Die großen rechtsextremen Kampfsportveranstaltungen in Deutschland sind erst einmal Geschichte. Der „Kampf der Nibelungen“ fand letztmals 2018 vor Publikum statt. Die Kampfsportler aus der extremen Rechten sind damit aber keineswegs von der Bildfläche verschwunden. Den rechten Haken gibt es jetzt immer häufiger in „Underground Fightclubs“, bei denen sich offensichtlich niemand an den Rechtsextremen stört.
Im US-Spielfilm „Fight Club“ sagten die Hollywood-Schauspieler Edward Norton und Brad Pitt vor 25 Jahren: „Die erste Regel des Fight Clubs ist: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club“. In den Underground-Fightclubs, die heute mit Videos im Internet hunderttausendfache Klicks generieren, müsste der Slogan eher lauten: „Die erste Regel des Fight Clubs: Rechtsextreme stören uns nicht“. In einer gewaltaffinen Mischszene sind Kämpfer mit rechtsextremer Gesinnung vollständig akzeptiert. Diese Annahme belegen zahlreiche Beispiele.
Die neuen Kampfsportformate gibt es in ganz Europa. Einige davon finden hinter verschlossenen Türen statt, andere erreichen mit ihren aufwendig produzierten Videos große Aufmerksamkeit, weit über die Kampfsportszene hinaus. Branchenführer ist dabei „King of the Streets“, kurz: KOTS. Das aus Schweden stammende Format, gilt als der härteste Fightclub der Welt. Regeln gibt es hier keine. Bei den Kämpfen, Mann gegen Mann, auf Asphaltuntergrund sind selbst Tritte gegen den Kopf und Griffe in die Augen erlaubt. KOTS hat über zwei Millionen Abonnenten auf YouTube. Zu den bekanntesten Kämpfern der Organisation zählen auch Rechtsextreme.
Auch „Gromda“ in Polen setzt auf „Underground Fights“. Gekämpft wird im Bareknuckle Boxen, also im Boxen ohne Handschuhe. Einen großen Fokus setzt das Format auf die Inszenierung seiner Kämpfer. Die werden in Hochglanzvideos im Vorfeld der Turniere gewaltverherrlichend und häufig nationalistisch in Szene gesetzt. Auch hier standen in der Vergangenheit immer wieder Rechtsextreme im Ring.
In Deutschland erreichte der Fightclub Frontière ab 2021, noch während der Corona-Pandemie, zweifelhafte Berühmtheit. An konspirativen Orten im deutsch-französischen Grenzgebiet prügelten sich dort junge Männer, selten auch Frauen, in ungewöhnlicher Umgebung – zwischen Autoreifen oder Paletten. Die Regeln der Kämpfe orientierten sich mal mehr, mal weniger an denen regulärer Kampfsportwettkämpfe. Die Verantwortlichen des Fightclub Frontière blieben anonym. Die Videos der meist wilden Schlägereien gingen später im Internet viral. Der Background der Kämpfer blieb meist unklar. Mittendrin statt nur dabei, waren im Fightclub, der sich den Slogan „Respect of the Streets“ auferlegte, auch militante Rechtsextreme.
Ein knapp zweieinhalb Minuten langes YouTube-Video aus dem Jahr 2023 zeigt einen Kampf mit Beteiligung aus der rechtsextremen Szene. Eine Art Tierkoppel irgendwo in der Natur bildet die Kampffläche. Die Kamera zoomt auf eine Holzlatte, auf der „No Rules“ gesprüht wurde. Einer der beiden Kämpfer: Norik E. aus Nordhessen, ein führender Kader der rechtsextremen Kleinpartei „Der III. Weg“, der im selben Jahr gemeinsam mit anderen Neonazis auf Kundgebungen in Budapest, beim „Tag der Ehre“ und durch Dresden, marschierte. In seiner Ringecke stehen zwei weitere militante Rechtsextreme: einer der Söhne des bekannten Neonazikaders Thorsten Heise und Kevin K., ebenfalls ein Kampfsportler und Führungskader des „III. Wegs“. Die Prügelei, ganz ohne Handschuhe und Schutzausrüstung, dauert nur etwas mehr als eine Minute. Norik E. gewinnt und verlässt als scheinbar fairer, honoriger Kämpfer die Bildfläche.
Bei derartigen Formaten könne jeder kämpfen, erklärt Deniz Haciaburrahmanoglu gegenüber Belltower.News. Er ist Inhaber eines 1.500 Mitglieder starken Kampfsportstudios in Gelsenkirchen, Veranstalter, Funktionär und ausgewiesener Kenner der Kampfsportszene. Er macht sich Sorgen um die Jugendlichen, die von Underground-Fightclubs mit den brutalen Videos im Internet, angezogen werden. „Diese Szene hat so viel kaputt gemacht in den Köpfen der Jugendlichen.“ Die Events der Underground Fightclubs sind außerdem durchlässig für Rechtsextreme. Eindeutige Tätowierungen schrecken dort niemanden ab. Background-Checks der Kämpfer scheint es keine zu geben. Die Teilnahme von Neonazis an Veranstaltungen wird normalisiert. „Diese Leute schaden“, warnt Haciaburrahmanoglu. „Aber den Veranstaltern geht es nur ums schnelle Geld.“
Im Frühjahr 2026 trug die „Ruhrpott Fighting Championship“ ihre Kampfevents in Soccerhallen auf Kunstrasenfeldern irgendwo im Ruhrgebiet aus. Professionell wirkte dort gar nichts. Es ging um Action, möglichst viel Blut und harte Niederschläge. Auf der Jagd nach Klicks im Internet setzt der Fightclub auch auf extreme Formate, wie Zwei-gegen-Zwei-Kämpfe und Bareknuckle-Boxen. Dabei steht die Türe auch weit offen für rechtsextreme Kampfsportler.
Der rechtsextreme Hooligan Lucas S. aus Schweinfurt kämpfte dort etwa und kündigte im Interview mit dem Veranstalter an, „gleich ein paar Zähne rauszuhauen“. Der Franke trägt mehrere Tätowierungen mit rechtsextremen Symbolen, teils strafbaren, an sichtbaren Stellen auf der Haut. In der jüngeren Vergangenheit nahm er an rechtsextremen Kundgebungen in Dresden und mit der neonazistischen Kleinpartei „Der III. Weg“ in Suhl teil. Ein anderer fränkischer Neonazi, Hakoon P. aus Nürnberg, ist ebenfalls regelmäßig auf rechtsextremen Demonstrationen zu sehen. Auch er kämpfte dieses Jahr auf dem Kunstrasen im Ruhrpott. Einige Wochen zuvor verhinderte die Bundespolizei, dass Haakon P. und Lucas S. die Grenze nach Frankreich überqueren konnten, um dort beim Underground Fightclub „Fight or Die“ zu kämpfen.
Die Szene der Underground Fightclubs ist unübersichtlich, dynamisch und grenzübergreifend. Der Fightclub Frontière ist nach dem großen Hype etwa still und heimlich von der Bildfläche verschwunden. Andere popen dagegen auf. Das Netzwerk hinter den Organisationen ist undurchsichtig. Die Videos der Marktführer, wie KOTS oder Gromda, erreichen regelmäßig siebenstellige Aufrufe, die der Nachahmer und kleinerer Organisationen oft nur wenige Tausend. Was sie alle jedoch eint: Sie bieten neben Blut und roher Gewalt auch Rechtsextremen eine Bühne. Das Gefährliche dabei: Hier können sich Neonazis in Gewalt üben. Ein Problembewusstsein und eine Kurskorrektur sind nicht in Sicht.
Steffen Krapf ist investigativer Journalist aus Nordbayern mit einem besonderen Blick auf das Themenfeld Rechtsextremismus. Er deckt Vernetzungen und Aktivitäten der rechtsextremen Szene auf. Zu seinem Expertenfeld zählt außerdem die Bereiche Kampfsport und Rechtsextremismus.


