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Alphaville Big in Jamel

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Gute Stimmung in Jamel: Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung), Birgit Lohmeyer, Christian Mielcke (Manager von Alphaville), Alphaville-Sänger Marian Gold und Horst Lohmeyer (v.l.). (Quelle: ngn/sr)

 

„Ich geb es ja zu: Nazis sind praktisch Angstgegner von mir“, sagt Marian Gold und blickt auf den Esszimmertisch, „vor deren Hetze habe ich richtig Schiss.“ Deshalb sitzt der 59-jährige Musiker, Sänger und Kopf der weltbekannten Band Alphaville („Big in Japan“, „Forever young“), jetzt im Wohnzimmer von Autorin Birgit und Musiker Horst Lohmeyer im mecklenburg-vorpommerschen Jamel beim Kaffee. Marin Gold will sich engagieren.  Hier ist es nötig. Denn bei den Lohmeyers wohnen die Nazis gleich um die Ecke. Jamel ist ein Dorf mit 40 Einwohner*innen, in dem ein Rechtsextremer nach und nach Grundstücke und Häuser aufgekauft hat, um dort Gesinnugsgenoss*innen anzusiedeln. Inzwischen haben die Neonazis Jamel fast übernommen. Ein großes Wandgemälde im Stil der NS-Malerei der 1940er Jahre kündet in der Ortsmitte davon. Es bildet auch einen Stein mit Inschrift ab, der einst in Jamels Ortsmitte stand, dann aber auf behördlichen Druck entfernt werden musste. Die Inschrift: „Jamel frei – sozial – national“.

Lohmeyers, die 2004 aus Hamburg nach Jamel zogen, weil der alte Hof so schön und die Landschaft so idyllisch ist, thematisieren ihre rechtsextremen Nachbarn seit acht Jahren mit einem kleinen Musikfestival. Es heißt „Jamel rockt den Förster“ und hatte im letzten Jahr beachtliche 400 Besucher*innen. Und könnte dieses Jahr etwas größer werden: Denn Alphaville werden hier am Samstag, den 30. August 2014 auf der Bühne stehen.

Wobei aktuell auf der Wiese hinter dem Haus, die das Festival beherbergt, keine Bühne steht. „Das ist die aktuelle Strategie der Neonazis“, sagt Birgit Lohmeyer, „sie versuchen, uns permanent zu verklagen.“  So schickten sie das Ordnungsamt bei den Lohmeyers vorbei, das prompt an der alten, selbstgebauten Bühne Mängel fand. „Früher haben sie uns vor allem Dinge gestohlen oder zerstört“, erzählt Horst Lohmeyer, „jetzt versuchen sie es auf diese Tour.“ Marian Gold ist sichtlich beeindruckt von den engagierten Lohmeyers. „Haben Sie denn hier Verbündete im Ort?“, fragt er. „Nein, um Jamel gibt es eine Art Angstmeile“, sagt Birgit Lohmeyer, „die Menschen im Umkreis von 15 Kilometern rund um den Ort haben Angst, uns zu besuchen. Sie haben sogar Angst, uns im Supermarkt zu grüßen – damit sie keinen Ärger mit den Neonazis hier bekommen.“ Aber natürlich gibt es Freund*innen, andere Künstler*innen und Bekannte in den größeren Orten und Städten darum herum. Lohmeyers nehmen die konkrete Isolation gelassen: „In Hamburg hatten wir ja auch keine Freundschaften mit unseren direkten Nachbarn.“

Marian Gold hat auf der Hinfahrt erzählt, dass er eigentlich in größten Teilen seines Lebens ein eher „unpolitischer“ Mensch war. „Ich hab nur mal so einen ‚Nazis gegen rechts‘-Aufnäher auf meine Jacke gemacht, weil ich das lustig fand. Da habe ich aber zu viel Ärger bekommen, weil die Leute dachten, ich sei ein Nazi“, sagt der international erfolgreiche Musiker, der nach einer längeren Familienpause nun wieder erfolgreich in der ganzen Welt auftritt. Aber Rechtsextremismus und Rassismus sieht er als die große Gefahr für die Entwicklung Europas an, weshalb er ja jetzt auch sein musikalischen Können einsetzen möchte, um dem Anliegen der Lohmeyers zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Als Familienvater hört er besonders besorgt zu, wenn Horst Lohmeyer von den Kindern erzählt, die in den rechtsextremen Familien im Ort aufwachsen. „Da kommen Fünfjährige zu mir und sagen: Du hast doch auch keinen Job. Das ist so, weil die Ausländer uns die Jobs wegnehmen. Sie hören das halt täglich von ihren Eltern.“ Zum letzten „Jamel rockt den Förster“-Konzert im August 2013 haben die Neonazis sich mit ihren Kindern, die in einer Art mittelalterlicher Kostümen steckten, auf dem Dorfplatz postiert, um Präsenz zu zeigen, erzählt Birgit Lohmeyer. Das Ehepaar hat auch einmal versucht, Erlöse aus ihrem Festival an die lokale Schule im Nachbarort zu spenden,  auf die die Kinder aus den rechtsextremen Familien gehen – für eine Lehrer*innen-Fortbildung zum Thema. Die Schule lehnte ab: Es sei kein Bedarf für Fortbildungen vorhanden.

Durch „Jamel rockt den Förster“ erfahren die Kinder allerdings zumindest akustisch, dass es auch andere gesellschaftliche Kulturen gibt als die, in der sie aufwachsen. Marian Gold freut sich auf den Auftritt im August. „Bisher ist unser Programm allerdings eher Rock-lastig“, sagt Horst Lohmeyer vorsichtig. „Ich kann live auch ganz schön laut sein“, verspricht der Alphaville-Sänger und lacht. Birgit Lohmeyer lacht auch und sagt: „Ich kann mir auch schon einen guten Slogan für Euren Auftritt vorstellen: Big in Jamel.“

Mehr in Internet:

| „Jamel rockt den Förster“

Alphaville spielen am Samstag, den 30. August 2014, um 20.30 Uhr.

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