Wissenschaftler*innen forschten, Medien berichteten, Expert*innen arbeiteten Argumentationen aus, Initiativen und Engagierte trugen es in Gemeinden und Gesprächsrunden: Die AfD ist rechtsextrem, würde das Leben ungerechter machen und verbreitet Menschenfeindlichkeit. Und sie zu wählen wird Sachsen-Anhalt schaden. Trotzdem wählten 43,8 Prozent der Wähler*innen die rechtsextreme Partei. Warum?
Sachsen-Anhalt hat rund zwei Millionen Einwohner*innen, von denen rund 1,7 Millionen Menschen wahlberechtigt waren. 1,3 Millionen sind dann auch zur Wahl gegangen. Davon haben 43,8 Prozent der Wähler*innen, also 576.037 Personen, ihr Kreuz für die rechtsextreme AfD gemacht.
Der Verfassungsschutz zählt in Sachsen-Anhalt 5.100 Rechtsextreme. Laut Sachsen-Anhalt-Monitor, der Langzeitstudie der sachsen-anhaltinischen Landeszentrale für politische Bildung, äußerten 8,6 Prozent der Bevölkerung in der Befragung ein geschlossen rechtsextremes Weltbild (etwa 180.000 Personen), rund 3 Prozent (63.600) bekannte sich außerdem als Autokraten, die sich ein anderes System als eine Demokratie wünschen. Das sind weit weniger Menschen, als jetzt die AfD gewählt haben. Allerdings betonten die Forscher*innen auch: 54 Prozent, also rund 1,1 Millionen Menschen, seien „fragile Demokrat*innen“, die über Themen wie Rassismus, Islamfeindlichkeit und Zukunftsängste für antidemokratische Politik ansprechbar seien.
Warum glauben Unentschlossene dem „Feelgood-Rechtsextremismus“?
Diese Ansprache unentschlossener Menschen ist der AfD offenkundig gelungen, trotz eines ausgesprochen offen rechtsextremen Wahlprogramms, verfasst durch AfD-Hardliner Hans-Thomas Tillschneider, und verkauft durch den strahlenden Marketingexperten Ulrich Siegmund. Er war in der Lage, die AfD-Träume von Abschiebung von Migrant*innen mit Waffengewalt oder das Ende der Inklusion behinderter Menschen als „Feelgood-Rechtsextremismus“ zu verkaufen. Es half, dass die AfD früh die Themen des Wahlkampfes setzte durch das nach eigenen Angaben im Januar 2026 „geleakte“ Wahlprogramm. Und dass sie eine Entpolitisierung und Emotionalisierung des Wahlkampfes betrieb, damit die Normalisierung rechtsextremer Positionen. Die Partei war in der Lage, Aufbruchsstimmung hervorzurufen, obwohl sie ihre Thesen zum gesellschaftlichen Umbau nie mit machbaren Ideen untermauerte.
Begründungen der AfD-Wähler*innen für ihre Wahl
In Befragungen nach der Wahl begründeten die AfD-Wähler*innen ihre Entscheidung mit Unsicherheitsgefühlen, Rassismus, man wolle keine Waffenlieferungen an die Ukraine, die anderen Parteien seien unfair und die AfD verstehe die Sorgen der Bürger*innen und sorge dafür, dass Ostdeutsche wieder stolz auf sich sein könnten. Außerdem sei die AfD nicht rechtsextrem, sondern eine Partei der Mitte (tagesschau.de). Kompetenzen, die die Wähler*innen der AfD zuschreiben, umfassen Kriminalitätsbekämpfung, Asyl- und Flüchtlingspolitik, ostdeutsche Interessen, Wirtschaft und Energieversorgung (tagesschau.de). Nichts von diesen Zuschreibungen fußt in der Realität.
Rational lässt sich die Wahl der AfD inhaltlich nicht erklären. Stattdessen hat die Partei geschickt und erfolgreich mit Emotionen und Psychologie gearbeitet.
Womit hat die AfD psychologisch bei Wähler*innen gepunktet?
Menschen haben durch die Erfahrungen der krisenhaften letzten Jahre –Pandemie, Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, globale Migration, Wirtschaftssorgen, Klimawandel mit Unwettergefahren – mit Kontrollverlusten zu kämpfen (vgl. efbi). Psychologisch biete die AfD hierfür vermeintliche Lösungen an. Sie gibt auf komplexe (globale) Probleme vermeintlich einfache Antworten, benennt angeblich Schuldige (z.B. Migrant*innen, demokratische Politiker*innen). Die AfD schürt Ängste und verspricht Schutz, wenn sie nur genug Macht bekäme. Für Menschen, die sich bedroht fühlen, ist ein starker Anführer ein attraktives Angebot, besonders in Kombination mit kollektiver Abgrenzung („wir“ gegen „die“). Die liefert außerdem eine Gruppenidentität, die das Selbstwertgefühl in der Gruppe stärkt – nicht zuletzt durch die Abwertung der „Anderen“ (Minderheiten, zu Feinden erklärten Menschen).
Hier weiterlesen: Die AfD – psychologisch betrachtet von Eva Walther und Simon D. Isemann.
Wahlkampf mit Effekten kognitiver Dissonanz
Darüber hinaus hat sich die AfD im Wahlkampf bewusst Formen kognitiver Dissonanz zunutze gemacht. Um im Alltag Informationen schneller verarbeiten zu können, nutzt das menschliche Gehirn mentale Abkürzungen, wenn es die Welt wahrnimmt. Das spart Energie, führt aber manchmal zu falschen Schlussfolgerungen und Denkfehlern – den kognitiven Verzerrungen. Diese beeinflussen unsere Wahrnehmung der Welt und auch unsere Entscheidungsfindungen (vgl. hpd.de). Das Phänomen nutzen Werbetreibende für Produktplatzierungen ebenso wie politische Kommunikation – und übrigens auch Social-Media-Plattformen, die darauf programmiert sind, diese mentalen Abkürzungen mit Inhalten zu füttern, um Menschen auf der Plattform zu halten.
Wie können AfD-Wähler*innen Fakten und Widersprüche ignorieren?
Wer die AfD wählt, um damit gegen die aktuelle Regierung zu protestieren – immerhin 67 Prozent der AfD-Wähler*innen gaben als Wahl-Grund an, die AfD habe die Sorgen der Bürger*innen besser verstanden als andere Parteien (tagesschau.de) – gibt seine Stimme als Bestrafung ab, wobei das Momentum des Protestes zentral ist und es Menschen tatsächlich egal ist, ob die Wahl ihren eigenen Interessen nutzt. Diese Wähler*innen ignorieren die ihnen durchaus bekannten Fakten bewusst.
Politische Entscheidungen werden oft stark von Emotionen statt von Fakten geleitet. Wenn eine Lüge die emotionalen Bedürfnisse des Wählers anspricht (etwa einfache Schuldige für komplexe Probleme liefert), wird sie einfach bereitwillig geglaubt und nicht hinterfragt (Affektheuristik).
Kognitive Dissonanz führt außerdem dazu, dass Programmpunkte, die im Widerspruch zur eigenen Lebensrealität stehen, ausgeblendet oder umgedeutet werden, weil man die eigene Entscheidung vor sich selbst rechtfertigen will. (Selbstrechtfertigungseffekt).
Der „Dunning-Kruger-Effekt“ führt dazu, dass Menschen ihr Wissen zu einem Thema umso mehr überschätzen, je weniger sie zu dem Thema wissen. Wer wenig weiß, verbreitet oder glaubt einfache Schlagworte und Lösungen, wie sie die AfD verbreitet. Menschen mit echtem Fachwissen antworten differenzierter, sie habe nicht sofort eine Lösung parat.
Dazu kommt bei der Wahl in Sachsen-Anhalt auch der Heiligenschein-Effekt: Wenn eine Person ein positives Merkmal hat –gutes Aussehen, Ausstrahlung, Status –, kann das die Realität überstrahlen. Das Gehirn schreibt ihnen positive Eigenschaften ohne Grund zu, wie etwa Ehrlichkeit, Kompetenz oder Intelligenz. Mit der Realität hat das nichts zu tun. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist ein Paradebeispiel für den Effekt.
Menschen erinnern sich besser an dramatische, emotionale oder aktuelle Ereignisse als an Alltag. Deshalb funktioniert etwa das angstverbreitende AfD-Framing über „Messerangriffe“ durch „Migrant*innen“ unabhängig davon, ob es einen realen Anstieg solcher Straftaten gibt oder ob das in der Verbrechensbekämpfung wirklich die zentralste Gefahr ist (Verfügbarkeitsheuristik).
Der Verankerungseffekt führt dazu, dass wir uns die erste verfügbare Information zu einem Thema merken (Anker) und entsprechend denken – selbst wenn diese Information falsch oder unwichtig ist. Deshalb versucht die AfD stets, Themen zuerst zu (be)setzen – und sei es mit Desinformationen, die dann schwer zu widerlegen sind.
Verzerrte Wahrnehmung
Das menschliche Gehirn filtert Informationen stets so, dass das eigene Weltbild geschützt wird, was die politische Wahrnehmung stark verzerrt.
Wähler*innen nehmen Informationen, die der bevorzugten Partei widersprechen, oft gar nicht wahr oder tun sie als „Fake News“ ab. Lügen der eigenen Seite werden übersehen, während Fehler der Gegenseite maximal vergrößert werden (Bestätigungsfehler). Der Effekt wird verstärkt, wenn sich Menschen in Online-Welten bewegen, die ihre Ängste und Vorurteile permanent bestätigen und keine anderen Darstellungen mehr enthalten.
Menschen verarbeiten Informationen so, dass sie zu dem Ergebnis kommen, das sie sich wünschen. Anstatt die Wahrheit zu suchen, sucht das Gehirn nach Argumenten, um die einmal getroffene Wahlentscheidung vor sich selbst zu rechtfertigen (Motiviertes Denken). Außerdem glauben sie besonders leicht und gern Personen oder Parteien, die ihnen vertraut sind. Online ist das eine parasoziale Beziehung, psychologisch der Wahrheitseffekt des Vertrauten.
Weil politische Orientierung oft eng mit der eigenen Identität und der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe verknüpft ist, gestehen sich Menschen nicht ein, dass die eigene Partei lügt (Identitätsschutz). Es würde das Selbstbild und die Zugehörigkeit zur Gruppe bedrohen. Daher wird die Lüge eher akzeptiert als der Bruch mit der Gruppe.
Vertrautheit wird mit Wahrheit verwechselt: Stetige Wiederholung einer Behauptung führen dazu, dass Menschen sie eher für wahr halten. Was die ausgesprochen repetitive Social-Media-Strategie der AfD und des Vorfeldes mit der Konzentration auf wenige Erzählungen gut erklärt (Illusionärer Wahrheitseffekt).
Wenn im eigenen Umfeld oder in der genutzten Filterblase eine Partei trotz ihrer Unwahrheiten unterstützt wird, passen sich Einzelpersonen diesem Trend an, um soziale Isolation zu vermeiden. Das ist der sogenannte Mitläufer-Effekt. Online korrespondiert das mit hohen Like-Zahlen von Inhalten, die dadurch mehr ausgespielt werden – unabhängig davon, ob ihr Inhalt wahr oder wichtig ist (Sozialer Beweis).
Die AfD pflegt den Feindliche-Medien-Effekt: Wer Medien als feindselig für die eigene Sache darstellt, kann kritische Berichte als voreingenommene Angriffe des „Establishments“ präsentieren, was die Bindung zur Partei paradoxerweise noch weiter stärkt. Diese Verschwörungserzählung funktioniert bei der AfD auch für feindliche Wissenschaft oder feindliche Zivilgesellschaft.
Wie können AfD-Wähler*innen den Rechtsextremismus der Partei ignorieren?
Da sie sich selbst als demokratische Bürger*innen sehen, müssen sie den Widerspruch auflösen, trotzdem eine rechtsextreme Partei zu wählen. Dies lösen sie durch die Einschätzung, die AfD sei eine „Partei der Mitte“ mit rechtsextremen „Einzelfällen“ (Ausblendung).
Oder die Wähler*innen geben an, die AfD nur für einzelne Themen gewählt zu haben und dafür den Rechtsextremismus als „geringeres Übel“ in Kauf zu nehmen (Einzelne-Themen-Logik).
Verfassungsschutz-Einstufungen, mediale Berichterstattung oder Warnungen anderer Parteien oder Nichtregierungsorganisationen werden häufig nicht als objektive Information eingeordnet, sondern als politisch motiviertes Narrativ etablierter Akteure, die ihre eigene Macht sichern wollten („Systemmedien“, „Politisches Establishment“). Hier sind wir im Bereich der Verschwörungserzählungen.
Was tun?
Die AfD nutzt in ihrer Außendarstellung die kognitiven Verzerrungen der Wähler*innen, wie den Bestätigungsfehler, den Wunsch nach Komplexitätsreduktion und das Aufrechterhalten von Feindbildern, geschickt aus, damit die emotionale Bindung wichtiger bleibt als die sachliche Überprüfung des Wahlprogramms. Im Sachsen-Anhalt-Wahlkampf hat das funktioniert, durch Selbstdarstellung ebenso wie in der Reaktion der demokratischen Parteien, die sich mehr an AfD-Themen abgearbeitet haben, als eigene zu setzen.
Um nicht durch kognitive Verzerrungen getäuscht zu werden, müssen Menschen aktiv bereit sein, Informationen kritisch zu prüfen, auch die eigenen Annahmen und Überzeugungen zu hinterfragen, Feedback anzunehmen und lebenslanges Lernen zu leben. Empathie und Perspektivübernahme helfen ebenso wie der Konsum von unterschiedlichen, nicht nur der eigenen Einstellung entsprechenden Medien oder Social-Media-Inhalten.
Das allerdings müssen Menschen wollen. Es lässt sich nicht erzwingen. Was in der Macht demokratischer Parteien steht, wäre allerdings, Antworten auf die Fragen und sozialen und politischen Ängste zu finden, die Menschen umtreiben. Sie müssen ihre demokratische Zukunftsvision einer solidarischen Gesellschaft so lebendig werden lassen, dass sie emotional wirken und damit Unentschlossene überzeugen kann, dass das Leben nur für alle besser wird, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Wenn Bürger*innen stattdessen abwertende Kommunikation durch Politiker*innen erleben, eine Weltsicht nur auf Defizite und bürokratisch schlecht durchschaubare und kommunikativ zu wenig vermittelte Kürzungen, die Ungerechtigkeitsgefühle und Misstrauen gegenüber aktueller Politik verstärken, haben solidarische Zukunftsvisionen es allerdings schwer.


