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Queerfeminismus im Neubrandenburger Märchenhaus „Nicht nur Mütter waren schwanger“

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Die Autorinnen Alisa Tretau und Johanna Montanari im Gespräch. (Quelle: AAS)

Das Märchenhaus des Soziokulturellen Bildungszentrums in Neubrandenburg ist ein verwunschener Ort: Eingelassen in die Stadtmauer ist es ein kleines weißes Fachwerkhaus mit drei Stockwerken, die durch eine Wendeltreppe verbunden sind. Im Dachgeschoss stehen zwei lange Tische, Weingläser sind gedeckt. Ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist: An anderen Tagen werden hier Jahrhunderte alte Märchen erzählt. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder, aber auch an alle Anderen, die Lust auf Märchen haben. Heute jedoch hat es ein ganz anderes Publikum in das Märchenhaus verschlagen – viele davon waren noch nie hier. Unter den Interessierten sind junge Student*innen, Engagierte der soziokulturellen Initiativen Neubrandenburgs und einzelne Menschen, die einfach neugierig wirken. Sie sind zur Lesung von Alisa Tretau und Johanna Montanari gekommen; die beiden lesen aus ihrem Buch „Nicht nur Mütter waren schwanger. Unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“.

Großes Interesse für unerhörte Themen

Im Märchenhaus geht es an diesem Dienstagabend um queerfeministische, trans*, schwul-lesbische und Schwarze Perspektiven auf Schwangerschaft. Das Buch vereint meist autobiographische Erzählungen mit Gedichten und Zeichnungen; es geht um Stillen aus transmännlicher Sicht, um unerfüllte Kinderwünsche, Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin. Im Vordergrund steht die Selbstbestimmung beim Thema Kinderwunsch. Ein abschließendes Manifest aller Autor*innen plädiert für eine Politisierung des Themas. Die Beiträge können starke Emotionen auslösen, das wird vor der Lesung erklärt und der Raum dafür geöffnet. In den Texten erzählt zum Beispiel eine trans*Person, der bei einem medizinischen Notfall eine schnelle Behandlung verwehrt wurde. Rassistische Benachteiligungen bei medizinischen Behandlungen werden verdeutlicht, ebenso wie die rechtlichen Hürden, die z.B. lesbische Paare mit Kinderwunsch überwinden müssen. Es geht um „unerhörte“ Themen, doch heute zeigt sich einmal mehr, wie groß das Interesse daran ist.

In Neubrandenburg gibt es schon lange queeres Engagement. Der vor Ort agierende Verein ROSA-LILA blickt auf eine 25-jährige Geschichte zurück und hat seine Wurzeln im Soziokulturellen Bildungszentrum.  ROSA-LILA bietet Workshops sowie Beratungen an, organisiert Veranstaltung und hat eine große Bibliothek. Seit einiger Zeit gibt es eine neue Initiative: QueerNB, die am 24. August den ersten Christopher Street Day in Neubrandenburg organisiert.

Geteilte Erfahrungen, unterschiedliche Perspektiven

Während der Lesung schaut Alisa Tretau immer wieder erwartungsvoll in die Runde, wartet auf Kommentare. Doch die Texte und die für einige im Publikum nicht alltäglichen Perspektiven müssen erst einmal wirken. Das liegt vielleicht manchmal auch am Vokabular: Begriffe wie cisgender sind vielleicht doch nicht allen vertraut. Aber dass alle mit den Texten mitgehen, wird schnell an verschiedenen Reaktionen deutlich: Betroffenheit, Irritation und Wut spiegeln sich in den Gesichtern im Publikum. Einige nicken an manchen Stellen zustimmend oder lachen solidarisch. Viele finden sich auch in der ein oder anderen Erzählung wieder und teilen manchmal im Anschluss an ein Kapitel ihre eigenen Geschichten. Dass es am Ende nicht zu einer längeren Diskussion kommt, ist schade, aber angesichts von gefühlten 50 Grad Raumtemperatur auch nicht verwunderlich. Doch in allen arbeitet es weiter. Das zeigt sich spätestens, als viele beim Abschied doch nochmal auf die Perspektiven zurückkommen, die ihnen so vertraut sind, aber selten im öffentlichen Raum ausgesprochen werden – das lesbische Elterndasein, der Alltag mit Kindern, die unerfüllten Kinderwünsche, die Diskriminierung im Gesundheitswesen und die Unmöglichkeit, als Elternteil des eigenen Kindes anerkannt zu werden, sei es aufgrund rassistischer Zuschreibungen oder  heteronormativer rechtlicher Grundlagen bei Adoptionen.

Eine der älteren Anwesenden sagt beim Gehen: „Viel hat sich eigentlich nicht verändert.“ Dass sich gesellschaftlich und rechtlich nicht viel verbessert hat, zum Beispiel für LST* mit Kinderwunsch, wurde durch den Dialog zwischen den Generationen deutlich. Im Märchenhaus zeigte sich aber, wie viel Bedarf nach Austausch über die verschiedensten Formen von Elternschaft, Familie und solidarischem Zusammenleben ohne Kinder es definitiv gibt – und das nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Lesung wurde von einer Seminargruppe der Hochschule Neubrandenburg in Kooperation mit Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern und der Amadeu Antonio Stiftung organisiert.  Die Veranstaltung fand im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „WIR* HIER! Lesbisch, schwul und trans* zwischen Hiddensee und Ludwigslust“ statt.

 

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