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Zivilgesellschaft Willkommenskultur für Geflüchtete in Vorpommern

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Foto: © Mut gegen rechte Gewalt

Die NPD hat das Thema Asylpolitik im vergangenen Jahr zu ihrem Kampfthema gemacht und »tourt« damit durch die Regionen, in denen Geflüchtete untergebracht werden. Die NPD hat im Jahr 2013 bundesweit 47 Demonstrationen gegen Asylbewerber und deren Unterkünfte organisiert oder war daran maßgeblich beteiligt. Insgesamt gab es in diesem Jahr 67 solcher Aktionen gegen Flüchtlinge. Auf wie viel Resonanz sie dabei mit ihren rassistischen Hasstiraden stießen, zeigten zuletzt die Beispiele Hellersdorf, Schneeberg, Greiz und Pätz. In diesen, wie in vielen anderen Orten in Deutschland, gehen aktuell »besorgte Bürger*innen« eine gefährliche Allianz mit Neonazis aus der lokalen wie überregionalen rechtsextremen Szene ein, um gemeinsam gegen Geflüchtete zu hetzen.

Nicht in allen Orten bleibt es bei der verbalen Hetze: in Güstrow Dettmannsdorf in Mecklenburg-Vorpommern und in Premnitz in Brandenburg wurden in den vergangenen Wochen Brandanschläge auf Wohnhäuser von Asylsuchenden verübt. Längst hat sich allerdings auch Solidarität mit den Geflüchteten organisiert. Nicht nur in Hellersdorf, wo die Initiative »Hellersdorf hilft« den Hassparolen aktive Unterstützung für die Geflüchteten entgegen setzt. Ein Treffen der AG Willkommenskultur in Strasburg bei Pasewalk am vergangenen Mittwoch zeigt, dass solche Initiativen überall nötig und möglich sind.

Engagement gegen Rechts – auch ohne konkreten Anlass

Die »AG Kultur« widmet sich innerhalb des Bündnisses Vorpommern – weltoffen, demokratisch, bunt! dem Ziel, demokratische Kultur durch die Unterstützung Geflüchteter in der Region zu etablieren. Als Plattform für die Vernetzung des zivilgesellschaftlichen Engagements in der Region war das Bündnis 2012 im Vorfeld des sogenannten Pressefestes der NPD-Postille »Deutsche Stimme« in Viereck bei Pasewalk entstanden. Die themengebundenen und lokalen AGs innerhalb des Bündnisses tragen nun dazu bei, das Engagement gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit über den konkreten Anlass hinaus lebendig zu halten.

Die Ankunft von Asylsuchenden im Ort vorbereiten

Die AG Willkommenskultur tritt dafür ein, dass schon vor der Ankunft der Geflüchteten das Thema nicht alleine von Seiten der Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten besetzt wird. Durch dezentrale Filmabende will die AG Anwohner*innen in den Orten Torgelow, Strasburg und Pasewalk für das Thema Flucht und die Situation Geflüchteter in Deutschland und Europa sensibilisieren. Projektstunden und Workshops in Schulen und Kitas sollen die Empathie der Kinder und Jugendlichen gewinnen. Aber auch die Institutionen selbst müssen mit einbezogen werden. Dorothea Weimann, die als Sozialarbeiterin der Caritas in der Stadt Anklam die dezentral untergebrachten Geflüchteten betreut, rät der Verwaltung und den Freiwilligen, vor der Ankunft der Familien einen runden Tisch mit allen potentiell Beteiligten einzuberufen, um sich gemeinsam vorzubereiten und zu koordinieren. Vertreter*innen  aus Schulen und Kitas sollten dazu ebenso eingeladen werden wie die Verwaltung, der Träger der Unterbringung, Amtsarzt bzw. –ärztin, Sozialamt, ehrenamtliche Betreuer*innen und Betreuer und lokale Vereine.

Willkommenskultur verlangt mehr als Familienfeste

Dorothea Weimann erzählt an diesem Abend von frustrierenden Erlebnissen mit der Bürokratie und den vielfältigen Einschränkungen, denen Asylsuchende im Alltag ausgesetzt sind. Sie meint: eine realistische Einschätzung dessen, was auf sie zukommt, hilft Ehrenamtlichen und Asylsuchenden mehr als eine naive Vorstellung von sonntäglichen Festen und transkulturellen Kochabenden. Willkommenskultur bedeute nicht nur, Feste zu organisieren. Zunächst einmal geht es um ganz Praktisches: Geld, gesundheitliche Versorgung, schulische und sprachliche Förderung für Kinder und Jugendliche und eine Beschäftigung im Alltag. Die verschiedenen Ebenen von Willkommenskultur – die Vorbereitung der Institutionen und der Bevölkerung, die persönliche Betreuung und Begleitung der Geflüchteten und das gemeinsame Feiern – zusammen zu bringen sei nicht immer einfach. Später lädt Dorothea Weimann kurzentschlossen alle Interessierten zu einem weiteren Austausch nach Anklam in ihre Arbeitsstelle ein.

Die AG Willkommenskultur lädt zum Nachmachen ein!

Ideen wie der Runde Tisch, Film- oder Theaterabende und Ausstellungen zur Situation Geflüchteter in Deutschland, ein Austausch mit Expertinnen und Experten zu Aufenthaltsrecht und Betreuung von Asylsuchenden, ein Tandem- bzw. Patenprogramm oder privater Deutschunterricht können überall umgesetzt werden. Nötig ist eine gute Vernetzung und gegenseitige Unterstützung verschiedener gesellschaftlicher Ebenen und Gruppen. So waren beim Treffen in Strasburg außer vielen Einzelpersonen nicht nur Vertreterinnen und Vertreter des Kirchengemeinderats, des lokalen Heimatvereins, der regionalen Tageszeitung Nordkurier und von Parteien anwesend, sondern auch die Hauptamtsleiterin als Vertreterin der Verwaltung und der Pasewalker Bürgermeister Rainer Dambach. Politik und Verwaltung unterstützen die Arbeit für Willkommenskultur in einer gemeinsamen Presseerklärung, die Oberbürgermeister und Bürgermeister aus acht Städten in Vorpommern Mitte September unterzeichnet haben. Gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt! bekräftigen sie: „Refugees Welcome! (…) Geflüchtete und Asylsuchende sind in unseren Städten und Gemeinden herzlich willkommen.“

Die Treffen der AG Willkommenskultur finden regelmäßig und an wechselnden Orten in der Region statt. Wer sich engagieren möchte, kann sich über das Bündnis (info@vg-weltoffen.eu) bei der AG melden.

Für einen Einstieg ins Thema empfehlen Teilnehmer*innen der AG den Film „Can’t be silent“, der geflüchteten Musikern in Deutschland eine Stimme gibt, und die Asylmonologe vom Theater für Menschenrechte.

Die Bildungseinrichtung „verquer. Vielfältige Bildung in Vorpommern“ aus Greifswald bietet Workshops für weiterführende Schulen in Mecklenburg-Vorpommern zu den Themen Migration und Asyl an.

Anja Schwalbe

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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