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Wiking-Jugend (WJ)

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Von Nadja Müntsch

Die WJ wurde am 10.11.1994 von Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) gemäß § 3 VereinsG verboten. Kanther begründete das Vereinsverbot mit der Wesensverwandtschaft, welche die WJ mit NSDAP und Hitler-Jugend aufweise. Sie wolle „das Grundgesetz notfalls auch mit Gewalt abschaffen“, um „erneut einen nationalsozialistischen Staat“ zu errichten, so Bundesinnenminister Kanther.

Gegründet wurde die WJ am 02.12.1952 im niedersächsischen Wilhelmshaven aus dem Zusammenschluss der „Reichsjugend“ (der Jugendorganisation der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei/SRP), der „Deutschen Unitaristischen Jugend“ und der „Vaterländischen Jugend“. Gründungsmitglieder waren Raoul und Wolfgang Nahrath. Als erster „Bundesführer“ trat Walter Matthaei in Erscheinung, der zuvor als „Reichsjugendführer“ bei der SRP fungiert hatte. Im nationalsozialistischen Regime war Matthaei als Referent im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete tätig gewesen. Die Organisation der WJ ging in den fünfziger Jahren in die Hände der Familie Nahrath aus dem nordrhein-westfälischen Stolberg über. 1954 übernahm Raoul Nahrath das Amt als Bundesführer und gab es 1967 an Sohn Wolfgang weiter. 1991 schließlich wurde Enkel Wolfram Nahrath letzter Bundesführer und leitete den Umzug der WJ-Bundeszentrale nach Berlin.

Der Mitgliederstand der WJ belief sich 1994 auf 400 bis 500 Personen. Nach Angaben der WJ sollen es 15 000 Kinder und Jugendliche gewesen sein, welche insgesamt die WJ-Schule durchlaufen haben. Die WJ war nach dem Lebensbundprinzip organisiert; so dass die Mitgliedschaft in der WJ trotz des Namens „Wiking-Jugend“ nicht mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter erlosch, sondern lebenslang galt.

Zu den Zielen der WJ gehörte die „Erziehung zur gemeinschaftsgebundenen Persönlichkeit“. Daneben bot die WJ ihren Mitgliedern paramilitärisches Training an. Ebenso propagierte die WJ in Anlehnung an den nationalsozialistischen „Reinheitsgedanken“ die „Zurückdrängung von Fremdrassigem und Reinhaltung unserer Rassenfamilie“. In sozialdarwinistischer Manier sprach sie sich für die „Verhinderung der Vermehrung von Minderwertigen“ aus.

Nicht nur weltanschaulich, sondern auch organisatorisch wies die WJ zahlreiche Analogien zur nationalsozialistischen Hitler-Jugend auf: Die WJ war streng hierarchisiert und nach dem Führerprinzip gegliedert. Der WJ-„Bund“ spaltete sich in weitere regionale Organisationseinheiten auf, so genannte „Gaue“, die mit den Bezirken der NSDAP flächendeckend übereinstimmten: Demnach bestanden die WJ-„Gaue“ Preußen/Berlin, Bayern, Hessen/Franken/Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordmark, Rhein-Westfalen, Sachsen, Schwaben und Thüringen. Auch im Ausland gab es „Gaue“ der WJ, so in Australien, Belgien, Großbritannien, Neuseeland, den Niederlanden und der Schweiz. Die regionalen „Gaue“ wurden noch einmal in „Horste“ aufgeteilt. Auf dieser Ebene waren die Kinder, getrennt nach Geschlechtern, in „Fähnlein“, „Gefährtenschaften“ und „Jungenschaften“ (Jungen) oder in „Mädelringen“, „Mädelscharen“ und „Mädelschaften“ (Mädchen) organisiert.

Kennzeichen und Grußformeln der NSDAP benutzte die WJ in leicht abgewandelter Form: Vereinskader grüßten mit den Worten „Nordland Heil“ oder „Heil Euch“. Ein Adler auf rotem Grund und die Odalrune dienten der WJ als Symbol. Die Odalrune war als Symbol für „Blut und Boden“ im Nationalsozialismus von der Hitler-Jugend, dem Rasse- und Siedlungshauptamt sowie der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ verwendet worden. Das 1994 durch den Bundesinnenminister ausgesprochene Vereinsverbot beinhaltete auch ein Verbot der Verwendung der Odalrune. Dies bezieht sich auf ihre Verwendung als Gruppensymbol, so dass die Darstellung der Odalrune im Zusammenhang mit der WJ nunmehr verboten ist.

Die WJ verfügte über ein wechselndes Sortiment an Publikationen. Auch nach dem Verbot wurde weiterhin das Hauptblatt „Der Wikinger“ aus Belgien versendet. „Der Wikinger“ erschien seit 1983 vierteljährlich mit einer Auflage von ungefähr 1.000 Exemplaren.Im Jugendbereich wurden seit 1975 der „Mädelbrief“ „Die Bauge“ sowie seit 1978 alle zwei Monate die Schülerzeitschrift „Der Gäck“ herausgegeben. Weiterhin wurde in periodischen Abständen der so genannte „Odal-Kalender“ veröffentlicht.

Ab 1955 führte die WJ Pfingstreffen durch, die später auch als „Tage volkstreuer Jugend“ bezeichnet wurden. 1962 verbot Bundesinnenminister Hermann Höcherl (CSU) der WJ kurzzeitig das Tragen der Uniform und trug auf diese Weise andauernden Verstößen gegen das Versammlungsgesetz Rechnung. Anfang der 1980er Jahre hielt die WJ mehrwöchige Zeltlager für ihre Mitglieder ab. Die WJ diente vielen Aktivisten der rechtsextremen Szene als Sprungbrett in politische Organisationen und Parteien, so dass personelle Verflechtungen in nahezu alle einschlägigen rechten Parteien zu finden sind.

Zwischen der rechtsextremistischen NPD und der WJ bestanden zudem direkte Verbindungen. Die Anschriften der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN) und die der WJ waren bis zu deren Verbot identisch und liefen auf die Adresse des ehemaligen WJ-Vorsitzenden Wolfgang Nahraths in Stolberg. Auch annoncierte die WJ regelmäßig im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“. Umgekehrt fanden sich in der WJ-Publikation „Der Wikinger“ Anzeigen der „Deutschen Zukunft“, der regionalen Mitgliederzeitschrift des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der NPD. Nach dem Verbot der WJ diente die NPD zahlreichen ehemaligen WJ-Mitgliedern als Sammelpunkt.

Dieser Text stammt aus dem Online-Dossier zum Thema Rechtsextremismus der Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de/rechtsextremismus

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