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Rechtsextreme Aktivistinnen agieren heute oft in unscheinbarem Kostüm

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Seit zehn Jahren gibt es das „Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus“. Als Sozialwissenschaftlerin Renate Bitzan sich mit zunächst vier Kolleginnen zusammenschloss, um sich mit Frauen und Mädchen in der rechtsextremen Szene auseinanderzusetzen, schien dies noch ein Nischenthema zu sein. Damals wurde die rechtsextreme Szene in Deutschland stark männlich dominiert wahrgenommen. Die wenigen rechtsextremen Frauen waren in den 1990er Jahren häufig mit rasiertem Schädel und Bekleidung mit rechtsextremen Aufdrucken oder Springer-Stiefeln klar zu erkennen und grenzten sich so von Schönheitsnormen der Mehrheitsgesellschaft ab. Das hat sich geändert: Sie sind heute nur noch selten an ihrem Erscheinungsbild zu erkennen. Viele bevorzugen optisch ein konservatives Auftreten, drücken ihre völkische Gesinnung bisweilen in geflochtenen Zöpfen und langen Röcken aus – oder sehen aus wie all ihre Altersgenossinnen auch. Zugleich werden Frauen in der rechtsextremen Szene zunehmend wichtiger.

Es existiert kein Gendergap hinsichtlich rechtsextremer Einstellung

In der Einstellung gab und gibt es keine durchgängigen geschlechtsspezifischen Unterschiede: „Repräsentative Erhebungen in der Bevölkerung ergeben mal einen leicht höheres Potenzial bei Männern, mal bei Frauen. Die Frauen der Szene denken und fühlen genauso rechtsextrem und rassistisch wie die entsprechenden Männer“, sagt Sozialwissenschaftler Renate Bitzan. Allerdings wählten Frauen seltener rechtsextreme Parteien. Auch sei nur ca. ein Fünftel der NPD-Mitglieder weiblich, so Bitzan. Außerdem seien rechtsextreme Frauen weitaus seltener gewaltbereit als ihre „Kameraden“. Nur schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der rechtsextremen Übergriffe würden von Mädchen und Frauen verübt, so Bitzan weiter.

Der Aktionsbereich der Frauen ist anders gelagert: Sie wollen zwar, genauso wie rechtsextreme Männer, ihre rechtsextreme Meinung in die Öffentlichkeit tragen, tun dies aber überwiegend über soziales Engagement. „Die Präsenz von Frauen sorgt zum einen dafür, dass mehr Familiengründungen innerhalb der Szene stattfinden, wo dann Kinder in nationalistisch-rassistischem Klima erzogen werden. Zum anderen hat sich das Szene-Angebot entsprechend ausgeweitet, so dass rechtsextreme Parteigänger samt ihrer Familien quasi ‚von der Wiege bis zur Bahre‘ rechtsextreme Angebote in Anspruch nehmen können“, sagt Renate Bitzan. Diese Angebote reichten von der Kinder- und Hausaufgabenbetreuung, über Ferienangebote und Bürgerberatung bis hin zu Familienfesten und Parteiveranstaltungen für „groß und klein“.

Scheinbar harmlos und engagiert

Auch in der Mitte der Gesellschaft engagierten sie sich zunehmend als unauffällige, hilfsbereite Frauen aus der Nachbarschaft, beispielsweise in Elternbeiräten, Kindergärten oder Vereinen, sagt Bitzan. Dort versuchen sie, über harmloses Auftreten Vertrauen zu gewinnen, um ihre Vorstellungen von einer homogenen, völkischen Gemeinschaft subtil zu verbreiten. „Das ist ein beunruhigender Trend“, so die Professorin weiter. Erst kürzlich sorgte beispielsweise der Fall einer zehnfachen Mutter für Aufsehen, die sich in Elternbeiräten engagierte, aber auch auf einer der größten Nazi-Plattformen im Internet aktiv war und dort beschrieb, wie sie etwa Schülerinnen vor der gesamten Schule lächerlich machte, die sich für „Schule ohne Rassismus“ stark machen wollten. Dieser Fall verdeutlicht, warum das scheinbar unpolitische Engagement rechtsextremer Frauen nicht wirklich harmlos ist.

Warum entscheiden sich Frauen für rechtsextreme Organisationen?

Eine der Fragen, mit der sich das „Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus“ in den letzten zehn Jahren beschäftigt hat, ist die Frage, warum Frauen mit rechtsextremen Organisationen sympathisieren. Wichtig ist oft eine familiäre Prägung: Einige der in der extrem rechten Szene aktiven Frauen stammen bereits in der zweiten oder sogar dritten Generation aus nationalistischen Familien. Sie sind mit dem NS-Gedankengut erzogen worden und erziehen auch ihre Kinder entsprechend, berichtet Bitzan von den Erkenntnissen journalistisch arbeitender Kolleginnen.

Rechtsextreme Parteien wie die NPD, aber auch weniger öffentlich agierende Organisationen, setzen gern auf diese zunächst eher konservativ-traditionell wirkenden Aktivistinnen. Sie haben eine sozial stabilisierende Bindegliedfunktion.
„Für einige, aber sicher nicht für die Mehrheit, mag ein traditionalistisches Frauenbild ein attraktives Motiv sein, sich den Rechtsextremen zuzuwenden. Die Aufwertung der Mutterrolle verspricht schließlich Entlastung von der Doppelbelastung Beruf und Familie. Für die meisten jungen Frauen, auch für die rechten, ist allerdings die Doppelstrategie ganz selbstverständlicher Teil ihres Lebensentwurfes“, sagt Renate Bitzan. Sie vertreten zwar mehrheitlich angebliche „Wesensunterschiede“ zwischen den Geschlechtern und betonen die Wichtigkeit von weiß-deutscher Mutterschaft, aber in der Lebenspraxis herrscht häufiger Pragmatik vor als dem Idealbild in Reinform zu entsprechen. Für die politische Verortung sind für die meisten Rassismus und Nationalismus wesentlicher als ein bestimmtes Frauenbild.

Wie kommen Frauen in die Szene?

In jedem Fall müssten drei Hauptkomponenten zusammenfallen, damit sich Frauen (oder auch Männer) für die rechtsextreme Szene entscheiden. So gebe es in der Biografie zumeist ein zentrales unbearbeitetes Thema (Tod naher Angehöriger, Gewalterfahrungen oder ähnliches), das durch Symbole, Rituale oder Konstellationen in der extremen Rechten angesprochen werde und eine unbewusste „Andockstelle“ bilde. Dazu müssten Gelegenheitsstrukturen kommen, wie etwa eine rechtsextreme Clique vor Ort, um in das rechtsextreme Milieu einzusteigen. Drittens seien häufig Diskursangebote im öffentlichen und sozialen Umfeld vorhanden gewesen, die entsprechende Deutungsmuster als plausibel erscheinen lassen.

Expertinnen forschen weiter

Ob dieser Trend anhalte, oder es inzwischen eine Art „Retraditionalisierungstendenz“ gibt, ist eine der Fragen, die das Forschungsnetzwerk auch weiterhin beschäftigen werden, sagt Bitzan. Hier gelte es, weitere Forschungen zu Programmatiken, aber auch zu konkreten Lebenspraxen rechtsextremer Frauen und Mädchen anzustoßen. Überdies sei künftig von Interesse, ob und wie es Zusammenhänge gibt zwischen Diskursen in der Mitte der Gesellschaft – etwa im Kontext anti-islamischer Argumentationen oder hinsichtlich der Diffamierung von Gender-Mainstreaming – und der Diskursentwicklung unter extrem rechten Frauen. Gleichsam sollten laut Bitzan geschlechtssensible Handlungskonzepte gegen rechtsextreme Orientierungen in Sozialpädagogik und politischer Bildung weiterentwickelt werden. Auf der Werkstatt-Tagung, die das Netzwerk anlässlich seines 10jährigen Bestehens in diesen Tagen veranstaltet, werden genau diese Themen behandelt, so die Professorin. Hierbei sollen auch Berichte aus anderen Ländern und Männlichkeits-Konstruktionen in der extremen Rechten berücksichtigt werden.

Zum Frauenrecherchenetzwerk Rechtsextremismus gehören mittlerweile elf Wissenschaftlerinnen. Sie tauschen ihre Forschungsergebnisse aus, machen Veranstaltungen und haben viel beachtete Bücher zu Frauen in der rechtsextremen Szene publiziert. Hierzu zählt unter anderem das Buch von Renate Bitzan: „Selbstbilder rechter Frauen. Zwischen Antisexismus und völkischem Denke.“

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