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Die 4 Besorgtbürger-Theorien, an denen man merkt, dass Weihnachten vor der Tür steht

Weihnachten hat sich vor ein paar Jahren mit Lebkuchen ab Mitte August, Glühweinflecken auf der Winterjacke und vor allem "Last Christmas" von Wham! angekündigt. Verlässlicher als Plätzchenduft sind aber mittlerweile die Empörungswellen der Besorgtbürger-Gemeinde. Wenn plötzlich kollektiv über Lichterfeste, Jahresendzeitfiguren und Liebessterne aufgeschrien wird, wissen wir: Lange müssen wir nicht mehr auf's Christkind warten.

Von Stefan Lauer

Die Zeiten von Besinnlichkeit sind offenbar vorbei. Weihnachtszeit ist jetzt Empörungszeit. Rechtspopulist_innen, Besorgtbürger_innen und Verschwörungsfreund_innen scheinen schon seit Jahren einen ganz besonderen Narren an den drei Tagen gefressen zu haben, an denen entweder der Geburt von Jesus Christus gedacht oder der Konsum vor Silvester noch einmal auf die Spitze getrieben wird. Sobald es Herbst wird und die ersten Dekoartikel auftauchen, finden sich auch regelmäßig die ersten Unmutsbekundungen über eine angeblich um sich greifende “Islamisierung”. Das Problem dabei: relativ schnell stellen sich die Meldungen über angeblichen Skandale als falsch, uralt oder schlicht frei erfunden heraus. Wir haben eine unvollständige Liste zusammengestellt, denn spätestens wenn Erika Steinbach anfängt zu schreien, ist es Zeit, Geschenke zu besorgen.

 

1. "St. Martin wird auch schon umbenannt!!!"

Die Weihnachts- und Empörungssaison fängt meist um den November herum an, wenn es auf St. Martin zugeht. Alle Jahre wieder geistern Bilder durch die sozialen Medien, die anprangern, dass St. Martins-Umzüge, natürlich aus Rücksicht auf Muslime, zu "Sonne Mond und Sterne Fest" umbenannt werden.

Screenshot von Facebook

 

Stimmt nur leider nicht.

Es begab sich 2013, als der damalige Sprecher der Linken in NRW forderte, das St. Martins-Fest nicht mehr in öffentlich geförderten Kitas zu feiern. Davon würden sich mehr Kinder angesprochen fühlen. Diese Forderung ging nach hinten los. Aiman A. Mayzek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland sagte damals: "Das Leben von St. Martin ist doch geradezu vorbildlich, auch für Muslime. Der Gedanke des Teilens spielt im Islam eine große Rolle."

Tatsächlich wird in Deutschland auch an manchen Orten einen Laternenfest gefeiert. Zum Beispiel in Bad Homburg, im Taunus. Allerdings nicht erst seit 2017. Sondern seit 1935.

Davon mal ganz abgesehen ist St. Martin ein katholischer Heiliger, weswegen in protestantischen Gegenden lieber anders gefeiert wird und das Fest vielmehr auf Luther Bezug nimmt, der am 10. November, also einen Tag vor St. Martin, getauft wurde.

 

2. "Die nehmen uns die Weihnachtsmärkte weg!!!"

Sich über "Lichterfeste" und andere angebliche Umbenennungen aufzuregen, gehört bei AfD & Co genauso zu Weihnachten, wie Christstollen und vorgetäuschte Freude über die selbstgestrickten Wollsocken, die Tante Gertrud jedes Jahr wieder verschenkt.

AfD-Wahlkämpferin und Ex-CDU-lerin Steinbach brilliert auch 2017 mit einer Mischung aus Uninformiertheit, Weltuntergangstimmung und einer guten Prise Rassismus.

Screenshot von Erika Steinbachs Twitter-Account

 

Steinbach sieht (schon wieder) Deutschland dem Untergang geweiht. Schuld diesmal: Elmshorn. Nicht nur, dass die Stadt den traditionellen Weihnachtsmarkt umbenennt, um den Geflüchteten zu gefallen. Nein. Zu allem Überfluss ist auch noch ein schwarzes Mädchen auf dem Plakat zu sehen. Steinbach liefert keine große Analyse, das überlässt sie ihren Fans. Unter anderem dem "YouTube-Journalisten" Hagen Grell, der durch seine im Unterhemd vor dem heimischen Badezimmerspiegel vorgetragene "Analyse" der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht bekannt wurde. Grell bezeichnet das etwa 5-jährige Mädchen als "etwas, das überhaupt nicht repräsentativ ist": Weiße Kinder zur weißen Weihnacht!

Was ist dran?

Nichts. Dass es den Elmshorner Lichtermarkt bereits seit 2007 gibt, die Stadt vor dieser Zeit nicht mal einen nennenswerten Weihnachtsmarkt hatte und das kleine Mädchen aus Deutschland kommt, hat unter anderem Mimikama aufgeschrieben.

Screenshot von Facebook

 

Aber es geht noch besser. Besorgtbürger_innen wissen: Überall, wo nicht Weihnachtsmarkt draufsteht, ist Islamisierung drin. Deswegen wird in sozialen Medien auch eine Grafik geteilt, die die Umbenennung des Dresdner Weihnachtsmarktes zu "Striezelmarkt" "aus Rücksicht auf die muslimischen Flüchtlinge" anprangert. Blöd dabei: der Markt heißt schon seit 1434 so und wird insgesamt zum 583. Mal abgehalten.

 

3. "Die Islamisierung durch Topfpflanzen fängt an!!!"

In der geschlossenen Facebook-Gruppe "Die Patrioten" – in der sich neben anderen Mitglieder auch fast 50 Bundes- und Landtagsabgeordnete der AfD vernetzt hatten – wurde dieses Bild gepostet.

Screenshot von Facebook

 

Offenbar macht die Islamisierung nicht mal mehr vor Topfpflanzen halt. Die Baumarkt-Kette "Hellweg" hat schwerste Geschütze aufgefahren. "Wie schlimm soll es denn noch über uns kommen", wie es der Poster auf Facebook formuliert. Offenbar wurde der beliebte Weihnachtsstern einfach umbenannt, wenn nicht gar verboten. Auch hier ist diese verdammte Islamisierung schuld.

Aber: Auch nicht richtig.

Außerhalb der besorgten Blase sind Weihnachts- und Liebessterne nämlich unterschiedliche Pflanzen. Der Liebesstern, Euphorbia Princettia, ist eine neue Zuchtrichtung, wird in Frankreich gerne zum Muttertag verschenkt und ist dort unter dem Namen "Etoile d'amour" bekannt. Daher auch der Name "Liebesstern". Mit dem Verkauf des klassischen roten Weihnachtsstern, Euphorbia Pulcherrima, hat das aber nicht mal etwas zu tun. Den gibt es nämlich weiterhin.  

 

4. "Kein Weihnachten ohne Weihnachtsmann!!!"

Erika Steinbach will offenbar die Ehren-Elfe 2017 werden. Denn auch in Sachen Schokoweihnachtsmann wittert sie schon die Unterwerfung des westlichen Lebensstils.

Screenshot von Erika Steinbachs Twitter-Account

 

Der "Weihnachtsmann" in seiner heutigen Form wurde wahrscheinlich zum ersten Mal in zwei Gedichten beschrieben. Beide erschienen in New York. Historisch geht er wahrscheinlich auf den heiligen Nikolaus zurück, einen Bischof aus Lykien, einer Gegend, die heute zur Türkei gehört. Popularisiert wurde der dicke, ältere Herr mit Rauschebart aber schließlich von Coca Cola.

Aber soviel nur zur "jahrhundertealten europäischen Tradition", die von rechtsaußen so gern bemüht wird. Denn auch in Erika Steinbachs aktueller Enthüllung steckt – außer Schokolade – hauptsächlich heiße Luft.

Lindt, der Hersteller der angeblichen "Jahresendfigur", sagt Mimikama: "Der Lindt-Weihnachtsmann ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil in unserem Weihnachtssortiment – und wird es auch bleiben. In unserem Online Shop in Deutschland und in unseren Lindt-Boutiquen sind nach wie vor die Lindt Weihnachtsmänner mit entsprechendem Produktnamen zu finden."

Wie es zu der Bezeichnung auf dem Preisschild kommt, lässt sich erstmal nicht nachvollziehen. Das ursprüngliche Bild lässt sich praktisch nicht mehr zuordnen. Allerdings meldet das Deutsche Technikmuseum, dass der Begriff "Jahresendfigur" scherzhaft in der DDR benutzt wurde. Der MDR sagt gar, dass die Bezeichnung 1971 in einem Katalog der DDR-Werbeagentur DEWAG verwendet wurde. Also schon wieder nichts mit der Islamisierung.

Immerhin: auf wütende Bürger ist Verlass. Deswegen kann man sicher davon ausgehen, dass auch zu Weihnachten 2018 die komplett gleichen Horrorgeschichten ausgepackt werden. Dieser Artikel wird auch dann nichts an Aktualität eingebüßt haben. 

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