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Uwe Mundlos – Radikalisierung eines NSU-Terroristen

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Uwe Mundlos auf einem Fahndungsbild des Bundeskriminalamtes. Es zeigt ihn nach Polizeiangaben vermutlich im Jahr 2009. (Quelle: BKA)

Seit Mai 2013 wird am Oberlandesgericht in München der Prozess gegen die mutmaßliche Täterin des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), Beate Zschäpe, verhandelt. Die zwei mutmaßlichen Haupttäter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, begingen nach ihrem letzten Bankraub aufgrund der drohenden Verhaftung  Selbstmord. Die Selbstenttarnung der rechtsradikalen terroristischen Vereinigung 2011 löste Schrecken und Empörung in Deutschland angesichts der unzureichenden Ermittlungen durch die zuständigen Behörden und der Verstrickung des Verfassungsschutzes in den Fall aus. Besonders erschreckend ist die Richtung der Ermittlungen, die für die Morde keine rechtsextreme Motivation in den Fokus stellte, sondern die Vermutung, die Opfer wären in migrantische, kriminelle Milieus involviert gewesen. Uwe Mundlos, einer der mutmaßlichen Haupttäter, wuchs in den 1970er Jahren als Kind in einem Akademikerhaushalt in Jena auf. Wie konnte sich ein kluger Jugendlicher trotz eines sicheren sozialen Umfelds zunehmend dem Rechtsextremismus und letztendlich vermutlich dem Terrorismus zuwenden?

Erste Politisierung durch Konflikte mit der SED

Uwe Mundlos wurde am 11.08.1973 als Kind eines Akademikers und einer Kassiererin in Jena geboren. Er kümmerte sich liebevoll um seinen Bruder, der aufgrund einer schweren Behinderung im Rollstuhl saß. Mundlos galt als kluges, gewissenhaftes, unauffälliges Kind mit guten Manieren und einer gewissen Eloquenz. Der erste Einschnitt, der zu einer relevanten Politisierung des mutmaßlichen NSU-Terroristen im Alter von circa 13 Jahren geführt haben könnte, waren die Probleme seines Vaters mit der SED-Bürokratie: Aufgrund der nicht rollstuhlgerechten und zu kleinen Wohnung der Familie beschwerte dieser sich wiederholt bei der Stadt Jena und der SED. Jedoch erhielt er nie den Zuspruch auf eine behindertengerechte Wohnung. Dies frustrierte ihn  und führte zu einer zunehmenden Ablehnung der SED. Uwe Mundlos adaptierte diese „Anti-SED-Haltung“  und stellte das System, in dem er aufwuchs, schon als Jugendlicher in Frage. Er lehnte die „Russen-Zone ab. „Hier stinkt’s nach Stasi!“, war seine Reaktion auf einen DDR-Offizier in einer Jugendstunde der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Dies geschah, als er gerade einmal 13 Jahre alt war. Ein ehemaliger Mitschüler Mundlos‘, erinnert sich gegenüber dem „Spiegel“, dass dieser seinen Standpunkt „ausdauernd und leidenschaftlich“ vertreten habe. Damals war er, durch seinen Vater beeinflusst, noch westlich und pazifistisch orientiert, mit einer antikommunistischen Haltung, zu der auch gehörte, dass er sich negativ über Sowjetsoldaten äußerte. Zu dieser Zeit hörte Mundlos noch mit Vorliebe AC/DC und Udo Lindenberg.

Zunehmendes Interesse am Nationalsozialismus

In seiner Jugend begann Uwe Mundlos, sich sehr intensiv mit dem Dritten Reich und der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen und auch in dieser Hinsicht sein Weltbild zu festigen. Er interessierte sich für den Aufstieg Hitlers, verherrlichte dessen Verbrechen und begann zunehmend in der Schule negativ aufzufallen: Bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald soll er sich über die Opfer lustig gemacht haben. Die Gesprächsversuche mit den Eltern nach mehreren solcher Vorfälle führten zu keiner Änderung.

Später wird auch Mundlos‘ Vater bei dem Prozess gegen die NSU-Verbrechen aussagen, dass „die Wende“ bei Mundlos zu Halt- und Orientierungslosigkeit geführt habe. Die Arbeitslosigkeit nach seiner Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann bei Carl Zeiss (nach der 10. Klasse) habe ihn den „Rattenfängern“ in die Hände gespielt, also der Neonazi-Szene. Als Kind der Mauerfallgeneration habe die Wiedervereinigung die „nationale Gesinnung“ gefördert, die auch in der befreundeten Jugendclique dominierte: „Endlich waren wir nicht mehr die kleine DDR, sondern Fußballweltmeister.“ 1989 entwickelte Mundlos ein Computerspiel, bei dem das Ziel die Tötung möglichst vieler jüdischer Menschen war. Er unterlegte das Spiel mit Marschmusik und Reden aus dem Dritten Reich.

Radikalisierung in der Jugendzeit

Als Mundlos volljährig wurde, passte er sein Äußeres seiner gefestigten politischen Haltung an: Bomberjacke, Springerstiefel, schwarz-rot-goldene Hosenträger, damals noch ein Seitenscheitel. Was mutmaßlich zu seiner weiteren Radikalisierung beigetragen hat, war die Interaktion und Vernetzung mit politisch Gleichgesinnten im „Winzerclub“, einem 1991 wiedereröffneten Jugendclub in Mundlos‘ Stadtteil Jena-Winzerla, wo er erste Kontakte zu Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe wie auch zu anderen Neonazis knüpfte. Der Jugendclub wurde zu einem Sammelbecken neonazistischer Jugendlicher. Die Betreuer_innen entschieden sich, die Jugendlichen einzubinden, was ihnen jedoch misslang.

1993 wurde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ein Hausverbot für den „Winzerclub“ erteilt: Sie waren in schwarzen Uniformen mit SS-Runen dort erschienen. Immer wieder versuchte Mundlos‘ Vater nach eigenen Aussagen seinen Sohn aus dem braunen Sumpf zu befreien. Als er beispielweise vom Stattfinden eines Rechtsrock-Konzerts in der Stadt erfuhr, versuchte er seinen Sohn von der Teilnahme abzuhalten, indem er ihn und seine Freundin Beate Zschäpe (sie waren seit 1992 ein Paar) zum Campen zu einem nahegelegenen Baggersee fuhr.

Befragung durch den Militärischen Abschirmdienst

Von April 1994 bis März 1995 leistete Mundlos im thüringischen Bad Frankenhausen seinen Grundwehrdienst ab. Er fiel durch mehrere Disziplinarverstöße und darauffolgenden Arrest auf. Ausschlaggebend für eine Befragung durch den „Militärischen Abschirmdienst“(MAD) war ein Vorfall, der sich am 13.8.1995 beim Rudolf-Hess-Gedenken ereignete. Wegen des Besitzes von Briefmarken mit dem Bildnis Adolf Hitlers, einem Zeitungsbild von Rudolf Heß und „Hitler-Visitenkarten“ wurden Mundlos und weitere Neonazis in Gewahrsam genommen.

In der Befragung des MAD bezeichnete sich Mundlos als politisch nicht organisierter Oi-Skin, der zwar seine rechte Neigung einräumte, sich aber nicht als ausländerfeindlich sehe. Er verstehe seine rechte Gesinnung als offene Provokation gegen den Staat. Der Holocaust sei eine „schlimme Sache“ gewesen. Mundlos habe zufällige Kontakte zu NPD-Mitgliedern, hege jedoch kein Interesse an einer Mitgliedschaft, da ihm die NPD zu radikal erscheine. Er befürworte die Abschiebung von Asylsuchenden, die sich „auf Kosten des Staates ein schönes Leben machten“, toleriere aber Asylsuchende, die Schutz brauchen. Interessant ist hierbei im Hinblick auf seine spätere Brutalität, dass er gegenüber dem MAD körperliche Angriffe gegen Migrant_innen ablehnte. Jedoch wurde Mundlos auch im Schäfer-Bericht als überlegter und intelligenter (als Böhnhardt) eingeschätzt und von Tino Brandt als anpassungsfähig beschrieben. Es wäre taktisch kontraproduktiv gewesen, seine einschlägige Vernetzung und sein gefestigtes rechtes Weltbild vor dem MAD offen zuzugeben.

Auf die Frage hin, ob er sich vorstellen könne, künftig „Termine für Anschläge auf Asylbewerberheime“ an die zuständigen Behörden Polizei und Verfassungsschutz zu melden, antwortete Mundlos, er könnte sich nicht vorstellen, „mit den zuständigen Behörden zu kooperieren.“ Nach seinem Wehrdienst plante er, sein Abitur am Ilmenau-Kolleg nahe Erfurt nach zu holen. Dort fiel er als Einzelgänger, klar erkennbarer Neonazi und begabt in den Naturwissenschaften auf.

Freie Kameradschaften und der „Thüringer Heimatschutz“

Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt waren Mitte der 90er Jahre alle Mitglieder der Kameradschaft Jena, dessen der ebenfalls im NSU-Prozess angeklagte Anführer André Kapke war. Außerdem gehörten sie zu der rechtsradikalen Vereinigung „Anti-Antifa Ostthüringen“, die im Oktober 1994 erstmals in Erscheinung trat und seit 1997 unter dem Namen „Thüringer Heimatschutz“ (THS) bekannt ist. In einem Interview mit der rechten Zeitung „Junge Freiheit“ bestätigte Kapke die Radikalisierung der rechten Vereinigung „Kameradschaft Jena“ (KSJ), der sowohl er selber als auch die die drei Haupttäter_innen des NSU zugehörig waren. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hätten ihm zufolge „aktionistischer“ werden wollen.  Sie galten laut Schäfer-Bericht als harter Kern des THS, dessen Anführer wiederum Tino Brandt war. Brandt ist ehemaliger NPD-Funktionär, Vorsitzender des THS sowie vor allem V-Mann und enger Bekannter der drei mutmaßlichen Terrorist_innen. Er ist derzeit wegen schwerem sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in 157 Fällen angeklagt. Die Namen der drei Terrorist_innen wurden trotz allem erst im Rahmen der Durchsuchung ihrer gemieteten Garagen Anfang 1998 im Verfassungsschutzbericht des Thüringer Landesamts für Verfassungsschutz (TLfV) erwähnt. Dies lässt darauf schließen,, dass sie zwar als aktiv in der Szene,  jedoch nicht als von „herausragender Bedeutung“ für die Strukturen der Rechtsextremen eingeschätzt wurden. Mundlos soll nach Einschätzung der Polizei aggressiv gewesen sein, jedoch wurde er im Gegensatz zu Böhnhardt bis 1997 strafrechtlich nicht wegen Gewaltdelikten verfolgt. Tino Brandt beschreibt ihn als Schwiegermuttertyp, der besonnen gewesen sei und viel geredet habe.

Gemeinschaftliche Aktivitäten und Straftaten

Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt begingen eine Vielzahl gemeinschaftlicher Verbrechen, in die auch andere Angehörige der Thüringer Neonazi-Szene involviert waren, und nahmen an Veranstaltungen der Anti-Antifa bzw. des THS und der KSJ teil. Dazu gehörten die wöchentlichen Treffen der „Anti-Antifa Ostthüringen“, Demonstrationen, Rechtsrock-Konzerte, Störungen „linker“ Veranstaltungen, häufig das Plakatieren ohne Genehmigung von politisch einschlägigen Plakaten, das Verbreiten von Propagandamaterialien in Form von Flyern, Provokation durch das Erscheinen in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald in SA-ähnlichen Uniformen. Außerdem wurden bei Wohnungs- und Fahrzeugdurchsuchungen geradezu lächerlich viele leichte Waffen bei den drei Neonazis gefunden.

Eine höhere Gewaltbereitschaft?

Hätte man zu diesem Zeitpunkt anhand der Aktivitäten der Neonazis bereits eine höhere Gewaltbereitschaft aufgrund des „Waffenarsenals“ und eine Radikalität feststellen kann, die weit über „Stammtische“, Rechtsrock-Konzerte und Schriftmaterial der NPD hinausging? Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sollen sowohl eine Bombenattrappe im Ernst-Abbe-Stadion in Jena deponiert (1996) als auch Briefbombenimitate an die Stadtverwaltung, die Polizeidirektion Jena sowie an die Lokalredaktion der thüringischen Landeszeitung verschickt haben (1996 bis Anfang 1997). Die Bombenimitate waren jeweils mit Hakenkreuzen beschmiert, sodass die Absicht, von der Öffentlichkeit als politisch einschlägig erkannt zu werden, offensichtlich war. In den kruden Drohungen, die den Briefbombenimitaten zugefügt wurden, war von „Kampfjahr 97“ und „Bombenstimmung“ die Rede. Im selben Jahr fanden spielende Kinder vor dem Theater im Schlossgässchen in Jena einen mit Hakenkreuzen beschmierten Koffer, der erstmals sprengfähiges Material, 10 g TNT, enthielt.

Wohnungsdurchsuchungen und passende Persönlichkeitsprofile der mutmaßlichen Täter_innen

Wie man heutzutage weiß, hatten die drei mutmaßlichen Täter 1,4 kg TNT in einer gemieteten Garage in Jena vorrätig. Bei der Durchsuchung der Garage, die Zschäpe angemietet hatte, fanden die Ermittler 1998 eine USBV (unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung), die zu einem Haftbefehl gegen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt führte, der bekanntlich nie ausgeführt wurde. Die Durchsuchung der Wohnorte scheint die Beschreibung der drei mutmaßlichen Täter und die ihnen zugeteilten Eigenschaften aus dem Schäfer-Bericht zu decken: Während bei Zschäpe verschiedene Waffen und Schriftgut sichergestellt wurde, fand man bei Böhnhardt unter anderem. pyrotechnisches Material, verschiedene Patronen, Plastikbehältnisse mit unbekanntem Inhalt. In Mundlos‘ Wohnung wurden hingegen Schriftstücke, Disketten, Tonbandkassetten und derlei sichergestellt. In der erwähnten Beschreibung wird Böhnhardt als Waffennarr, bildungsfern, skrupellos, aggressiv und aktionistisch bezeichnet, was seine Affinität zu Waffen und die Abwesenheit politischer Schriften erklärt. Zschäpe gilt als „nicht dumm“, politisch interessiert mit einem selbstsicheren Auftreten. Sie war ideologisch gefestigt und nahm höchstwahrscheinlich aus Überzeugung an den gewaltvollen Aktivitäten teil. Mundlos hingegen galt als höchst intelligent, gebildet, er hatte früh angefangen sich für Nationalsozialismus zu interessieren und sein politisches Weltbild zu festigen. Möglicherweise besaß er deshalb als einziger nur Schriftmaterial und keine Waffen.

Die Steigerung der Militanz

Laut Schäfer-Bericht zeigen die gemeinsamen Aktionen der Neonazis ab 1995 eine Steigerung in ihrer Militanz und Radikalität – vom Handzettel verteilen bis zur Bombenattrappe. Deutlich ist eine Entwicklungstendenz der neonazistischen Gruppe von Propaganda-Aktionen hin zu terroristischen Aktivitäten. Laut Schäfer-Bericht stellte der BGH 2011 fest, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe 1998 beschlossen, eine eigenständige Gruppierung im Untergrund zu bilden, die die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD zugunsten eines „an der nationalsozialistischen Ideologie ausgerichteten Systems“ zum Ziel hatte. Dieses Ziel waren sie auch bereit mit Waffengewalt zu erlangen.

Selbstbild und Ideologie?

Zu den gemeinsamen ideologischen Ansichten der Freien Kameradschaften lässt sich feststellen, dass sie sich oftmals als eine Art Elite sehen, die das deutsche Volk von sogenannten „Feindgruppen“ befreit. Sie kreieren ein Selbstbild von Revolutionär_innen, die Gewalt als legitimes Mittel zur Verfolgung ihrer politischen Ziele sehen. Übereinstimmung mit der Idee eines „Volksaufstandes“ lässt sich sowohl bei der Zeugenaussage zu Tino Brandts Überzeugung des „Tages X“ sehen, als auch in den Handzetteln, mit denen Kapke, der ebenfalls angeklagte Holger Gerlach, Böhnhardt, Zschäpe und andere 1995 warfen: „Deutsche lernt wieder aufrecht zu stehen!“ Das Konzept der Kameradschaft diente als eine Art Versprechen an die einzelnen Mitglieder, ein Versprechen auf Teilhabe an einer Anerkennung, die den Mitgliedern abseits von konkreten Leistungen, wie akademischen, beruflichen, familiären Erfolgen zukommt. Dieses Prinzip könnte beispielsweise Böhnhardt angezogen haben, ebenso wie Zschäpe, deren Chancen auf z.B. berufliche Erfolge relativ gering waren und die sich über die Stärke dieser ideologischen Gruppe selbst definieren konnten. Fraglich ist, wie auch im Schäfer-Bericht aufgeführt wird, weshalb Mundlos dieser Kultur der Anerkennung trotz seines Aufwachsens in einem Akademikerhaushalt, intelligent mit guten schulischen Leistungen und beruflichen Möglichkeiten im Endeffekt verfiel.

Vom Interesse am Nationalsozialismus zur Verherrlichung

Wie kommt es, dass Mundlos, der er sich intensiv mit der Geschichte des zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes auseinandersetzt hatte, über die Praktiken der Euthanasie hinwegsehen konnte, obwohl er einen schwerbehinderten Bruder hatte, zu dem er ein inniges Verhältnis pflegte? Mundlos‘ Aufkommen dieser Faszination ist schwer zu erklären und auch die Vermutung, sein Großvater sei überzeugter Nazi gewesen und hätte ihn politisch prägen können bleibt nichts weiter als Spekulation. Es eröffnet sich als einziger Ansatz die antikommunistische Haltung und die Kritik beziehungsweise Rebellion Uwe Mundlos‘ gegen die DDR, die zu einem anfänglichen Interesse und dann zu einer Verherrlichung des Dritten Reiches geführt haben könnten.

Das Stärkegefühl als Gruppe Gleichgesinnter

Vermutlich wurde Mundlos politische Meinung durch die Freundschaften zu Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt, und anderen Neonazis gestärkt wie durch die anfangs harmloseren Aktionen, weil so ein Gemeinschafts- und Stärkegefühl als Gruppe Gleichgesinnter ebenso entstand. Kontakte zu gefestigten Neonazis wie Ralf Wohlleben und André Kapke ermöglichten einen nahtlosen Übergang von der unorganisierten Jugendclique zur rechtsradikalen Gruppierung. Obwohl unklar ist, inwiefern und durch welche politischen Konzepte und Ideologien genau die  mutmaßlichen Täter_innen des NSU beeinflusst wurden, ist belegt, dass sie sich in einem radikalisierten Milieu innerhalb der Thüringer Neonaziszene bewegten und sich gegenseitig und gemeinsam radikalisierten beziehungsweise politisierten. Wie im Schäfer-Bericht festgestellt wurde, gab es einen klar zu verzeichnenden Anstieg in der Radikalität der gemeinschaftlich begangenen Straftaten und Aktionen, in welche die drei mutmaßlichen Täter_innen des NSU involviert waren. Hierbei ist die Steigerung der Gefährlichkeit von Bombenattrappen bis zu spreng-, aber nicht zündfähigen „unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen“ (USBV)  zu nennen, die das Niveau der Handlungsbereitschaft deutlich hebt.

Die fatale Entwicklung des Neonazis

Sicher ging diese Motivation über einen durchschnittlichen rechtsextremen Aktionismus hinaus, was man früh an der Anfertigung der USBV und später an den Taten des NSU selber erkennt. Statt dann in der Illegalität ein möglichst ruhiges Leben zu führen, entschieden sich Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt dazu, ihren menschenfeindlichen Terrorismus in Mord- und Sprengstoffattentate auszuüben. Dies könnte man als Selbstverständnis einer nationalrevolutionären Zelle mit politischen Zielen als höchste Priorität interpretieren. Ihre politische Gesinnung und das Verfolgen ihrer Ziele schienen ihnen von größerer Bedeutung gewesen zu sein als ein stilles Abtauchen im Untergrund. Als sie wussten, dass ihnen schwere Straftaten vorgeworfen und gegen sie alle Haftbefehle ergehen würden, schienen sie dies wohl als Möglichkeit zu sehen, ihren politischen Ansprüchen mit Waffengewalt gerecht zu werden. Es bleibt weitestgehend offen, weshalb ein Mensch mit guter Bildung, einem stabilen sozialen Umfeld und guten Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft in der Arbeitswelt sich der Ideologie des Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus zuwenden konnte beziehungsweise wie er sich in erster Linie überhaupt diesen Themen – und das in einem sehr jungen Alter – annähern konnte. Möglicherweise hatten Lehrer und Eltern nach einigen Auffälligkeiten ihres Sohnes schlichtweg resigniert und machten die generelle Halt- und Orientierungslosigkeit angesichts der Wiedervereinigung Deutschlands dafür verantwortlich. Zu diesem Zeitpunkt war Mundlos bereits tief in die Thüringer Neonaziszene eingestiegen und festigte seine politische Einstellung zusehends.

Empfehlenswerte Literatur zu diesem Thema:

 Jüttner, Julia: „Der nationalsozialistische Untergrund“. In: Andrea Röpke/Andreas Speit (Hrsg.): Blut und Ehre – Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. Berlin: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung: christoph links Verlag GmbH 2013

Borstel, Dierk/ Heitmeyer, Wilhelm: „Menschenfeindliche Mentalitäten, radikalisierte Milieus und Rechtsterrorismus“ In: Radikale Milieus: Das soziale Umfeld terroristischer Gruppen. Malthaner, Stefan/Waldmann, Peter (Hrsg.), Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH 2012

Jüttner, Julia/ Röbel, Sven: Rechtsterrorist Uwe Mundlos: „Er war stinkend faul, aber klug.“. In: Spiegel online vom 12.11.2012

Schäfer, Dr. Gerhard/Wache, Volkhard/ Meiborg, Gerhard: Gutachten zum Verhalten der Thüringer Behörden und Staatsanwaltschaften bei der Verfolgung des „Zwickauer Trios“. Erfurt: 14.5.2012, entnommen aus nsu-watch.info

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