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Interview Demokratie ist kein Kindergeburtstag

Foto: Michael L. Baird, via flickr, cc

Demokratische Einstellungen werden vor allem durch Bildung und Sozialisation geprägt, daher kommt Erzieherinnen und Erziehern eine besondere Verantwortung zu. Mit der umfangreichen Broschüre „Demokratie ist (k)ein Kindergeburtstag“  bietet die Amadeu Antonio Stiftung eine neue Handreichung für Kindertagesstätten, die sich mit Rechtsextremismus im Alltag von Pädagoginnen und Pädagogen auseinandersetzt. Unter anderem werden Fortbildungsprogramme vorgestellt, bei denen zentrale Fragen besprochen werden, wie: Woran erkennt man überhaupt Rechtsextreme? Wie soll man diesen Einstellungen begegnen? Die Broschüre, die im Rahmen des Projekts „Lola für Ludwigslust“ entstand, widmet sich dabei schwerpunktmäßig dem Ansatz der geschlechterreflektierten Arbeit. Geschlechterreflektiert zu arbeiten, muss erlernt werden, die eigene Haltung kritisch zu hinterfragen ebenso. Die Broschüre möchte den Weg dafür ebenen und mit praktischen Tipps zur Seite stehen.

Wir sprachen im Mai 2012 mit Anne-Rose Wergin, Expertin für Rechtsextremismus im ländlichen Raum und Autorin der Broschüre, über Rechtsextremismus im Alltag von Erzieherinnen und Erziehern und geschlechterreflektiertes Arbeiten als Prävention.

Mut: Wie entstand die Idee zu der Broschüre?

Anne-Rose Wergin: Das Projekt „Lola für Lulu“ der Amadeu Antonio Stiftung arbeitet im Landkreis Ludwiglust. Also im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns. Die Mitarbeiterinnen des Projektes sind vermehrt in Kontakt mit Erzieherinnen aus Kindertagesstätten gewesen, die von Herausforderungen mit rechtsextremen Eltern berichteten. Daraufhin wurde die Fortbildung „AUGEN-BLICK mal!“ konzipiert, welche die Thematik Rechtsextremismus in einen Zusammenhang mit frühkindlicher Bildung stellte. Es erschien unabdingbar einerseits über die vielfältigen Erscheinungsbilder und Themen der rechtsextremen Szene aufzuklären und andererseits auch notwendig präventive Ansätze für die Arbeit mit Kindern gemeinsam zu diskutieren. Um diese Themenfelder breiter zu transportieren, entstand die Idee eine Handreichung zu erstellen.

Was „bringt“ die Handreichung den Leser*innen?

Das erste Ziel der Handreichung ist es, die Leser*innen zu sensibilisieren. Rechtsextremismus findet nicht nur auf der Straße bei Demonstrationen statt oder an der Bushaltestelle einer ostdeutschen Kleinstadt. Hier gibt es viele Klischees, die sich benennen lassen. Es gibt rechtsextreme Männer, genauso wie rechtsextreme Frauen. Und es gibt rechtsextreme Familien, die ihre Kinder in Kindertagesstätten, Schulen und Sportvereine bringen. Pädagoginnen und Pädagogen stehen vor der Herausforderung, damit umgehen zu müssen. Da ist Sensibilisierung sehr wichtig. Das zweite Ziel der Handreichung ist es, pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Angst zu nehmen, mit dieser Problematik umzugehen.

Sind Unterschiede zwischen Kitas in den alten und neuen Bundesländern feststellbar? Richtet sich die Broschüre nur an Erzieherinnen „aus dem Osten“?

Die Problematik von rechtsextremen Familien, die mit pädagogischen Einrichtungen in Kontakt kommen, gibt es in allen Bundesländern. Aus meiner Sicht haben jedoch Erzieherinnen und Erzieher, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen und ausgebildet wurden jedoch oftmals eine Hemmung, sich aktiv mit vermeintlich „politischen“ Themen auseinanderzusetzen. Einerseits ist der Umgang mit Rechtsextremismus eine Frage der Haltung, andererseits jedoch auch eine Frage davon, sich sichtbar politisch zu positionieren. Dies fällt, meiner Erfahrung nach, vielen Pädagoginnen und Pädagogen in Ostdeutschland schwerer.

Die Broschüre legt einen Schwerpunkt auf geschlechterreflektierte Arbeit. Wo liegt der Zusammenhang zum Thema Rechtsextremismus?

In weiten Teilen der rechtsextremen Szene werden eher die vermeintlich klassischen Rollenvorstellungen gelebt. Es gibt klare Vorstellungen davon, was ein „richtiger deutscher Mann“, was eine „richtige deutsche Frau“ ist. Kindern die Vielfalt der verschiedenen Lebensformen  zu vermitteln ist kein Merkmal der rechtsextremen Kindererziehung. Geschlechtergerechtigkeit ist als ein Merkmal der Demokratie zu verstehen. Zum einen bietet eine geschlechterreflektierte Pädagogik Mädchen und Jungen gleichermaßen in der Entwicklung Chancen und Möglichkeiten, zum anderen lernen Kinder Respekt und Toleranz im Umgang miteinander. Ein starkes, selbstbewusstes Mädchen ist weniger empfänglich für die rechtsextreme Szene, die sie letztlich darauf beschränkt, als Mutter den Fortbestand des deutschen Volkes zu sichern. Ein Junge, der es gelernt hat, gefühlsbetont sein zu können, wird sich in einer Szene, die Härte von ihm erwartet, nicht zu Hause fühlen. Für eine wirksame Prävention spielen viele Komponenten eine Rolle. Mädchen und Jungen geschlechterreflektiert zu erziehen ist eine davon.

Das Interview führte Ulla Scharfenberg

Die Broschüre als pdf-Dokument

Das Interview ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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