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Peter Stawowy Das Wissen über Demokratie ist nicht sehr ausgeprägt

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Ich stelle mir eher die Frage: Wie war eigentlich der Stand um die Debattenkultur, bevor das ganze Geschrei im Netz und das populistische Gepoltere losging? Man muss dafür ja nur mal auf die Entwicklungen der TV-Talkshow-Formate schauen, um das sehr kritisch zu sehen. Da ging es schon lange nicht mehr darum, mit Argumenten zu punkten, sondern nur darum, möglichst gut auszusehen. Wenn ich zurückblicke auf die vielen Facebook-Diskussionen oder auch die vielen Anwohnerversammlungen, die ich hier in Sachsen moderiert habe: Wir haben im Moment eine sehr aufgeheizte Stimmung, die meiner Meinung nach emotionale Gründe hat. Sei es Enttäuschung, Wut, Frust oder auch einfach Angst – immer wieder ist zu beobachten, dass sich diese Gefühle in Argumente verpackt offenbaren. Wenn man eines widerlegt, wechselt der Gegenüber zum nächsten. Diese Erfahrung habe ich bei sehr vielen Anwohnergesprächen machen können: Die lautesten Schreihälse waren im Nachgespräch sehr an Argumenten und Informationen interessiert und konnten auf einmal sehr ruhig uns sachlich diskutieren.   

Was würde helfen, die Debattenkultur wieder zu beleben?

Grundsätzlich gehört für mich zu einer guten Debatte, Argumente abzuwägen, also respektvoll einander zuzuhören und eigene Argumente sachlich vorzubringen. Es sollte also zunächst jeder erst bei sich selbst vor der Türe kehren. Dann muss ich feststellen: Das Wissen über die Demokratie und wie sie funktioniert, aber manchmal auch über banale Verwaltungsvorgänge ist oft nicht sehr ausgeprägt. In Clausnitz kam nach der Anwohnerversammlung eine Frau zu mir und fragte: Was machen eigentlich diese Landtagsabgeordneten? Hier sind alle Beteiligten gefragt: Wir brauchen viel mehr Transparenz bei politischen Vorgängen. Und wir brauchen viel mehr politische Bildung – angefangen bei den Politikern, die ihr Tun und Handeln erklären sollen und das häufig nicht mehr können. Ich erlebe es beizeiten auch in Veranstaltungen, dass Diskutanten das Grundgesetz als solches nicht als besonders wertvoll betrachten. Es fehlt also an Wissen und inzwischen oft auch an Vertrauen ins System und die Politik.  

Was hat das Internet damit zu tun?

Sehr viel: Einmal hat es die klassische Gate-Keeper-Funktion der Medien ausgehebelt – nicht nur zum schlechten. Der „Lügenpresse“-Vorwurf ist zu hart, aber die heftige Kritik war auch nicht völlig unberechtigt und hat einiges in Bewegung gesetzt. Dann muss man sagen, dass leider auch sehr viel Un- oder Halbwahrheiten, manipulative Informationen und schlicht Lügen über das Netz gestreut werden. Schließlich kommt hinzu, dass die allgemeine Nachrichtenlage viel komplexer wahrgenommen werden kann – die Welt ist nicht mehr so einfach in Schwarz und Weiß zu teilen wie früher. Das führt bei vielen Menschen zu einer Überforderung – und den oben beschriebenen Gefühlen. Aber, ich bin Zweckoptimist: Unsere Demokratie, unsere Gesellschaft wird daran nicht zu Grunde gehen – im Gegenteil. Das stärkt die ganze Sache nur.   

 

Peter Stawowy, Jhg. 1971, ist Blogger, Zeitschriftenverleger, Dozent und Moderator. Der gelernte Journalist bloggt unter flurfunk-dresden.de vor allem über die sächsische Medienszene. In der Hochphase der Pegida-Zeit moderierte er zahlreiche Bürgerversammlungen und betrieb das Blog asylfakten.de 

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