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Netzwerk vk.com Sicherer Hafen für Nazis?

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Ein Bild auf vk.com - frei zugänglich (Quelle: nnn/Screenshot )

Offene Nazi-Propaganda ist auf Seiten wie Facebook immer seltener zu sehen: Das meistgenutzte und größte soziale Netzwerk geht, wird es von Nutzerinnen oder Nutzern darauf hingewiesen, immer strenger mit volksverhetzenden und rechten Parolen um. Entsprechend verlassen mehr und mehr Nazis Facebook und verabschieden sich, nicht immer freiwillig, in soziale Netzwerke, die ihre Hetzreden tolerieren. Vor allem das von der Schweiz gesteuerte Netzwerk „Fumano“ erhält Zulauf aus der rechten Szene: Das oberste Gebot ist laut Selbstbeschreibung die Meinungsfreiheit – Rassismus sei aber laut Betreiber in dem Netzwerk verboten. Ein bearbeitetes Foto von Obama als Affen beweist das Gegenteil – das feiern die Neonazis und lassen ihrer Gesinnung freien Lauf.

Seit neuestem rückt nun das russische „vk.com“ bei Neonazis in den Vordergrund: Immer mehr Rechtsextreme, auch aus Deutschland, nutzen das „russische Facebook“, um ihre Hasspropaganda zu verbreiten – bisher ohne Konsequenzen.

Ein Auffangbecken für Neonazis

Seit 2006 gibt es das russische Netzwerk vk.com, das von Pawel Durow entwickelt wurde. Es gleicht, bis auf wenige Details, Facebook: Design, Funktionen, sogar die gleichen Farben werden verwendet. Einen Unterschied gibt es allerdings: Während Facebook inzwischen zumindest versucht, konsequent gegen Hasstiraden und rechtspopulistische Propaganda vorzugehen, toleriert das russische Netzwerk Rechtsextremismus und Volksverhetzung. vk.com wird zu einem Auffangbecken der Naziszene, auch in Deutschland. Die vermeintliche „Meinungsfreiheit“ in dem Netzwerk wird von den Rechtsextremen bejubelt. „vk.com ist zu einem sicheren Hafen in der rechten Szene geworden“, sagt auch Stefan Glaser von jugendschutz.net. Zwar wird auf Facebook noch rechte Propaganda verbreitet, allerdings versteckt und nicht mehr offen rechtsextrem.  Auf vk.com können die Neonazis ihre Gesinnung jedoch frei ausleben – und verbergen ihre Einstellungen nicht hinter Codes. Außerdem können sie sich sowohl national als auch international vernetzen – so bejubelt beispielsweise eine deutsche Nutzerin schwedische Neonazis, die den Geburtstag Hitlers ausgelassen gefeiert hatten und ihrer Meinung nach ein Vorbild für die anderen sein sollten.

Neben der offenen Meinungsbekundung hat das russische Netzwerk zudem noch eine Zusatzfunktion, die es von traditionellen Netzwerken unterscheidet: Den Nutzern ist es möglich, ganze Musikalben, TV-Serien und Kinofilme hochzuladen. Dass das beliebt ist, verwundert niemanden – auch wenn die Rechtslage kritisch ist. Natürlich ist das ebenfalls eine gern genutzte Funktion in der rechten Szene. Neben Hitlers „Mein Kampf“ sind auch zahlreiche Reden von Hitler als Videodateien frei verfügbar. Nicht nur das: Auch Musik rechtsextremer Bands, die mit volksverhetzenden und rassistischen Parolen zu Gewalt aufrufen, ist frei zugänglich. Inklusive der Lieder aus der NS-Zeit: Vor allem SS-Marsch-Musik ist beliebt.

Klick für Klick in Richtung rechts

Gefährlich ist die „Meinungsfreiheit“ auf vk.com nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer, die der rechten Propaganda ausgesetzt sind. Auch Personen, die nicht in dem Netzwerk registriert sind, können die menschenverachtenden Kommentare sehen – und auf Videos und Musik zugreifen. Dazu müssen sie noch nicht einmal gezielt danach suchen. Schon allein die Suche nach einer harmlosen Band kann zu rechtsextremer Musik führen. Die versteckt sich häufig zwischen Musikern und Bands, die nichts mit der rechten Szene am Hut haben. Und auch die Suche nach harmlosen Videos kann zu einer Odyssee werden: Plötzlich sieht man sich Hitler-Reden und SS-Aufmärschen gegenübergestellt. Wieso diese bei der Suche nach South-Park-Videos auftauchen? Eine weitere wirksame Propagandastrategie. Denn wer glaubt, dass vk.com nur von Einzelpersonen genutzt wird, täuscht sich. Die rechte Szene hat längt das Potenzial des russischen Netzwerkes erkannt – und dort ihre Strukturen etabliert. Ganze Organisationen, Gruppen und Parteien, die in Deutschland teilweise verboten sind oder aus Facebook gelöscht wurden, sind inzwischen übergesiedelt. Neben der NPD und der Rechten, die auf vk.com einen größeren Zulauf erhält als die NPD, ist unter anderem auch die rechte Kleidermarke „Angsar Aryan“ dort vertreten. Außerdem werben sie auch für rechtsextreme Veranstaltungen wie ein geplantes Rechtsrock-Konzert am 19.10. in Deutschland.

Und – natürlich – hat auch Adolf Hitler unzählige eigene Profile, die von Neonazis bejubelt werden. Neben Hitler sind auch aktuelle Neonazi-Größen in dem Netzwerk vertreten, sowohl international als auch national, darunter der bekannte und bekennende russische Neonazi Dimitri Djomuschkin, der auch von deutschen Rechtsextremen bewundert wird.

 

 

Und nun?

vk.com entwickelt sich inzwischen auch bei deutschen Jugendlichen zu einem beliebten Netzwerk. Die rechte Szene hat das erkannt und sich schnell dort ausgebreitet. Sie verbreiten ihre Parolen und Feindbilder ungehemmt. Hakenkreuze sind dabei noch das harmloseste: Neben den Hitler-Reden werden auch Folter- und Mordvideos geteilt. Dass sie nicht lange unentdeckt bleiben, ist ihnen bewusst: „Nun wird schon berichtet, dass vk.com für die Neonazis die neue Ausweichmöglichkeit für Facebook ist“, schreibt ein Nutzer – Sorgen machen sie sich trotzdem keine. Sie glauben nicht daran, dass jugendschutz.net Einfluss auf den vk.com-Betreiber haben kann. Oder ein Netzwerk ihre Kommentare oder Profile blockiert, wenn sich der Neonazi Djomuschkin frei auf vk.com bewegen darf. Dass dem nicht so ist, beweist die Reaktion des Betreibers auf die Anfragen von jugendschutz.net: Bisher wurden vereinzelt unzulässige Inhalte entfernt und gesperrt. Allerdings können die Neonazis ihre Propaganda immer noch zu einfach verbreiten – es wird also Zeit, dass effektivere Maßnahmen ergriffen werden, um den rechten Wahnsinn auf vk.com zu stoppen.

Das Problem ist nur: Sobald die Neonazis auch aus Netzwerken wie Fumano oder vk.com gelöscht werden, finden sie wieder neue Wege ihre Hasstiraden im Internet zu verbreiten. Notfalls auch, indem sie ihre eigenen sozialen Netzwerke schaffen, wie beispielsweise auch das „Netzwerk Rechts“. Wie auch ein Neonazi auf vk.com kommentierte: „Egal, und wenn wir auch hier immer gelöscht werden: Ich kann auch ohne soziale Netzwerke abhitlern!“

Mehr Infos bei netz-gegen-nazis.de:

Viraler Hass: Neue Studie zu Rechtsextremismus (netz-gegen-nazis.de)Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken (netz-gegen-nazis.de)Was konkret tun gegen Rechtsextremismus im Internet? (netz-gegen-nazis.de)

Mehr Infos im Netz:

Soziales Netzwerk VK – Sicherer Hafen für Hasspropaganda? (hass-im-netz.info)Wie Nazis ihre Netzwerke schaffen (Die Welt)Netz-Strategien von Rechtsextremen (tagesschau.de)

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Neonazi–Frauen in Sozialen Medien. Eine Annäherung

Schwerpunkt August 2015: Neonazis nutzen moderne Medien seit dem Start der ersten Emailprogramme und passen ihre Strategien auch den Neuerungen im Internet immer wieder an. Frauen scheinen online – wie in den rechtsextremen Lebenswelten offline auch – wichtige Rollen und Funktionen einzunehmen. Bislang wissen wir wenig über die konkreten Positionen, die rechtsextreme Frauen im Internet einnehmen und mit welchen Strategien sie vorgehen. Mit dem folgenden Artikel wird auf diese Leerstelle aufmerksam gemacht und die online-Aktivitäten von Neonazifrauen werden eingehender betrachtet. Über mehrere Wochen hat eine Kollegin online recherchiert und herausgearbeitet, welche Strategien rechtsextreme Frauen nutzen. Hierbei hat sie in den Sozialen Netzwerken die Profile derjenigen Userinnen genauer untersucht, die ihren Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern angeben und sich erkennbar rechtsextremen Gruppierungen und Parteien zuordnen. Im Folgenden werden die Ergebnisse dieser Recherche vorgestellt.

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