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Antimuslimischer Rassismus in MV Abends nicht mehr auf die Straße zu gehen ist Alltag

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Diskussionsveranstaltung im Rathaus von Ludwigslust (Quelle: Lola für Demokratie)

Am 22. August fand die Abschlussveranstaltung des Projektes statt. Nach 15 Monaten Projektarbeit wurden die Ergebnisse im Rathaus Ludwigslust präsentiert. Muslimische und nichtmuslimische Bürger_innen sprachen mit den am Projekt beteiligten Expert_innen über Handlungsmöglichkeiten, Schutzkonzepte und Beispiele gelingenden Zusammenlebens. 

Das Projekt: Recherche, Politikumfrage und eine Broschüre mit Erfahrungsberichten

Das Projekt bestand aus drei Teilen. Ein Aspekt war die Recherche zu aktuellen Themen wie beispielsweise dem geplanten Moscheebau in Rostock oder der Mobilisierung durch MVGida. Außerdem wurde eine Politikumfrage unter den etablierten Parteien durchgeführt, bei der die Wahlprogramme im Hinblick auf das Thema Religion, insbesondere Islam, untersucht wurden. Schließlich veröffentlichten  „Lola  für Demokratie“ und die Amadeu Antonio Stiftung als Kern des Projektes gemeinsam eine Broschüre, in denen Muslim_innen aus Mecklenburg-Vorpommern von ihren Erfahrungen berichten. 

Miteinander reden, nicht übereinander

„Im Projekt haben wir immer versucht, nicht über sondern mit  Menschen sprechen. Der Fokus lag auf den Perspektiven und Erfahrungen der Muslim_innen selbst“, sagt Tobias Scholz, Mitarbeiter der Amadeu Antonio Stiftung und Moderator der Abschlussveranstaltung. Dies gilt besonders für die Broschüre, für die viele Menschen interviewt wurden. Umso mehr bedauert Tobias Scholz, dass Sanaa Laabich von der islamischen Gemeinde Greifswald wegen eines ausgefallenen Fluges nicht an der Abschlussveranstaltung in Ludwigslust teilnehmen konnte, um von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen. Dank der regen Beteiligung vieler muslimischer Besucher_innen gab es im Laufe der Diskussionsveranstaltung aber dennoch viele persönliche Erfahrungsberichte.

Ein muslimischer Diskussionsteilnehmer, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, erzählte beispielsweise von seinen Erlebnissen der letzten Jahre: „Zuerst war ich in München. Da gab es eine muslimische Community, ein muslimisches Zentrum, gemeinsame Feste. Hier gibt es solche Angebote nicht. Seit es die Diskussion über Flüchtlinge gibt, seit dieser Solidaritätskrise, ist es schlimm geworden. Ich bin mindestens dreimal beleidigt worden. Dann kam meine Mutter zu Besuch, sie trägt ein Kopftuch. Ich habe so viele Leute schlecht über sie reden hören, Gott sei Dank hat sie die nicht verstanden. Ich habe doch hier studiert, ich arbeite hier, habe eine deutsche Frau und Familie in Deutschland. Und trotzdem immer wieder diese Fragen: Woher kommst du? Was ist mit dem IS? Ich bin sogar gefragt worden, ob man da, wo ich herkomme, noch auf Kamelen reiten würde.“ 

Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern: Ergebnisse der Uni Bielefeld

Daniela Krause, Soziologin an der Uni Bielefeld, konnte in die Diskussion einige Forschungsergebnisse einbringen. Von 2003 bis 2014 beobachtete sie in einer Längsschnittstudie die Verbreitung von Vorurteilen in Deutschland. Zu antimuslimischen Vorurteilen in Mecklenburg-Vorpommern sagte sie: „In den neuen Bundesländern sind Vorurteile noch stärker verbreitet als in den alten. Etwa ein Drittel der nichtmuslimischen Bevölkerung in MV hat muslimfeindliche Einstellungen. Da können wir auch nicht mehr davon sprechen, dass es diese Vorurteile nur am Rand der Gesellschaft gibt. Sie sind schon lange in der Mitte angekommen.“ 

Die tatsächliche Religiosität spielt keine Rolle

Bei antimuslimischem Rassismus ist zentral, dass davon nicht nur diejenigen betroffen sind, die wirklich muslimisch sind. Da die tatsächliche Religiosität für die Diskriminierungserfahrung nicht immer eine Rolle spielt, macht es Sinn, von antimuslimischem Rassismus zu sprechen statt von Islamfeindlichkeit. „Bei allen Leuten, die vermutlich aus muslimischen Ländern kommen, wird sofort vermutet, dass sie auch gläubige Muslim_innen sind“, sagte dazu Imam-Jonas Dogesch, der bei Ökohaus Rostock arbeitet und Sprecher von Migranet MV ist. „Ich bin ein gutes Beispiel dafür. Die Leute sehen mich immer als Moslem – das bin ich aber gar nicht“, erzählte er. 

Das Hauptproblem bei Diskriminierungserfahrungen: permanenter Rechtfertigungszwang

Tahera Ameer arbeitet beim „Projekt Schutzschild“ der Amadeu Antonio Stiftung. Sie hat die Interviews für die Broschüre geführt. „Alle meine Interviewpartner_innen haben gesagt, dass sie sich nach 20 Uhr nicht mehr alleine auf die Straße trauen. Geschlecht und Alter machen da keinen Unterschied. Und keine dieser Personen nimmt das als Diskriminierungserfahrung wahr – das ist ganz einfach der Alltag aller Interview_partnerinnen gewesen“, erzählte sie.

Das Hauptproblem sei für die meisten Befragten ein anderes: der permanente Rechtfertigungszwang für alles, was irgendwie mit dem Islam in Verbindung gebracht wird. Ein Veranstaltungsbesucher lieferte dafür dann im Laufe der Diskussion direkt ein Beispiel: „Es ist mir einfach völlig unverständlich, dass 12- oder 13-jährige Mädchen in muslimischen Ländern zwangsverheiratet werden“, meldete er sich zu Wort – ohne dass es für diese Aussage irgendeinen Zusammenhang zu der laufenden Diskussion gab.

Ebenso ausschließend sei die immer gleiche Frage nach der wirklichen Herkunft. „Jedes Mal, wenn ich mich unterhalte, kommt irgendwann die Frage: Wo kommst du denn her?“, erzählte eine muslimische Teilnehmerin. „Ich antworte dann: aus Ludwigslust. Dann werde ich wieder gefragt: Nein, wo kommst du wirklich her? Dann nenne ich den Straßennamen und schließlich die Hausnummer. Man muss das ignorieren und mit Humor nehmen – anders geht es nicht.“

Tahera Ameer berichtete von einer ähnlichen Situation, die ihr eine Interviewpartnerin geschildert hat: „Sie ist Psychologin und sollte in einem Kindergarten eine Traumreise mit den Kindern machen. Weil sie ein Kopftuch getragen hat, fragte die Erzieherin sie: Na, wo kommen wir denn her? Die junge Frau hat schon immer in Deutschland gelebt. Das wurde als Antwort aber nicht akzeptiert. Hier wird Fremdheit konstruiert. Im Kern geht es dann doch um die Frage: Wer entscheidet darüber, wer wann dazu gehört?“ 

Was tun gegen antimuslimischen Rassismus?

Am Ende der Veranstaltung wurde über mögliche Reaktionen auf antimuslimischen Rassismus diskutiert. „Die Reaktionen der Betroffenen sind immer eine Frage des persönlichen Widerstandswillen und der persönlichen Widerstandskraft“, sagte Tahera Ameer.

Aber wie kann und soll die Politik reagieren? In der im Rahmen des Projekts durchgeführten Politiker_innen-Befragung zeigte sich, dass Themen wie Religion und Islam kaum in den Wahlprogrammen der etablierten Parteien zu finden seien – und das, obwohl die AfD doch grade mit diesen Themen versucht, Wähler_innen zu mobilisieren. Andreas Katz, Landesvorsitzender der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, wagte einen Erklärungsversuch: „Besonders die großen Parteien zielen auf die Stimmen der Mehrheitsgesellschaft ab. Vielleicht ist es deshalb nicht so ein großes Thema. Das halte ich allerdings für sehr gefährlich.“

Daniela Krause meinte: „Kontakt und gegenseitiges Kennenlernen helfen gegen Vorurteile – aber das muss auf Augenhöhe passieren!“ Darum ist ihr Rat für die Politik: „Es ist sehr wichtig, dass manche Dinge selbstverständlicher werden. Es sollte zum Beispiel in Zukunft auch selbstverständlich sein, dass viel mehr Migrant_innen im öffentlichen Dienst arbeiten.“ Stella Hindemith von „Lola“ fügt hinzu: „Ein wichtiges politisches Signal wäre auch, wenn sich endlich eine Partei finden würde, die sich aktiv für den Moscheebau in Rostock einsetzt.“

 

Mehr Informationen zum Thema

Die Broschüre zum DownloadInternetseite von „Lola für Demokratie“

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