Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Völkische Ideologie

Von|

Nicht in dem Sinn, dass das wilde Gemisch von esoterischen Halbweisheiten und scheinwissenschaftlichen Vorurteilen, die die völkische Ideologie ausmachen, zwangsläufig in der Shoa oder den Holocaust münden hätte müssen; dazu wären die Sekten und Geheimbünde des völkischen Milieus schon organisatorisch niemals in der Lage gewesen. Aber: dieses Milieu gab geistig wie organisatorisch einen idealen Nährboden für die Funktionäre des NSDAP und ihre Machwerke (etwa Adolf Hitlers „Mein Kampf“ von 1924 oder Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20.Jahrhunderts“ von 1930) ab. Schließlich wurden Runensymbole und Hakenkreuz, Begriffe wie „Arier“ und „Rasse“ Ende des 19.Jahrhunderts durch die völkische Bewegung und ihren Hauptideologen, den österreichischen Anthropologen Guido von List, populär gemacht. Nicht umsonst auch hieß das Parteiorgan der NSDAP und später offizielle Regierungszeitung Nazi-Deutschlands Völkischer Beobachter. Weil nun die NSDAP die völkischen Vorstellungen mit quasi-sozialistischen Vorstellungen von staatlicher Wirtschaftslenkung und totaler Integration der Bürger in eine moderne Massenbewegung verband, wurde sie zur „Machtergreifung“ (siehe: Nationalsozialismus) fähig.

Es sind vor allem drei Zentren, um die das völkische Denken kreist: Antisemitismus, Rassenlehre und Religion. Offen ihre Vernichtungswünsche aussprechende Antisemiten, wie Theodor Fritsch, dessen „Handbuch der Judenfrage“ noch im Dritten Reich als Standardwerk galt, standen neben Antisemiten, die die Juden nicht direkt ausrotten, sondern „nur“ der eigenen, vermeintlich kulturell überlegenen „Rasse“ unterordnen wollten. Überhaupt ist zu beobachten, dass der positive Bezug auf die vermeintliche „arische“, „germanische“ oder „nordische“ Rasse nie und nirgends ohne den negativen Bezug auf die Juden als Hauptvertreter einer „verderbten“, dem Natürlichen und Ursprünglichen feindlichen Lebensweise auskommt.

Diese innige Verknüpfung mit dem Antisemitismus kennzeichnet beide Spielarten des bei den völkischen Sekten und Splittergruppen beheimateten Rassismus: Die etwas zurückhaltendere Spielart fasste „Rasse“ als eher geistige und kulturelle Bestimmung des Einzelnen auf, teilte ihm dem jeweiligen Kollektiv aufgrund des „Gemüts“ zu, die härtere begründete „Rassezugehörigkeit“ als vermeintliche genetische Tatsache und setzte schon damals auf nach rassistischen Kriterien gesteuerte Menschenzucht (Im Nationalsozialismus gingen diese Vorstellungen in die Nürnberger Gesetze ein – siehe: Shoa – und legitimierten darüber hinaus das staatlicherseits betriebene Töten behinderter Menschen). Ein unerbittlicher Kollektivismus aber ist beiden Spielarten eigen: Die „Kultur“-Zugehörigkeit ist bei der einen für das Einzelindividuum so zwingend wie bei der anderen das „Geblüt“; die „Gegen-Rasse“ der Juden wird in einem Fall als hoffnungslos „artfremd“ denunziert, im anderen als unbrauchbar „minderwertig“ zur Ausrottung freigegeben. Die anderen „Rassen“ stünden zueinander in hierarchischer Anordnung, in der die reinrassige „arische“ oder „nordische“ (was gleichbedeutend mit „deutsch“ zu verstehen ist) aufgrund kultureller und/oder angeborener Überlegenheit zur Herrschaft über andere bestimmt sei.

Vor dem Hintergrund solcher Annahmen wird dann auch das Christentum als eine „art-“ oder „kulturfremde“ Religion angesehen. So trachtete die eine völkische Strömung danach, sich ein abstruses „deutsches Christentum“ zurechtzulegen, in dem vor allem Jesus nicht mehr der Jude, der er war, sein durfte, sondern von Juden ermordeter „Arier“ zu sein hatte. In der Sache konsequenter sind da andere Strömungen, die bis heute Einfluss besitzen, wie das Neuheidentum (siehe: Neopaganismus) und diverse Germanenkulte. Sie woll(t)en die Deutschen aus den Fängen einer schwächlichen, ihrer Meinung nach von Juden zur Schwächung der „nordischen“ Völker erfundenen Religion der Gleichheit und der Nächstenliebe befreien und sie zu ihren barbarischen Ursprüngen in diffusen Vorzeiten zurückführen.

Der Hauptträger völkischer Ideologie war der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“ mit seinem Vorsitzenden Heinrich Claß, der sich als überparteiliche Sammlungsorganisation verstand. Er warb für eine Erweiterung des deutschen „Lebensraums“ mittels kriegerischer Expansions- und Unterwerfungspolitik. Der Verband hatte mit antiliberalen Zeitschriften großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Nach 1918 forderten die „Alldeutschen“ die „nationale Diktatur“ und verschärften die antisemitische Propaganda gegen „Fremdvölkische“. Nach dem Verbot des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“ verlor der Verband in den 1920ern an Einfluss gegen die aufstrebende NSDAP und wurde nach Hitlers Machtergreifung 1933 schließlich bedeutungslos.

Eine herausragende Rolle spielte auch der 1912 gegründete „Reichshammerbund“ und seine Geheimorganisation „Germenanorden“ um den bereits erwähnten antisemitischen Demagogen Theodor Fritsch. 1918 ging aus dieser Organisation die in München ansässige „Thule-Gesellschaft“ hervor. Diese war stramm heidnisch-antisemitisch ausgerichtet und verfügte über gute Verbindungen ins Militär und den Staatsapparat. Die „Thule-Gesellschaft“ hatte eine eigene Zeitschrift, den Münchener Beobachter (aus dem bald der Völkische Beobachter wurde), verwendete das Hakenkreuz als ihr Symbol, förderte die DAP (aus der bald die NSDAP wurde) und ihre führenden Funktionäre wie Adolf Hitler nach Kräften und half 1923 auch, den sogenannten „Hitlerputsch“ zu inszenieren (siehe: Nationalsozialismus). Die „Thule-Gesellschaft“ hatte also größten Einfluss auf den Aufstieg der NSDAP.

Insgesamt nahm die Anzahl und Mitgliederstärke völkischer Gruppierungen ab 1918/19 rasch zu. Vereine wie der „Verband gegen die Überhebung des Judentums“, der „Deutsch-Österreichische Schutzverein Antisemitenbund“, die „Deutschvölkische Beamtenvereinigung“ oder der „Bund völkischer Frauen“ schlossen sich Anfang 1919 auf Initiative des Alldeutschen Verbands im gegründeten „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ zusammen. Anfang der 20er Jahre verfügte er über rund 200.000 Mitglieder in 600 Ortsgruppen. Mit einer hemmungslose Hetze gegen demokratische und als „verjudet“ geltende Politiker, die obendrein als Schuldige an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg hingestellt wurden, trug der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ maßgeblich zur Verbreitung antisemitischen Gedankenguts in breiten Gesellschaftskreisen bei. Allein im Jahre 1920 wurden über 7 Millionen Flugblätter, fast 5 Millionen Handzettel und gut 8 Millionen Klebemarken unter der Bevölkerung verteilt. Als rechtsextreme Attentäter aus dem Umfeld der Organisation zwei Repräsentanten der Demokratie erschossen, 1921 den bürgerlich-konservativen Politiker Matthias Erzberger und 1922 den liberalen Unternehmer Walther Rathenau, wurde der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ verboten. Viele seiner Gönner, Förderer und Mitglieder wandten sich daraufhin der NSDAP zu.

Zur völkischen Bewegung dieser Zeit muss man aber neben den im politischen Raum operierenden Gruppen auch eine Vielzahl eher subkulturell orientierter Strömungen und Gruppierungen zählen, die ein antimodernes, vernunftfeindliches und gegenaufklärerisches Weltbild pflegten wie die Turnbewegung, die „Wandervögel“, die „Bündische Jugend“, Landkommunen, Anhänger der „Freikörperkultur“ und der „Lebensreform“, aber auch okkultistische und esoterische Gruppen. Der geistige Einfluss dieses Milieus reichte bis in Teile der Alternativ-Bewegung der 1980er und 1990er Jahre und wirkt fort im Radikal-Ökologismus, in spiritualistischer (New Age-)Ideologie und in populären Verschwörungstheorien.

Weiterlesen

Ursprung, Entwicklung und Werte von Burschenschaften

Burschenschaften sind von Studentenverbindungen zu unterscheiden. Häufig werden die Begriffe synonym verwendet. Doch eigentlich sind Burschenschaften nur eine Form von…

Von|

„Damals wie heute Hitlerleute“

Am 16.01.2014 startet der Film „Das radikal Böse“ von Stefan Ruzowitzky in ausgewählten Kinos. Dazu hat der Aktionskreis ehemaliger Rechtsextremisten…

Von|

„Klänge des Verschweigens“ Musik an der Grenze zum Tod

Willi Heckmann, Jahrgang 1897, war Alleinunterhalter, lyrischer Tenor und homosexuell. 1937 wurde er in das KZ Dachau eingeliefert. Regisseur Klaus Stanjek macht sich mit seinem Film „Klänge des Verschweigens“ auf die Spuren seines verstorbenen Onkels und arbeitet eine verdrängte Familienepisode auf.

Von Pauline Schmidt

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der