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Heimatliebe im App-Store „Patriot Peer“ als Mischung aus Tinder und Pokemon Go

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"Patriot Peer" zeigt sich auf Facebook mit optischen Anspielungen auf "Pepe den Frosch" der "Alt Right"-Bewegung. 2.200 (einsamen?) Patriot_innen gefällt das. (Quelle: Screenshot Facebook, 28.02.2017)

 

 

Internet, das liebt die „Identitäre Bewegung“. Martialisch inszenierte „Youtube“-Videos zeigen , wie einige Mitglieder der Identitären Bewegung auf das Brandenburger Tor klettern und ein Transparent mit der Aufschrift „SICHERE GRENZEN – SICHERE ZUKUNFT“ ausrollen. In einem anderen Video kauern einige Identiäre vor der CDU-Parteizentrale in Berlin und protestieren gegen Merkels „Multikultiwahn.“ Diese letztlich reichlich unspektakulären Aktionen werden von den Identitären im Internet als „Besatzung“ abgefeiert und in Szenekreisen bejubelt.

Martin Sellner, einer der führenden Akteure der Identitären Bewegung in Österreich, will jetzt mit einem  Crowdfunding-Projekt den nächsten Schritt wagen. Die Smartphone-App mit dem Namen „Patriot  Peer“, die Sellner erstmals auf dem Kongress „Remigration & Leitkultur“ der Identitären Bewegung Ende Januar in Graz vorstellte, soll als eine Art digitaler Kompass dienen und rechte Akteur_innen vernetzen. Der sogenannte Patrioten-Radar zeigt dabei alle gleichgesinnten App- User_innen in der näheren Umgebung an. Als grüne Punkte sind neue Kameraden und Kameradinnen angegeben, die der geneigte „Patriot Peer“-Nutzer noch nicht mit der App „gescannt“ hat. Treffen zwei Patriot_innen aufeinander, kann durch das Scannen des jeweils anderen QR-Codes der Punkt auf dem Radar des anderen blau gefärbt werden. Man hat sich getroffen, man hat sich ausgetauscht und vernetzt. Ein wenig wie bei einer Dating App, nur das hier das „Knacken der Multikulti-Firewall“ und die Zerschlagung der „political correctness“ maßgeblich im Vordergrund stehen, und (vermutlich) nicht sexuelle Intentionen.

 

„Patriot Peer“ als App für die „schweigende Mehrheit“

 

Sellner, der auch für die neurechte Zeitschrift „Sezession“ schreibt und vor kurzem noch in einer Wiener U-Bahn mit einer Schreckschusspistole um sich schoss, stellt die App in einem Video auf der „Patriot Peer“-Homepage vor. Die App sei dafür da, um eine angeblich schweigende rechte Mehrheit aufzuwecken und zu vernetzen. Laut Sellner müsse nicht auf das Brandenburger Tor geklettert werden, um sich politisch zu beteiligen. Auch durch niedrigschwelligen Aktivismus wie durch das Nutzen der App könnten User_innen weltweit ein patriotisches „Coming out“ herbeiführen. Mutige Ambitionen für eine App, die zunächst bei der  Crowdfunding- Plattform „Kickstarter“ beworben und finanziert werden sollte, wo sie aber nach breiten Protesten gestoppt wurde . Mittlerweile haben die Identitären auf einer ein zweites Croudfunding-Projekt in die Wege geleitet. Über 10.000€ haben die Patriot_innen gesammelt, 10.000€ fehlen noch, um das Ziel zu erreichen. In den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke stehen eigentliche Anhänger_innen der Neuen Rechten dem App-Projekt kritisch gegenüber. Denn die von besorgten Patriot_innen formulierten Bedenken, die App könnte von Sicherheitsbehörden oder Linken gegen die User_innen genutzt werden, werden im FAQ der Webseite kaum zerstreut. „Wer diese App benutzen will, um Straftaten an Patrioten zu begehen, wird sich wünschen sie nie heruntergeladen zu haben. ;)“, kommentiert Sellner. Die Frage, ob nicht Linke die App nutzen könnten, um Patriot_innen anzugreifen, wird zudem mit der schwachen Gegenfrage „Würdest du als Patriot eine App nutzen, die von Linken für Linke programmiert wurde?“ beantwortet. Chapeau, Herr Sellner, chapeau. 

 

Das Spiel heißt Nationalismus

 

Neben den bereits erwähnten Funktionen, andere Rechte mit dem „Patrioten-Radar“ zu orten und zu scannen, soll die noch nicht veröffentlichte App eine Level-Funktion beinhalten. Nationalismus als Unterhaltungsmedium, indem man ähnlich wie in „Pokemon go“ durch häufige Interaktionen die virtuelle Karriereleiter hinaufklettert. Ranghohe Patriot_innen, die schon viele Punkte gesammelt haben, können leichter verdächtige (linke) Accounts melden und bekommen regelmäßig Belohnungen. Punkte lassen sich auf drei Arten verdienen: Einmal durch „Aktivismus“ – durch das Scannen anderer App_User_innen oder durch das Kleben von Aufklebern zur App, die dann erhältlich sein sollen. Zweitens durch „Kultur“ – das Besuchen von Denkmälern und Kirchen winkt mit dicken Extrapunkten. Außerdem kann durch „Treffen“, also dem Besuchen von Stammtischen und Events, virtuelles Prestige erlangt werden. Das klingt nach Satire, die Identitären meinen es aber ernst. Nationalismus wird zum Spiel und Sellner ist der Spielleiter. Die App passt damit in das Konzept der Identitären Bewegung, die mit einer regelrechten „Spaßguerillia“ versuchen will, vor allem junge Menschen für ein rechtes Gedankengut zu begeistern. Ob „Patriot Peer“ allerdings tatsächlich den Weg in den Android und IOS Store schafft und ob diese App überhaupt innerhalb und außerhalb der Szene Anklang findet, bleibt abzuwarten.

In dem Vorstellungsvideo formuliert Martin Sellner den Zweck der App außerdem so: Durch „Patriot Peer“ kann ein „Massenausbruch der Patrioten aus dem Gefängnis der Angst und Einsamkeit“ gelingen. Vielleicht steht also doch nur eine Datingapp für Neonazis vor den virtuellen Türen der App-Stores.

 

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