einflussnahme. Gleichzeitig schafft die europäische Politik dort die größte Angriffsfläche und den wirksamsten Hebel für Desinformation, wo sie auf offensichtliche und ungelöste Probleme keine Antworten findet.
Die europäische Migrationspolitik ist dafür das deutlichste Beispiel. Statt einer gemeinsamen, tragfähigen Strategie dominieren Abschottung, Ad-hoc-Maßnahmen und die Auslagerung von Verantwortung an Drittstaaten. Solange Menschen an Europas Außengrenzen sterben und zugleich der Eindruck entsteht, die EU habe außer Grenzsicherung keine tragfähige Antwort, entsteht ein Vakuum, das Desinformationen füllen können. Mit tödlichen Folgen.


