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Kommentar Universitäten als Orte von Rassismus

Universitäten gelten gern als Orte von Offenheit, Kritik und wissenschaftlicher Reflexion. Dabei stehen Erkenntnisse, Austausch und die Idee hier im Vordergrund. Mit Distanz und Sachlichkeit soll über die Welt gesprochen werden. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Auch Hochschulen sind keine diskriminierungs- und rassismusfreien Räume. Sie reproduzieren gesellschaftliche Ungleichheiten, oft subtil, manchmal offen, und nicht selten gerade dort, wo man sie am wenigsten vermuten würde. Ein Kommentar. 

 
(Quelle: Pixabay)

Rassismus an Universitäten zeigt sich nicht nur in einzelnen beleidigenden Aussagen oder offensichtlichen Ausgrenzungen. Er steckt auch in Strukturen, Routinen und Erwartungen. Wer als nicht weiß, als migrantisch gelesen oder als „anders“ wahrgenommen wird, erlebt die Universität häufig nicht nur als Ort des Lernens, sondern auch als Ort des ständigen Mitdenkens, Rechtfertigens und Beobachtetwerdens. Vielleicht sogar als Negativsymbol? Die Hochschule ist damit nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern spiegelt ihre Machtverhältnisse in besonderer Weise wider.

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit

Ein zentrales Problem ist, dass Rassismus an Hochschulen oft schwer sichtbar gemacht wird. Während offene Beleidigungen oder Diskriminierung noch benennbar sind, verlaufen viele andere Formen in vermeintlich verschlossenen Räumen. In ironischen Bemerkungen, abwertenden Rückfragen, einer einseitigen Auswahl von Themen oder der stillen Annahme, dass bestimmte Personen nicht wirklich dazugehören. Gerade weil diese Erfahrungen häufig als „Missverständnisse“ oder „Einzelfälle“ abgetan werden, bleiben sie institutionell folgenlos.

Das ist besonders problematisch, weil Hochschulen sich selbst gern als aufgeklärt darstellen wollen. Genau darin liegt aber ein Widerspruch: Je stärker eine Institution auf Neutralität und wissenschaftliche Distanz pocht, desto leichter kann sie blinde Flecken produzieren. Rassismus wird dann nicht als Struktur erkannt, sondern als Störung des normalen Betriebs behandelt. Für Betroffene bedeutet das oft, dass ihre Erfahrungen zwar real sind, aber nicht als legitim gelten.

Wer betroffen ist

Vor allem sind Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Lehrende von Rassismus betroffen, die als nicht weiß oder migrantisch gelesen werden. Die Antidiskriminierungsstelle weist darauf hin, dass neben Beschäftigten auch Studierende an Hochschulen diskriminiert werden, obwohl ihr Schutz durch das AGG begrenzt ist. Genau diese Schutzlücke ist bedeutsam, weil sie zeigt, dass der institutionelle Rahmen nicht alle Betroffenen gleich ernst nimmt.

Für viele beginnt Rassismus an der Universität nicht erst in einer extremen Situation, sondern im Alltag. Bei der Frage, ob der eigene Name „richtig“ ausgesprochen wird, ob die eigene Kompetenz ernst genommen wird, ob die Biografie als „passend“ wahrgenommen oder sogar instrumentalisiert wird oder ob kritische Perspektiven als „zu emotional“ abgewertet werden. So entsteht eine Kultur, in der Zugehörigkeit nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu hergestellt werden muss.

Besonders sichtbar wird das auch in der Forschung zu institutionellem Rassismus. Die 2026 öffentlich diskutierten Auswertungen der InRa-Studie zeigen, dass institutioneller Rassismus in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen nachweisbar ist. Auch wenn Hochschulen nicht der einzige Fokus solcher Studien sind, wird dadurch deutlich, dass rassistische Strukturen nicht nur in Polizei oder Verwaltung existieren, sondern in ganz unterschiedlichen Institutionen mitgedacht werden müssen.

Lehre als Ort der Auswahl

Ein besonders sensibler Bereich ist die Lehre. Hier entscheidet sich, welches Wissen als relevant gilt, welche Autor*innen gelesen werden und welche Perspektiven als „objektiv“ oder „wissenschaftlich“ erscheinen. Wenn Lehrpläne einseitig bleiben, beispielsweise keine feministischen oder dekolonialen Perspektiven beinhalten,  wenn rassismuskritische Stimmen fehlen oder wenn Europa als Norm und der Rest der Welt als Rand dargestellt wird, entsteht eine stillschweigende Hierarchie des Wissens.

Gerade hier wird deutlich, dass Rassismus nicht nur eine Frage von Haltung ist, sondern auch von Wissensordnung. Wer immer wieder nur dieselben Perspektiven reproduziert, vermittelt den Eindruck, dass andere Stimmen weniger wert oder weniger belastbar seien. So wird die Universität selbst zum Ort, an dem gesellschaftliche Ungleichheit fortgeschrieben wird. Nicht unbedingt laut, aber wirkungsvoll.

Die Folge ist, dass sich viele Studierende mit Rassismuserfahrungen nicht in ihrer fachlichen Rolle, sondern zuerst als Betroffene von Ausschluss wahrnehmen. Wer ständig erklären muss, warum eine Perspektive relevant ist, lernt schnell, dass wissenschaftliche Anerkennung nicht neutral verteilt ist. Deshalb ist Diversität in der Lehre nicht nur eine Frage von Repräsentation, sondern auch von Macht.

Sprache und Abwehr

Rassismus an Hochschulen zeigt sich auch in Sprache. Es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wer etwas sagen darf und wie darauf reagiert wird. Wenn Betroffene über Diskriminierung sprechen, stoßen sie häufig auf Abwehr. Es sei zu sensibel, zu politisch oder nicht objektiv genug. Genau diese Reaktion ist Teil des Problems, weil sie die Erfahrung der Betroffenen entwertet und die Perspektive der Institution als selbstverständlich richtig erscheinen lässt.

Hinzu kommt, dass viele Hochschulen Diskriminierung zwar prinzipiell verurteilen, aber im Alltag nicht ausreichend darauf reagieren. Es gibt Leitbilder, Stellungnahmen und Diversity-Strategien, doch zwischen Anspruch und Praxis bleibt oft eine Lücke. Wer Hilfe sucht, braucht nicht nur besänftigende Worte, sondern verlässliche Beschwerdewege, Beratung und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen auszuhalten.

Viele Universitäten sprechen gern über Offenheit, Weltoffenheit und Internationalisierung, ohne die Machtverhältnisse im eigenen Haus konsequent zu hinterfragen. Für Betroffene ist das kein nebensächlicher Widerspruch, sondern der Alltag.

Was sich ändern müsste

Wenn Universitäten tatsächlich Orte der Kritik sein wollen, müssen sie auch Orte der Selbstkritik werden. Das bedeutet zunächst, Rassismus nicht als Randthema zu behandeln, sondern als strukturelles Problem. Dazu gehören regelmäßige Umfragen, transparente Monitoring-Verfahren, unabhängige Beschwerdestellen und Schutz für jene, die Diskriminierung benennen.

Ebenso wichtig ist eine Veränderung der Lehre. Lehrmaterialien müssen überarbeitet, Perspektiven erweitert und koloniale Wissensordnungen kritisch reflektiert werden. Es reicht nicht, einzelne Veranstaltungen zu diversifizieren. Vielmehr muss gefragt werden, wer überhaupt als wissenschaftliche Autorität gilt und welche Erfahrungen systematisch übersehen werden.

Nicht zuletzt braucht es eine Kultur, in der Betroffene nicht gegen die Institution sprechen müssen, um überhaupt gehört zu werden. Rassismus an Hochschulen verschwindet nicht durch gute Absichten, sondern durch Anerkennung, Konsequenz und Veränderungsbereitschaft. Gerade Hochschulen sollten hier eine Vorreiterrolle einnehmen, weil sie nicht nur Wissen produzieren, sondern auch gesellschaftliche Maßstäbe setzen.

Universitäten sind keine neutralen Räume. Sie sind Teil einer Gesellschaft, in der Rassismus wirkt, auch dort, wo er gern übersehen wird. Wer nur auf offene Beleidigungen schaut, verschließt die Augen vor der Struktur. Wer nur auf Leitbilder schaut, verschließt die Augen vor der Praxis. Und wer nur von Offenheit spricht, ohne Machtverhältnisse zu verändern, reproduziert am Ende genau das, was er eigentlich überwinden will.

Universitäten als Orte von Rassismus zu benennen, heißt deshalb nicht, ihnen ihren Bildungsauftrag abzusprechen. Es heißt vielmehr, diesen Auftrag ernst zu nehmen. Denn eine Hochschule, die Vielfalt nur behauptet, aber Diskriminierung nicht konsequent aufarbeitet, bleibt ein Ort, an dem die Versprechen von Wissenschaft und Gleichheit unvollständig bleiben.

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