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Zwischenruf Nachruf auf Hermann Freudenberg

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Für die Kolleg*innen der Amadeu Antonio Stiftung, der ZDK- Gesellschaft Demokratische Kultur und des Community Coachings

Geboren im Jahr 1924 gehörte Hermann Freudenberg zu jener Generation, deren Jugend von der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt war. Mit nur 15 Jahren musste er Deutschland verlassen und wanderte nach England aus. Seine Mutter war jüdischer Herkunft und die Angst vor Verfolgung groß. Fünf Jahre nach dem Ende der Diktatur kehrte Hermann Freudenberg zurück nach Deutschland. In der Schweiz hatte er zwischenzeitlich eine Gerberlehre und ein Chemiestudium abgeschlossen. Es begann danach eine Zeit des Aufstiegs im Familienunternehmen. Mit gerade 38 Jahren stieg er zum Sprecher der Unternehmensgruppe Freudenberg auf und sollte diese Position bis ins Jahr 1988 behalten. Unser seiner Anleitung wandelte sich das Unternehmen von einem klassischen Familienbetrieb zu einem international renommierten Unternehmen. Diese Leistung ist jedoch nur Ausdruck der einen Seite des Lebens und Wirkens von Hermann Freudenberg.
Eine andere Seite ist vermutlich biographisch bedingt und angelegt. Hermann Freudenberg verstand sich früh schon als nicht nur ökonomischer, sondern auch als gesellschaftspolitischer Akteur. Er übernahm gesellschaftspolitische Verankerung für die Fragen, die ihn umtrieben. Dazu lernte er auch aus seinem Unternehmen. Mit dem Zuzug von Arbeitsmigranten zeigten sich auch in Weinheim Notwendigkeiten einer aktiven Integrationspolitik, die nicht nur im Unternehmen sondern auch in der Kommune angesiedelt sein musste.

Einen besonderen Stellenwert hatte für Hermann Freudenberg aus eigener Erfahrung und Familientradition dabei die Schule als zentraler Ort der politischen Sozialisation. Den Ruf, aus der Bildungsanstalt Schule einen Ort zu entwickeln, an dem Demokratie gelebt und erfahren werden kann, hat die spätere Freudenbergstiftung auf Initiative der Familie Freudenberg wie keine andere aufgenommen. Es entstand die Idee der Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen und Integration, die schnell zu einem bunten und breiten Netzwerk wuchsen. Es entstanden Modellprojekte, neue Kooperationen und immer wieder neue Ideen, die Entwicklung der demokratischen Kultur voranzutreiben.

Weinheimer Gespräche als Ort des Dialogs der Gruppen

Das zunächst westdeutsche Netzwerk wurde nach der Wende auf Ostdeutschland ausgebreitet. Dabei wurde schnell klar, dass die Modelle zu modifizieren waren. Hermann Freudenberg war wie viele andere erschrocken über das Ausbrechen rechtsextremer Gewalt und Ideologie. Hass und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit waren ihm zuwider. Er unterstützte deshalb den Aufbau der ostdeutschen Bürgergesellschaft und förderte auch jene Projekte, die sich unmittelbar mit den Themen Rechtsextremismus und Antisemitismus auseinandersetzten.

Ihm war dabei klar, dass zur Demokratiestärkung auch eine Kooperation von Wirtschaft, Bürgern, Staat aber auch Wissenschaft gehörte. Unvergessen sind dazu die Weinheimer Gespräche als Ort des Dialogs der Gruppen. Manchmal hörte man Hermann Freudenberg dort leise stöhnen, wenn ein Wissenschaftler sich in der eigenen Abstraktion verirrte. Ihm waren nachvollziehbare Lageeinschätzungen und realistische Antworten wichtiger als gut klingende Theorien.

Hermann Freudenberg hat all diese Prozesse immer wieder aktiv begleitet. Unvergessen sind seine Projektbesuche vor Ort: niemals kam da ein kühler Förderer. Immer saß dann dort ein älterer und ungemein wissbegieriger Mann. Er wollte verstehen und erfahren. Er forderte Geschichten ein, Bilder, die es ihm ermöglichen sollten, ihm fremde soziale Prozesse zu begreifen. Diese ungemein warmherzige und soziale Seite war die gelebte Form dessen, was später von Wissenschaftlern als Kultur der Anerkennung bezeichnet wurde. Es war ihm egal, ob er mit dem Geschäftsführer oder dem Praktikanten sprach. Ihn interessierten die Inhalte und nicht die Formen.

Das Leben und Wirken von Hermann Freudenberg steht damit idealbildlich für die Idee und die Möglichkeit eines sozialen Liberalismus. Er verband Offenheit, Pluralität und Anerkennung mit viel menschlicher Wärme und Neugierde am Leben. Er wird uns fehlen.

Der Extremismusforscher Dierk Borstel ist Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. 

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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