Und das hat Geschichte. Makkabi Deutschland wurde 1903 zunächst als Dachverband gegründet, um eigene Strukturen für jüdische Sportler*innen zu schaffen. Diese sahen sich mit Ausschluss aus allgemeinen Sportvereinen konfrontiert. Weil ihnen zudem die Teilnahme an internationalen Wettbewerben oft verwehrt blieb, entstand 1932 nach dem Vorbild der Olympischen Spiele die Maccabiah. Es ist das größte jüdische Sportevent weltweit, das alle vier Jahre in Israel stattfindet.
Nachdem 2025 die Maccabiah wegen des Gazakriegs ausgefallen war, fand der Wettbewerb dieses Jahr wieder statt. Trotz der prekären Sicherheitslage eine Gelegenheit für jüdische Sportler*innen, sich endlich auf den Sport zu konzentrieren – ohne sich mit antisemitischen Anfeindungen auseinandersetzen zu müssen. Belltower. News spricht mit Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, über die Notwendigkeit und Aufgaben eines jüdischen Sportvereins.
Das Interview führten Nikolas Lelle und Marie Walter
Belltower.News: 2025 musste die Maccabiah aufgrund des Gazakriegs abgesagt werden. Bis zuletzt war nicht klar, ob sie dieses Jahr stattfinden kann. Im Vorfeld gab es viele Unsicherheiten: Einige Länder wie Kanada sagten ihre Teilnahme ab, andere hatten Sicherheitsbedenken. Makkabi Deutschland ist mit einer Delegation nach Israel gereist. Wie leicht fiel diese Entscheidung?
Alon Meyer: Natürlich macht man sich Gedanken. Wenn man mitbekommt, dass mehrere Länder die Teilnahme absagen oder das Auswärtige Amt Sicherheitsbedenken hat, ist das logisch. Es geht nicht nur darum, ein politisches Zeichen zu setzen, sondern vor allem um die Sicherheit der jungen Menschen, die mitfahren. Wenn ein Kind nicht gesund zurückkommt, ist die Diskussion sofort eine andere. Dann fragt niemand mehr nach den Gründen, warum man gefahren ist. Trotzdem bin ich jemand, der bei solchen Entscheidungen eher die Chancen als die Risiken sieht. Wir müssen uns fragen: Was können wir erreichen? Und was bedeutet es, wenn wir uns zurückziehen? Für uns war klar: Wir wollen ein Zeichen der Solidarität setzen. Wir wollten zeigen, dass jüdische Sportler*innen aus Deutschland an der Seite Israels stehen. Deshalb haben wir uns entschieden, mit einer möglichst großen Delegation teilzunehmen.
Wie haben Sie abgeschnitten?
Sportlich waren es die erfolgreichsten Spiele für Makkabi Deutschland überhaupt. Wir haben 128 Medaillen gewonnen und unseren eigenen Rekord also mehr als verdoppelt – und waren damit auch die erfolgreichste europäische Delegation. Aber es ging um viel mehr als Medaillen.
Und zwar?
Schon die Stimmung im Flugzeug – eine eigens für uns gecharterte EL-AL-Maschine – war unglaublich. Viele Jugendliche kannten Israel bisher nur aus Erzählungen. Jetzt wurde es plötzlich Realität. Gleichzeitig wussten alle: Bis zur letzten Minute kann etwas passieren. Ein einziger Angriff hätte alles verändern können. Als wir schließlich in Tel Aviv gelandet sind und aus dem Flugzeug kamen, ging gerade die Sonne unter. Die Jugendlichen – mehr als die Hälfte unserer Delegation war unter 18 Jahre alt – haben ihre Taschen abgestellt, gesungen und gefeiert. Ich habe die Sicherheitskräfte gefragt, ob das in Ordnung ist. Die Antwort war: „Lasst sie feiern.“
Dieser Moment hat vielen gezeigt, warum diese Reise wichtig war. Viele unserer jungen Sportlerinnen und Sportler leben in Deutschland – in Göttingen, Koblenz oder Fürth. Israel liegt für viele in weiter Ferne. Aber dort angekommen, haben sie gespürt: Hier können sie sichtbar jüdisch sein. Sie konnten ihre Makkabi-Kleidung tragen, sie konnten ihre Davidsterne zeigen. Viele hatten ihre Ketten vorher versteckt oder gar nicht getragen. Und plötzlich kamen alle mit Davidstern aus dem Flugzeug. Dieser Moment hat mir vor Augen geführt: Es hat sich gelohnt.
Zugespitzt: Junge jüdische Sportler*innen fühlen sich in einem Land, das sich gerade in einer Kriegssituation befindet, sicherer, als in ihrem Alltag in Deutschland.
Das ist tatsächlich eine paradoxe Situation. Natürlich ist Israel objektiv ein Land mit Sicherheitsrisiken. Aber das Gefühl, jüdisch sichtbar sein zu können, ist dort ein anderes. Viele Menschen in Deutschland machen sich gar nicht bewusst, dass junge jüdische Sportlerinnen und Sportler hier nicht einfach mit Makkabi-Trikot oder Davidstern durch die Straßen gehen können.
Warum braucht es auch 2026 noch die Maccabiah-Spiele?
Die ursprüngliche Begründung, der Ausschluss jüdischer Sportler*innen, existiert heute in dieser Form nicht mehr. Aber die Maccabiah erfüllt weiterhin eine wichtige Funktion. Es gibt immer noch Länder, in denen jüdische Sportlerinnen und Sportler nicht für internationale Turniere qualifiziert werden. Die Maccabiah ist die größte jüdische Begegnungsveranstaltung der Welt. Normalerweise kommen etwa 11.000 jüdische Sportler*innen aus verschiedensten Nationen zusammen.
Die Maccabiah ist also auch eine Art weltweites jüdisches Netzwerk?
Absolut. Gerade für junge Menschen ist das unglaublich wichtig. Sie treffen andere jüdische Sportlerinnen und Sportler aus Ländern, in denen jüdisches Leben vielleicht ganz anders aussieht als in Deutschland. Sportlich gesehen gibt es dort natürlich auch herausragende Athletinnen und Athleten. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren später bei Olympischen Spielen erfolgreich. Aber im Durchschnitt geht es weniger um absolute Spitzenleistungen, sondern darum, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam Sport treiben. Und das im einzigen jüdischen Staat der Welt.
Ist Antisemitismus im Sport in den vergangenen Jahren schlimmer geworden?
Immer wenn sich die Situation im Nahen Osten verschärft, erleben wir, dass jüdische Menschen in Deutschland für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht werden. Das betrifft auch Menschen, die mit Israel gar nichts zu tun haben. Bei Makkabi Frankfurt sind beispielsweise mehr Menschen nichtjüdisch als jüdisch. Rund 90 Prozent unserer Mitglieder sind nicht jüdisch. Viele davon sind muslimisch. Trotzdem werden auch sie angegriffen, weil sie ein Makkabi-Trikot tragen oder mit dem Davidstern jüdisch gelesen werden. Viele merken dann zum ersten Mal: Ein Symbol verändert die Wahrnehmung durch andere Menschen. Plötzlich wird jemand anders behandelt, obwohl sich die Person selbst überhaupt nicht verändert hat. Genau diese Erfahrung ist auch ein wichtiger Lernprozess.
Welche Bedeutung hat es für Ihre Arbeit, dass die Mehrheit in einem jüdischen Sportverein gar nicht jüdisch ist?
Natürlich wäre es schön, wenn wir mehr jüdische Mitglieder hätten. Aber die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist zahlenmäßig begrenzt und hat eine bestimmte Altersstruktur. Allerdings liegt in unserer Vielfalt auch eine Stärke. Wir zeigen, dass jüdisches Leben nicht isoliert stattfindet. Bei uns trainieren und spielen Juden, Muslime, Christen und Menschen ohne religiösen Hintergrund gemeinsam. Der Unterschied zu anderen Vereinen ist: Bei uns wird diese Identität sichtbar thematisiert. Durch den Davidstern auf dem Trikot werden unsere Mitglieder immer wieder mit gesellschaftlichen Fragen konfrontiert. Sie setzen sich mit Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung auseinander. Der Sport wird dadurch zu einem Ort der politischen Bildung.
Gibt es Unterschiede zwischen den Sportarten? Erleben Sie Antisemitismus beispielsweise im Fußball anders als in anderen Bereichen?
Ja, ganz eindeutig. Die meisten Vorfälle passieren im Fußball. Beim Schach beispielsweise gibt es kaum Möglichkeiten für solche Situationen, weil dort absolute Ruhe herrscht. Auch beim Basketball oder Tischtennis erleben wir deutlich weniger. 95 Prozent der Vorfälle finden schätzungsweise im Fußball statt.
Erleben Sie Solidarität von anderen Vereinen?
Ja, und ich würde sagen: Es wird mehr. Aber das liegt nicht nur am 7. Oktober, sondern vor allem daran, wie wir mit anderen Vereinen zusammenarbeiten. Wir stellen andere Vereine nicht an den Pranger. Das wäre der falsche Ansatz. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, trainieren Mannschaften oder übernehmen Verantwortung im Verein. Dafür verdienen sie Unterstützung. Wir müssen ihnen helfen, Antisemitismus, Rassismus und andere Formen von Diskriminierung zu erkennen und darauf zu reagieren.
Dort, wo wir mit unserem Bildungsprogramm zusammen unterwegs sind, merken wir Verbesserungen. Vereine nehmen uns ernst und sehen, dass wir nicht kommen, um sie zu belehren, sondern um gemeinsam etwas zu verändern.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Situation langfristig besser wird?
Wir müssen den Sport stärker als einen gesellschaftlichen Raum verstehen. Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft – und gleichzeitig ein unglaublich gutes Werkzeug, um Veränderungen anzustoßen. Wenn Menschen im Sport lernen, respektvoll miteinander umzugehen, Vorurteile abzubauen und Konflikte auszuhalten, kann das auch in anderen Bereichen der Gesellschaft wirken.
Und wichtig ist auch: Wenn jemand beispielsweise Kritik an bestimmten politischen oder religiösen Strömungen äußert, bedeutet das nicht automatisch, dass er Menschen einer ganzen Gruppe ablehnt. Wir müssen wieder lernen, genauer hinzuschauen und gleichzeitig klare Grenzen gegenüber Extremismus zu setzen.
Wir haben viel darüber gesprochen, dass Makkabi ein Ort der Begegnung ist – auch für viele nichtjüdische Sportler*innen. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Was macht Makkabi eigentlich jüdisch?
Bei all unserer interkonfessionellen und gesellschaftlichen Arbeit darf eines nicht verloren gehen: Makkabi ist ein jüdischer Verein und muss seinen jüdischen Charakter behalten. Genau darin liegt unsere Daseinsberechtigung.
Natürlich kann man fragen: Warum braucht es überhaupt noch einen jüdischen Sportverein? Aber dann könnte man genauso fragen: Warum gibt es türkische, griechische oder sonstige Vereine? Vielfalt bedeutet, dass unterschiedliche Gemeinschaften ihre eigenen Orte haben können. Bei Makkabi ist das Judentum sichtbar und jüdische Traditionen spielen eine Rolle im Vereinsalltag.
Wie zeigt sich das konkret?
Zum Beispiel bei jüdischen Feiertagen. Die verschiedenen Makkabi-Ortsvereine gehen damit unterschiedlich um. Manche Vereine spielen beispielsweise nicht am Schabbat. Bei uns in Frankfurt (Main) versuchen wir, bestimmte Zeiten zu berücksichtigen: Freitagnachmittags finden keine Trainingseinheiten oder Spiele statt. Bei hohen jüdischen Feiertagen wie Jom Kippur, Rosch Haschana oder Pessach pausieren wir den Sportbetrieb. Gleichzeitig versuchen wir, jüdische Kultur auch für andere erfahrbar zu machen. Bei Veranstaltungen bieten wir beispielsweise koscheres Essen an. Davon profitieren auch muslimische Mitglieder, weil sie die hohen Standards bei koscherer Ernährung schätzen. Es geht also darum, jüdische Identität sichtbar zu machen und gleichzeitig offen für andere zu sein.
Bei allem Erfolg und der großen Offenheit stellt sich aber auch die Frage: Wer steht bei einem jüdischen Verein im Mittelpunkt?
Das ist für mich der entscheidende Punkt: Ein jüdischer Verein muss jüdischen Menschen immer einen Platz ermöglichen. Wenn ein jüdischer Mensch zu uns kommt und sagt: „Ich möchte in einem sicheren Umfeld Sport machen“, dann müssen wir eine Möglichkeit finden. Denn genau dafür wurde Makkabi gegründet: als Safe Space für jüdische Menschen. Wenn wir irgendwann jüdische Mitglieder abweisen würden, obwohl sie diesen Ort brauchen, hätten wir unseren Gründungsgedanken verloren.
Wenn Sie auf die vergangenen Wochen zurückblicken: Was bleibt für Sie von Maccabiah 2026?
Ich glaube, wir haben gezeigt, wie wichtig Sichtbarkeit ist. Viele unserer jungen Sportlerinnen und Sportler haben erlebt, dass es etwas Positives ist, jüdisch sichtbar zu sein. Sie müssen ihre Identität nicht verstecken. Und gleichzeitig haben wir gezeigt, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht nur eine Frage von Schutz und Bedrohung ist. Es geht auch um Gemeinschaft, Sport, Freude und Erfolg. Makkabi steht dafür: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und wir gestalten sie mit.


