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Schalke 04 Was ist an Clemens Tönnies‘ Aussage rassistisch?

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Wie wäre es mit Reflexion? Clemens Tönnies sollte über den Rassismus seiner Aussage nachdenken. (Quelle: picture alliance / Sven Simon)

Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballvereins Schalke 04, hielt in seiner Funktion als Inhaber des größten deutschen Schweineschlachtbetriebs, der „Tönnies Holding“, beim Tag des Handwerks in Paderborn eine Festrede (BTN berichtete). Dabei äußerte er zum Thema Klimawandel: Um diesen zu stoppen sollten, anstatt die CO2-Steuern erhöht, lieber Kraftwerke in Afrika finanziert werden. „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Nun scheint es in der bundesdeutschen Diskussion Einigkeit darüber zu geben, dass diese Aussage weder schlau noch richtig oder angemessen ist, aber Unsicherheiten darüber, ob diese Aussage denn auch rassistisch ist oder was an dieser Aussage rassistisch ist. Der Ehrenrat von Schalke 04 hat über eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden von Schalke 04 entschieden und ist zu dem Schluss gekommen, sie sei „diskriminierend, aber nicht rassistisch“. Tönnies‘ lässt sein Amt 3 Monate ruhen.

Was ist Rassismus?

Rassismus behandelt Menschen nicht als Individuen, sondern als Angehörige einer Gruppe – und unterstellt, dass sich aus dieser Gruppenzugehörigkeit unveränderliche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Charakterzüge ableiten. Dabei wird die eigene Gruppe als höherwertig begriffen. Klassischer, biologistischer Rassismus basiert auf einer wissenschaftlich längst überholten Einteilung der Menschheit in „Rassen“ nach äußeren Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe. Auch deshalb versuchen Rechtsextreme seit den siebziger Jahren, neue Begründungen für Rassismus zu finden, in dem sie von „anderen Kulturen“ oder „Ethnien“ sprechen: Das ist kulturalistischer Rassismus.

Zurück zur Aussage von Clemens Tönnies:

  • Sie startet mit der Verallgemeinerung: „Die Afrikaner“. Damit werden also Menschen eines ganzen Kontinentes als angeblich homogene Gruppe abgehandelt. – das ist eine rassistische Aussage.
  • Das Statement hat eine abwertende Attitüde: Ein „Weißer Mann“ erklärt „den Afrikanern“, wie sie ihre angeblichen Probleme lösen sollen – das erinnert nicht nur den ehemaligen Bundesliga-Profi Hans Sarpei an die Kolonialzeit.

Kolonialismus beschreibt die Eroberungspolitik europäischer Staaten in anderen Erdteilen. Länder, die sich gegen die Übermacht der Europäer nicht wehren konnten, wurden unterworfen und damit sogenannte Kolonien. Deutschland hatte Kolonien in Afrika und Asien. Es ging in erster Linie um die Ausbeutung von Rohstoffen, aber es gab auch inhaltliche Begründungen: In der Frühzeit ging es darum, den „Heiden“ die christliche Religion zu bringen. Im 19. Jahrhundert ändert sich dies in die Argumentation, die „Weißen“ seinen eine höherstehende Zivilisation bzw. Rasse und hätten deshalb jedes Recht oder sogar die Pflicht, die anderen Länder auszubeuten und nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Eine höherstehende Minderheit stehe in der Verantwortung gegenüber der rückständigen Mehrheit der Menschen. In der NS-Zeit hatten solche „Rassenlehren“ tödliche Konsequenzen.

 Deshalb ist hier schon die verwendete argumentative Ansatz fragwürdig und abwertend mit Bezug auf ein rassistisches Gedankenkonzept formuliert.

  • Dann werden „die Afrikaner“ abgewertet, weil sie als dumm dargestellt werden, so dass sie nicht in der Lage seien, eigene oder weltpolitische Problem zu lösen. Sie „fällen Bäume“ (gemeint ist Regenwaldabholzung), ohne über Konsequenzen nachzudenken, findet Tönnies. Das ist mehr als grob verkürzt und verzerrend dargestellt, denn Tropenholz hätte nicht so viele Abnehmer, wenn es nicht in die ganze Welt exportiert würde (vgl. abenteuer-regenwald.de)
  • Noch gravierender allerdings: es folgt ein seit der Kolonialzeit verbreitetes rassistisches Ressentiment über schwarze Menschen: „wenn‘s dunkel ist, produzieren die Kinder“. Es ist eine sexualisierte Sicht auf die Menschen eines ganzen Kontinents, die ihren Ursprung in Kolonialzeiten darin hat, Schwarze Menschen als vermeintlich „Wilde“ abzuwerten und zu unterwerfen. Statt reale Ursachen von Überbevölkerung zu reflektieren, wie mangelnde Aufklärung, Krankheitsversorgung oder Verfügbarkeit von Verhütung, wird den Menschen eines ganzen Kontinents unterstellt, sie würden zu viel Sex haben und damit zu viele Kinder „produzieren“ (schon das eine zynische Wortwahl, sind Kinder doch Menschen und kein „zu produzierende“ Wirtschaftsgut).
  • Tönnies braucht dabei nicht die Entstehung dieses Sprachbildes zu kennen. Es ist ein rassistisches Ressentiment, dass offenkundig zu seiner Weltsicht wie zu den tradierten Vorurteilen in der deutschen Gesellschaft gehört.
  • Ganz ähnlich äußerte sich übrigens 2015 AfD-Hardliner Björn Höcke und bekam sehr viel Gegenwind – selbst parteiintern – für seinen rassistischen Vortrag zu „Reproduktionstypen“ auf einer Veranstaltung im neurechten Institut für Staatspolitik in Schnellroda. Höcke sprach von „Menschentypen“ – was bereits die Grundkonstruktion von biologistisch gefassten „Rassen“ in sich trägt – und konkret vom „lebenbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp; dieser sei auf „Menge der Reproduktion“ ausgelegt, also darauf, viele Kinder zu bekommen, um zu überleben. Und das, so Höcke, ändere sich nur, wenn Europa die Grenzen abschotte. Diese Aussagen sahen 2015 Forscher und Politiker in einer „Linie mit der Rassentheorie des Nationalsozialismus“ (vgl. NDR).
  • Auch die bei Rechtsextremen beliebte Idee des „Großen Austausches“ basiert auf der Erzählung, es gäbe nicht-europäische „Völker“ mit höheren Geburtenraten, die durch ihre Einwanderung Europa und /oder Deutschland bedrohten und deshalb als Immigrant*innen bekämpft werden müssten.

Der Ehrenrat macht die Situation nicht besser

Wie der Ehrenrat von Schalke 04 angesichts dieser Aussage zu dem Urteil kommen konnte, sie sei diskriminierend, aber nicht rassistisch, ist wenig verständlich. Es sind keine Ausschluss-Kriterien. Inwiefern soll die Aussage diskriminierend sein, wenn man den Rassismus der Aussage außer Acht lässt?

Sie ist diskriminierend, WEIL sie rassistisch ist.

Dies zu negieren, führt zu der Situation, sich eingestehen zu müssen, dass offenbar größere Teile der Vereinsorgane des Schalke 04 nicht in der Lage sind, Rassismus zu erkennen oder Kritik an einer rassistischen Aussage anzunehmen.

Die Anerkennung des Rassismus dieser Aussage wäre die Grundlag für Tönnies, um sich ernsthaft zu entschuldigen und mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Doch dies fehlt bisher. Angesichts der Tatsache, dass sich der ganze DFB und auch Schalke 04 in ihrer sozialen Arbeit vielfach gegen Rassismus stark machen, ist das umso unverständlicher. Tönnies nennt seine Aussage „falsch, unüberlegt und gedankenlos“. Falsch ja, unüberlegt und gedankenlos aber eher nicht, wenn sie doch in einer Rede geäußert wurden, die bewusst im öffentlichen Raum vor Publikum und Presse gehalten wurde.

An anderer Stelle, nämlich im Kommentar bei der tagesschau, ist dieses Verständnis allerdings überraschenderweise zu finden – und verquer begründet.

ARD-Chefredakteur Kai Gniffke kommentiert: „Was für ein Blödsinn, was für eine Zumutung. Aber ist Tönnies deshalb ein Rassist? Nein.“ Wenn alles in die Schublade Rassismus einsortiert würde, „was man für gedankenlos, gestrig und Altherrengewäsch hält, dann erklärt man sehr viele Menschen zu Rassisten.“ Gemeingefährliche Rassisten könnten dann „in der Masse untertauchen“.  (WDR)

Hier irrt Kai Gniffke.

Rassismus wird nicht weniger rassistisch, wenn er weit verbreitet ist und unüberlegt geäußert wird.

Dann wird er nur für die Betroffenen noch schwerer erträglich. Studien zeigen, dass rund 18 % der Menschen in Deutschland rassistischen Aussagen zustimmen und rund 50 % flüchtlingsfeindlichen Aussagen. Als Rassismus sollten rassistische Äußerungen oder Handlungen immer benannt werden, und zwar dort, wo er geäußert wird. Sonst gibt es keine Lernprozesse und keine Verbesserung für die Betroffenen.

Was tun?

Ein Mensch, der rassistisches Gedankengut von sich gibt, ist in diesem Moment ein Rassist oder eine Rassistin. Das ist aber kein Zustand, der so bleiben muss. Auseinandersetzung mit dem Thema, Betroffenen zuhören und daraus Einsichten gewinnen, das eigene Handeln ändern, das sind Schritte, die dazu führen, dass rassistische Aussagen weniger werden (können). Sie nicht so zu benennen, hilft dagegen nichts.

Es gibt auch keine „besseren“ und „gemeingefährlichen“ Rassist*innen – Gniffke meint vielleicht Rassist*innen, die Menschen „nur“ verbal verletzen, und die, die aus Rassismus das Recht ableiten, auch körperliche Gewalt auszuüben gegen die Gruppen, die sie abwerten. Den Unterschied zeigt aber leider erst die Tat – nicht in dem, was vorher geäußert wird.

Deshalb ist es wichtig, Rassismus immer zu benennen und auch aufzuzeigen, warum er nicht zu unserer Demokratie und unseren im Grundgesetz festgehaltenen Werten passt. Auch und vielleicht sogar noch mehr, wenn er von der Vorstandsebene geäußert wird – denn deren Aussagen wird mehr gehört und mehr akzeptiert als Gegröhle in der Kurve und richtet deshalb auch mehr Schaden an.

Was also kann Clemens Tönnies‘ jetzt tun? Er lässt sein Amt bei Schalke 04 drei Monate lang ruhen. Wenn er diese Zeit nutzen würde, sich ernsthaft mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen, dies auch öffentlich zu bekunden und sich auch für Antirassismus engagieren, könnte gelingen, was aktuell schwierig scheint: Aus einem rassistischen Vorfall ein positives Ende zu entwickeln. Nur mit einer Entschuldigung gelingt das nicht.

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