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TSV 1860 München Investor verklagt die „Löwenfans gegen Rechts“

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Wie die TSV 1860 München Merchandising GmbH das Engagement der „Löwenfans gegen Rechts“ bedroht

Es ist ein skurriler und zum Teil verwirrender Fall, der Mitte April 2019 mit einer Abmahnung begann: Seither fordert die TSV 1860 München Merchandising GmbH eine Unterlassungserklärung von den „Löwenfans gegen Rechts“, um deren Nutzung des Logos von 1860 München zu unterbinden.

Allein die Tatsache, dass Fußballfans wegen der Nutzung des Logos ihres Lieblingsclubs verklagt werden, sucht im deutschen Sport seinesgleichen. Doch wird der Fall auch nicht weniger skurril, wenn man sich die Aktivitäten der „Löwenfans gegen Rechts“ vor Augen führt: Seit 1995  engagiert sich die antirassistische Initiative von Fußballfans des TSV 1860 München mit Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus, Homophobie und Sexismus und arbeitet dabei eng mit dem Fanprojekt zusammen. Für ihr Engagement wurde ihnen der Julius-Hirsch-Preis 2009 des Deutschen Fußball-Bundes verliehen, 2015 der „Bürgerpreis für Demokratie“ der Stadt München.

Hinter der derzeitigen Logoklage liegt ein komplexer Konflikt, dessen Ursprung beinahe ein Jahrzehnt zurückreicht. Im Mai 2011 stieg der jordanische Geschäftsmann Hasan Ismaik bei den Löwen ein, die seinerzeit kurz vor der Insolvenz standen. Ismaik ist gelernter Betriebswirt und profitierte vom Immobilienboom im arabischen Raum der späten 2000er Jahre. Der 2014 vom US-Wirtschaftsmagazin Forbes als erster Milliardär Jordaniens bezeichnete Sportinvestor wollte mit dem TSV 1860 hoch hinaus. Schnell sprach er vom Erreichen der Champions League mit dem damaligen Zweitligisten.

Doch schien Ismaik bei seinem Investment offenbar weder mit der in Deutschland geltenden 50+1-Regel noch mit der Protestkultur hiesiger Fanszenen vertraut gewesen zu sein. Die besagte Regel verhindert, dass Kapitalanleger die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften übernehmen, in die Vereine ihre Profimannschaften ausgliedern.

Die Regel ist ein deutsches Unikum, zielt darauf ab, die Mitspracherechte der Vereine und deren Mitglieder ein Stück weit zu bewahren. In der Realität ist sie mancherorts längst ausgehebelt: Ismaik ist der finanziell omnipotente Sponsor bei 1860. Schon 2012 verkaufte die TSV München 1860 KgaA die Rechte am Löwenlogo an die unabhängig agierende TSV 1860 München Merchandising GmbH, welche wiederum – wenig überraschend – von Ismaiks Leuten geführt wird. Für Außenstehende ergibt sich ein schwer zu durchschauendes Netzwerk an Abhängigkeiten zwischen Firmen mit sehr ähnlich klingenden Namen – alle in Händen der Familie Ismaik.

Seit Beginn an ist das Investment Ismaiks von Fanprotesten begleitet, die ihre letzten Mitbestimmungsrechte im weiß-blauen Universum arg eingeschränkt sehen. Nicht besser wurde es, als Ismaik den TSV 2017 von der zweiten in die vierte Liga abstürzen ließ, indem er eine vom DFB geforderte Millionenzahlung zur Sicherung der Lizenz für die dritte Liga verweigerte. Das Verhältnis zwischen aktiver Fanszene und Ismaik ist mit dem Adjektiv „unterkühlt“ noch sehr freundlich beschrieben. Und in genau diesen Konflikt um die Kommerzialisierung des Fußballs generell und den Fußball bei 1860 im Speziellen gerieten die „Löwenfans gegen Rechts“ im vergangenen Frühjahr, als die TSV 1860 Merchandising GmbH sie verklagte. Zuerst ging es in diesem Konflikt um ein Ismaik-kritisches T-Shirt, alsbald generell um das Logo der Gruppe.

In dem sich nun auch das gewählte Präsidium des  TSV 1860 München e.V. positionierte, der nach mehreren Personalwechseln an der Vereinsspitze Ismaik seit geraumer Zeit sehr kritisch gegenüber steht. Denn nachdem die Merachandising GmbH erstinstanzlich vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth erfolglos war, legte sie Berufung ein, was das Präsidium scharf kritisierte: „Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen – Podiumsdiskussionen, Lesungen, Filmvorführungen, Ausstellungen – haben die Löwenfans gegen Rechts der Fankultur in unserem Verein über Jahrzehnte hinweg einen wertvollen Dienst erwiesen“, heißt es in der Stellungnahme. Weiterhin wird gemahnt: „Welche Verhältnisse herrschen können, wenn eine zivilgesellschaftliche Positionierung gegen menschenverachtende Überzeugungen im Umfeld von Fußballvereinen fehlt, zeigen Beispiele an anderen Orten.“

So ist bei den blauen Münchnern die mit Abstand skurrilste Situation des kommerzialisierten Fußballs entstanden: Der TSV 1860 München e.V. positioniert sich gegen die TSV 1860 München Merchandising GmbH, welche wiederum gegen Fans des Vereins kämpft. Man könnte es als Slapstick belächeln, wären die Umstände nicht so alarmierend. Denn in Zeiten rechten Terrors sollte sich jeder Verein, jede KgaA und jede Merchandisefirma glücklich schätzen, gegen Rassismus engagierte Fans in seiner Kurve zu wissen. Sollte die TSV 1860 Merchandising GmbH einen Restfunken an Verstand haben, zieht sie die Klage zurück und beendet diesen gruseligen Abschnitt der Geschichte von 1860 München.

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