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Sächsischer Förderpreis für Demokratie Nominiert: Das Projekt „Offener Dialog e.V.“

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Der Verein "Offener Dialog" bietet entstigmatisierende und selbstbestimmte psychiatrische Hilfe an.
Der Verein "Offener Dialog" bietet entstigmatisierende und selbstbestimmte psychiatrische Hilfe an. (Quelle: Screenshot)

Belltower.News: Ihr Verein heißt „Offener Dialog“. Was bedeutet das konkret?
Therese Kruse: Unser Verein setzt sich dafür ein, dass es in unserer Region Krisenbegleitung mit offenem Dialog gibt. Dabei geht es darum, dass Menschen in starker persönlicher Not eine Unterstützung bekommen, bei dem der Dialog zwischen allen, die mit der Krise zu tun haben, im Zentrum steht. Oftmals führen Krisen zum Zerfall der sozialen Systeme. Wir wollen diese stärken, sodass die Krise tragbar für alle wird. Dabei ist uns die Wahrung der Würde und die Förderung der Selbstbestimmung von besonderer Bedeutung.

Wie unterscheidet sich Ihr Angebot von anderen Akteur*innen in diesem Bereich?
Wir stehen für eine radikale Veränderung des gesellschaftlichen Bereichs der Psychiatrie, da hier die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und -Menschenrechte noch nicht umfassend gewährleistet ist. Auch setzen wir uns für eine Entstigmatisierung und eine Vermeidung von Chronifizierung ein, indem wir diagnosefrei arbeiten und die Menschen nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reißen, behandeln und wieder zurückschicken in dieselben Bedingungen, sondern gemeinsame Veränderungen ermöglichen.

Was für Veranstaltungen organisieren Sie?
Wir bieten sowohl die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, als auch Veranstaltungen zur Information und Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen in Bezug auf Behinderung und Psychiatrie, sowie Weiterbildungen im offenen Dialog für alle Interessierten und Fachbereiche. Bisher gab es dazu Lesungen, Vorträge und Filmvorführungen mit anschließender Diskussion, sowie regelmäßig stattfindende Gruppen, in denen es die Möglichkeit gibt, sich über bestimmte Erfahrungen auszutauschen. Derzeit ist eine Veranstaltungsreihe zum Thema Sexualität in Planung.

Warum ist Ihr Angebot in Sachsen so wichtig?
Der Zustand einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit denen umgeht, die am Rande stehen. Wir solidarisieren uns ausdrücklich mit Menschen, die ausgeschlossen werden oder denen droht, ausgeschlossen zu werden. Die psychiatrische Landschaft in Sachsen hinkt den Entwicklungen in Deutschland hinterher. Aber auch bundesweit wurden die Psychiatrien gerügt, da sie die Einhaltung der UN-Menschenrechtskonvention nicht gewährleisten. Die Aufarbeitung der Verbrechen, die sowohl im Nationalsozialismus als auch in der DDR gegenüber psychiatrisierten und behinderten Menschen verübt wurden, ist bisher mangelhaft geschehen. Außerdem gibt es deutschlandweit – aber auch besonders in Sachsen – eine Erstarkung rechter Kräfte, die Ausschluss offen propagieren. Hier ist es wichtig ein deutliches Gegengewicht zu schaffen.

Viele Menschen würden Ihr Arbeitsfeld nicht sofort in Zusammenhang mit einem politischen Verständnis von Demokratie bringen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
In der Demokratie geht es darum, alle Stimmen zu hören und gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, die für alle besser ist, als die Entscheidung einer einzelnen Person. Wir machen Demokratie im Kleinen als Graswurzelbewegung. Wir fördern den Dialog zwischen ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen und zeigen, dass es möglich ist, die Klüfte, die manchmal unüberwindlich erscheinen, durch gegenseitiges Verstehen zu überbrücken. Uns ist es wichtig, dass jeder Mensch aus Gründen handelt, die prinzipiell verstehbar sind, auch wenn wir die Motive oder Ansichten nicht teilen. Wir sind der Überzeugung, dass wir durch Auseinandersetzung miteinander zu einer geteilten inneren Welt gelangen können. Soziale Beziehungen strukturieren unsere Gesellschaft: Wenn diese zerbrechen oder sich verlaufen, schwindet auch der Zusammenhalt einer Gesellschaft. Wir unterstützen soziale Systeme in krisenhaften Situationen, wenn ein Zusammenleben unhaltbar erscheint.

Mehr Information finden Sie hier: https://offenerdialog-ev.de/

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Sächsischer Förderpreis für Demokratie Nominiert: Das „Ariowitsch-Haus“ in Leipzig

Das „Ariowitsch-Haus“, ein Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig, ist eine von sechs Initiativen, die für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie der Amadeu Antonio Stiftung nominiert ist. Am 10. November 2020 findet die Preisverleihung im Staatsschauspiel Dresden statt. Wir haben vorab mit Marina Limperska von der Initiative über ihre Arbeit gegen Antisemitismus und für die Förderung jüdischer Kultur.

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20201027_Sächsischer Förderpreis IVF

Sächsischer Förderpreis für Demokratie Nominiert: Die „Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fußball“

Die „Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fußball“ – kurz „IVF“ – ist eine von sechs Initiativen, die für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie der Amadeu Antonio Stiftung nominiert ist. Am 10. November 2020 findet die Preisverleihung im Staatsschauspiel Dresden statt. Wir haben vorab mit der Initiative über ihre Arbeit gegen Diskriminierung im Fußball gesprochen.

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