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Rezension Mit Rechten reden

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Das Buch „Mit Rechten reden. Ein Leitfaden“ ist verwirrend. Vielleicht hat es einen falschen Titel bekommen. Denn die Autoren – Historiker und Autor Per Leo, Jurist und Journalist Maximilian Steinbeis und Philosoph und Sachbuchautor Daniel-Pascal Zorn – betonen immer wieder, dass sie wirklich KEINEN Leitfaden schreiben wollen, keine Anleitung, wie das denn gehen soll, mit Rechten zu reden, nur Überlegungen zum Thema, Angebote, Theorien. Trotzdem gibt es im ersten Kapitel 25 Punkte beziehungsweise „25 goldene Regeln, die sich (…) durch das Reden mit Rechten für das Leben gewinnen lassen“, mit wenigen Schlagwörtern. Manche von ihnen sind beim ersten Durchlesen wenig schlüssig, so wie „Bedenke, dass Idioten oft gute Tänzer sind.“ Andere klingen banal, wie „Rechthaben ist keine Tugend.“  Aber gut, zu diesem Zeitpunkt hat der Leser oder die Leserin noch rund 170 Seiten vor sich, und deshalb liegt die Vermutung nahe, dass sich die Liste später erschließt. Auf viele der Punkte kommt das Buch allerdings später nicht zurück.

Eine Idee, die Kommunikation ermöglicht, ist es, wertschätzend und nicht verächtlich in Debatten hineinzugehen. Diese Idee verfolgen die Autoren im Umgang mit ihren Leser_innen nicht. Sie entscheiden sich stattdessen für das Prinzip des  Austeilens in alle Richtungen, wobei sie zwar betonen, lieber mit Linken als mit Rechten trinken zu gehen, aber kommunikativ und gedanklich läuft nach der Beschreibung der Autoren in beiden „Lagern“ alles Mögliche falsch, was im Fortgang des Buches mal philosophisch-theoretisch, mal literarisch verhandelt wird .

Sich selbst verorten die Autoren dabei außerhalb, sozusagen über den Dingen schwebend – keine unpraktische Perspektive. Allerdings geht es Ihnen nicht um Überparteilichkeit, was interessant gewesen wäre, sondern ist  nur der Anlass, über alles Hohn zu ergießen, was nicht ihre eigene Meinung ist. Am liebsten mokieren sie sich über „linke“ Menschen mit Prinzipien, Werten, Moral, die auch hier die „Gutmenschen“ sind. Denn die machen in den Augen der Autoren nichts richtig mit ihren Rufen, hasserfüllten Meinungen möglichst wenig Öffentlichkeit zu geben, um  nicht rechtsextreme Akteure die Grenzen des Sagbaren verschieben zu lassen.

Stattdessen, soweit stimmt der Buchtitel dann doch, möchten die Autoren reden, argumentieren, um genau zu sein, und zwar über alles. Sie hängen dabei an der Idee des begründeten Arguments. Man müsse selbst inhaltlich fit sein und gut begründen, und dann „die Rechten“, die zwar Dinge behaupten, aber höchstens mit „Is eben so“ begründen, argumentativ dazu zwingen, ihre Setzungen auch zu begründen. Und dann, dann könne Erkenntnis dräuen, bei den „Rechten“ vielleicht, vielleicht auch bei ihren „nicht-rechten“ Gesprächspartner_innen. Das ist eine Perspektive, die voraussetzt, dass beide Seiten nicht nur an einem Schlagabtausch, sondern an einem Gedankenaustausch interessiert wären. Und hier wird die Frage interessant, wen die Autoren als Zielgruppe ihrer Gespräche ansehen, denn der Begriff „Rechte“ ist ja nun auch sehr unscharf. Meinen Sie Onkel Rolf am Familientisch, die Arbeitskollegin, die rassistische Witze reißt, „besorgte Bürger“ in der Debatte ums Flüchtlingsheim, die man in einer ruhigen Minute zur Seite nehmen kann, um ins Gespräch zu kommen? Nein, die Beispiele, die im Buch erwähnt werden, sind eher Götz Kubitschek oder Ellen Kositza, oder die „Identitären“, also Teile des Rechtsextremismus, die sich selbst als „Neue Rechte“ bezeichnen und als intellektuell anmutende Vordenker_innen verstehen. Es ist also ein Plädoyer, mit Rechtsextremen zu reden. Leider führen die Autoren nicht aus, wo da ihre Grenzen wären, was diskutabel ist. Im Buch schreiben sie darüber, mit den Rechtsextremen zu reden über Flüchtlinge, über Widerstand, über „das Volk“, über Redefreiheit, über Ungleichheit, über den Islam, über den Nationalsozialismus. In den Gespräche, die sie sich dann vorstellen, sind sie lässig und sehr überzeugend. Sie wollen den Rechtsextremen zeigen, dass sie unlogisch argumentieren. Warum das ein sinnvoller Ansatz sein sollte, seine Lebensenergie einzusetzen, verraten sie nicht. Wer öfter oder ab und zu mit Rechtspopulist_innen oder Rechtsextremen diskutiert, könnte da auch eine andere Wahrnehmung einbringen: Dass es denen gar nicht um den Austausch von Argumenten geht, sondern darum, ihre Ideologie als Propaganda breitestmöglich zu streuen, sich durch möglichst angesehene oder prominente Gesprächspartner_innen und Gesprächsorte zu legitimieren – und dass geht in ihren Kreise auch dann, wenn sie sich inhaltlich blamieren. Von dem Umschlagen eines Gesprächs in verbale Gewalt, Bedrohung oder wenn möglich, körperliche Gewalt ist da noch gar nicht die Rede. In der Sicht der Autoren ist dies vermutlich aber auch die Schuld der nicht-rechten Gesprächspartner, die dann mit zu viel Moral kommen. Zu den Widersprüchen des Buches gehört auch, dass die Autoren anfangs sagen, ihr Buch sei kein Imperativ, es ginge also nicht um die Aufforderung, mit Rechten zu reden – und im letzten Kapitel erträumen sie sich genau das: Mit rechtsextremen Intellektuellen reden auf Augenhöhe. Der rechtsextremen Seite, etwa dem „Neue Sezession“-Autor Martin Lichtmesz, gefällt das, wie er auf Twitter schreibt.  Kein Wunder, denn es ist ja erklärte Strategie der „Neuen Rechten“, ihre Themen in die Gesellschaft zu tragen, gerade auch im Bereich der Kunst und Sprache. Gemeinsame Veranstaltungen sind bisher allerdings nicht bekannt.

Kurzum: Es gibt außerdem im Buch noch einige mehr oder weniger ausschweifende literarische Passagen und eine Sprachspiel-Theorie mit Pendeln und Kreisen, aber ansonsten läuft sein Ratschlag hinaus auf: Wir werden schon die besseren Argumente haben und die Demokratie wird das aushalten. Beruhigend, dass das nur eine von vielen Meinungen im Diskurs zum Thema ist.

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