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Israel in den Schlagzeilen Zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit

Die Berichterstattung über Israel ist in deutschen Medien oft verzerrt. Auch in etablierten Massenmedien fallen Muster auf: die Darstellung Israels als alleiniger Aggressor, die Reproduktion uralter antisemitischer Klischees oder das Zuwortkommen von überwiegend antizionistischen Jüdinnen*Juden.

 
Ein zentrales Ziel der Studie war es, antisemitische Muster in der Berichterstattung sichtbar zu machen. (Quelle: Unsplah )

Lukas Uwira und Jonas Hessenauer haben für das Tikvah Institut die Presseberichterstattung des Jahres 2023 untersucht. Ihre Studie „Israel in deutschen Medien. Eine qualitative Inhaltsanalyse antisemitischer und verzerrender Darstellungen“ untersucht die deutsche Berichterstattung über Israel und den israelisch-palästinensischen Konflikt in deutschen Print- und Onlinemedien. Ein Gespräch über antisemitische Muster, das „Kritiktabu“ und die Auswirkungen des 7. Oktober auf die Berichterstattung.

Belltower.News: Berichten die deutschen Medien zu positiv oder zu negativ über Israel?

Lukas Uwira: So einfach ist es nicht. Mit unserer qualitativen Studie können wir diese Frage jedenfalls nicht beantworten. Wir haben untersucht, welche antisemitischen und verzerrenden Darstellungen sich aktuell in der deutschen Medienberichterstattung über Israel finden lassen. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, ob das Gesamtbild tendenziell positiv oder negativ ist.

Jonas Hessenauer: Die Vorwürfe, die Berichterstattung sei einseitig, kommen häufig aus aktivistischen Kontexten. Frühere Studien haben gezeigt, dass Israel häufig negativ dargestellt wird, auch in Konstellationen, in denen seine Gegner terroristische Gruppen sind. Im internationalen Vergleich scheint die deutsche Berichterstattung weniger offen antisemitisch zu sein als etwa die in Großbritannien, Frankreich, Spanien oder teilweise in den USA. Dort werden deutlich explizitere Formen von israelbezogenem Antisemitismus sichtbar.

Was soll die Studie erreichen?

Hessenauer: Die Idee ist, mit diesen aktualisierten Befunden in Gespräche mit Journalist*innen zu gehen, Weiterbildungsangebote anzubieten und zur Selbstreflexion anzuregen. Bestenfalls werden auf Grundlage solcher Studien die Curricula in journalistischen Ausbildungsstätten angepasst, um zukünftige Generationen von Journalist*innen für das Thema zu sensibilisieren.

Uwira: Unsere Ergebnisse zeigen, dass weiterhin erhebliche Probleme in der Darstellung Israels und der Palästinenser*innen sowie des israelisch-palästinensischen Konflikts bestehen. Im Bereich des Antisemitismus stellten wir am häufigsten israelbezogenen Antisemitismus fest, was angesichts des thematischen Schwerpunkts nicht überraschen dürfte. Daneben stehen aber auch pauschalisierende Darstellungen von Palästinenser*innen. Ein Problem ist, dass oft nicht adäquat auf den historischen Kontext eingegangen wird, in dem Ereignisse stehen, oder er nur sehr selektiv dargestellt wird. Ein Beispiel dafür ist, dass häufig auf die als Nakba bezeichnete Flucht und Vertreibung von Palästinenser*innen aus Israel im Kontext des ersten arabisch-israelischen Krieges eingegangen wird, während die Flucht und Vertreibung von Jüdinnen*Juden aus arabischen und muslimischen Ländern kaum erwähnt wird.

Wie seid ihr vorgegangen?

Uwira: Am Anfang stand die Auswertung früherer Studien: Welche Ergebnisse lagen vor, welche Muster wurden beschrieben, welche Kategorien wurden verwendet? Danach haben wir untersucht, ob sich die dort beschriebenen Muster auch in unserem Material finden. Zusätzlich zu den Analysekategorien aus früheren Arbeiten haben wir weitere Kategorien direkt aus dem Material entwickelt, wenn sich zeigte, dass bestimmte Phänomene bislang nicht ausreichend erfasst wurden. Insgesamt haben wir rund 600 Artikel gesichtet und daraus diejenigen Texte ausgewählt, in denen sich problematische Darstellungsweisen fanden. Diese haben wir einer vertieften Analyse unterzogen. Das waren schließlich 122 Artikel.

Hessenauer: Wichtig ist: Unser Ansatz war bewusst problemzentriert und qualitativ. Es ging nicht darum, eine repräsentative Stichprobe zu erstellen, sondern Muster sichtbar zu machen. Wir haben daher bewusst nur Artikel vertieft analysiert, in denen wir antisemitische und verzerrende Darstellungsweisen gegenüber Israel erkennen konnten oder die bei der ersten Sichtung auffielen.

Ihr untersucht dabei Nachrichtentexte, Kommentare, Interviews und Reportagen. Diese verschiedenen Genres lassen sich kaum vergleichen. Warum geht ihr so vor?

Uwira: Wir wollten wissen, ob sich Unterschiede zwischen informations- und meinungsbetonten Formaten zeigen, wobei die strikte Trennung zwischen beiden ohnehin kaum eindeutig zu ziehen ist. Interessanterweise finden sich problematische Darstellungen nicht nur in Meinungsbeiträgen, sondern auch in informationsbetonten Formaten.

Hessenauer: Für die Wirkung auf Leser*innen macht es keinen großen Unterschied, ob etwas in einer Nachricht oder in einer emotionalen Reportage erscheint. Reportagen können beispielsweise aufgrund ihrer Länge und der sehr subjektiven Darstellungsweise sogar besonders eindrücklich auf Rezipient*innen wirken. Letztlich können alle journalistischen Formate dazu beitragen, einseitige Perspektiven oder sogar Ressentiments zu verfestigen. Deshalb wollten wir das gesamte Spektrum betrachten.

Ihr sprecht von Verzerrungen und problematischen Darstellungen. Was meint ihr damit genau?

Hessenauer: Ein klassisches Muster ist die einseitige und verkürzte Darstellung Israels als alleiniger Aggressor. Oft steht etwa in einer Überschrift sinngemäß: „Israel greift an“ oder „Israel tötet“. Im Text wird dann allerdings deutlich, dass dem beispielsweise ein Raketenangriff vorausging. Es findet also eine Umkehr von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung statt. In anderen Beispielen geht es um den fehlenden historischen Kontext, die selektive Auswahl bestimmter Stimmen, etwa antizionistischer israelischer oder jüdischer Positionen, problematische Benennungen von Akteur*innen, etwa wenn die Hamas nicht als Terrorgruppe bezeichnet wird, oder wenn islamistische Organisationen und ihre Ideologie durch verharmlosende Bezeichnungen wie „bewaffnete Anwohner“ unsichtbar gemacht werden.

Uwira: Auch sogenannte äquidistante und dualistische Darstellungen können verzerrend wirken. Bei äquidistanten Darstellungen werden qualitative Unterschiede zwischen dem demokratischen Israel und terroristischen Organisationen wie der Hamas verwischt. Dualistische Darstellungen folgen eher dem David-gegen-Goliath-Schema: das mächtige Israel einerseits, die hilflosen Palästinenser*innen andererseits. Dass Israel und Israelis etwa durch palästinensische Terrororganisationen, die Hisbollah im Libanon und Regionalmächte wie den Iran real bedroht sind, wird dabei ignoriert.

Geht es in eurer Studie auch um antisemitische Muster?

Hessenauer: Ja, ein zentrales Ziel der Studie war es, antisemitische Muster in der Berichterstattung sichtbar zu machen. Ein Beispiel ist die Formulierung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Die Wendung stammt eigentlich aus der Tora und wurde historisch antijüdisch umgedeutet. Ursprünglich stand sie für das Rechtsprinzip der Verhältnismäßigkeit und sollte Blutrache begrenzen. In christlichen Traditionen wurde daraus aber ein angeblich typisch jüdisches Racheprinzip konstruiert. Diese Vorstellung wirkt bis heute nach. Viele Journalist*innen verwenden die Formulierung vermutlich ohne dieses Wissen. Dennoch transportiert sie historische antisemitische Deutungsmuster.

Uwira: Ein weiteres antisemitisches Muster in der Berichterstattung sind NS-Vergleiche oder Anspielungen auf den Nationalsozialismus. In einem Artikel wurden beispielsweise die Ziele des Zionismus mit dem NS-Schlagwort „Blut und Boden“ verknüpft. Wir haben zudem Begriffe wie „totaler Krieg“ und „Sonderkommando“ zur Beschreibung israelischer Handlungen gefunden. Solche Begriffe tragen zur Dämonisierung Israels bei und führen gleichzeitig zu einer Relativierung der NS-Verbrechen. Für die Wirkung auf die Leser*innen ist die Intention der Journalist*innen dabei nicht entscheidend: Unabhängig davon, ob der Gebrauch bewusst erfolgt, können judenfeindliche Konzepte dadurch verfestigt werden.

In der Öffentlichkeit wird doch oft behauptet, man dürfe Israel gar nicht kritisieren?

Hessenauer: Die Behauptung eines solchen Kritiktabus fand sich in vielen Artikeln, insbesondere in Interviews, Zitaten und Gastbeiträgen. Dabei wird oft suggeriert, jede Kritik an Israel werde sofort als antisemitisch eingeordnet, weshalb Israel selten oder gar nicht kritisiert würde. Das trifft so nicht zu: Israel wird in den deutschen Medien regelmäßig und deutlich kritisiert. Die Skandalisierung des angeblichen Tabus dient dabei oft der Kritikabwehr. Wenn Kritik an potenziell antisemitischen Aussagen erhoben wird, werden die Kritisierten mitunter von sich selbst oder von Dritten zu mutigen Tabubrecher*innen oder Opfern angeblicher Kampagnen stilisiert, anstatt sich inhaltlich mit der Kritik auseinanderzusetzen. Kritik an israelischer Politik ist dabei selbstverständlich legitim. Verzerrend wird sie erst dann, wenn mit Doppelstandards gearbeitet wird oder Israel delegitimiert oder dämonisiert wird.

Ihr habt auch auf rassistische Darstellungen geachtet.

Uwira: Das ist richtig. In unserem Korpus haben wir allerdings keine explizit rassistischen Darstellungen von Palästinenser*innen gefunden. Auffällig waren vielmehr vereinseitigende und generalisierende Darstellungen. Während die israelische Gesellschaft in der Berichterstattung tendenziell als plural und streitbar erscheint, wird die palästinensische Gesellschaft insgesamt als sehr homogen dargestellt. Innerpalästinensische Konflikte oder Kritik an der Hamas und der Palästinensischen Autonomiebehörde werden kaum thematisiert. Palästinenser*innen erscheinen fast ausschließlich entweder als Opfer oder als Täter*innen.

Hessenauer: Auffällig war außerdem die Darstellung der Bedui*innen, von denen etwa 300.000 in Israel und den palästinensischen Gebieten leben. In zwei Reportagen fanden wir sehr romantisierende und exotisierende Beschreibungen, die sie als tendenziell rückständige und archaische Gruppe darstellen und ihnen ein angeblich ursprüngliches Leben in der Wüste zuschreiben. Tatsächlich wohnt der Großteil der Beduin*innen heute in modernen Städten. Solche Darstellungen erinnern an die Figur des „edlen Beduinen“ in kolonialrassistischen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts.

Stimmt das Klischee, dass rechte Medien eher pro-israelisch und linke Medien eher israelkritisch sind?

Uwira: In unserem Material konnten wir das so pauschal nicht bestätigen. Wir haben israelbezogene antisemitische Darstellungen auch in Medien gefunden, bei denen wir das weniger erwartet hätten. Insgesamt zeigen sich solche Muster über unterschiedliche etablierte Medien hinweg.

Hessenauer:  Es lassen sich Tendenzen zu antisemitischen und verzerrten Darstellungen von Israel in Zusammenhang mit den politischen Ausrichtungen der jeweiligen Redaktionen feststellen. Die können wir aktuell aber bislang nicht mit Zahlen belegen. Wir haben uns allerdings keine Medien an den politischen Rändern angesehen, sondern insbesondere solche, die als Leit- oder Qualitätsmedien gelten, wie die FAZ, den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung oder Onlineportale wie tagesschau.de.

Euer Studienzeitraum reicht von Januar bis November 2023. Hat der 7. Oktober die Berichterstattung verändert?

Uwira: Unser Eindruck ist: Ja, zumindest kurzfristig. Es gab zunächst mehr Raum für Empathie für israelische Opfer und Angehörige, die auch zu Wort kamen. Terroristische Gewalt wurde klarer benannt und die Ideologie der Hamas stärker thematisiert.

Hessenauer: Gleichzeitig sehen wir Kontinuitäten. Nach einer Phase erhöhter Aufmerksamkeit für den 7. Oktober und die direkten Folgen für die israelische Gesellschaft kehrten zahlreiche bekannte Muster zurück. Ob und wie stark sich das statistisch belegen lässt, wird die Folgestudie zeigen. Dabei wollen wir mehr als 42.000 Artikel aus den Jahren 2023 bis 2025 untersuchen. Anders als in der Vorstudie arbeiten wir dort auch quantitativ, was den Vorteil hat, dass wir größere Entwicklungen dann in Zahlen abbilden können.

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