In Sachsen-Anhalt gibt es eine lange Geschichte rechter Gewalt. Von Oury Jalloh über Li Yangjie bis zu Alberto Adriano. Die Namen stehen für Morde, die dieses Bundesland prägen. Vor diesem Hintergrund arbeiten migrantische Selbstorganisationen wie LAMSA e. V. (Landesnetzwerk der Migrant*innenselbstorganisationen Sachsen-Anhalt) nicht nur als Beratungsstellen, sondern als Schutzräume, politische Akteure und oft als einzige Anlaufstelle für Menschen, die Diskriminierung erleben, aber bei staatlichen Stellen nicht gehört werden.
Wir haben mit der Geschäftsführerin von LAMSA e. V., Undra Dreßler, gesprochen, weil wir wissen wollten: Wie arbeiten migrantische Organisationen in einem Bundesland, in dem struktureller Rassismus Alltag ist? Welche Herausforderungen sehen sie? Und was würde passieren, wenn die AfD noch mehr Macht bekommt?
Belltower.News: Welche Rolle spielen migrantische Selbstorganisationen aktuell in Sachsen-Anhalt, gerade im Vergleich zu staatlichen Strukturen?
Undra Dreßler: Migrant*innenorganisationen wie LAMSA sind für viele Menschen die erste Stelle, an die sie sich wenden. Wir bringen geteilte Erfahrungen und ein Verständnis für Behördenwege, Aufenthaltsfragen und Diskriminierungserfahrungen mit. Dadurch entsteht häufig ein Vertrauen, das staatliche Stellen nicht ohne Weiteres herstellen können.
Unsere Rolle geht aber deutlich über Beratung hinaus. Wir arbeiten zu Demokratie, Bildung, Arbeit, sozialer Gerechtigkeit und Diskriminierungsschutz. Trotzdem werden wir institutionell oft weiterhin als exotische Kulturdienstleister*innen oder als Ansprechpartner*innen für eng begrenzte Migrationsthemen behandelt. Wir sind jedoch zivilgesellschaftliche Akteure mit eigener Expertise und einem Zugang zu Lebenswelten, die viele staatliche Einrichtungen nicht erreichen.
LAMSA e. V. (Landesnetzwerk der Migrant*innenselbstorganisationen Sachsen-Anhalt) wurde 2014 als Verein gegründet und versteht sich als Vertreter der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte auf Landesebene. Derzeit sind 120 Organisationen und Einzelpersonen unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung sowie religiöser Zugehörigkeit als Mitglieder im LAMSA vertreten. Das Netzwerk bietet Beratung, politische Bildung und Advocacy-Arbeit und setzt sich für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte ein.
In welchen Situationen wenden sich Betroffene konkret an euch, und wo stoßen bestehende Hilfesysteme an ihre Grenzen?
Betroffene wenden sich an uns, wenn sie bei Behörden nicht verstanden werden, wenn Sprachmittlung fehlt oder wenn sie Diskriminierung in Schulen, Betrieben, Verwaltungen, im Gesundheitswesen oder auf dem Wohnungsmarkt erleben. Weitere Anlässe sind etwa Fragen zur Anerkennung von Berufsabschlüssen, zur Gesundheitsversorgung und zur politischen Bildung.
Besonders sichtbar werden die Grenzen des Hilfesystems im ländlichen Raum. Migrationsspezifische Beratung ist dort häufig nicht erreichbar. Viele Angebote hängen von einzelnen Projekten oder von ehrenamtlicher Arbeit ab. Auch professionelle Sprachmittlung ist nicht zuverlässig finanziert. Das führt dazu, dass Angehörige und teilweise Kinder bei Gesprächen in Behörden, Schulen oder Arztpraxen übersetzen müssen. Wir fordern daher einen verbindlichen Rechtsanspruch auf migrationsspezifische Beratung und rechtliche Hilfe bei Diskriminierung.
Viele kommen also erst, wenn sie schon Diskriminierung erlebt haben.
Ja. Betroffene wenden sich meist erst an uns, nachdem sie bereits Diskriminierung und Rassismus erlebt haben. Viele kommen dann, wenn sie die alltäglichen und strukturellen Ausgrenzungs- und Benachteiligungserfahrungen nicht länger allein bewältigen möchten. Häufige Bereiche sind der Arbeitsmarkt, etwa bei Vorstellungsgesprächen, der Wohnungsmarkt oder die Schule, etwa durch rassistisches Mobbing.
Die Beratungsstelle wird von vielen Betroffenen als Schutzraum wahrgenommen, in dem sie über ihre Erfahrungen sprechen können. Oft merken sie erst im Beratungsgespräch, dass ihre Erlebnisse ernst genommen, nicht infrage gestellt und gemeinsam eingeordnet werden. Ansonsten werden sie über ihre Rechte informiert und zu möglichen Handlungs- und Unterstützungsangeboten beraten.
Warum melden viele Diskriminierungsfälle nicht?
Eine große Hürde besteht darin, dass diskriminierungsverantwortliche Personen oder Institutionen nicht bereit sind, ihr Handeln kritisch zu reflektieren oder Verantwortung zu übernehmen. Zudem sind die Fristen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz oft zu kurz, um Diskriminierung wirksam geltend zu machen. Betroffene haben häufig Angst vor negativen Konsequenzen, beispielsweise am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Umgang mit Behörden. Viele möchten zunächst vor allem gehört werden und verzichten aus Sorge vor Repressalien oder zusätzlichen Belastungen auf weitere Schritte.
Welche Veränderungen habt ihr in den vergangenen Jahren in Bezug auf Rassismus und rechte Gewalt vor Ort wahrgenommen?
Rassismus und rechte Gewalt sind in Sachsen-Anhalt kein Phänomen der letzten Jahre. Man erinnert sich an Oury Jalloh, an den Mordfall Li Yangjie, an den Mordfall Alberto Adriano, an den Mordfall Farid Boukhit und an Frank Böttcher. Richtig ist aber, dass wir seit einigen Jahren eine deutliche Zunahme rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt verzeichnen, die völlig normalisiert wird.
Wir beobachten eine deutlich aggressivere öffentliche Debatte. Rechtsextreme Positionen werden stärker normalisiert, während Begriffe, die Menschen mit Migrationserfahrung als Bedrohung, Kostenfaktor oder bloße Zahl darstellen, zunehmend in den politischen Mainstream eindringen. Rechte Sprache ist so normalisiert, dass sie im Mainstream als sachlich gilt. Und je mehr rechte Sprache normalisiert wird, desto eher folgen auf Worte Taten.
Gab es konkrete Ereignisse, die das besonders deutlich gemacht haben?
Besonders deutlich wurde das nach dem rechtsextremen Anschlag im Dezember 2024 in Magdeburg. Weil der Täter selbst eine Migrationsgeschichte hat, folgte eine Welle des Hasses gegenüber migrantisch gelesenen Menschen. Obwohl seine Ideologie exakt der, der lokalen rechtsextremen Szene entspricht und auf ihr aufbaut. Bis zur Mitte des Jahres 2025 hatten wir bereits die Hälfte der Fallzahlen erreicht, die wir sonst innerhalb eines ganzen Jahres verzeichnen.
Das führt zu Verunsicherung, und zu Ängsten, und das muss aktiv bekämpft werden. Diese Gewalt verändert auch den Alltag der Betroffenen. Rassistische Sprache bleibt nicht im Parlament oder in sozialen Medien. Sie wirkt in Schulen, Behörden, Betrieben und öffentlichen Einrichtungen weiter.
Wie wirkt sich die politische Stimmung im Bundesland konkret auf eure tägliche Arbeit aus?
Die politische Stimmung in Sachsen-Anhalt erhöht den Beratungsbedarf und zugleich den Rechtfertigungsdruck. Menschen kommen verunsicherter in Beratungen, sprechen über Auswanderung oder fragen sich, ob sie und ihre Kinder langfristig in Sachsen-Anhalt sicher und willkommen sind. Erhebungen zeigen, dass mindestens ein Drittel der Menschen mit Migrationsgeschichte wegen der gesellschaftlichen Spaltung und rassistischer Erfahrungen ernsthaft über einen Wegzug nachdenkt. Ein weiteres Drittel ist unentschlossen. Diejenigen, die über einen Weggang nachdenken, nennen unter anderem Rassismus als Grund.
Für die tägliche Arbeit bedeutet das, dass Migrant*innenorganisationen mehr Zeit für Krisengespräche, Begleitung nach Diskriminierung und die Einordnung politischer Entwicklungen aufbringen müssen. Parallel müssen sie öffentlich erklären, warum Antirassismusarbeit, Sprachmittlung oder politische Beteiligung keine Sonderinteressen sind.
Hinzu kommt eine politische Sprache, in der Menschen mit Migration zunehmend nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit bewertet werden. Das wirkt sich darauf aus, welche Anliegen gehört werden. Wer Schutz, Beratung oder soziale Rechte benötigt, wird schneller als Belastung dargestellt.
Welche Formen von Druck oder Delegitimierung erlebt ihr, öffentlich oder institutionell?
Migrant*innenorganisationen werden als exotische oder nachgeordnete Struktur behandelt, obwohl sie Teil der allgemeinen Zivilgesellschaft sind. Auch die Finanzierung kann Druck erzeugen. Wer dauerhaft von wechselnden Projektprogrammen abhängig ist, muss immer wieder nachweisen, dass die eigene Arbeit förderwürdig ist. Viel Zeit fließt in Anträge, Nachweise und die Anpassung an Förderlogiken.
Zunehmend werden wir auch als Teil einer vermeintlichen Verschwörung dargestellt, als NGOs, die angeblich zu einem sogenannten Deep State gehören – eine Zuschreibung, der auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen ausgesetzt sind. Offener als früher wird uns angedroht, uns die Förderung zu entziehen, und uns wird unterstellt, Teil einer sogenannten „Asylindustrie“ zu sein.
Wie verändert sich eure Arbeit, wenn Förderungen unsicher werden oder wegfallen?
Unsichere Förderung verhindert Kontinuität. Stellen können nur befristet besetzt werden, erfahrene Mitarbeitende gehen verloren, Beratungsangebote werden eingeschränkt und langfristige Beziehungen zu Betroffenen oder Kooperationspartnern brechen ab. In ländlichen Gebieten kann das bedeuten, dass ein Angebot vollständig verschwindet.
Was sind Strategien, um langfristig unabhängig und handlungsfähig zu bleiben?
Wir setzen auf Zusammenarbeit. Zivilgesellschaftliche Organisationen müssen ihre Kooperation vertiefen, Beratungsstrukturen absichern und Schutzräume erhalten. Gerade weil gefährdete Gruppen auch unter politischem Druck verlässliche Ansprechpersonen und unabhängige Beratung benötigen.
Deshalb haben wir uns mit einem umfassenden Forderungspaket an die Landesverbände der demokratischen Parteien gewandt. Darin fordern wir unter anderem einen wirksamen Schutz vor Rassismus und Diskriminierung, eine flächendeckende migrationsspezifische Beratung, gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung sowie die Anerkennung von Migrant*innenorganisationen als gleichwertige politische Akteure.
Gleichzeitig suchen wir die direkte Ansprache. Mit unseren demokratischen Tür-zu-Tür-Gesprächen gehen wir in die Wohnviertel, im April 2026 in Halle (an der Saale), im Mai 2026 in Stendal, am 21. und 22. August 2026 folgen weitere Gespräche in Dessau-Roßlau. Es geht um die Frage, was Menschen für ein gutes Leben in demokratischen Verhältnissen benötigen und welche Zukunft sie sich für Sachsen-Anhalt wünschen.
In migrantischen Communitys fördern wir sogenannte Garagengespräche, in vertrauten und mehrsprachigen Räumen, zum Wahlsystem, zu demokratischen Rechten und zu Beteiligungsmöglichkeiten. Solche Formate erreichen auch Menschen, die klassische Angebote politischer Bildung oft nicht erreichen.
Und wir bereiten uns auf eine mögliche weitere politische Zuspitzung vor. Am 11. Juni 2026 haben wir in der Landespressekonferenz gefordert, dass die Staatskanzleien der anderen Bundesländer Schutz und Aufnahmemöglichkeiten für besonders gefährdete marginalisierte Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus prüfen. Vorsorge ist notwendig, bevor konkrete Bedrohungslagen entstehen und Menschen ohne Unterstützung bleiben.
Was würde eurer Einschätzung nach unmittelbar passieren, wenn sich politische Machtverhältnisse deutlich nach rechts verschieben?
Sollten sich die Machtverhältnisse noch weiter nach rechts verschieben, als es jetzt schon der Fall ist, wäre das aus unserer Sicht das Ende der Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen. Die Menschenverachtung würde sich dann sehr viel offener zeigen. Und sie würde sich als Erstes an Menschen mit Migrationsgeschichte und Rassismuserfahrung abladen. Aber es ist gewiss: Es würde nicht bei uns enden.
Trotzdem gebt ihr nicht auf.
LAMSA wird nicht aufgeben. Wir fangen gerade erst an. Unabhängig vom Ausgang der Landtagswahl werden wir unsere Arbeit fortsetzen.


