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Interview #ichbinhier statt Hass im Netz

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Der Initiator von #ichbinhier: Hannes Ley

 

 

Wer schon mal versucht hat einen hetzerischen Beitrag zu melden, in der Hoffnung, dass der Konzern ihn löscht, weiß, wie gering die Erfolgsaussichten sind. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, rassistische oder sexistische Hetze gehören leider zum Standardrepertoire vieler Facebook-Nutzer. Klar, stellt sich da die Frage: Was kann ich tun? Was bringt es darunter zu kommentieren und sich auf einen Streit einzulassen, womöglich noch mit einem Fakeprofil? Außerdem besteht die Gefahr, selbst Ziel des Hasses zu werden.

Die Facebookgruppe “#ichbinhier“ hat dafür ein Konzept. Sie versucht Menschen zu verbinden, die sich am gegenwärtigen Umgangston in den sozialen Medien stören und gegen “Hate Speech“ vorgehen wollen. Das Prinzip ist einfach, aber effektiv. In der Gruppe werden Artikel oder Posts von Nachrichtenseiten geteilt, unter denen Hassbeiträge oder Beleidigungen stehen. Daraufhin kommentieren Mitglieder der Gruppe unter dem Hashtag #ichbinhier, um eine sachliche Diskussion ohne Hass und Beleidigungen in Gang zu bringen. Das Ziel ist, gegen Fake News und Hate Speech vorzugehen und eine respektvolle Ebene der Diskussion zu eröffnen. Die Hetzer haben nicht mehr das Gefühl in der Mehrheit zu sei. Dies spiegelt sich auch im Selbstverständnis wider:

“#ichbinhier steht für konstruktiven Dialog in den Sozialen Medien. Ohne Hass, ohne Hetze, ohne Fake News. Wer das befürwortet, ist bei uns willkommen.“

Hannes Ley hat die Facebookgruppe, die mittlerweile 29.120 Mitglieder (Stand: 11. April 2017) hat, im Dezember 2016 gegründet und betreut sie zusammen mit 20 ehrenamtlichen Helfer_innen. Das Vorbild stammt aus Schweden, wo Mina Dennert begann, unter dem Hashtag #jägarhär Hass-Postings zu kommentieren.

 

An wen richten sich die Kommentare von #ichbinhier? An den Kommentierenden oder diejenigen, die die Hetze lesen?

Hannes Ley: Das kommt darauf an. Bei klarer Hetze ist es schwierig, Menschen umzustimmen. Daher sind die eigentliche Zielgruppe die Mitlesenden, die die Kommentare in ihrem Feed sehen.

Manchmal kommen wir aber dennoch mit Menschen ins Gespräch, die sich abfällig äußern. Die Meinung dieser Person komplett zu verändern, ist selten möglich. Es gab aber auch schon Fälle, wo wir Menschen mit Argumenten überzeugt haben. Ab und an kommt es zumindest zu einem “digitalen Handshake“, bei denen beide Seiten respektvoll aus der Diskussion gehen.

 

Im diskutierten Artikel von “Welt.de“ geht es um den Vorwurf, dass die Seerettung von Geflüchteten vor allem Schleppern helfe. Unter #ichbinhier wird dagegen argumentiert.

 

Rechte Gruppen sind sehr aktiv im Internet und gut vernetzt. Wie schützt ihr euch vor Unterwanderung und wie geht ihr damit um?

Es gibt Maulwürfe in der Gruppe, die interne Diskussionen veröffentlichen. Das lässt sich nicht verhindern, da oft Fake-Profile verwendet werden. Wenn jemand den Hashtag missbraucht, fällt das generell schnell auf. Wir kommentieren dann darunter, dass der Kommentar nicht aus der Gruppe kommt und ein Missbrauch vorliegt. Dann versuchen wir das inhaltlich aufzuarbeiten und dagegen zu argumentieren.

 

Ist die Anonymität der Verfasser_innen ein Problem?  

Es gibt in der Gruppe keine Regel, dass Klarnamen verwendet werden müssen. Manche Mitglieder waren Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt und haben sich daher geschützt, indem sie ihr Profil sichern oder einen anderen Namen verwenden. Ich persönlich ziehe Klarnamen vor. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der man nicht mit Klarnamen diskutieren kann.

 

Nach drei Monaten Erfahrung: Was funktioniert bei #ichbinhier gut, vielleicht sogar besser als anderswo?

Ich denke zu unseren Erfolgen zählt, dass wir es geschafft haben, Menschen, die vorher nicht politisch interessiert waren, zu aktivieren. Dadurch sind eine rege Partizipation und ein Teamgefühl in der Gruppe entstanden, die vielen Mut und Hoffnung gibt.

Insgesamt haben wir es geschafft ungefähr 200-250 Kommentarspalten zu drehen. Pro Tag gibt es bei uns drei Aktionen, bei denen wir uns einschalten.

 

Gibt es Konfliktpunkte innerhalb der Gruppe?

Einzelne Gruppenmitglieder haben eine klare Positionierung gegen die AfD gefordert. Das halten wir aber für problematisch, da wir uns als überparteilich sehen. Wir haben klare Prinzipien: Sachlichkeit, Differenzierung und Empathie.

 

Ist das Prinzip auch auf die Offline-Welt übertragbar?

Durch das Kommentieren verlassen wir unsere Filterblasen und Echokammern. Ob das in der Offline-Welt anwendbar ist, ist fraglich. Es gibt ja schon einige Beispiele, wo das versucht wurde. Aus meiner Sicht ist die Situation gerade aber so hitzig, dass noch keine Grundlage für eine differenzierte Debatte da ist. Das Gespräch mit gemäßigten Personen sollte aber durchaus eine Option sein.

 

Kann das Projekt das Diskussionsklima dauerhaft verändern?

Subjektiv würde ich sagen, dass die Stimmung besser geworden ist, seit es uns gibt. Das kann aber auch an der Schwäche der Populisten liegen, die selber gerade einige Probleme haben. Oder es ist die Ruhe vor dem Sturm und es geht erst zum Wahlkampf im Sommer richtig los.

Unser Ziel ist erstmal eine Stimmung herzustellen, bei der diskutiert werden kann. Dann kann man erst über praktische Lösungen nachdenken. Ob das in den Kommentarspalten möglich ist, weiß ich nicht.

Auf der anderen Seite wollen wir auch Druck auf die Medien machen. Dadurch, dass wir auf Hate Speech aufmerksam machen, sind Facebook und staatliche Akteure gezwungen, zu reagieren.

 

Unter der Meldung über eine Vergewaltigung lassen sich viele am Aussehen des gesuchten Täters aus. #ichbinhier versucht den Fokus auf das Leid der Opfer zu richten. Im oberen Kommentar missbraucht jemand den Hashtag.

 

Ersetzt Counter Speech die Meldefunktion? Oder gibt es für euch Grenzen der Diskussion?

Es ist nicht immer so einfach zu erkennen, ob eine Beleidigung strafrechtlich verfolgt werden kann oder nicht. Oft befinden sich Aussagen im Graubereich. Und selbst, wenn strafrechtliches aus dem Netz verschwindet, werden Beleidigungen bleiben.

Counter Speech geht gegen diese Beleidigungen vor und versucht einen konstruktiven Ton anzuschlagen. Trotzdem sollte sich Facebook an seine eigenen Standards und Ansprüche halten und Kommentare löschen, die klar gegen die Regeln verstoßen. Spätestens beim Aufruf zur Gewalt ist eine Grenze erreicht.

 

Wie stellt ihr euch generell den Umgang von Facebook und Co mit Hate Speech vor?

Facebook wirbt damit, dass Authentizität das wichtigste Ziel ist. Wie kann es dann sein, dass es tausende Fake-Profile gibt? Und wieso ist die Quote von gelöschten Meldungen so niedrig, wenn sie doch ganz klar gegen Richtlinien verstoßen?

Hier geht es aber nicht nur um den Umgang von Facebook mit seinen Kommentaren, sondern auch um die Frage, wer eigentlich für die Einhaltung des Rechts im Netz verantwortlich ist. Facebook oder der Staat in Form von Gerichten, die strafrechtlich relevante Inhalte verfolgen müssen?

 

Wer kann alles mitmachen? Wie kann man das Projekt unterstützen?

Bei uns mitzumachen, ist an sich recht einfach. Bei der Gruppe auf Facebook kann ein Antrag auf Mitgliedschaft gestellt werden. Wir schauen dann kurz über die Profile, ob dort demokratische Inhalte geteilt werden und ob es ein echtes Profil ist. Wer rassistische oder sexistische Inhalte veröffentlicht, kommt nicht in die Gruppe. Aber wer sich am derzeitigen Diskussionsklima stört, ist bei uns herzlich willkommen.

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