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Queerer Widerstand Thérèse Pierre

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Thérèse Pierre: die Geschichte einer Widerstandskämpferin ohne Happy-End.
Thérèse Pierre: die Geschichte einer Widerstandskämpferin ohne Happy-End. (Quelle: Thérèse Pierre/CC BY-SA 3.0)

Diese Biographie, mit der wir die Reihe über queere Kämpfer:innen gegen den Nationalsozialismus abschließen, hat kein Happy-End. Antifaschistischer Widerstand endet selten in einem Happy-End. Der von den Alliierten Streitkräften, den Partisan:innen, den Unterstützer:innen des Widerstandes errungene Sieg über die Nazis ist von Millionen Opfern des nationalsozialistischen Krieges gepflastert. Das macht das Schreiben über antifaschistische Biographien vor allem eines: schmerzhaft. Denn es liegt in der tragischen Natur des antifaschistischen Kampfes, dass er nicht ruhmreich, und selten siegreich ist. Antifaschistische Kämpfer:innen werden, gerade in Deutschland ​​– wenn sie nicht gerade Stauffenberg heißen und in ein postnazistisches Narrativ passen – nach wie vor gerne vergessen und ignoriert. Vor allem, wenn es militante, kommunistische oder queere Kämpfer:innen gegen die Barbarei des Nationalsozialismus waren.

Thérèse Pierre war Lesbe, Kommunistin, und Kämpferin im bewaffneten Arm der Résistance. Während in Frankreich Schulen und Straßen nach der ehemaligen Lehrerin benannt wurden und ihrem Leben ein Dokumentarfilm gewidmet ist, so ist sie in Deutschland weitestgehend unbekannt. Pierre wurde in eine Lehrer:innenfamilie hineingeboren, sie und ihre beiden Schwestern traten in die beruflichen Fußstapfen der Eltern. Sie arbeitete als Lehrerin für Naturwissenschaften in mehreren Schulen in der Champagne. Ab den späten 1920er Jahren, sie war Anfang zwanzig, begann in der jungen Frau das Bewusstsein für die Ausbeutung des Proletariats, und somit ihr Interesse an marxistischer Theorie zu erwachen; sie wurde Mitglied der kommunistischen Partei, der sie ihr Leben lang verbunden blieb.

Ihre zweite große Liebe trug den Namen Emma Pitoizet. Die beiden Frauen lernten sich 1929 im Rahmen einer beruflichen Weiterbildung kennen und begannen, eine enge Freundschaft zu entwickeln. Über die Jahre hinweg entwickelte sich die Freundschaft zu einer offenen Beziehung. Während Emma in flammenden Briefen ihre Liebe an Thérèse deklarierte, sehnte sie sich nach einem Kind und führte auch Liebschaften mit Männern.

Als in den 1930er Jahren die Nazis in Deutschland, die Faschisten in Italien und die Falangisten in Spanien an die Macht gehoben wurden und sich die Bevölkerung zunehmend dem Faschismus an die Brust warfen, überzeugte Pierre ihre Geliebte von der Notwendigkeit, sie im Widerstand gegen die überall aufkeimende Reaktion zu unterstützen. Die beiden Frauen begannen, an antifaschistischen Treffen teilzunehmen; Emmas Briefe sind Zeugnis ihrer Begeisterung für den kommunistischen Kampf: „Lese Lenin und Abhandlungen zu Sexualität. Strahlende Glückseligkeit […]. Der Krieg lauert. Wir müssen uns auf die Zukunft vorbereiten. Ich möchte meine Kräfte sammeln, um mich auf diesen Umbruch vorzubereiten… Versuche, zu arbeiten, meine kleine Freundin. Meine beste Freundin, die Stärkste, die Zärtlichste und Schärfeste, ich küsse dich.“

1935 bereiste das Paar die Sowjetunion, um sich mit den dortigen Genossinnen über die Frauenfrage im Sozialismus auszutauschen, ein für sie beide beflügelndes und inspirierendes Erlebnis, dessen Nachglühen jedoch bald erlöschen sollte. Pitoizet, die sich immer noch nach einem Kind sehnte, verließ ihre Geliebte für einen Mann, den sie auf einer Lehrer:innenkonferenz kennengelernt hatte und der ihr alsbald begann, den Hof zu machen. Sie heiratete ihn und kehrte dem politischen Kampf den Rücken. Der Verlust wurde für Pierre noch schwerwiegender, als sich Pitoizets neuer Partner als brutaler Nazi entpuppte, und sie folgsam in der Rolle als Gattin eines solchen aufging: sie schloss sich nationalsozialistischen Frauengruppen an, als wäre sie nie Feministin und Kommunistin gewesen.

Wie so viele Aktivist:innen es tun, versuchte Pierre ihren Liebeskummer im politischen Kampf zu vergessen. Sie unterstützte Geflüchtete aus Spanien, die vor der Politik und den Anhänger:innen Francos Schutz in Frankreich suchten. Als die Nazis Frankreich okkupierten, wurde sie vom Vichy-Regime wegen ihres kommunistischen Aktivismus von der besetzten Champagne in die Bretagne versetzt. Dort schloss sie sich in ihrer Heimat in 1942 den „Francs-Tireurs et Partisans (FTP) an, dem militanten Flügel der kommunistischen Résistance.

Aufgrund ihrer besonnenen, kompromisslosen und durchsetzungsfähigen Art bewies sie schnell ihr Führungs- und Organisationstalent und stieg zur Kommandantin einer über hundert Personen starken Einheit auf. Sie war Teil der Organisation und Bewaffnung von FTP-Gruppierungen, verfasste Flugblätter und Zeitungsartikel für den Widerstand, lieferte Waffen, Sprengstoff und Dokumente an unterschiedliche Résistance-Gruppierungen, bot von den Nazis gesuchten Menschen Unterschlupf und stattete sie mit falschen Ausweisdokumenten aus. Zudem war sie an mehreren Operationen gegen die Besatzungstruppen beteiligt, zerstörte Transportlastwägen der Nazis und war Teil eines Angriffs auf die Verwaltungsgebäude der Feldkommandatur in Fougères. Kurz: sie war eine unerbittliche Kämpferin gegen die Nazis und eine solidarische, aufopferungsvolle und unersetzbare Genossin für ihre Mitstreiter:innen.

1943 wurde Pierre in ihrer Wohnung in Fougères von Mitgliedern des Sicherheitsdienstes, dem Spionagedienst der SS, inhaftiert und in ein von der französischen Gestapo betriebenes Gefängnis für Résistance-Kämpfer:innen verschleppt. Die Beamten des „Service de Police Anti-Communiste“ versuchten, durch brutalste Folter die Kommunistin zu bewegen, die Namen ihrer Genoss:innen zu verraten – ohne Erfolg. Ihre letzten Worte, die sie durch die Heizungsschächte der Gefängniszellen sprach, lauteten: „Sie haben nichts von mir bekommen.“ Sie starb mit 33 Jahren, erhängt in ihrer Gefängniszelle.

Posthum wurde sie von der französischen Regierung mit dem „Croix de guerre avec étoile d’argent“ und dem „Chevalier de la Legion d’Honneur“ ausgezeichnet, in Frankreich sind mehrere Straßen und Schulen nach ihr benannt. Trotz der Anerkennung, die Pierre nach ihrem Tod zumindest in Frankreich erfahren hat: ihre Biographie hat kein Happy-End. Die Biographien von Widerstandskämpfer:innen gegen die Nazis haben eigentlich nie eins. Selbst diejenigen, die Krieg und Holocaust überlebt haben, waren für immer davon gezeichnet. Doch alleine schon, dass wir ihre Geschichten erzählen können, wohnt ein Moment der Hoffnung inne. Sie zeigen auf, dass es, trotz der scheinbaren Ausweglosigkeit des Vernichtungskrieges der Nazis, Menschen gab, die für die Menschlichkeit gefochten haben. Trotz des Bewusstseins darum, dass ihr Widerstand sie das Leben kosten wird. Ihre Biographien zeigen, dass, egal wie dunkel die Zeiten sind, es Menschen gibt, die den Willen um die Menschlichkeit nicht aufgeben und mit Flugblättern, Waffenschmuggel und Sprengstoffattentaten verteidigen. Es ist unsere Aufgabe, ihre Opfer nicht umsonst gewesen sein zu lassen.

Das Bittere an den Kämpfen von Menschen wie Erika und Klaus Mann, Willem Arondeus, Josephine Baker, Claude Cahun und Marcel Moore, als auch Thérèse Pierre war, dass ein Aspekt des Kampfes um Befreiung, nämlich der für die sexuelle Freiheit, auch nach dem Sieg über die Nazis, über Jahrzehnte hinweg nicht eingelöst wurde. In Deutschland stand Homosexualität unter Männern – lesbisches Begehren wurde unsichtbar gemacht – bis der Paragraf 175, unter dem 10.000 bis 15.000 Männer unter dem NS in Konzentrationslagern ermordet wurden, erst 1994 komplett abgeschafft wurde. Eine Rehabilitierung der Opfer der NS-Verfolgung unter dem „Rosa Winkel“ trat erst 2017 in Kraft.

Noch immer werden homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen in Deutschland und weltweit systematisch diskriminiert. Die Kämpfe für eine Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann, sind noch lange nicht vorbei.

Das Artikelbild wurde unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 veröffentlicht.

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