Aus dem ersten Wahlgang zur Landratswahl im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt am 7. Juni 2026 geht Amtsinhaber Marko Wolfram (SPD) mit 47,1 Prozent der Stimmen als Erstplatzierter hervor. Bei der Stichwahl am 21. Juni tritt er gegen Herausforderer Thomas Benninghaus (AfD) an. Dieser geht trotz deutlicher Gewinne im Vergleich zur AfD-Kandidatin bei der letzten Landratswahl 2020 mit einem Rückstand von 6,9 Prozentpunkten und über 3.200 Stimmen in die Stichwahl.
Ein Blick auf die Bundestagswahl 2025 im Landkreis zeigt jedoch, dass es für den AfD-Kandidaten ein unausgeschöpftes Potenzial von über 11.000 Wähler*innen gibt, die in der Vergangenheit AfD gewählt haben. Vorangegangene Landratswahlen in Thüringen haben zudem gezeigt, dass bei Stichwahlen vor allem die AfD-Kandidat*innen neue Wähler*innen mobilisieren konnten. Unklar ist auch, wie sich die knapp 6.000 Stimmen, die der parteilose Kandidat Prof. Dr. Wolfgang Wehr am 7. Juni erhalten hat, in der Stichwahl verteilen.
Es ist damit alles andere als sicher, dass der Kandidat der rechtsextremen Thüringer AfD auch die Stichwahl verliert. Ob es der Höcke-AfD gelingt, nach Sonneberg einen zweiten Landratsposten in Thüringen und Deutschland zu besetzen, wird in erster Linie davon abhängen, inwieweit der Amtsinhaber von der SPD von einer Mobilisierung von Wechselwähler*innen im demokratischen Lager und von einer Aktivierung bisheriger Nichtwähler*innen profitieren kann.
Ausgangslage
Der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt im Süden Thüringens mit 83.000 Wahlberechtigten ist seit Langem von einem starken Bevölkerungsrückgang geprägt, der sich entsprechend Prognosen auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Aus den vergangenen beiden Landratswahlen ging Marko Wolfram (SPD) als Gewinner hervor. 2014 setzte er sich mit 57 Prozent in der Stichwahl durch, 2020 konnte er im ersten Wahlgang mit 58,5 Prozent gewinnen. Die AfD-Kandidatin Brunhilde Nauer kam damals auf 17,8 Prozent.
In den folgenden Wahlen konnte sich die AfD weiter verankern. Im Kreistag gibt es zwei Fraktionen der AfD, da sich der Kreisverband im Vorfeld der Kreistagswahl 2024 zerstritten hat und mit zwei Listen angetreten ist. Der Landratskandidat Thomas Benninghaus gehört der Fraktion AfD (Wahlvorschlag Alternative für den Landkreis) an, die auf Linie des Landesverbandes ist und der mehrere Landtags- und ein Bundestagsabgeordneter der AfD angehören. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 konnte Prof. Dr. Michael Kaufmann (AfD) sogar 45,7 Prozent der Erststimmen (absolut: 29.855 Stimmen) im Landkreis erreichen – und das bei einer hohen Wahlbeteiligung von 80 Prozent.
Kandidaten und Wahlkampf
Lange schien die Wahl auf ein Duell zwischen Marko Wolfram (SPD) und Thomas Benninghaus (AfD) hinauszulaufen. Erst zu Ostern 2026 gab Prof. Dr. Wolfgang Wehr (parteilos) bekannt, für die Wahl anzutreten. Ein vierter Bewerber, Mario Brehme, wurde aufgrund seiner neonazistischen Vergangenheit, u. a. im „Thüringer Heimatschutz“, vom Kreiswahlausschuss wegen Zweifeln an seiner Verfassungstreue nicht zur Wahl zugelassen. Dies ist besonders bemerkenswert, da andere Wahlausschüsse in der Vergangenheit anders entschieden, bspw. bei der Zulassung von Neonazi Tommy Frenck („Bündnis Zukunft Hildburghausen“) zur Landratswahl 2024 in Hildburghausen.
Marko Wolfram ging als langjähriger Amtsinhaber in die Wahl. Dies machte er auch zum Kern seiner Wahlkampagne, bspw. mit dem plakatierten Spruch „Zukunft braucht Erfahrung“. Für seine Wahl sprachen sich auch DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen aus sowie der Saalfelder Bürgermeister Steffen Kania (CDU). Die SPD unterstützte ihn ebenfalls, bspw. auf Social Media; gleichzeitig versuchte Wolfram sich unabhängig von der Partei darzustellen. So ging aus seinen Wahlplakaten keine Parteizugehörigkeit hervor. Noch 2025 sorgte Wolfram für überregionale Aufregung, als er den Vorschlag des Nordhäuser Landrats Matthias Jendricke (SPD) unterstützte, Sozialleistungen für Geflüchtete in ein zinsloses Darlehen umzubauen.
Thomas Benninghaus gab schon früh seine Kandidatur bekannt. Er stand 2024 klar auf Höcke-Linie beim Bruch des Kreisverbandes und sitzt für die vom rechtsextremen Landesverband unterstützte Fraktion Alternative für den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt im Kreistag. Seit Herbst 2024 ist er außerdem direkt gewählter Landtagsabgeordneter und fiel als solcher immer wieder mit geschichtsrevisionistischen bis antisemitischen Aussagen und Forderungen auf.
Benninghaus versuchte im Wahlkampf vor allem auf bekannte Anti-Establishment-Narrative und den personellen Wechsel im Landratsamt zu setzen, konnte selbst aber nur bedingt eigene Themen setzen. Auch seine Social-Media-Auftritte blieben verhältnismäßig inhaltsleer. Stattdessen fiel die zur Schau gestellte Heimatverbundenheit auf, z. B. posierte Benninghaus mehrfach mit einer Bratwurst in der Hand. Benninghaus bekam Unterstützung von Thüringer AfD-Funktionären, bspw. vom Europaparlamentsabgeordneten René Aust, den Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Michael Kaufmann und Stephan Brandner sowie von Björn Höcke und Robert Sesselmann, dem AfD-Landrat im Landkreis Sonneberg. Diese Unterstützung war eher von geringer Intensität und schien nicht auf größeren medialen Widerhall abzuzielen. Keine Wahlwerbung für Benninghaus machte beispielsweise Höcke auf seinen Kanälen, der auf sozialen Plattformen die größte Reichweite der Thüringer AfD-Funktionäre hat.
Prof. Dr. Wolfgang Wehr, ehemaliger Bürgermeister von Gräfenthal, kandidierte als unabhängiger Kandidat, um eine dritte Wahlmöglichkeit zu schaffen. So setzte er im Wahlkampf vor allem auf einen Anti-Wolfram-Kurs. Daneben fokussierte er die Digitalisierung der Verwaltung und ein Regieren mit „Vernunft“. Er erhielt Wahlempfehlungen von FDP und BSW.
Insgesamt verlief der Wahlkampf relativ unspektakulär. Die drei Kandidaten absolvierten einige gemeinsame Auftritte, bei denen es allerdings wenig konfrontativ zuging und stattdessen die jeweiligen Positionen und Wahlversprechen vorgestellt wurden. Zu skandalträchtigen Äußerungen oder Vorfällen kam es nicht. Die demokratische Zivilgesellschaft vor Ort, u. a. die Omas gegen Rechts und das lokale Bündnis Stadt Land Bunt, warben im Vorfeld der Wahl für eine demokratische Wahlentscheidung. Sie setzten sich dabei deutlich gegen die Wahl von Benninghaus und für demokratische Werte ein.
Ergebnisse
Aus der Landratswahl vom 7. Juni 2026 geht Marko Wolfram als eindeutiger Favorit für die Stichwahl am 21. Juni hervor. Er erhielt 47,1 Prozent der Stimmen und liegt damit 6,9 Prozentpunkte vor Benninghaus. In absoluten Zahlen beträgt Wolframs Vorsprung über 3.200 Stimmen. Wehr erreichte einen Stimmenanteil von 12,7 Prozent. Auffällig ist die verhältnismäßig hohe Wahlbeteiligung, die mit 56 Prozent um 13,6 Prozentpunkte höher liegt als bei der letzten Landratswahl 2020. Das stellt eine erhebliche Mobilisierung dar.
In absoluten Zahlen hat Marko Wolfram ähnlich viele Stimmen bekommen wie 2020. Hier wird deutlich, dass er unabhängig vom negativen Bundes- und Landestrend seiner Partei einen Erfolg erringen konnte.
Benninghaus zeigte sich am Wahlabend zwar unzufrieden mit dem Ergebnis, konnte mit seiner Kandidatur aber Gewinne für seine Partei verzeichnen. Im Vergleich zur AfD-Kandidatin bei der Landratswahl 2020, Brunhilde Nauer, gewann Benninghaus 22,4 Prozentpunkte hinzu. Seine absolute Stimmenanzahl war fast dreimal so hoch wie jene von Nauer. Ein Blick auf andere zurückliegende Wahlen zeigt, dass er das AfD-Potenzial im Landkreis nicht ausschöpfen konnte. Im Februar 2025 gaben bei der Bundestagswahl im Landkreis 29.855 Wählerinnen ihre Stimme dem AfD-Wahlkreiskandidaten Prof. Dr. Kaufmann. Benninghaus erhielt im Vergleich über 11.000 Stimmen weniger. Benninghaus kann also für die Stichwahl auf ein großes Potenzial von Wähler*innen hoffen, die bereits zuvor einen AfD-Kandidaten wählten. In der Vergangenheit zeigte sich, dass es zu Stichwahlen insbesondere den AfD-Kandidat*innen gelang, neue Wähler*innen zu mobilisieren.
Die wesentliche Frage für die Stichwahl wird sein, wie sich die 5.888 Stimmen verteilen, die Prof. Dr. Wehr erhalten hat. Mangels Nachwahlbefragungen bleibt fraglich, mit welcher Motivation diese Stimmen abgegeben wurden. Ebenso ist es ungewiss, ob diese Wähler*innen in zwei Wochen zuhause bleiben, ob sie den anderen demokratischen Kandidaten Wolfram wählen oder ob sie im Sinne der „Anti-Establishment“-Orientierungen – der (populistischen) Kritik an und Ablehnung von amtierenden politischen Eliten – zum Kandidaten der rechtsextremen AfD umschwenken.
Mit Blick auf die Wahlergebnisse auf Gemeindeebene zeigt sich, dass Wolfram vor allem den Heimvorteil in Probstzella (64,1 Prozent) nutzen konnte und den starken Ergebnissen in den beiden deutlich größten Städten Rudolstadt (48,6 Prozent) und Saalfeld (51,6 Prozent) profitieren konnte. Gleichwohl hat er auch hier Stimmenanteile an den AfD-Kandidaten verloren. In zwei der vier nächstgrößeren Gemeinden konnte jedoch Benninghaus deutlich gewinnen (Königsee 49,3 Prozent; Uhlstädt-Kirchhasel: 45,3 Prozent).
Es zeigt sich erneut, dass die AfD unabhängig von der politischen Ebene in einzelnen Regionen verankert ist und relativ unabhängig von einzelnen Kandidat*innen Ergebnisse erzielt. In fünf Gemeinden des Landkreises konnte Benninghaus die absolute Mehrheit erringen, in 13 weiteren erhielt er über 40 Prozent Zustimmung. Das unterstreicht die weitgehende Normalisierung und Enttabuisierung der AfD auch auf Kommunalebene. Gleichwohl konnte Wolfram einen deutlichen Sieg einfahren. Hierzu lässt sich konstatieren: Im demokratischen Lager hängt das Wahlverhalten bei Kommunalwahlen vor allem von den Kandidat*innen ab und weniger von der dahinterstehenden Partei.
Ableitungen
Die AfD verfestigt bei der Landratswahl in Saalfeld-Rudolstadt ihre kommunalpolitische Bedeutung. Sie ist etabliert und enttabuisiert. Zunehmend profitiert sie damit auch auf unteren Ebenen des Wahlsystems von ihren bundes- und landespolitischen Umfragehoch und klettert in manchen kleineren Gemeinden und Städten auf den ersten Platz bei der Gunst der Wähler*innen. Gleichzeitig konnte ihr Kandidat im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt das Stimmenpotenzial der AfD nicht abrufen. Amtsinhaber Marko Wolfram (SPD) geht zwar als eindeutiger Favorit in die Stichwahl am 21. Juni 2026, seine Wiederwahl zum Landrat ist jedoch keineswegs sicher. In der Vergangenheit zeigten verschiedene AfD-Landratskandidat*innen in Thüringen, dass sie zur Stichwahl Wähler*innen gewinnen können.
Überregional bedeutet der Wahltag vom 7. Juni 2026, dass Björn Höcke vorerst ohne den gewünschten Rückenwind in den AfD-Bundesparteitag am 4. Juli 2026 in Erfurt geht. Für das demokratische Lager dürfte bis zum 21. Juni eine breitangelegte Mobilisierung der Wähler*innen von Wehr und von bisherigen Nichtwähler*innen mit eigenen Zukunftsthemen für den Landkreis am erfolgversprechendsten sein. Eine reine Anti-AfD-Mobilisation birgt die Gefahr der Mobilisierung von Wähler*innen der rechtsextremen Partei. So war etwa bei den Landratswahlen in Sonneberg (2023) und im Saale-Orla-Kreis (2024) sowie bei der Oberbürgermeisterwahl in Nordhausen (2023) zu sehen, dass eine starke Mobilisierung gegen die jeweiligen AfD-Kandidaten nicht verhindert hat, dass diese Stimmen vom ersten Wahlgang zur Stichwahl hinzugewinnen konnten.


