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Basics journalistischer Arbeit – Heute mit Julian Reichelt

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Frage an Reichelt auf Twitter (Quelle: Unsplash, Screenshot Twitter)

 

 

“Bild”-Chefredakteuer Julian Reichelt war gestern Abend auf der Suche nach einer richtig spannenden Schlagzeile. Dafür verschlug es den Journalisten auf einen Nazi-Account. Sebastian Schmidtke ist NPD-Funktionär und bekannter Neonazi-Kader. Dafür bedarf es keiner investigativen Recherche, man muss lediglich seinen Namen googeln. Aber Reichelt war schließlich auf der Suche nach der Story. Und schwups, plötzlich ist da ein Bild von Monchi, dem Sänger der antifaschistischen Band Feine Sahne Fischfilet (FSF), auf dem der einen Hitlergruß zeigt. Irgendwie komisch, weil eigentlich positioniert sich die Band doch eindeutig gegen Rechtsextremismus und Nazis. Aber, man weiß ja nie.

 

Auf Twitter kursiert ein Foto von @feinesahne Sänger Gorkow, der in Chemnitz den Hitlergruß zeigen soll. Allerdings weist das Foto am Handansatz zwei auffällige Pixel auf, die auf Montage hindeuten könnten. Handelt es sich um eine Fälschung? Wer kann helfen? pic.twitter.com/yUo8BTm48O

— Julian Reichelt (@jreichelt) 3. September 2018

 

Reichelt teilt also den Post von Sebastian Schmidtke. In dem Post fordert Schmidtke “gleiches Recht für alle”. Letzte Woche wurde “ja auch wegen allem ermittelt”. Die Hitlergrüße, “Adolf Hitler Hooligans” und “Ausländer raus”-Sprechchöre sollen in den Falscherzählungen der rechten Blase schließlich von “eingeschleusten Provokateuren” stammen, wie es etwa der Sprecher von Pro-Chemnitz, Martin Kohlmann, beteuerte.

 

Eine interessante Story für Reichelt wäre an dieser Stelle vielleicht gewesen, dass tatsächlich wenig bis gar nicht gegen eindeutig rechtsextreme und verbotene Symbole in Chemnitz ermittelt wurde. So erstatteten Medienvertreter*innen Anzeige gegen eine Kette mit leicht abgewandeltem Hakenkreuz-Anhänger. Vor Ort wurde diese allerdings von der sächsischen Polizei als kein verbotenes Symbol bewertet. Erst im Nachhinein teilte die Polzei auf Twitter mit, das ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Einige Teilnehmer trugen “NS-verherrlichende Pullover”.   

 

Polizei Sachsen … pic.twitter.com/Qbl7WNUBuw

— recherche-nord (@recherchenorth) 3. September 2018

 

 

Reichelts geschultes Auge entdeckt auf dem Bild von Schmidtke eine kleine Auffälligkeit. “Das Foto [weißt] am Handansatz zwei auffällige Pixel auf”. Das verleitet Reichelt zu der Frage: “Handelt es sich um eine Fälschung?” Der Chefredakteur der “Bild”-Zeitung bittet also auf Twitter um Hilfe. Und die Hilfe lässt nicht lange auf sich warten. Die Polizei Sachsen ist auch schon an dem Fall dran und ermittelt. Um 22:48 kommt dann die Entwarnung: “Erste Ermittlungen ergeben aus unserer Sicht nur einen Schluss: Das Foto ist ein Fake”. Wer hätte das gedacht?!

 

 

 

 

Zuvor postete NPD-Mann Schmidtke auf Twitter eine Collage mit polizeifeindlichen Zitaten aus Songs von SXTN, Den Toten Hosen, Casper und natürlich Feine Sahne Fischfilet. Schmidtkes Appell: Man solle diese Textzeilen nicht vergessen! Alles klar, für Schmidtke sind die Bands also alles erklärte Staatsfeinde. Auch Reichelt weiß aus Eigenrecherche, dass FSF “Sanfte[n] Staatshass” verbreiten. Außerdem ist er nicht ganz unerfahren mit Reposts von rechten Accounts. Aber dazu später mehr.

 

Scrollt man ein wenig weiter auf Schmidtkes Account herunter, steht da in einem Post über Chemnitz “Aus Trauer wird Wut, aus Wut wird Widerstand!”. “Widerstand” ist hier ein Synonym für den rassistischen Mob, der “Ausländer raus” skandiert und Journalist*innen angreift, “Lügenpresse” brüllt und am 26.08 „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer“ forderte. “Widerstand” bedeutet in diesem Kontext den Schulterschluss von AfD und Pegida, das Herbeifantasieren eines lang erwarteten Bürgerkrieges, in dem sich der geballte Volkszorn jetzt endlich kollektiv entladen kann. So viel also zu Reichelts Quelle. Auf die Idee, zum Beispiel mal auf dem Account von FSF nachzugucken, kam er offenbar nicht. In der Instagram-Story der Band befand sich nämlich das Original-Video, auf dem Monchi freundlich winkt und keinen Hitlergruß zeigt.

 

Aber ganz unabhängig davon, sollte es Reichelt doch eigentlich besser wissen. Schließlich verkündete er schon 2016 auf Twitter, dass FSF für ihn klinge “als würden ihre Fans Molotow-Cocktails mit Club-Mate-Flaschen basteln”. Auf den Hinweis, dass sich die Band antirassistisch an Orten engagiere, wo es wehtut entgegnete er nur: “Dann wüsste ich gern, wie viele „Bullenhelme“ das @feinesahne Konzert geschützt haben, damit niemand ihnen wehtut.” Da sollte doch für Reichelt eigentlich schon klar gewesen sein, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass jemand gerade aus dieser Band jemals einen Hitlergruß zeigen würde.

 

Es war übrigens nicht Reichelts einzige Twitter-Story mit Feine Sahne Fischfilet. Reichelt teilte Anfang 2018 einen Tweet des rechtspopulistischen Accounts “Dora zwischtert” und sorgte damit für große Reichweite. Da ging es auch um FSF und – laut der Hashtags – um Antifa und Hass. Der Tweet diente dazu, gegen den Journalisten und Leiter des ARD-”Faktenfinders”, Patrick Gensing, zu trollen. Gensing hatte sich 2016 auf Twitter für den Song “Warten auf das Meer” bei FSF bedankt. Nun wurde dieser Tweet ausgegraben und mit deutschlandkritischen Zitaten von FSF ergänzt. Dazu war der Beruf von Gensing erwähnt. Aber Reichelt verfolgte natürlich auch hier keine Agenda. “Herr Gensing soll schlicht seine Sicht auf FSF erläutern.” Es ging hier also natürlich nicht darum, Gensing als vermeintlich linksradikal auf seiner Arbeitsstelle zu “diffamieren”.

Reichelt folgt dem Account  “Dora zwischtert” immer noch (Stand 04.09.2018). Mit Sicherheit nur zu Recherchezwecken. Weitere Follower des Accounts sind: Alice Weidel, die AfD-Sachsen-Anhalt und die AfD Rheinland-Pfalz. 

 

Auf Twitter kursiert ein Foto von J Reichelt, der in seinem Büro eine heiße Spur auf Nazi-Twitter recherchieren soll. Allerdings weist das Foto am Handansatz zwei auffällife Pixel auf, die auf Montage hindeuten könnten. Wer kann helfen? pic.twitter.com/Ua3JgBf6b9

— Dax Werner (@DaxWerner) 3. September 2018

 

 

 

 

 

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