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Anetta Kahane Lernen, mit Haltung und Humor zu streiten

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Was die Debattenkultur kaputtmacht? Ich bin ehrlich gesagt nicht sicher, dass es in Deutschland je eine solche gegeben hat. Eine Kultur zu haben, hieße entweder, eine Tradition zu haben, oder zumindest, darum zu ringen, eine herzustellen. Es gibt eine solche Tradition in Deutschland nicht. Debatten gibt es im Bundestag – ja, und darunter sind einige interessant. Doch sonst sehe ich eine solche Kultur nicht. Nicht in der Öffentlichkeit, selten in den Medien, fast nie in der Schule. Denn Debattenkultur bedarf einer klaren Haltung, klarer Regeln und der Fähigkeit sowohl zu Schlagfertigkeit, Selbstironie wie zu Humor. In Deutschland fand ich es immer schwer, einen guten Streit zu führen. Selbst in Kleinigkeiten wird man hier schnell persönlich oder grundsätzlich, belehrend oder beleidigend.

Was wir heute erleben, war schon immer da. Die Häme, der Zynismus, die Abwertung, der Hass. Das alles zeigt sich nur ungenierter als früher. Durch die Demokratisierung der Kommunikation – das heißt: alle können sich zu allem äußern und das auch noch jederzeit – kommen auch jene zu Wort, an deren Stammtisch man vorher lieber schnell vorbeigegangen ist. Auch Bedrohungen gab es, fiesen Rassismus und all die Schrecklichkeiten. Wir mussten sie nur nicht dauernd hören, denn die Teilnehmer an Stammtischen hatten nur wenig Publikum. Heute in den sozialen Netzwerken sind diese Stammtische öffentlich und da der Hang, den anderen immer noch übertreffen zu wollen, zum Syndrom des unsympathischen Kommunizierens dazugehört, steigern sich die Schreiber des modernen Stammtisches gern gegenseitig. 

Was würde helfen, sie wieder zu beleben?

Was man dagegen tun kann? Debattieren lernen, sich trauen, auch selbstironisch zu sein, sich klarwerden, was man will und was nicht. Mit einer Haltung streiten. Wenn ich etwa für Gleichwertigkeit streiten will, dann muss sie für alle gelten. Jeder Einzelne kann Opfer von Abwertung werden – und das bedeutet keineswegs, dass er oder sie sich selbst nicht zugleich abwertend verhalten können. Wir sollten uns bewusst sein, dass etwa Frauen oder Migrant_innen oder Homosexuelle und Trans*Personen keine weniger abwertenden Menschen sind, nur weil sie selbst die Erfahrung kennen, nicht gleichwertig behandelt zu werden. Es gibt schwule Antisemiten und jüdische Frauenhasser ebenso wie weiße Rassisten oder schwarze Homophobe. Debatte zu lernen, heißt, das höchste Maß an Gleichwertigkeit zu fordern, das möglich ist. Ohne ist eine Debatte nicht möglich, denn eine Debatte setzt voraus, sich gegenseitig das gleiche Recht auf Argument und Perspektive einzuräumen. Debattieren lernen heißt, einen kritischen Verstand zu entwickeln, sich zu interessieren, es heißt Muster zu erkennen, es heißt zuzuhören und sich einzulassen. Eine solche Kultur zu entwickeln wäre bitter nötig. Dass heute so viel über Hass geredet wird, kann vielleicht helfen, zu reflektieren, wie bisher diskutiert wurde und wie Debattieren gelernt werden kann. Es geht nämlich. Und wir wollen dazu einen Beitrag leisten.

 

Was hat das Internet damit zu tun?

Das Internet selbst hat damit nichts zu tun. Das Internet ist ein Instrument. Es liefert richtige und falsche Informationen, es verbindet uns in Netzwerken, es bietet technische Möglichkeiten für Kommunikation. Aber kommunizieren müssen wir schon selbst. Ich halte nichts davon, die sozialen Netzwerke oder das Internet selbst für etwas verantwortlich zu machen, was Menschen tun. Ich glaube nicht, dass Facebook Schuld am Hass ist. Solche Instrumente zeigen lediglich, was die Gesellschaft an Problemen produziert. Selbstverständlich darf strafrechtlich Relevantes nicht ungestraft gesagt werden, das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Hier haben Behörden und Betreiber eine gemeinsame Verantwortung. Doch es sind die Nutzer und Nutzerinnen, die digitale Zivilgesellschaft also, die sich die Netzwerke nicht wegnehmen lassen dürfen. Weder von politisch Kriminellen noch von verbrecherischen. Wir müssen verstehen, dass in unserer Zeit das Internet kein Hobby mehr ist, dem man frönt oder eben nicht. Die Schulen sind oft noch nicht darauf vorbereitet, die erforderlichen Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln. Dort muss ankommen, wie sich die Welt durch die jüngste technische Revolution geändert hat, wie vieles zum Greifen nah geworden ist, was früher in weiter Ferne lag, wie damit umzugehen ist, dass die Welt globaliserter geworden ist und schneller. Was uns an Fähigkeiten dadurch abverlangt wird, ist erheblich. Debatten neu zu führen, gehört unbedingt dazu. 

 

Anetta Kahane ist Vorsitzende des Vorstandes der Amadeu Antonio Stiftung.  Sie ist aufgewachsen in Ost-Berlin und arbeitete als Lateinamerikawissenschaftlerin in der DDR. Als erste und einzige Ausländerbeauftragte des Magistrats von Ost-Berlin warnte sie eindrücklich vor den Gefahren des Rechtsextremismus. 1991 gründete sie die RAA e.V. für die neuen Bundesländer (Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie). Als Geschäftsführerin engagierte sie sich hier u.a. für Demokratisierungsprozesse an Schulen und interkulturelle Pädagogik. 1998 gründet Anetta Kahane die Amadeu Antonio Stiftung, deren Kuratoriumsvorsitzende sie war. Seit 2003 ist sie hauptamtliche Vorsitzende der Stiftung. Im Sommer 2002 wurde Anetta Kahane mit dem Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet. 

 

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