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Rassismus im Fußball Der Verband nimmts mit Gemütlichkeit

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Foto von Fabricio Trujillo von Pexels

„Ich hoffe, dass wir irgendwann akzeptiert werden, so wie wir sind,“ wünscht sich ein Spieler des vorpommerischen Vereins „FC Al Karama Greifswald e.V.“ Aktuell ist diese Hoffnung getrübt. Nach immer wieder neuen rassistischen Anfeindungen und Gewaltaktionen  gegnerischer „Fans“ zieht sich der Verein aus der Kreisliga zurück. Die Mannschaft und der Verein haben keine Lust mehr, sich mit Bierbechern bewerfen zu lassen, auf die Frage, warum sie hier sind, auf Affenlaute auf dem Platz oder abgehackte Schweinköpfe auf ihrem Vereinsgelände.

Der „FC Al Karama“ beginnt 2015 als dritte Mannschaft des Oberligisten „FC Greifswald“, ehe sich 2018 entschlossen wird, einen eigenen Verein zu gründen. Der Verein gilt stets als Musterbeispiel für Integration, da in der Mannschaft größtenteils Geflüchtete aus Syrien, aber auch aus Eritrea, Sudan oder Taiwan auflaufen. In der Saison 2019/2020 darf der „FC Al Karama“ erstmals in der „Kreisliga Vorpommern Greifswald“ antreten, was der 10. Liga entspricht.

Schikane in der Kreisliga

„Al Karama“ ist arabisch und bedeutet „Würde“. Würdevollen Umgang erfahren der Verein und die Spieler leider nicht immer. Dabei rückt das Sportliche mehr und mehr in den Hintergrund. Auswärtsspiele sind nur noch unter Polizeischutz möglich. „Die Spieler hatten das Gefühl, auf Auswärtsspielen in den Krieg geschickt zu werden,“ sagt der Vereinspräsident Ibrahim Al-Najjar dem „Neuen Deutschland“. Gerade das Auswärtsspiel beim „VSV Lassan“ bleibt in schauriger Erinnerung. In einem Video grölt eine Gruppe Männer höhnisch am Spielfeldrand: „Wir sind gar nicht rechtsradikal!“ Einer von ihnen trägt eine Schweinemaske, was neben Affengeräuschen in der rechtsextremen Szene ein weiteres beliebtes Mittel ist, jemanden auf boshafte Weise zu erniedrigen und zu animalisieren. Der verantwortliche Schiedsrichter hat von all dem nichts bemerkt, zeigt sich im Nachhinein aber schockiert.

Nicht nur auf dem Spielfeld, auch im Internet, erfährt  der „FC Al Karama“ Hetze. Die mittlerweile gelöschte Facebookseite „Fußball im Kreis bleibt weiß“ besaß den einzigen Zweck, gegen den Verein Stimmung zu machen und zu mobilisieren. Was beispielsweise zu 300 Zuschauer*innen in Lassan führte, was für ein unterklassiges Amateurspiel eine beträchtliche Zahl ist.

Vereinspräsident Al-Najjar ist bemüht, dem „FC Al Karama“ das Image des perfekten Integrationsvereins zu geben, was ihm durchaus gelingt. Doch den Rassist*innen ist das egal. Im kommenden Jahr sollen mehr deutsche Spieler in die Mannschaft geholt werden, damit der Verein eine höhere Akzeptanz erfährt und eine noch größere Diversität abbildet. Es ist natürlich zu hoffen, dass diese Strategie aufgeht, allerdings scheint es wahrscheinlicher, dass sich wenig bis gar nichts an der Haltung der Nazis gegenüber dem Verein verändert.

Rassismus in Mecklenburg-Vorpommern – ein alter Hut

Im gesamten deutschen Amateur- und Profifußball sind Rassismus und Rechtsextremismus ein Problem und somit ist es auch in Mecklenburg-Vorpommern kein neues Thema. Immer wieder kommt es zu rassistischen Anfeindungen gegenüber als nicht-deutsch gelesenen Spielern, die nur selten zu Konsequenzen führen, da beispielsweise den Betroffenen schlichtweg nicht geglaubt wird.

So geschehen im Dezember 2019 im Lan­des­liga-Spiel in der Lan­des­haupt­stadt Schwerin zwi­schen der hei­mi­schen „SG Dynamo“ und der zweiten Mann­schaft des „FC Anker Wismar“.  Zwei schwarze Spieler des „Anker Wismar“ werden von mehreren Zuschauer*innen rassistisch beleidigt. Daraufhin wirft einer der Spieler einen Ball auf einen Zuschauer, der andere beteiligt sich ebenfalls an der Auseinandersetzung. Beide Spieler werden daraufhin vom Platz gestellt, was durchaus regelkonform ist. Es kommt zu weiteren rassistischen Äußerungen der Dynamo-Fans. Daraufhin entscheidet sich der Kapitän von „Anker Wismar“, mit seiner Mannschaft das Spiel abzubrechen. Im Nachhinein stehen den Aussagen der Spieler und einiger Zeugen die Aussage der Dynamo Verantwortlichen entgegen, die das alles für eine Verschwörung halten, um den Verein in die rechte Ecke zu stellen (was auch immer das bringen sollte).

Schwache Politik und passiver Landesverband

Die Politik solidarisiert sich mit dem „FC Al Karama“. In einer öffentlichen Stellungnahme verkündet die Landesregierung, sie beobachte mit Sorge, „dass sich engagierte Menschen aufgrund von Hass und Hetze zurückziehen“. Die Stellungnahme zeigt, dass der Verein zwar mit Solidarisierung, auch aus oberster Instanz, rechnen kann, es aber an politischem Willen mangelt, sich ebenfalls entschlossen mit den Täter*innen auseinanderzusetzen, den Verband unter Druck zu setzen und dadurch dem Verein die Teilnahme am Ligabetrieb weiterhin zu ermöglichen.

Die Reaktion des „Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern“ („LFMV“) ist verhalten bis hilflos. Der Pressesprecher des „LFMV“, Robert French, verliert sich in einem Interview mit dem „NDR“ in Floskeln. Der Verband sei überrascht worden vom Schritt des „FC Al Karama“. Im Kampf gegen Rassismus würden präventive Maßnahmen im Vordergrund stehen. Auf wiederholte Nachfrage, welche konkreten Maßnahmen anstehen, verweist er lediglich auf die Zusammenarbeit mit dem „Landesrat für Kriminalitätsvorbeugung“ und der „Mobile Beratung im Sport“ („MoBis“). Eine Anfrage von Belltower.News, ob inzwischen konkrete Ideen entwickelt wurden, blieb bisher unbeantwortet.

Das öffentlich einsehbare Ergebnis dieser Zusammenarbeit mit dem „Landesrat  für Kriminalitätsvorbeugung“ ist eine Broschüre von 2007 mit „100 Hinweisen und Empfehlungen für die Präventionsarbeit gegen Gewalt und Rassismus im Amateurbereich“. Die Broschüre ist durchaus hilfreich und findet sicherlich auf vielen Fußballplätzen und in vielen Kommunen ihre Umsetzung, allerdings ersetzt sie kein konsequentes Vorgehen bei Verstößen gegen die Grundsätze des „DFB“ und des „LFMV“.

Anstatt auf härtere Möglichkeiten zu blicken, die einem Landesfußballverband zur Verfügung stehen, um Vereine zu sanktionieren, die Rassist*innen und Gewalttätige in ihrem Verein dulden, schiebt French die Verantwortung auf „die Gesellschaft“, die das Problem Rassismus gemeinsam lösen müsse. Der „LFMV“ macht es sich somit in seiner passiven Haltung gemütlich, in der er weiter überrascht von „Einzelfall“ zu „Einzelfall“ stolpern kann.

Für den Spaß

„Wir wollen wieder Spaß beim Fußball haben, das ist unsere Leidenschaft – aber ohne Rassismus,“ lautet ein aktueller Post auf der „Facebook“ Seite des „FC Al Karama“ in diesen Tagen. Dafür muss der Fußballplatz ein Ort werden, der unattraktiv ist für Menschen, die ein rassistisches Weltbild pflegen und dieses verbal und gewaltsam nach außen tragen.  Eine große zivilgesellschaftliche Unterstützung sowie ein hartes Durchgreifen des Verbandes, der Politik und der Polizei gegenüber rassistischen und gewaltsamen Aktionen ist von Nöten, um dem „FC Al Karama“ die Akzeptanz und die Solidarität zu zeigen, die er verdient und damit der Spaß am Fußball wieder im Vordergrund steht.

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