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Senden auf alllen Kanälen Wie die extreme Rechte soziale Plattformen nutzt

Die Nutzung sozialer Plattformen durch die extreme Rechte – darunter Parteien und Politiker*innen, völkische Influencer*innen und Gruppierungen, jugendliche Szenen, russische Desinformationskampagnen usw. – wird seit Jahren lebhaft diskutiert. Doch es fehlt an Überblick über die diversen Formen des Nutzungsverhaltens der extremen Rechte. 

 
Die relevantesten Social Media-Kanäle der rechten Szene (Quelle: Pixabay)

Dieser Artikel ist eine verkürzte Version der gleichnamigen Veröffentlichung vom Else Frenkel-Brunswik Instituts.

Der Aufstieg der AfD, die erste Präsidentschaft Donald Trumps oder auch die Mobilisierung der islamfeindlichen Protestgruppe PEGIDA in Dresden waren eng mit Facebook verbunden. Der von Elon Musk betriebene Wandel der Microblogging-Plattform Twitter zur extrem rechten Echokammer X hat die Frage nach einer die politischen Lager übergreifenden öffentlichen Sphäre auf die Tagesordnung gebracht. Telegram-Kanäle hatten während der Corona-Pandemie Konjunktur; es wurden Verschwörungserzählungen und Falschnachrichten verbreitet, die zwischen zuvor nicht miteinander in Kontakt stehenden Milieus Brücken schlugen. Die jüngst zu beobachtende, auf neonazistische Codes aus den 1990er Jahren zurückgreifende Mobilisierung Jugendlicher gegen CSD-Veranstaltungen findet vor allem auf TikTok statt.

Ein Überblick über ein solches Nutzungsverhalten sozialer Plattformen durch die extreme Rechte könnte dabei behilflich sein, übergreifende und wiederkehrende Muster zu identifizieren und gleichzeitig eine Handhabe für mögliche Gegenstrategien zu entwickeln; darüber hinaus könnte sie zu einer allgemeinen Debatte über die Regulierung von Plattformen seitens der Politik beitragen. Mit dem folgenden Einblick in die aktuelle Forschung des Else Frenkel-Burnswik Instituts werden daher – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die wichtigsten Plattformen, ihre Hauptfunktionen sowie die jeweils spezifische Nutzung durch extrem rechte Akteure beschrieben.

Die Vielfalt der Plattformen und mögliche Vergleichskriterien

Die zahlreichen existierenden Online-Plattformen unterscheiden sich in ihren jeweiligen (Haupt-)Funktionen, ihren Ziel- und Nutzergruppen, ihrer Verbreitung in verschiedenen Ländern und dementsprechend auch in der Nutzung durch die extreme Rechte. Videoportale wie TikTok und YouTube bieten vor allem Unterhaltung und Information; Instagram und Pinterest haben sich zum Zweck der Selbstdarstellung ihrer Nutzer*innen besonders über Bilder profiliert. Andere Plattformen wie Facebook oder LinkedIn, dienen im Wesentlichen der sozialen Vernetzung. Derzeit gilt TikTok als die am stärksten wachsende Plattform. Um konkurrenzfähig zu bleiben, haben auch YouTube, Instagram und Facebook vergleichbare Kurzvideo-Funktionen integriert. Microblogging-Plattformen, dazu gehören Twitter/X, BlueSky, Mastodon, TruthSocial und Threads, dienen vor allem dem Nachrichtenaustausch; Messenger-Dienste werden vorrangig für die private Kommunikation genutzt (WhatsApp, Signal, Telegram, Threema, Facebook-Messenger, früher auch ICQ, Yahoo-Messenger usw.). Auf Imageboards (Chans) kann anonym und unmoderiert Content kreiert werden.

Allen Plattformen ist gemeinsam, dass sie als Winner-take-all-Modelle konzipiert sind: Sie sind nicht einfach nur Teilnehmer am Markt, sondern organisieren ihn sogar. Aus sogenannten Netzwerkeffekten resultiert eine enorme Marktmacht: Wenn alle meine Freunde auf Facebook sind, ist die Anmeldung auf einer anderen Plattform wenig sinnvoll; es ist ineffektiv, Profile auf verschiedenen Karriereplattformen zu unterhalten; das globale Wachstum von LinkedIn stellt die Konkurrenz von Xing nicht nur in den Schatten, sondern macht weitere Wettbewerber letztlich überflüssig.

Auch die extreme Rechte nutzt die diversen Plattformen in sehr unterschiedlicher Weise, je nach Zielgruppe, Funktion und Verbreitung. Auf manchen Plattformen verbindet die extreme Rechte erfolgreich zwei verschiedene Kommunikationsformen miteinander: einmal die als nach innen gerichtete Mitgliederbindungs­kommunikation und die nach außen gerichtete Legitimationskommunikation. So lassen sich einerseits über Telegram-Kanäle sehr viele Menschen erreichen; beispielsweise versuchten die Freien Sachsen während der Corona-Pandemie und im Anschluss, Menschen in ganz Sachsen anzusprechen, und zwar über die einschlägigen Neonazi- und Reichsbürgermilieus hinaus. Auf Plattformen wie Instagram und YouTube lassen sich mit weniger radikalen Botschaften breitere Bevölkerungsschichten erreichen, während auf Imageboards oder in Discord-Kanälen Tacheles geredet bzw. geschrieben und in den Chats der Plattformen auch direkt rekrutiert wird.

Soziale Plattformen und wie die extreme Rechte in Deutschland sie nutzt

Facebook

Die Hauptfunktionen von Facebook sind seit seiner Gründung die soziale Vernetzung, die Kommunikation mit Freund*innen und Bekannten und der Austausch mit an ähnlichen Themen Interessierten in offenen oder geschlossenen Gruppen. Diese Funktionen werden jedoch nicht nur privat genutzt, sondern zunehmend auch von politischen Parteien strategisch eingesetzt.

Die AfD nutzt Facebook als Wahlkampftool. So dominierte die Partei 2017 und 2021 den politischen Diskurs auf Facebook während der Bundestagswahlkämpfe. Knapp 85 Prozent aller von deutschen Parteien weiterverbreiteten Beiträge auf Facebook stammten von der AfD. Zudem bewerben extrem rechte Akteur*innen ihre Merchandise-Onlineshops, Musiklabels, Kampfsportvereinigungen und Prepper-Organisationen auf der Plattform. In geschlossenen Gruppen schließlich werden offen Hass und Menschenfeindlichkeit ausgelebt, Ängste geschürt und Straftaten von Migranten – insbesondere sexualisierte Gewalt – emotionalisiert diskutiert. Nicht zuletzt entstand die Dresdner Protestorganisation PEGIDA 2013 aus einer Facebook-Gruppe heraus.

TikTok

TikTok gilt als das Medium der Generation Z und ermöglicht damit den direkten Zugang zu einer vulnerablen Zielgruppe. Das Funktionsprinzip der seit Jahren höchst erfolgreichen Plattform ist primär durch Algorithmen bestimmt. Belohnt werden kurze, prägnante und polarisierende Inhalte, die starke Emotionen wie Wut oder Empörung auslösen. Dies führt dazu, dass extremistische Botschaften oft bevorzugt ausgespielt werden, weil sie hohe Interaktionsraten erzielen.

Die extreme Rechte nutzt eine spezifische „Polit-Ästhetik“, um hasserfüllte Botschaften sinnlich und ästhetisch ansprechend zu verpacken. Zudem kapert sie gezielt beliebte Trends wie beispielsweise Filter, Hashtags oder Musik, um eigene Narrative in den Mainstream einzuschleusen, und vermittelt ihre Ideologie oft unterschwellig als „leichtes Konsumgut“ in Verbindung mit unpolitisch wirkenden Themen wie Ernährung, Fitness, Natur oder Mode. Diese sogenannte Lifestyle-Camouflage findet sich zum Beispiel beim Trend „Get ready with me“, um während des Schminkens oder Anziehens ganz beiläufig über politische Themen zu sprechen.

Inzwischen ist TikTok fester Bestandteil der Online-Strategie der AfD und sie seither sehr erfolgreich bespielt. Häufiger als von demokratischen Parteien erhalten Nutzer*innen Videos, die von der AfD gepostet wurden oder sie unterstützen. Parteimitglieder wie Maximilian Krah inszenieren sich als „Kümmerer“ oder väterliche Ratgeber, um angeblich verunsicherte männliche Jugendliche anzusprechen. Rechtsextreme Ideologie wird als „cool“ und „anders“ dargestellt und das Bekenntnis zu ihr als rebellischer Akt gegen ein vermeintlich „wokes“ Establishment inszeniert.

Instagram

Instagram wird von einem aktiven Netzwerk rechter Influencer*innen genutzt, das gezielt versucht, neue Anhänger*innen zu rekrutieren. Neben dezidiert politischen Accounts sind insbesondere die rechtsextreme Kampfsportszene, Rechtsrock-Musiker*innen und rechtsextreme Bekleidungslabel auf der Plattform präsent.

Wie auch bei TikTok versuchen sie, ihre Ideologie durch scheinbar unpolitische Themen als leichte Unterhaltung zu vermitteln. Beim sogenannten Hashtag-Hijacking werden populäre Instagram-Hashtags aufgegriffen, um Beiträge gezielt in die Feeds von Nutzer*innen einzuspeisen, die noch nicht folgen. Die bewusste Inszenierung eines scheinbar „normalen“ Privatlebens steht dabei im Kern, um emotionale Barrieren abzubauen. Durch Einblicke in Leben und Alltag der Aktivist*innen, wie beispielsweise Wanderungen, Urlaubsfotos und gemeinsames Biertrinken, sollen „parasoziale Bindungen“ zu den Follower*innen aufgebaut werden, um so Vertrauen zu schaffen und die ideologische Haltung verdaulich zu machen.

Weil Instagram den Fokus auf Selbstdarstellung und -inszenierung legt, eignet sich die Plattform für geschlechtsspezifische und identitätsstiftende Rekrutierung, mit der sich gezielt ein junges Publikum adressieren lässt: Frauen inszenieren sich beispielsweise als nährende „Tradwives“ in idyllischen Naturkulissen, während Männer sich als wehrhafte Kämpfer oder Soldaten in der Kampfsportszene präsentieren; dasselbe gilt auch für die Selbstdarstellung auf TikTok.

YouTube

YouTube dient verschiedensten extrem rechten Akteuren unter anderem dazu, Interviews oder Zusammenschnitte von Kundgebungen hochzuladen und zu verbreiten. Entstanden ist so ein ganzes Paralleluniversum „alternativer Wahrheiten“: Zu beobachten ist die weite Verbreitung von Desinformation, Propaganda und Verschwörungserzählungen, da die Plattform zwar eine inhaltliche Vielfalt politischer Debatten ermöglicht, aber auf jegliche redaktionelle Kontrolle verzichtet. Eine extrem rechte Strategie auf YouTube ist es beispielsweise, Videos politischer Gegner aufzugreifen und polemisch zu kommentieren.

Wie auch auf Instagram agieren extrem Rechte auf YouTube als Influencer*innen, bei denen die Grenzen zwischen Information, privater Meinung und Aktivismus verschwimmen. Durch private Einblicke versuchen sie, eine emotionale Bindung zu ihrem Publikum aufzubauen.

Auch bei YouTube kommt Algorithmen eine Schlüsselfunktion zu, um die Steuerung der Aufmerksamkeitsökonomie zu perfektionieren, damit Menschen möglichst lange auf der Plattform gehalten werden. Da Nutzer*innen einem Kanal nicht folgen müssen, um Inhalte anzusehen, hat das Empfehlungssystem der Plattform einen besonders starken Einfluss: Etwa 70 Prozent der auf YouTube angesehenen Inhalte werden direkt durch den Empfehlungsalgorithmus generiert. YouTube wird häufig als „Great Radicalizer“ bezeichnet, da zumindest in der Vergangenheit radikalere Inhalte durch den Algorithmus gefördert wurden.

X

Die einst als meinungsprägend geltende und im gesamten politischen Spektrum genutzte Microblogging-Plattform X verzeichnete nach der Übernahme durch Elon Musk im Oktober 2022 einen deutlichen Rechtsruck. Unter anderem hat sich die Zahl antisemitischer Tweets in den ersten drei Monaten nach der Übernahme mehr als verdoppelt. Auch rassistische und frauenfeindliche Inhalte nahmen massiv zu. Dahinter standen, unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit, Maßnahmen der neuen Unternehmensführung zur Lockerung der Moderation, wie die Auflösung des Trust-and-Safety-Councils, der Ausstieg aus den EU-Verhaltenskodizes gegen Desinformation sowie die Reaktivierung zahlreicher zuvor gesperrter rechtsextremer Accounts durch eine „Generalamnestie“. Der neue Algorithmus bevorzugt zudem zahlende, angeblich „verifizierte“ User*innen, wodurch aber auch Hassrede und Desinformation dieser Accounts aktiv in den For-You-Feeds gefördert werden. Durch diese Lockerungen wurde X für Rechtsextreme wieder so attraktiv, dass die Nutzung alternativer Dienste wie Gettr bereits Ende 2022 deutlich zurückging.

Während auf anderen Plattformen Emotionen zentral sind, nutzen extrem Rechte X eher für den Austausch von (pseudo-)wissenschaftlichen Statistiken und Nachrichten, um Glaubwürdigkeit zu generieren.

X war und ist immer wieder Schauplatz für koordinierte digitale Angriffe, die oft auf externen Plattformen wie Discord geplant werden. Für gezielte „Raids“ werden Uhrzeiten und Hashtags verabredet, um politische Gegner*innen oder Medien massiv mit Hasskommentaren zu fluten. Bekannte Beispiele sind die Kampagnen #Stolzmonat, #Kikagate, #Kandelistueberall oder #120dB. Bei sogenannten „Sniper-Missionen“ werden Personen des öffentlichen Lebens so lange provoziert, bis sie zu verbalen Überreaktionen neigen, um sie anschließend bloßzustellen. Durch massenhaftes, koordiniertes Posten unter einem Schlagwort versuchen Gruppen wie Reconquista Germanica außerdem, eigene Themen in die Top-Trends der Plattform zu bringen, um mediale Aufmerksamkeit zu erzwingen.

WhatsApp

Eine gänzlich andere strategische Bedeutung hat der weitverbreitete Messenger-Dienst WhatsApp. Immer wieder ist hier eine Radikalisierung in geschlossenen Gruppen zu beobachten, die allerdings oft erst durch nachrichtendienstliche oder investigativ-journalistische Arbeit aufgedeckt wird. Gruppen wie Freital und rechtsextreme Prepper-Netzwerke wie Nordkreuz nutzten sie zur Vorbereitung von Straftaten und zur Verabredung gewaltsamer Aktionen. Auch innerhalb der AfD wurden WhatsApp-Gruppen für den internen Austausch genutzt, wobei 2017 bekannt gewordene Chatverläufe, die dort herrschende radikale Sprache offenlegten.

WhatsApp wird auch genutzt, um Aktionen auf anderen Plattformen zu steuern, insbesondere die koordinierte Platzierung von Hashtags auf X. Zudem arbeitet die extrem Rechte am Versuch einer Normalitätsverschiebung, wenn Memes und Sticker geteilt werden, die oft NS-Symbolik oder rassistische Botschaften enthalten.

Um der Verbreitung von Desinformation entgegenzuwirken, wurde die Funktion zum Weiterleiten von Nachrichten auf WhatsApp stark eingeschränkt, zunächst auf fünf Empfänger und später noch weiter limitiert. Diese Regulierungsbemühungen führten dazu, dass Akteure wie Martin Sellner oder Lutz Bachmann dazu aufriefen, auf Telegram auszuweichen, da dort praktisch keine Inhaltsmoderation stattfindet und deutlich größere Gruppen möglich sind.

Telegram

Telegram selbst wird intensiv für die Protestmobilisierung und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung genutzt. Die Kombination aus Messaging-Funktion und Broadcasting-Plattform macht die App einerseits für den Alltagsgebrauch attraktiv. Andererseits und vor allem ermöglicht Telegram aber eine höhere Anonymität und einen besseren Schutz der Privatsphäre als WhatsApp – bei gleichzeitig größerer Reichweite und besseren Mobilisierungsmöglichkeiten, da hier Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern möglich sind und unbegrenzte Kanäle beliebig erstellt werden können.

Die öffentlichen Telegram-Kanäle sind geeignet, Botschaften in einem gemäßigteren Ton an eine breitere Öffentlichkeit zu senden, um Anschlussfähigkeit zu erzeugen; geschlossene private Gruppen wiederum bieten Raum für den Austausch rechtsextremen Gedankenguts in Form von rassistischen Bildern, Memes oder Kommentaren, bis hin zu Umsturzfantasien – und dies relativ geschützt vor öffentlicher Beobachtung. Insbesondere die Funktion, Beiträge aus anderen Kanälen weiterzuleiten, schafft ein dichtes Netzwerk, in dem Nutzer*innen schnell von gemäßigten Inhalten zu radikal rechtsextremen Positionen geleitet werden. In diesen Communities werden Ankündigungen, Links zu YouTube-Kanälen, Memes und Videos weiterverbreitet, und mit immer extremen Aussagen lässt sich die Radikalisierung innerhalb der Gruppe beschleunigen.

Discord

Auch der Messaging-Dienst Discord wird intensiv für die Koordination von Online- und Offline-Aktionen genutzt. Aktivist*innen des Netzwerks Reconquista Germanica etwa nutzten Discord, um Einfluss auf die Bundestagswahl 2017 zugunsten der AfD zu nehmen. Dabei operierten sie intern mit Wehrmacht-Vokabular und strikten Hierarchien. Daneben sollen mit Strategien wie „Clear and Hold“ Hashtags gekapert und unter dem Befehl „Search and Destroy“ Beiträge mit Memes überschwemmt werden. Insbesondere in der Gaming-Szene, aber eben auch darüber hinaus dient die Plattform der Organisation von „Hate Raids“. Ziel dieser Kampagnen ist es, politische Gegner, Medien oder als „feindlich“ markierte Gruppen, wie queere oder nicht-weiße Streamer auf Twitch, gezielt mit Hasswellen zu überfluten.

In sogenannten „Fringe-Communities“ auf Discord wird gezielt „Borderline-Content“ eingesetzt. Dabei handelt es sich um Inhalte, die sich an der Grenze zur Legalität bewegen, um rechte Ideologien schleichend zu normalisieren, ohne sofort Sperrungen zu riskieren. Auch werden Gaming-Abende organisiert, um Interessierte aus der Gaming-Community anzusprechen. Patriotische Videospielturniere oder extrem rechte Gaming-Jams sollen über das Sprungbrett Gaming mobilisieren. Neben Spielen finden organisierte Gesprächsrunden zu bestimmten Themen statt, zu denen teilweise Gäste als Sprecher*innen eingeladen werden, um die ideologische Basis zu festigen.

Die dezentrale Struktur der Plattform erschwert nicht nur die Überwachung und Strafverfolgung durch Behörden, sondern auch die wissenschaftliche Erforschung, da man jeden Server individuell kennen und ihm beitreten muss (Tuck et al., 2023).

Roblox

Auch Roblox ist aufgrund seiner jungen Nutzerbasis ein attraktives Feld für metapolitische Strategien der extremen Rechten, um menschenfeindliche Narrative frühzeitig zu normalisieren und Nachwuchs zu rekrutieren. Zu diesem Zweck werden Modifikationen und „Erlebnisse“ genutzt, mit denen rechtsextrem motivierte Attentate, wie beispielsweise die Anschläge von Christchurch, Halle oder Buffalo, detailgetreu nachgespielt werden können, Spieler*innen in das nationalsozialistische Berlin des Jahres 1940 versetzt werden oder in denen sie gegen als „Dämonen“ dargestellte Feministinnen kämpfen müssen. Nutzer*innen können Konzentrationslager virtuell nachbauen, Management-Simulationen von Vernichtungslagern erstellen oder antisemitische Demonstrationen nachstellen.

Mit deutlich geringerem technischen Aufwand wird bereits der Favoritenbereich rechter Profile genutzt, um extremistische Bilder und Ideologien zu verbreiten: Spieler*innen können hier etwa ihre bevorzugten Kostüme, Gegenstände oder Orte markieren und präsentieren, aber es werden von den Nutzer*innen auch Skins mit IS-Flaggen, Hakenkreuzen oder SS-Runen generiert, die sich gegen die plattformeigene virtuelle Währung Robux verkaufen lassen.

Roblox dient zudem als Basis für die weitere Radikalisierung auf Discord; dabei wird der Radikalisierungsprozess als schleichend beschrieben. Er beginnt oft mit „netten Gesten“ wie Hilfsangeboten beim Bauen oder dem Verschenken der In-Game-Währung, um Vertrauen aufzubauen, bevor die Einladung auf externe Discord-Server erfolgt.

Reddit

Das Internetforum Reddit dient als Raum für intensive Identitätsarbeit, bei der durch Interaktion und Verhandlung eine gemeinsame kollektive Identität und ein Wir-Gefühl konstruiert werden. Mit der Strategie des „Othering“ wird primär durch die Abgrenzung von Feindbildern (Out-Groups) die eigene Gruppe (In-Group) definiert und so deren Identität gefestigt. In extrem rechten Subreddits wie r/The_Donald finden Nutzer*innen eine Umgebung vor, die als Echokammer funktioniert: Eigene Überzeugungen werden dort durch Gleichgesinnte kontinuierlich bestätigt und verstärkt. Es bilden sich ideologische Subkulturen und Fangemeinden (Fandoms), in denen codierte Begriffe genutzt werden, die für Gruppenmitglieder erkennbar sind.

Auf Reddit und Discord finden sich Spuren der Verehrung von Attentätern, die als „Heilige“ des sogenannten „Saints Culture“ stilisiert werden. Vor allem aber haben die Diskurse auf Reddit über die Plattform hinaus großen Einfluss. Das zeigt sich besonders an der oft hier beginnenden Verbreitung von Memes, die radikale Botschaften humoristisch tarnen und so die Grenzen des Sagbaren verschieben. Reddit fungiert bei der Cross-Plattform-Mobilisierung auch als Verteilerstation: Inhalte, die auf Spieleplattformen wie Roblox erstellt wurden, werden über Reddit geteilt, um ein größeres Publikum zu erreichen.

Zusammenfassung: extrem rechte Dauerbeschallung

In der Gesamtschau wird deutlich, dass die extrem Rechten auf allen relevanten Plattformen sehr aktiv und hinsichtlich des politischen Diskurses teilweise mit Abstand am einflussreichsten sind. Die auf Instagram und Co. deutlich wichtigeren Themenfelder Sport, Lifestyle, Mode usw. bleiben davon nicht verschont, da extreme Rechte immer wieder gezielt aktuelle Trends aufgreifen, Hashtags kapern oder Lifestyle-Themen politisieren. Hegemonietheoretisch lässt sich dies als (digitale) Raumnahme fassen, parallel zur „analogen“ Raumnahme in Stadtteilen oder Dörfern durch Graffiti, Aufkleber, Demonstrationen oder die Präsenz auf oder in der Nähe von Schulhöfen. Analog wie digital ist diese Raumnahme nicht nur bedrohlich für Andersdenkende, sondern zielt vor allem auf die Reproduktion von Macht. Auf den verschiedenen Plattformen ist eine extrem rechte Dauerbeschallung zu verzeichnen, die mal auf die Verbreitung und Normalisierung ihrer Inhalte in möglichst breiten Bevölkerungskreisen, mal auf die weitere Radikalisierung von „Insidern“ setzt. Einige Plattformen bieten für beides die technischen Voraussetzungen, wie etwa die Kanal- und Gruppenfunktionen bei Telegram oder die Video- und Beitragstools von Facebook im Zusammenspiel mit den privaten Messenger- und Gruppenfunktionen auf dieser Plattform andererseits. Manche Plattformen eignen sich insbesondere für die interne Kommunikation und Radikalisierung (Discord, Reddit), andere vornehmlich als Propagandaplattform (X, TikTok).

Wie das Else-Frenkel-Brunswik-Institut im Digital Report 2026-1 für TikTok gezeigt hat, können demokratische Parteien der Dominanz der AfD durchaus auch etwas entgegensetzen. Allerdings ist in der „TikTok-Öffentlichkeit“ immer im Vorteil, wer nicht auf komplexe Argumente und demokratische Umgangsweisen setzt: „Aufmerksamkeit schlägt Argument, Emotion dominiert Diskurs, Geschwindigkeit verdrängt Nachdenken“ (Kolleck, 2026, 228). Warnungen und Appelle an die User*innen erreichen die vulnerablen Gruppen gerade nicht. Ebenso wenig ist offenkundig auf die Selbstdisziplinierung der Plattformbetreiber zu hoffen. Vielmehr ist anzunehmen, dass der Wettbewerb um User*innen bzw. um deren Zeit und Aufmerksamkeit die Plattformentwickler und ihre Algorithmen zu noch stärker emotionsgeladenen, entgrenzenden Angeboten treibt. Eine politisch-regulative Einschränkung der Plattformen, wirksame Kontrollen sowie eine gesellschaftliche Debatte über die Macht der Plattformbetreiber könnten im Hase-Igel-Spiel hingegen ein Stück weit Waffengleichheit herstellen.

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