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Glatzenbrot und Lebensrunen

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Außer der blau-weißen Pommernflagge, die schlaff am Fahnenmast im Vorgarten hängt, ist nichts Auffälliges an dem Bauernhaus in Salchow, einem vor-pommerschen Flecken 30 Kilometer südlich von Greifswald. Der Zaun ist gepflegt, am Briefkasten stehen vier Familiennamen, auf dem Hof liegt ein Kieshaufen mit Kinderspielzeug. Bei genauem Blick entpuppt sich das Gebäude als Logistikzentrale der NPD: Hinterm Haus lagert palettenweise Propagandamaterial, gerade lädt ein Mitarbeiter der sächsischen Landtagsfraktion mit vier jungen Männern Bündel druckfrischer Wahlkampfzeitungen aus einem Kombi. Einer von ihnen, der Hausbesitzer, geleitet den Reporter freundlich, aber bestimmt zurück ans Hoftor. Über seiner breiten Brust spannt sich auf einem roten T-Shirt der Spruch „Opa war in Ordnung“, mit dem Neonazis aus der Region vor drei Jahren gegen die Wehrmachtausstellung mobilmachten. Das Haus nennt er ein „Nationales Wohnprojekt“, und ja, natürlich helfe er der NPD. „Man tut, was man kann“, sagt er und winkt freundlich einem Nachbarn zu, der gerade im Auto vorbeifährt.

„Nationalisten wollen nicht aus der Gesellschaft aussteigen“

Am 17. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Die jüngste Umfrage sieht die NPD bei sechs Prozent. Die Partei hat mit Plakaten das Land überzogen „Touristen willkommen, Asylbetrüger raus“ steht darauf oder „Ländliche Schulen erhalten!“. Doch nicht wegen ihrer Slogans hat die NPD Chancen auf einen Sprung ins Schweriner Schloss, im ganzen Land – und am stärksten in Vorpommern – haben sich in den vergangenen Jahren Neonazi-Kameradschaften etabliert. Nahezu ungestört konnten Rechtsextremisten regelrechte Parallelgesellschaften aufbauen, aus denen heraus sie in die Gesellschaft hineinwirken und die NPD stützen. In solchen Gegenden erreicht die Partei heute bis zu ein Fünftel der Wähler – auch dann, wenn der landesweite Zuspruch nicht für einen Landtagseinzug reicht. Der Hof in Salchow ist eine „National Befreite Zone“. Unter dem Begriff verstanden Neonazis niemals nur Gebiete, in die Ausländer und Andersdenkende sich nicht hineinwagen können, sondern auch Rückzugsorte und Operationsbasen. Nationalisten müssen sich Eigentum schaffen – für Wohnraum, Werkstätten und Kulturarbeit war 1999 ein NPD-Strategietext überschrieben. Vorbild sind die linken Kommunen der siebziger Jahre. „Nationalisten wollen nicht aus der Gesellschaft aussteigen, sondern sie beeinflussen und verändern“, betont das Papier – als Erstes mache man sich „durch tadelloses Auftreten“ bei den Nachbarn beliebt. Dann stört es bald auch niemanden mehr, wenn – wie in Salchow – Neonazis ein und aus gehen oder in der Scheune Skinhead-Konzerte stattfinden. Die Polizei jedenfalls kann kaum mehr eingreifen, es sind ja Privaträume.

Zudem bastelt die Szene in Vorpommern an ihrer ökonomischen Unabhängigkeit. Ein ehemaliger Salchow-Bewohner hat im nahen Anklam einen Laden für rechtsextreme Musik und Kleidung eröffnet. In Wolgast gründete ein Rechtsextremist ein Internet-Café und einen Getränkeservice namens Alkoholnotruf. Ein Kamerad baute einen Dachdeckerbetrieb auf und wirbt mit der bei Neonazis beliebten Lebensrune für seine Firma. „Es gibt bereits ein ganzes Geflecht rechter Firmen, vor allem in der Baubranche“, sagt Günther Hoffmann vom Anklamer Verein Bunt statt Braun, der seit Jahren die Entwicklung beobachtet. Nach außen träten viele „als normale Kleingewerbler“ auf, im Stillen stützten sie „die Bewegung“, mit Spenden etwa oder mit Lehrstellen für den Nachwuchs.

Nicht die NPD, sondern die Skinhead-Organisation Blood & Honour war Geburtshelfer der Strukturen in Vorpommern. Bis 1998 konnte sie im Gasthaus Zur Linde in Klein Bünzow, einem Nachbardorf von Salchow, ungestört Konzerte veranstalten; aus ganz Deutschland reiste das Publikum an, und die örtliche Szene wurde dort politisiert. Kommunalpolitiker beschwichtigten damals, die Jungs würden sich schon beruhigen, wenn sie erst Frau und Kind hätten. Heute haben sie Familien, aber die sind für sie Teil des Kampfes um „den biologischen Fortbestand unseres Volkes“, wie es Michael Gielnik ausdrückt. Er ist 23 Jahre alt, KfzMechaniker und Führer einer Neonazi-Kameradschaft auf der Insel Usedom. Zur Landtagswahl kandidiert er auf Platz 7 der NPD?Liste. Fast alle Neonazi-Kader in Vorpommern sind heute zwischen Mitte 20 und Mitte 30, aus dieser Generation stammt auch jener Neonazi, der einst in Anklam aufwuchs und 2003 überregional bekannt wurde, weil er in München einen Anschlag auf den Neubau der Synagoge plante. Gielnik ist einen anderen Weg gegangen, mit der Polizei geriet er bisher nur wegen Propagandadelikten in Konflikt. Er ist einer der Führer des Sozialen und Nationalen Bündnisses Pommern, einer Dachorganisation verschiedener Neonazi-Gruppen. In den Landtag will er, „um diese Bühne nicht den Feinden unseres Volkes zu überlassen“. Zum Interview erscheint er gemeinsam mit Tino Müller, 28, einem Maurer, ebenfalls Kameradschaftsführer und auf Platz 2 der NPD-Liste. Beide sind in ihrem Auftreten typisch: Im äußersten Nordosten kommen die Neonazis meistens ordentlich daher, die Haare kurz, aber nicht zu kurz. Sie tragen Zimmermannshosen und klein karierte Hemden. Sie sagen laut und deutlich guten Tag, wenn sie ein Café betreten, und gehen sie dort aufs Klo, machen sie hinterher brav das Licht wieder aus. Sie haben zum Beispiel den Heimatbund Pommern und den Kulturkreis Pommern gegründet, wo sich Jungs und Mädels zum Volkstanz treffen. Längst sind sie in der Region so bekannt, dass sie zu Silberhochzeiten und Dorffesten eingeladen werden. Vordergründig pflegen sie bloß alte Bräuche, nebenbei bringen sie völkische Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft unter die Leute – geschickt bedienen die Neonazis die verbreitete Sehnsucht nach Heimat, Sicherheit und heiler Welt.

Oft sind Neonazis die Einzigen, die überhaupt noch politisch aktiv sind

Gielnik, Müller und Kameraden sind emsig. Als in Ueckermünde vor drei Jahren ein Asylbewerberheim entstehen sollte, gründeten sie flugs eine Bürgerinitiative Schöner und Sicherer Wohnen und sammelten 2000 Unterschriften dagegen. Beim traditionellen Hafffest rudern sie im Bootskorso mit und werfen NPD?Bonbons unter die Passanten. Sie protestieren gegen Irak-Krieg, Hartz IV und die Privatisierung von Krankenhäusern. Sie schreiben an den Bund der Steuerzahler, wenn die Behörden Geld verschwenden. Sie engagieren sich in Elternvertretungen. Sie geben eine eigene Zeitung heraus, den Insel-Boten, mit mehreren Lokalausgaben und einer fünfstelligen Auflage. Gegen Kader wie Gielnik und Müller helfen keine Sozialarbeiter, sie sind selbst welche. Ihre Organisationen laden zu Fußballturnieren, Angelausflügen und Sonnenwendfeiern ein. An vielen Orten sind die Kameradschaften und deren Vorfeldorganisationen die Einzigen, die überhaupt noch aktiv sind. 150 bis 250 Leute werden ihnen in Vorpommern zugerechnet. Die Junge Union beispielsweise hat in der Region nicht einmal 50 Mitglieder. Das „einzige Problem“ von Kameradschaften, sagt Tino Müller, sei, dass sie nicht wählbar sind. Vor einem Jahr sind er, Gielnik und ihre Leute deshalb in die NPD eingetreten, haben sie regelrecht übernommen.

Bis dahin war die NPD in Vorpommern eher schwach gewesen, eigentlich gab es nur Michael Andrejewski, einen 47-jährigen arbeitslosen Juristen, der 2003 von Hamburg nach Anklam übergesiedelt war. Gezielt hatte er sich damals eine Wohnung im Plattenbauviertel gesucht, schon ein Jahr später zog er mühelos in Stadtrat und Kreistag ein. Dort gelingt es ihm immer wieder, die demokratischen Parteien vorzuführen. Ende August etwa stritt der Anklamer Stadtrat wieder einmal darüber, ob der alte DDR-Bürgermeister eine Ehrennadel verliehen bekommen solle oder nicht – Andrejewski aber stellte einen Dringlichkeitsantrag gegen die Schließung der letzten Postfiliale der Stadt, was die Bürger sehr viel mehr interessiert. Als der Bürgermeister vor Monaten seine Stadtvertreter aufrief, dem Förderverein zum Wiederaufbau der Nikolaikirche beizutreten, stellte Andrejewski als Einziger einen Aufnahmeantrag. Der Vorstand sah danach „keinen Grund, diesen abzulehnen“, wie sich Vereins-Chef Wilfried Hornburg erinnert. Andrejewski sei doch „Mitglied einer zugelassenen Partei“. Der wirbt nun auf seiner Homepage mit dem Engagement und plant schon den nächsten Schritt. „Die Idioten“ in Berlin, sagt er, hätten gerade das Rechtsberatungsgesetz geändert, nun werde er für die NPD eine Hartz-IV-Beratungsstelle einrichten und die Arbeitsagentur „mit Klagen“ ersäufen.

Auf den erwarteten Einzug in den Landtag hat sich Andrejewski bereits mit einem Praktikum bei der NPD-Fraktion in Sachsen vorbereitet. „Wir haben den absoluten Willen, einen Neuanfang für unser Volk zu erreichen“, sagt Michael Gielnik, und das darf man ihm getrost glauben. Als Tino Müller vor einem Jahr zur Bundestagswahl erstmals für die NPD kandidierte, holte er in seinem Stadtbezirk gleich 21,8 Prozent.

Ein Stadtrat wollte alle politischen Demonstrationen pauschal verbieten

Angesichts der Offensive der Neonazis wollte der Ueckermünder Stadtrat im vergangenen Jahr allen Ernstes Demonstrationen im Stadtgebiet pauschal untersagen – dass dies schlicht grundgesetzwidrig wäre, musste den Kommunalpolitikern erst erläutert werden (heute, immerhin, unterstützt die Stadt eine Initiative gegen Rechtsextremismus). Und in Anklam sagt der Bürgermeister – statt offensiv Demokratie und Pluralismus zu verteidigen -, er finde eine „Demokratur“ eigentlich auch besser.

Kein Wunder, dass in Vorpommern wachsenden Teilen der Gesellschaft der Sinn abhanden kommt für das, was sich gehört und was nicht. Seit Jahren kann ein rechtsextremistischer Dachdecker mit der Lebensrune in einem Schaukasten direkt vor dem Anklamer Gymnasium werben, ohne dass es jemanden stört. Der örtliche Trabi-Club fand es witzig, bei seiner Disko einen „DJ Völkermord“ an den Plattenteller zu lassen. Im Bäckerladen von Ducherow liegt im Regal neben dem „Hansebrot“ ein Brot namens „Glatze“ mit schöner brauner Kruste. Obwohl Neonazis seit Jahren die germanische Sagenwelt zur Popularisierung ihrer Ideologie nutzen, wurden im letzten Jahr zwei junge Wölfe im Tierpark Ueckermünde Wotan und Thor getauft. Tino Müller versichert, damit habe er nichts zu tun. Vermutlich stimmt das sogar. So weit ist es schon.

Erschienen in DIE ZEIT vom 07.09.2006 Nr. 37

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