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Nachruf Sie wollte immer genau wissen, was die Amadeu Antonio Stiftung an jedem Tage tut

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Das Foto zeigt Barbara Schweigkofler gemeinsam mit ihrem Mann Günter bei der Feier "10 Jahre Antonio Amadeu Stiftung".

Sie kam so oft sie konnte mit ihrem Mann Günther Schweigkofler nach Berlin, um sich mit den Projekten zu beschäftigen. Sie korrigierte jeden Monat unseren Newsletter und andere Publikationen und gab uns viele Anregungen auf ihre bescheidene, freundliche und dezente Art. Barbara Schweigkofler war Teil unseres Teams und noch weit mehr: Sie war es, die von dem Sitz der Stiftungsverwaltung in Heidelberg sich immer nach der Wirkung unserer Projekte erkundigte. Wenn Barbara Schweigkofler fragte, wie sie sich die Arbeit in einem bestimmten Projekt genau vorstellen soll, dann meinte sie das niemals rhetorisch. Sie wollte immer genau wissen, was die Amadeu Antonio Stiftung an jedem Tage tut und ob dies das Leben von Menschen real verbessert. Sie wollte Beispiele kennen. Sie wollte Veränderung. Deshalb will ich Ihnen in Barbara Schweigkoflers Sinne zwei dieser Geschichten erzählen.

Unsere Mitarbeiterin schaut hin und kümmert sich

Die erste handelt in Ludwigslust, wo die Amadeu Antonio Stiftung mit dem Projekt „Lola für Lulu“ zum Thema „Geschlechterrollen und Rechtsextremismus“ aktiv ist. Hier werden Frauen dabei unterstützt, sich in der Kommunalpolitik stärker für ihre Interessen einzusetzen. Mädchen und Jungen erfahren, was das rechtsextreme Menschenbild ihnen über Geschlechterrollen vorzuschreiben versucht und lernen sich mit Gleichaltrigen über demokratische Kultur, das heißt über Gleichwertigkeit aller Menschen, auseinanderzusetzen. Frauen, die aus der Naziszene aussteigen wollen, bekommen hier Hinweise darüber, wie sie es schaffen können. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit Einwanderern und Flüchtlingen in der Region. Es gibt eine iranische Familie mit drei Kindern, die nun mitten in Mecklenburg lebt. Die Ehe ist schwierig, die Kinder fühlen sich mies, weil sie keine Freundinnen und Freunde haben und der Stress zu Hause schwer auszuhalten ist. Als ein Geschwisterchen geboren wurde erschienen sie nicht mehr in der Schule. Die Familie ist beim Jugendamt bekannt. „Lola“ hat Kontakt zu Jugendamt und Familie, die nach der Schließung des Flüchtlingsheims nun „dezentralisiert“ untergebracht ist und fragt nach. Eine Lola-Mitarbeiterin hilft Flüchtlingskindern und anderen, die es brauchen, bei den Hausaufgaben. Sie besucht die Eltern und versucht eine Lösung zu finden. Die Mutter traut sich nicht, die Kinder alleine zur Schule gehen zu lassen, kann sie doch jetzt nicht mehr mit, seit dem das Baby da ist. Ihre Familie wohnt 1,9 km von der Schule entfernt – das Amt bezahlt Fahrkarten aber erst ab 2 km. Das Geld reicht nicht und die Kinder können nicht mit dem Bus fahren. Hinlaufen können sie nicht, die Gegend ist ungesund für nichtweiße Kinder. Unsere Mitarbeiterin fragt nicht lange, was nicht geht, sondern schaut hin und kümmert sich. Inzwischen treffen sich auch nach dem Umzug des Angebots vom früheren Flüchtlingsheim in das Mehrgenerationenhaus ZEBEF zur „Hausaufgabenhilfe“ viele Kinder. Die Kolleg*innen vom Mehrgenerationenhaus finden das wunderbar, kümmern sich auch, beteiligen sich an den Kosten – es ist eine kleine Institution geworden. Und die beiden Kids? Sie gehen zur Schule und haben Freunde. Neulich waren beide bei einem Kindergeburtstag eingeladen – ein großes Ereignis! Und auch wenn nicht alle Sorgen dieser Kinder gelöst sind, haben sie in den letzten Monaten gelernt, dass es in Deutschland Unterstützung gibt und auch Menschen, die zuhören und helfen.

Das Lachen eines Nazis gerinnt zu einer miesen Geste der Abwertung

Die andere Geschichte ist länger und kürzer zugleich. Sie handelt von einem stämmigen, jungen Mann mit feistem Gesicht und aggressiver Körpersprache, die er selbst als Stolz bezeichnete. Ein Nazi, ein Kameradschaftsführer. Dann gab es einige Fragen, die ihm seine Kamerad*innen nicht mehr beantworten konnten. Was wird aus mir, wer bin ich schon, wie geht das hier nun alles weiter? War’s das? Mit EXIT machte er sich auf den langen Weg des Ausstiegs. Es hat zwei Jahre gedauert. Gespräche, Konfrontationen, Zweifel. Er musste sich von allem trennen, was ihm vertraut war. Die Kolleg*innen von EXIT haben ihn gefordert und herausgefordert. Manchmal rund um die Uhr. Manchmal bis an die Grenzen des Erträglichen. Ganz auszusteigen ist mehr, als wegzuziehen, sich abzuwenden von den Kamerad*innen und dies trotz massiver Drohungen auch öffentlich zu erklären. Das Eingefleischte am Nazi sind nicht die Klamotten, die Kumpels und die Ideologie des Hasses allein. Auch das natürlich. Aber wenn Sie mal einem Nazi ins Gesicht schauen und er lacht, dann klingt das hämisch, verzerrt und bösartig. Es ist das Lachen ohne Freude. Selbst wenn er sich amüsiert und gerade dann, gerinnt sein Lachen zu einer miesen Geste der Abwertung. Der junge Mann, der jetzt vor Schüler*innen  von seinem Leben erzählt und sie davor warnt, anderen gegenüber hämisch zu sein und womöglich darin eine Kameradschaft zu suchen, hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert. Das Feiste war ganz aus seinem Gesicht verschwunden, er ist ganz schlank geworden, sein Gesicht wirkt nun fast zart. Ob er nun nicht ein wenig zu dünn sei, fragte ich ihn etwas besorgt. Er hat sein Abitur nachgeholt neben der Arbeit bei EXIT und wolle nun noch studieren, das sei nun mal etwas anstrengend. Donnerwetter, sagte ich ihm, Respekt für so viel Einsatz und nicht ohne Neid sah ich auf seine Figur. Beim Gehen meinte er: „Naja, ein wenig Sport habe ich auch gemacht und gesund gegessen“. Und er lächelte mit dem Stolz eines jungen Mannes, der zu sich selbst gefunden hat.

In Gedenken an Barbara Schweigkofler, die diese kleinen Erfolgsstorys liebte, wünsche ich Ihnen ein Jahrzehnt voller Geschichten, von dem, was wir zusammen möglich machen werden.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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