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Braune Siedler im grünen Gewand

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Landschaft östlich von Rostock (Quelle: Wikimedia Commons(CC-Lizenz)/Rostocker)

Als Siedlungsregion bekannt war bisher vor allem der Landkreis Güstrow, in dem sich bereits Anfang der 1990er einige Familien niederließen und mit der Renovierung alter Gutshöfe der Artamanen begannen. (vgl. Röpke, Andrea/ Speit, Andreas: „Mädelsache! – Frauen in der Neonazi-Szene“, S.194/195) Die Artamanen waren eine völkischen Siedlungsbewegung, die 1926 ihren Anfang nahm und später stark in die NSPAP-Aktionen eingebunden war.

In den letzten Jahren fanden jedoch auch Immobilienkäufe in der Region um Stralsund, Rügen, Nordvorpommern und Bad Doberan in der Nähe von Rostock statt. Diese langsam, aber stetig voranschreitende völkische Siedlungsbewegung ins dünn besiedelte und ländliche Mecklenburg-Vorpommern ist kein Zufall, sondern eine Strategie mit klarem Ziel: der langfristige Etablierung einer völkischen Gemeinschaft innerhalb der Region und der Aufbau eines autarken, nationalen Wirtschaftsnetzwerks.

Umweltschutz als Tarnmantel für Blut-und-Boden Ideologie

So kam es inzwischen zur Gründung von Handwerkskooperativen und Zusammenschlüssen von Biobauern mit völkischem Hintergrund. Zimmerleute, Maurer und Elektriker mit gleicher Gesinnung halten kostengünstig Hof und Haus in Stand; für die Geburt und Kinderbetreuung stehen Nationale Hebammen und Tagesmütter bereit. Wolle wird aus dem Fell eigener Tiere gesponnen, das Brot aus selbstangebautem Getreide gebacken. Naturverbundenheit, regionale Selbstversorgung und ökologische Landwirtschaft sind für viele im Grunde eine gute und unterstützenswerte Sache, wenn – wie im Falle der völkischen Siedlerinnen und Siedler – dem Ganzen nicht die völkische Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten und ein rassistisches und rechtsextremes Weltbild zu Grunde lägen. Für die rund ein Duzend Familien dient Umweltschutz auch einzig und allein dem Schutz der deutschen Heimat als Lebensraum der „Blutsdeutschen“.

„Genfraß – Nein Danke!“ ist seit 2007 eine der Parolen der NPD in Mecklenburg-Vorpommern, mit der sie bei vielen auf offene Ohren stößt und die auch die völkischen Siedlerinnen und Siedler propagieren. In einem agrarisch geprägten Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern, in dem ökologische Landwirtschaft eine große Rolle spielt, ist Gentechnik ein Thema, das viele umtreibt. Bei ihrem Engagement gegen den Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel geht es der Partei als auch der Siedlungsbewegung jedoch vor allem um den Aufbau griffiger Feindbilder und die Selbststilisierung als Beschützer der deutschen Heimat vor der vermeintlichen Ausbeutung und Zerstörung durch den internationalen Kapitalismus, dem die liberale Gesellschaft Tür und Tor geöffnet habe. Laut einer Mitarbeiterin der AG „Völkische Siedler“, einem Arbeitszusammenschluss von Aktiven aus demokratischen Vereinen in Mecklenburg-Vorpommern, wird die „Abhängigkeit der Landwirte von Banken und Gentechnikkonzernen auch deshalb abgelehnt, weil diese die Selbstbestimmung des Volkes beschneidet und der Volksgesundheit schadet“. Auch bei der Mobilmachung gegen Atomkraft spiele vordergründig die Furcht vor „einer Schädigung des deutschen Erbguts eine Rolle“.

Die nette Ökotante von Nebenan

Zwar haben viele in der Region Lebende Alltagserfahrung mit den Siedlerinnen und Siedlern, sind aber meist überrascht, wenn sie vom politischen Hintergrund der Zugezogenen erfahren. Oft erscheinen diese einfach wie ökologisch bewusste Menschen, die fernab der Mainstream Gesellschaft naturverbunden leben möchten. Da das langfristige Ziel der Siedlungsbewegung der Aufbau von nationalen Dorfgemeinschaften ist, möchte diese jedoch nicht auf ewig abgeschottet leben, sondern in die Region hineinwirken. Durch ihr sympathisches Auftreten und Engagement innerhalb der Gemeinde ist das rassistische und rechtsextreme Weltbild der Familien in den meisten Fällen nicht auf den ersten Blick erkennbar. Die Frauen spielen hierbei eine wichtige Rolle, indem sie sich im Elternbeirat oder der Vorbereitung für Schulfeste engagieren, Fahrgemeinschaften oder Kinderbetreuung anbieten (vgl. „Braune Ökologen – Hintergründe und Strukturen am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns“, Heinrich-Böll-Stiftung, S.92). Auch den Betreibern von Bioläden ist in vielen Fällen das völkisch-nationale Gedankengut manch ihrer Lieferanten nicht bewusst.

Kommt dieses doch zu Tage, ist es für diejenigen, die den vermeintlich netten Ökonachbarn ihre Türen geöffnet haben, schwer, sich von diesen zu distanzieren. Auch Kirchengemeinden, Elternvertretungen und Vereine stehen vor dem Problem, den vermeintlich netten und hilfsbereiten Siedlerinnen und Siedlern zu verstehen zu geben, dass ihre menschenverachtenden Einstellungen keinen Platz im Gemeinwesen haben. Besonders Kitas und Schulen sind oft damit überfordert, zahlreiche Sprösslinge der Familien mit nationalistischem Hintergrund in ihren Gruppen und Klassen vorzufinden. Anhaltende Gegenwehr wird nicht selten mit einem aggressiven Verhalten der Mitglieder der Bewegung quittiert, das von wütenden Hausbesuchen bis, wie im Fall des Bürgermeisters von Lalendorf, zu öffentlicher Hetze und Drohungen reicht (vgl. Röpke, Andrea/ Speit, Andreas: „Mädelsache! – Frauen in der Neonazi-Szene“, S.177/178). Hier zeigt sich die gute Vernetzung der nach außen hin harmlos erscheinenden Siedler zu gewaltbereiten, rechten Gruppierungen, die viele davon abschreckt, sich öffentlich gegen die Bewegung zu positionieren.

Bioland macht’s vor: Gegenstrategien

Informationen einzuholen, um sich gegen die Vereinnahmung und Instrumentalisierung durch die völkischen Siedlerinnen und Siedler wehren zu können, benennt eine Mitarbeiterin der AG „Völkische Siedler“ als wichtigen ersten Schritt in der Auseinandersetzung mit der Bewegung. Nicht nur Verantwortungsträgerinnen und –träger in Schulen, Verbänden und Ämtern, sondern auch Privatpersonen und Konsumenten können bei Beratungsstellen wie LOBBI, Soziale Bildung e.V. oder den Regionalzentren für demokratische Kultur Hilfe suchen und sich informieren. Hierbei ist ein Austausch über die Siedlungsbewegung und Erfahrungen, die mit dieser gemacht wurden, und eine langfristige Vernetzung der Akteure, die sich gegen diese wehren möchten, wichtig, um Verunsicherungen und Ängsten entgegenzuwirken und gemeinsam konkrete Handlungsstrategien zu erarbeiten.

Eine dieser Gegenstrategien ist zum Beispiel ein durch das Jugendamt koordinierter Handlungsplan für Kitas und Schulen im Umgang und in der Auseinandersetzung mit den Familien. Der Unterwanderung von Vereinen oder regionalen Biobetrieben kann durch eine abgestimmte Haltung und entsprechende Klausel in der Vereins-, Unternehmens- oder Verbandssatzung entgegengewirkt werden. Erst kürzlich machte z.B. der Ökobauernverband Bioland durch eine Veränderung der Satzung den Ausschluss von Bauern mit rechtsextremem Hintergrund möglich. Auch ein bewusstes Kaufverhalten kann verhindern, dass braune Biobauern im grünen Gewand in Zukunft unterstützt werden.

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