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„Das Totengedenken fällt leichter als die Lebenden zu akzeptieren“

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Der Vize-Vorsitzende des Bundes Jüdischer Soldaten, Dr. Gideon Römer-Hillebrecht, hatte bei dessen Gründung im Jahr 2006 gesagt, jüdische Soldaten in der Bundeswehr säßen zwischen allen Stühlen. Was hat er damit gemeint?

Die Ausgangssituation bei der Gründung des Bundes vor zwei Jahren war eine andere als heute. Mit der Beschreibung „zwischen den Stühlen“ ist gemeint, dass ein Jude in Uniform für manche Juden in Deutschland immer noch etwas merkwürdiges ist und auch von Seiten manches Bundeswehrangehörigen Berührungsängste bestehen. In der Zwischenzeit haben wir festgestellt, dass die jüdische Gemeinschaft verstanden hat, dass die Bundeswehr heutzutage nicht mit der Wehrmacht gleichzusetzen ist. Die Resonanz in der jüdischen Gemeinde ist inzwischen meist positiv. Grundsätzlich gilt: Dass es Juden in der Bundeswehr gibt, ist natürlich kein Trend, sondern nach wie vor eher die Ausnahme.

Im Bund haben wir ein Spektrum von Berufsoffizieren und Reserveoffizieren, die meistens älteren Geburtsjahres und deutscher Herkunft sind. Und wenn mich jemand nach meiner Schätzung zur Anzahl der Juden in der Bundeswehr fragen würde, würde ich für den Bereich der Berufs- und Zeitsoldaten sagen: maximal einhundert. Wie viele Juden als Wehrpflichtige heute zur Bundeswehr gehen, das lässt sich nicht feststellen. Der eine oder andere läuft durch in den neun Monaten Wehrdienst. Zu denen haben wir ? bis auf wenige Ausnahmen ? aber keinen Kontakt. Ich glaube aber auch nicht, dass es dort einen Trend gibt. Die zunehmende Zahl jüdischer Wehrpflichtiger könnte auch mit dem wachsenden jüdischen Bevölkerungsanteil zu tun haben.

Was sind dann für Sie die vordringlichsten Anliegen und Ziele des Bundes Jüdischer Soldaten?

Bei unserer Gründung war unser erstes Ziel die Pflege des Andenkens an die jüdischen Soldaten in deutschen Armeen. Damit wollen wir einen Beitrag zu der Tradition leisten, die die Bundeswehr eigentlich seit ungefähr 40 Jahren hat: Franz Josef Strauß (CSU) hatte während seiner Amtszeit als Bundesminister der Verteidigung damit angefangen, indem er das Buch „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden“ des Reichsbundes Jüdischer Soldaten neu auflegen ließ mit dem Wunsch, wie er sagte, die geschändete Ehre der ehemaligen jüdischen Frontsoldaten wiederherstellen zu wollen. Das war Anfang der 1960er Jahre. Dann hat sich die Pflege des Andenkens an die jüdischen Soldaten in deutschen Armeen langsam zu einer Tradition in der Bundeswehr entwickelt.

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt, damals noch in Freiburg i. Br., bekam in den 1980er Jahren von Minister Hans Apel (SPD) den Auftrag, die erste Ausstellung zum Thema zu entwickeln: „Deutsche Jüdische Soldaten 1914 ? 1945“. In den 1990er Jahren folgte dann eine zweite erweiterte Auflage. Es gibt Kranzniederlegungen vor den Ehrenmälern für die gefallenen jüdischen Soldaten in verschiedenen deutschen Städten, so in Berlin, München, Hannover im Rahmen des Volkstrauertages. Zur Pflege dieser Geschichte gehört auch, dass wir die Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten wieder reaktiviert haben ? „Der Schild“. Da geht es nicht nur darum, die Vereinsarbeit sondern auch die verschiedenen Facetten dieser Geschichte weiter darzustellen.

Inzwischen sind wir auch zu einer Plattform des Austausches ? eine Art Nahtstelle – zwischen der Bundeswehr und der jüdischen Gemeinde geworden. Sowohl im Bereich der Bundeswehr als auch in der jüdischen Gemeinschaft halten wir auf Einladung auch Vorträge und bei unseren Veranstaltungen laden wir natürlich immer auch beide Seiten ein. Und man fragt uns auch gelegentlich, wenn die Belange jüdischer Soldaten in der Bundeswehr unmittelbar berührt sind, da uns die offiziellen Regelungen bekannt sind.

Was bedeutet das konkret?

Zum Beispiel, wenn es um die Ausübung der religiösen Praxis im Dienst geht ? wie beispielsweise Urlaub an den jüdischen Feiertagen. Eigentlich ist das schon seit den 1960er Jahren mit einer Empfehlung durch das Bundesministerium des Innern geregelt, dass an den jüdischen Feiertagen Sonderurlaub gewährt werden kann. Aber auch diese Regelung kannten in der Bundeswehr nur wenige.

Eine Frage, die sich hier aufdrängt: Werden Sie mit Antisemitismus in der Bundeswehr konfrontiert?

Da muss man differenzieren. Wir reden von der Bundeswehr als Spiegel der Gesellschaft. Wenn es um die aggressive Form des Rechtsextremismus bzw. Rechtsradikalismus geht, dann würde ich sagen: dieser Prozentsatz wird in der Bundeswehr geortet und entfernt. Nun ist es allerdings auch so, dass nicht jeder Rechtsradikale ein Antisemit ist, und nicht jeder Antisemit ist automatisch ein Rechtsradikaler. Hier geht es eigentlich um viel mehr.

Es gab in der Bundeswehr stets eine Gruppe von Offizieren ? bis hinein in die Generalität ?, die sich immer in der Tradition der Wehrmacht sahen. Zu den bekannten Vertretern dieser Gruppe gehören u.a. der ehemalige Brigadegeneral Reinhard Uhle-Wettler und andere wie der abgesetzte KSK-Kommandeur Reinhard Günzel, der in dieser Seilschaft eigentlich nur ein kleines Licht war. Dennoch war diese Gruppe immerhin so stark, dass sie eine gewisse Schuldumkehr versucht haben – und sie publizieren bis heute in konservativen bis hin zu rechtsextremen Medien. Hier verneinen sie z. B die Singularität der Shoah und fordern ein ungebrochenes Traditionsverständnis zur Wehrmacht. Diese „verwirrten Geister“ haben natürlich ihre Spuren in dieser Armee hinterlassen ? das spürt man auch heute noch. Es ist keine Frage, dass jüdische Offiziere in diesem Umfeld als Störfaktoren empfunden werden. Einigen fällt es offenbar leichter, der gefallenen jüdischen Soldaten zu gedenken als die Lebenden zu akzeptieren. Dies wird sich in Einzelfällen sogar negativ auf die Förderung eines jüdischen Soldaten auswirken.

In diesem Zusammenhang gibt es nach meiner Erfahrung auch die Komponente, die wir seinerzeit schon im Kaiserreich hatten, dass gemeint wird, jüdischen Beamten und Soldaten sollten keinerlei Führungsaufgaben erlaubt sein, nach dem Motto: Was den Christen erlaubt ist, ist den Juden noch lange nicht erlaubt. Es gibt eben in der Bundeswehr ? wie in der Gesellschaft auch ? verschiedene Facetten des Antisemitismus.

Das war auch an folgender Diskussion sehen: als man uns darauf aufmerksam machte, dass das Tragen einer Kippa zur Uniform den Regelungen der Anzugsordnung der Bundeswehr widerspräche und wir daraufhin entgegneten, dass auf entsprechenden Veranstaltungen der Kirchen auch christliche Symbole in Kombination mit der Uniform getragen würden, hieß es doch gleich „Das sei ja wohl etwas ganz anderes….!“ Diese Äußerung war gleich mehrfach von verschiedenen Personen zu hören.

Dass man dieses Problem auf andere Art und Weise regeln kann, beweist das in den Streitkräften der Bündnispartner, wie z.B. den US-Streitkräften, praktizierte Verfahren. Dort lässt man den Kommandeuren vor Ort den Spielraum, dies für ihren Verband zu regeln.

Bundeswehrinterne Studien gehen davon aus, dass circa 21 Prozent der Soldaten ein „national-konservatives“ Weltbild vertreten. Wo hält sich der Antisemitismus besonders hartnäckig?

Die militärische Führung unterstützt unsere Arbeit deutlich und mit Nachdruck. Die Studie zu den Einstellungen der Offiziere ist mir bekannt. Einige der abgefragten Einstellungen waren schon nicht mehr im demokratischen Spektrum. Es liegt nahe, dass diese Offiziere mit einer ethisch-religiös-pluralistischen Gesellschaft Probleme haben Diese aus meiner Sicht problematischen Personen finden wir vor allem in der mittleren Führungsebene.

Haben Sie es mit offenem oder verdecktem Antisemitismus zu tun?

Dieser Antisemitismus ist eindeutig verdeckt. Diese Leute haben aber natürlich auch ihre Plattformen und ihre Helfer. Als es Hinweise gab, dass meine Sicherheit gefährdet ist, bin ich zum Landeskriminalamt (LKA) Berlin gegangen. Das LKA hat ermittelt und mir gesagt? die Gefährdung kommt aus Ihren eigenen Reihen.

Das merkt man auch an den Statements auf den verschiedenen Plattformen, die sind zum Teil sehr intelligent und man merkt genau, dass die Verfasser keine Idioten sind; dass sie mal Soldaten waren, militärischen Hintergrund haben und weiter Kontakt zum Militär pflegen.

Diese Leute greifen dann auch die Bundeswehrführung an. Ein Wort, das in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die Rede von der so genannten „judaisierten“ Bundeswehrführung, die vor der jüdischen Gemeinschaft strammstehe …

Wie weit reichend ist Ihre Gefährdung?

Ohne Details zu verraten, muss ich leider sagen, der Polizeipräsident hat entschieden, dass ich eine Gefährdungsstufe bekomme und hat entsprechende Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Das ist für mich natürlich sehr unangenehm.

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Bedrohung und Ihrem Engagement im Bund Jüdischer Soldaten?

Ja, natürlich. Und dann gab und gibt es jene Leute, die mir sagen, dass ich damit hätte rechnen müssen, dass so etwas passiert. Ich muss sagen, dass ich diese Äußerungen eher unüberlegt und unangemessen finde.

Fühlen Sie sich in dieser Bedrohungssituation ausreichend unterstützt?

Ja. Meine Vorgesetzten haben alle Maßnahmen getroffen, um mich zu unterstützen. Durch meine Arbeit im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam lebe ich ja auch ein bisschen in einer heilen Welt ? worüber ich durchaus auch froh bin.

Wenn man sich Angriffe wie im Juni 2007 vor Augen führt, als in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) mehrere Soldaten vier italienische Monteure in einer Gaststätte rassistisch beleidigten und angriffen, dann stellt sich schon die Frage, ob Sie die Situation in der Bundeswehr nicht zu positiv beurteilen.

Dieser Prozentsatz der auffälligen Rechtsradikalen existiert ja auch ‚draußen‘ und wird meiner Ansicht nach sehr schnell aus der Bundeswehr entfernt. Mit denen bin ich nicht konfrontiert und die schreiben auch keine Leserbriefe auf Plattformen, sondern die schlagen Leute zusammen, die in ihrem unmittelbaren Umfeld nicht in ihr rechtes Weltbild passen. Ich denke nicht, dass von dieser Seite eine gezielte Bedrohung für mich persönlich ausgeht.

In diesem Zusammenhang stellt sich ja durchaus die Frage, ob der Bruch der Bundeswehr mit der Traditionslinie zur Wehrmacht bislang eindeutig genug ausgefallen ist ? wenn man sich beispielsweise die Gebirgsjäger anschaut und die langjährige Teilnahme der Bundeswehr bzw. von Bundeswehrvertretern an den Veteranentreffen von Wehrmachtseinheiten.

Das ist nicht unsere Arbeit. Aber ich würde sagen, dass sowohl die Kräfte außerhalb als auch innerhalb der Bundeswehr diesen Bruch durch gewissen Druck erzeugt haben ? wie auch die Diskussion beispielsweise um die Rolle der Luftwaffe im nationalsozialistischen Deutschland zeigt, die ja zunächst aus der Bundeswehr selbst angestoßen wurde. Und dann gibt es natürlich auch die anderen, die aus mangelnder Kenntnis oder Dummheit den Bruch mit der Wehrmachtstradition nicht eindeutig vollzogen haben. Vielleicht lässt es sich so beschreiben, dass die Bundeswehr in ihrer Geschichte einen permanenten Selbstreinigungsprozess durchgeführt hat.

Zu diesem Prozess würde vermutlich doch auch eine stärkere Auseinandersetzung mit Traditionslinien von einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit und Autoritarismus gehören, die ja jeweils auch eine zentrale Rolle in einer extrem rechten Gedankenwelt spielen.

Meine Prognose für die Bundeswehr ist wesentlich günstiger als für die Gesellschaft insgesamt. Ich habe es ja schon beschrieben: Natürlich sind gewisse Traditionslinien noch vorhanden. Aber gibt es auf jeden Fall das eindeutige Bemühen der militärischen Führung, Selbstreinigungsprozesse am Leben zu erhalten.

Doch die Agitation gegen Juden in Deutschland nimmt zu ? und da ist die Situation jüdischer Soldaten eher ein Randaspekt. Die positive Entwicklung der 1990er Jahre, diese Zeit ist definitiv vorbei. Das Klima wird spürbar schlechter.

Woran machen Sie das fest? Am Antisemitismus im Alltag?

An Bedrohung und Gewalttaten ? wie beispielsweise die Schändung jüdischer Friedhöfe, ebenso wie an der Zunahme des rechten und des radikal-islamischen Spektrums. Die Distanz zur Shoah an sich führt wohl auch dazu. Die Tendenz, vergessen und verdrängen zu wollen, nimmt zu ? und wird weiter zu nehmen, je größer der zeitliche Abstand zur Shoah wird.

Um es konkret zu machen. Unter den verbalen Angriffen, die gegen uns gerichtet wurden, war auch eine Mail von jemanden, der mit seinem realen Namen schrieb: das hatte den Tenor, wir als jüdische Soldaten seien in der Bundeswehr und in Deutschland unerwünscht, sollten uns doch nach Israel verfügen und von dort aus zusammen mit unseren amerikanischen Verbündeten auch weiterhin Unglück über die Welt bringen. Ich habe diese Zuschrift dann bei der Polizei in Berlin zur Anzeige gebracht, weil sie die klassischen antisemitischen Stereotype und Feindbilder offenbart. Das war lange nicht die übelste Beleidigung, aber sie zeigt sehr deutlich, was diese Leute beabsichtigen. Die Staatsanwaltschaft hat daraufhin die Einleitung eines Verfahrens leider abgelehnt mit dem Verweis, die Zuschrift sei nicht strafbar, es handele sich dabei weder um Volksverhetzung noch um Beleidigung. Meine weitere Beschwerde bis hin zur Generalstaatsanwaltschaft war leider auch ergebnislos.

Ich finde das Besorgnis erregend, weil es auf zentrale Schwachpunkte verweist: dass wir eben nicht in allen Bereichen eine „wehrhafte“ Demokratie sind. Ähnlich ist es doch, wenn es um das Verbot der offen demokratiefeindlichen und rechtsextremen NPD geht.

Mit der Verleihung der Bernhard-Weiß-Medaille für Verständigung und Toleranz wollen Sie ja auch bewusst ein Signal setzen.

Wir wollen damit auch an den hochdekorierten jüdischen Frontoffizier des Ersten Weltkrieges und ehemaligen Polizeivizepräsidenten von Berlin erinnern, der in der Weimarer Republik regelmäßig vom späteren NS-Propagandaminister Josef Goebbels als „Isidor Weiß“ beschimpft wurde. Weiß setzte sich nicht nur zur Wehr, sondern schränkte das Handlungsfeld der NSDAP sehr erfolgreich mit rechtsstaatlichen Maßnahmen ein ? er führte über sechzig erfolgreiche Strafverfahren gegen Goebbels und die NSDAP. Wenn Weiß damals ? unter wesentlich schwierigeren Bedingungen – so couragiert zur Verteidigung der Demokratie handeln konnte, sollte man eigentlich erwarten, dass dies Polizei und Justiz heute ebenfalls tun würden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Heike Kleffner.

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