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Medienkritik und Massentötung Ganz normale NS-Bezüge?

Medienkritik muss scharf sein dürfen, falsche Ausgewogenheit benennen und sichtbar machen, wo Journalismus autoritäre Politik normalisiert. Doch wer Medien an Genauigkeit, historischer Sensibilität und begrifflicher Verantwortung misst, muss diese Maßstäbe auch auf die eigene Kritik anwenden. Ein Vortrag bei der re:publica zeigt, wie eine berechtigte Analyse kippen kann und heutige Medienlogiken rhetorisch in die Nähe der NS-Täterforschung gerückt werden.

 
Symbolbild (Quelle: Shutterstock)

Im Mai 2026 hielten Leonhard Dobusch und Nadia Zaboura in Berlin auf der Mainstage der re:publica den Vortrag „Ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus“. Dobusch ist Professor für Organisation an der Universität Innsbruck, Blogger und Mitglied des ORF-Stiftungsrats. Zaboura ist Kommunikationswissenschaftlerin, Publizistin und Medienkritikerin. Ihr Thema: die Rolle etablierter Medien bei der Normalisierung autoritärer und neofaschistischer Politik.

Damit greifen sie ein wichtiges Thema auf: Journalismus muss sich fragen lassen, ob er rechte Rahmen reproduziert oder erklärt; ob Redaktionen aus Angst vor Aktivismusvorwürfen in Pseudoneutralität fliehen. Dobusch und Zaboura setzen an einem berechtigten Punkt an. Doch ihr Einstieg ist so überzogen, dass er die spätere Kritik beschädigt.

Was im Vortrag konkret passiert

Die Vortragenden knüpfen ausdrücklich an Christopher Brownings Buch „Ganz normale Männer“ und Stefan Kühls „Ganz normale Organisationen“ an. Sie erinnern daran, dass Browning untersucht habe, wie ein Hamburger Reserve-Polizeibataillon nach Polen abkommandiert wurde und dort „wirklich ganz normale Leute, die normale Jobs hatten, normale Familienmitglieder, keine besonders überzeugten Nazis oder so, dann dort in Polen an der Endlösung mitgemacht haben“.

Anschließend zitieren sie Kühl mit der Erkenntnis, „dass nicht nur die Mitglieder in auf Massentötung spezialisierten Organisationen häufig ganz normale Menschen waren, sondern dass auch die Organisationen, über die die Massentötungen geplant und durchgeführt waren, Merkmale ganz normaler Organisationen aufgewiesen haben“. Daraus folgt im Vortrag die eigene These: „dass es eben nicht nur rechtsextreme Parteien und Medien sind, die für den Aufstieg von autoritären neofaschistischen Bewegungen und Parteien und neofaschistischer Politik verantwortlich sind“, sondern dass „ganz wesentliche Beiträge“ von „ganz normalen Medien“ geleistet würden.

Die Kette ist damit gesetzt: „Ganz normale Männer“ – „Ganz normale Organisationen“ – „Ganz normale Medien“. Der Vortrag behauptet nicht ausdrücklich, Tagesschau oder New York Times seien NS-Täterorganisationen. Aber er erzeugt eine Assoziationslinie zwischen Holocaust-Täterforschung und heutiger Medienkritik. Die Vergleichsebenen werden dabei nicht sauber getrennt.

Von der Holocaust-Täterforschung zur Medienkritik

Browning und Kühl beschäftigen sich mit Menschen und Organisationen, die Teil eines Vernichtungsapparats waren. Es geht um Täter, Mittäter, Befehlsstrukturen, Massentötungen und Deportationen. Dobusch und Zaboura beschäftigen sich dagegen mit journalistischen Routinen: mit Begriffen wie „umstritten“, Formeln wie „Kritiker sagen“, falscher Balance, Liveblog-Überschriften oder mangelnder Einordnung. Medien, die problematisch formulieren, falsch gewichten oder autoritäre Aussagen zu glatt wiedergeben, stehen nicht auf derselben Akteursstufe wie ein Polizeibataillon, das an der Shoah beteiligt war. Sie sind nicht Exekutoren eines Mordprogramms, sondern öffentliche Vermittlungsinstanzen.

Bei Browning geht es um Tötung und Beteiligung an der „Endlösung“. Im Vortrag selbst heißt es, das Polizeibataillon habe „in Polen an der Endlösung mitgemacht“. Bei Kühl geht es um Organisationen, „über die die Massentötungen geplant und durchgeführt“ wurden. Das ist eine historische Gewaltpraxis äußerster Radikalität. Die späteren Beispiele des Vortrags betreffen dagegen journalistische Bewertungspraktiken. Die Tagesschau rahme Merz-Äußerungen als „umstritten“. Die New York Times nutze Formulierungen wie „Critics Say“. Überschriften würden Trumps Drohungen glätten. Das alles kann problematisch sein. Aber zwischen Massenerschießung und problematischer Überschrift liegt mehr als ein gradueller Unterschied. Es sind unterschiedliche Kategorien und Dimensionen.

Der NS-Bezug ist kein historisches Stilmittel

Hinzu kommt die Perspektive der Opfer und ihrer Nachfahren. Die Shoah ist kein frei verfügbares Bildreservoir für aktuelle Zuspitzungen. Begriffe wie „Endlösung“, „Massentötung“ und die Forschung zu Täterorganisationen verweisen auf konkrete Familien- und Gewaltgeschichten. Wer diese Referenzen auf heutige Medienkritik überträgt, muss deshalb präzise markieren, was verglichen wird; und was ausdrücklich nicht. Diese Sorgfalt fehlt.

Das bedeutet nicht, Dobusch und Zaboura zu unterstellen, sie wollten den Holocaust relativieren. Es geht um die Wirkung dessen, was sie auf einer großen Bühne auf einer der größten Medienmessen in einem sich als progressiv verstehenden Umfeld produzieren. Wer anderen vorwirft, ihre publizistische Wirkung nicht ausreichend zu reflektieren, muss die Wirkung der eigenen Begriffe, Bilder und historischen Analogien mitdenken. Ein NS-Bezug ist kein neutrales Stilmittel. Er ist auch keine beliebige intellektuelle Verstärkung für eine ohnehin zugespitzte These.

„Aktive Ermöglicher“ und „hilflose Helfer“

Der NS-Bezug wird bewusst genutzt, um die eigene These zu stärken. Der Begleittext zur Session verschärft diesen Befund noch. Dort heißt es, autoritäre und neofaschistische Kräfte profitierten nicht nur von Digitalplattformen, sondern auch von „ganz normalem Journalismus in ganz normalen Medien und deren ‚Algorithmen‘“. Und weiter: „Dominante Medienlogiken machten Qualitätsjournalismus zu „hilflosen Helfern“ und „aktiven Ermöglichern neofaschistischer Kommunikationsstrategien und Raumnahme“. Die zentrale Ableitung lautet: „Journalism-as-usual muss enden. Medien ohne klare, antifaschistische Ausrichtung sind Teil des Problems und nicht der Lösung.“

Damit steht der NS-Bezug nicht isoliert am Anfang. Er ist Teil eines argumentativen Rahmens, der heutige journalistische Routinen als Ermöglichungsstruktur für neofaschistische Politik beschreibt. Deshalb muss der Vergleich streng geprüft werden. Die Kritik an falscher Ausgewogenheit, Mikrofonständerjournalismus oder Pseudoneutralität ist aus meiner Sicht absolut berechtigt. Aber diese Kritik braucht keinen historischen Bezugsrahmen von Browning und Kühl – und dieser Rahmen passt auch nicht.

Kausalität wird vorausgesetzt

Browning und Kühl untersuchen konkrete Beteiligung an konkreten Verbrechen in einem verbrecherischen Vernichtungskrieg. Der Vortrag dagegen formuliert eine weitreichende Gegenwartsthese: Doch aus einzelnen und auch wiederkehrenden Fehlleistungen oder problematischen Routinen folgt noch kein belastbarer Nachweis für einen wesentlichen Beitrag zum Faschismus. Dafür müsste gezeigt werden, wie diese Medienlogiken systematisch wirken: Welche Begriffe werden wie oft verwendet? In welchen Kontexten? Mit welchen Effekten auf Publikum, Parteien, Frames und politische Normalisierung? Der Vortrag liefert dafür eher Illustration als Beweis.

Das ist nicht bloß ein methodisches Detail. Je härter der historische Bezugsrahmen ist, desto höher sind die Anforderungen an Belege, Kausalität und begriffliche Trennung. Wer seine Kritik mit „Endlösung“, „Massentötungen“ und Holocaust-Täterforschung rahmt, kann nicht bei exemplarischen Medienkritiken stehenbleiben. Dann muss die Vergleichsebene besonders präzise bestimmt werden.

Browning verweist bei Vergleichen auf den Kontext

Browning selbst ist übrigens keineswegs ein Gegner historischer Gegenwartsbezüge. Aber er zieht Grenzen und legt großen Wert auf Kontext. 2023 schrieb er, der Faschismusbegriff sei lange durch beiläufige, unpräzise Anwendungen missbraucht worden; Trumpismus in dieselbe Kategorie wie Hitler oder Mussolini zu stellen, sei „trivializing and misleading“. 2025 betonte er: „Trump is not Hitler, and Trumpism is not national socialism“, und sprach stattdessen von „populist authoritarianism“. Browning vergleicht also nicht, um moralisch zu eskalieren, sondern um Kategorien zu klären.

Seine Forschung fragt, wie gewöhnliche Männer und normale Institutionen innerhalb eines bereits etablierten nationalsozialistischen Herrschafts- und Vernichtungsapparats zu Akteuren von Massengewalt werden konnten. Es geht um Organisationen, Befehlslagen, Gruppendruck, Karrieren, Handlungsspielräume und Beteiligung in einem faschistischen Regime, das die Entrechtung, Deportation und Ermordung von Jüdinnen und Juden bereits politisch, rechtlich und organisatorisch ins Werk gesetzt hatte. Dieser Kontext ist nicht blß Beiwerk, sondern Voraussetzung der Analyse.

Bei Browning geht es also um Institutionen im Vollzug eines bestehenden Vernichtungsregimes; bei Dobusch und Zaboura um Medien in demokratischen Öffentlichkeiten, denen eine Mitverantwortung an möglicher künftiger Faschisierung zugeschrieben wird. Wer diese Ebenen verbindet, müsste sehr genau erklären, was vergleichbar sein soll und was nicht.

Gegenprobe zum NS-Bezug

Eine Gegenprobe zeigt das Problem: Würde ein rechter Akteur etablierte Medien mit Verweis auf Brownings „Ganz normale Männer“ und Kühls „Ganz normale Organisationen“ in die Nähe von NS-Täterroutinen rücken, würde der Vergleich vermutlich als geschichtspolitische Instrumentalisierung kritisiert. Der Maßstab sollte nicht davon abhängen, aus welcher politischen Richtung die Analogie kommt.

Antifaschistische Medienarbeit bedeutet nicht, mit schiefen historischen Vergleichen um sich zu werfen. Sie bedeutet, Macht präzise zu analysieren, Begriffe sauber zu verwenden, historische Unterschiede ernst zu nehmen und autoritäre Strategien dort sichtbar zu machen, wo sie tatsächlich wirken. Wer Journalismus zu Recht an Genauigkeit, Verantwortungsbewusstsein und historischer Sensibilität misst, muss diese Maßstäbe auch auf die eigene Medienkritik anwenden.

Der Browning/Kühl-Bezug ist allenfalls als abstrakter Hinweis auf gefährliche Normalität verwendbar. In der vorliegenden Form aber ist er überzogen und dämonisiert Medien, deren Fehlleistungen man auch ohne solche Analogien scharf kritisieren kann. Man sollte den eigenen Analysen vertrauen. Auch für harte Medienkritik muss man keinen NS-Bezug strapazieren, vor allem, wenn die eigenen Argumente eigentlich überzeugend sind.

„Naheliegender Ausgangspunkt“

Auf Anfrage an die beiden Referierenden schreibt Leonhard Dobusch, der Nationalsozialismus sei die historisch am besten erforschte Form des Faschismus. Als Professor für Organisation sei Stefan Kühls Band „Ganz normale Organisationen“ für ihn ein naheliegender Ausgangspunkt, um zu erörtern, welche normalen, weitgehend unhinterfragten Medienlogiken von neofaschistischen Bewegungen ausgenutzt werden könnten. Es gehe darum, im Sinne von „Nie Wieder“ und „Wehret den Anfängen“ über Anpassungen solcher Logiken nachzudenken. Dobusch betont: „Das bedeutet historisch zu vergleichen, ohne deshalb gleichzusetzen.“

Diese Antwort klärt die Intention, lässt die Wirkung aber außen vor. Dass ein Vergleich nicht als Gleichsetzung gemeint ist, beantwortet noch nicht die Frage, ob er angemessen ist und wie dieser wirkt.

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