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Der lang geplante Krieg

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Rechtsextremistische Autoren suchen seit Jahrzehnten die Legende zu verbreiten, Hitler sei im Sommer 1939 von britischen, französischen, polnischen und im Hintergrund bereits auch amerikanischen Politikern zu einem Krieg gezwungen worden. Dieser Krieg habe das Ziel gehabt, das Deutsche Reich, das unter der NS-Herrschaft die Niederlage im Ersten Weltkrieg überwunden habe und wieder zur Großmacht aufgestiegen sei, erneut als politischen und wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten und die Deutschen abermals auf eine Art Sklavenstatus herabzudrücken. Dabei wird angedeutet, dass zu den antideutschen Drahtziehern vor allem auch das ?Weltjudentum? gehört habe. Ein Aspekt der Legende ist die Behauptung, die Westmächte hätten kein Recht gehabt, sich in den deutsch-polnischen Konflikt einzumischen, zumal die Polen die deutsche Minderheit brutal verfolgt und überdies, größenwahnsinnig geworden, an einen Überfall auf Deutschland zur Eroberung von Ostpreußen, Schlesien und Pommern gedacht hätten. Der deutsche Angriff wird so zum präventiven Verteidigungsschlag, zugleich zu einer Mixtur aus Strafexpedition und Befreiungskrieg.

Weitere Verbreitung findet jedoch eine Erklärung, die einen Kausalzusammenhang zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs herstellt. Der überharte Frieden von Versailles habe Deutschland gedemütigt, unerträgliche territoriale Opfer gekostet und untragbare finanzielle Lasten aufgebürdet. Die deutsche Revisionspolitik, die dann, 1938/39 mit Hitlerscher Aggressivität betrieben, zum Zusammenstoß mit Polen und zum Kriegseintritt der Westmächte geführt habe, sei eine zwangsläufige Folge jenes Versailler Unrechts gewesen.

Bei der ersten Version handelt es sich um eine freche Erfindung politischer Propagandisten; die heute überreichlich zur Verfügung stehenden Akten aller beteiligten Staaten bieten für diese Legende nicht das bescheidenste Indiz. Doch auch das mit Versailles arbeitende Modell hat nur geringe Elemente historischer Wirklichkeit. Der Versailler Vertrag war kein überharter Frieden. In Anbetracht seines maßgeblichen Anteils an der Auslösung des Weltkriegs und in Anbetracht der ungeheuren Opfer, die der Krieg gefordert hatte, kam das Deutsche Reich glimpflich davon. Zwar haben die Siegermächte den Anschluss der Deutschen Österreichs und der Sudentengebiete an Deutschland und insofern eine Anwendung des Selbstbestimmungsrechts der Völker verweigert, die das Deutsche Reich zum Herrn Europas und also ? trotz Anzettelung des Konflikts und trotz der militärischen Niederlage ? zum politischen Sieger des Krieges gemacht hätte.

Ansonsten aber hat Deutschland selbst den Schutz des Selbstbestimmungsrechts genossen, so in Oberschlesien gegen weitgehende polnische Ansprüche; und dass Territorien abgetreten werden mussten, geschah als Konsequenz jenes Rechts und entsprach, ob in Westpreußen oder in Elsaß-Lothringen, stets dem Willen eindeutiger Bevölkerungsmajoritäten. Die militärischen Beschränkungen und die ? anfänglich unsinnig hoch festgesetzten ? Reparationszahlungen, die Versailles dem Deutschen Reich auferlegte, mussten nach etlichen Jahren ohnehin fallen; tatsächlich war 1932, noch vor Hitlers Machtübernahme, die Reparationslast abgeschüttelt und die militärische Gleichberechtigung Deutschlands von den ehemaligen Siegern grundsätzlich anerkannt.

Dass der Friedensvertrag von einer großen Mehrheit der Deutschen als überaus schmerzhaft empfunden wurde, lag nicht an seiner objektiven Beschaffenheit, sondern an der Natur des deutschen Nationalismus. Dieser Nationalismus war nicht das Geschöpf von Versailles, er war vielmehr bereits wichtigster Urheber des zu Ende gegangenen Krieges gewesen und wäre nach einem Sieg ebenso üppig ins Kraut geschossen wie jetzt nach der Niederlage, die für eine Weile seine Umsetzung in praktische Politik unterband. Seit 1870 herangewachsen, hatte der Nationalismus schon bis 1914 imperialistische Tendenzen hervorgebracht, die nicht mehr allein dem Erwerb überseeischer Kolonien galten, sondern sich bereits auf die Hegemonie und auch auf territoriale Ziele in Europa richteten; zwischen 1914 und 1918 hatten sich derartige Tendenzen in schier uferlosen Eroberungsprogrammen konkretisiert.

Die Niederlage und der Vertrag von Versailles wirkten nun als Rückschläge, die möglichst rasch wieder gutgemacht werden müssten, damit die Freiheit zur erneuten Verfechtung der vorläufig gebremsten Ambitionen gewonnen werde. Auch die primitivste und ehrgeizigste Spielart des imperialistischen deutschen Nationalismus, die in den Nachkriegsjahren vor allem in der seit 1921 unter der Führung Adolf Hitlers stehenden NSDAP Gestalt gewann, war schon in der Vorkriegsperiode und in der Kriegszeit existent gewesen und zu großer Kraft gelangt, so im Altdeutschen Verband und in der nationalsozialistischen Partei der Deutschen Österreichs. Gerade Hitler stand ebenfalls in einer von Versailles unabhängigen Tradition.

Für das Zielbewusstsein, die Beharrlichkeit und die Offenheit, mit denen die Nationalsozialisten auf einen Eroberungskrieg zusteuerten, gibt es in der Geschichte kaum Beispiele. Seit 1919 haben die Führer der NS-Bewegung in Büchern, Zeitungsartikeln und zahllosen Versammlungsreden den Deutschen gepredigt, sie seien ein ?Volk ohne Raum?, das zu seiner biologischen Existenzsicherung, zu seiner kulturellen Entfaltung und zur Errichtung der deutschen Vorherrschaft in der Welt diese ?Raumnot? durch die Eroberung und Germanisierung neuen ?Lebensraums? in Europa, namentlich in Osteuropa, beheben müsse; zu einer kriegerischen Expansionspolitik seien die Deutschen aber nicht nur gezwungen, sondern auf Grund ihrer rassischen Höherwertigkeit auch berechtigt.

Nachdem Hitler und die NS-Bewegung ? begünstigt durch die politischen Wirren und die wirtschaftlichen Krisen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre ? am 30. Januar 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, machten sie sich ungesäumt daran, die Verwirklichung ihres Programms vorzubereiten. Während Hitler Deutschland aus den internationalen Bindungen löste, indem er – am 14. Oktober 1933 – den Austritt aus dem Völkerbund vollzog und die Mitarbeit in der Genfer Abrüstungskonferenz beendete, setzte er zugleich eine gigantische Aufrüstung in Gang, die ohne Rücksicht auf die wahren Bedürfnisse der deutschen Wirtschaft und der Bevölkerung forciert wurde und das Deutsche Reich bis spätestens 1940 kriegsbereit machen sollte. Mit seiner Politik der Mobilmachung manövrierte er Deutschland freilich in eine Isolierung, die ihn zunächst die außenpolitische Handlungsfreiheit kostete. Großbritannien, Frankreich und sogar das faschistische Italien schlössen sich zur Garantie des europäischen Status quo zusammen, was Hitler-Deutschland von kriegerischer Expansion abhalten sollte.

Indes brach diese Front bald wieder auseinander, als Mussolini durch sein eigenes imperialistisches Abenteuer, die Eroberung Abessiniens, Italien in einen scharfen Gegensatz zu den Westmächten brachte und daher die Anlehnung an Deutschland suchen musste. Hitler nutzte die plötzlich gewährte italienische Rückendeckung am 7. März 1936 zum Bruch des Vertrags von Locarno, das heißt zur Remilitarisierung des Rheinlands, und am 11. Juli 1936 zur außenpolitischen Gleichschaltung des bislang von Mussolini gegen deutschen Einfluss abgeschirmten Österreich. Als sich Mussolini selbst zur Verbindung mit Deutschland veranlasst sah (?Achse Berlin-Rom?, 25. Oktober 1936), war die Isolierung Deutschlands endgültig durchbrochen und eine wichtige Voraussetzung für aktive deutsche Expansionspolitik geschaffen.

Im Bewusstsein der gewonnenen Handlungsfreiheit und in Überschätzung der erreichten militärischen Stärke kam Hitler im Laufe des Jahres 1937 zur Überzeugung, zwei vorbereitende Schritte zur eigentlichen Ostexpansion, die Annexion Österreichs und der Tschechoslowakei, seien bereits 1938 möglich. Dass ihm das erste Vorhaben am 12. März zur Gänze und das zweite mit der Gewinnung der Sudetengebiete (Münchner Abkommen, 29. September) immerhin partiell gelang, lag aber daran, dass die Westmächte nicht nur passiv blieben, sondern Prag zur Abtretung der deutsch besiedelten Landesteile praktisch zwangen. Zur Vermeidung des Krieges um fast jeden Preis entschlossen, waren die Westmächte bereit, die Entstehung eines großdeutschen Staates und damit die Hegemonie Deutschlands auf dem Kontinent zu akzeptieren, wenn Hitler damit zu saturieren war.

Andererseits gaben sie zu verstehen, dass weitere deutsche Eroberungen nicht hingenommen werden könnten, weil dies die Westmächte selbst, ihre Souveränität, ihren territorialen Bestand und die Integrität ihrer politischen Kultur, dem Zugriff des nationalsozialistischen Deutschland ausliefern würde. Hitler hat das durchaus verstanden, doch zog er daraus nicht die Konsequenz, auf die Ostexpansion zu verzichten. Ursprünglich hatte er gehofft, für den Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion neben der Mitwirkung Polens freie Hand von Großbritannien ? und damit auch von Frankreich ? zu bekommen. Angesichts des Endes solcher Hoffnungen kam er ? grundsätzlich ohnehin zur Eroberung großer Territorien in Nord- und Westeuropa entschlossen, was er in die Formel ?Liquidierung des Westfälischen Friedens? kleidete ? um die Jahreswende 1938/39 zu dem Schluss, dann eben erst für Rückenfreiheit im Westen sorgen, das hieß etwa 1940 Frankreich niederwerfen und mit der militärischen auch die politische Präsenz Englands auf dem Kontinent erledigen zu müssen.

Polen stellte in seinen Augen für den Westkrieg einen Risikofaktor dar, und so glaubte er sich genötigt, das Stillhalten Polens durch die politische Unterwerfung Polens zu sichern. Als Polen sich vom Herbst 1938 bis zum März 1939 weigerte, durch die Erfüllung deutscher Forderungen ? namentlich nach dem Eintritt in das deutsch-italienisch-japanische Allianzsystem ? seine Unabhängigkeit aufzugeben und vorerst einen Satellitenstatus zu akzeptieren, fasste Hitler Ende März den Entschluss, das polnische Problem im August militärisch zu lösen. In dieser Absicht ließ er sich auch nicht mehr dadurch beirren, dass die Westmächte am 31. März Polen garantierten und ihm damit sagten, sie müssten einen so eindeutig imperialistischen Akt ? zumal der ?Führer? am 14. und 15. März durch die Annexion des tschechoslowakischen Rumpfstaates die Uferlosigkeit des NS-Imperialismus demaskiert habe ? mit der militärischen Unterstützung Polens beantworten.

Mit Recht überzeugt davon, dass die Westmächte seinen Feldzug in Polen nicht zu stören vermochten, weil sie militärisch zu schlecht vorbereitet waren, sah er ihrer Kriegserklärung gelassen entgegen; nach seiner Meinung brachte das polnische Zwischenspiel nicht einmal eine sonderliche Verschiebung des Termins für den Angriff auf Westeuropa. Erst recht fühlte er sich sicher, nachdem er die Sowjetunion mit der deutschen Zustimmung zur Annexion von Teilen Finnlands, der baltischen Länder, Ostpolens und Bessarabiens vom Anschluss an die Westmächte abgehalten hatte (deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt vom 23. August 1939); in Erwartung eines langen Krieges zwischen dem Reich und den Westmächten nahm Stalin die Gelegenheit gerne wahr, den deutschen Expansionismus nach Westen zu lenken und die Verluste auszugleichen, die Rußland von 1918 bis 1920 hatte hinnehmen müssen.

So gab Hitler am 25. August den Befehl, am folgenden Tag Polen anzugreifen. Zwar bewog ihn Mussolinis Mitteilung, dass Italien neutral bleiben werde, zu einem Aufschub, doch nachdem er zu der Ansicht gelangt war, dass auch ein neutrales Italien genügend britische und französische Kräfte binden werde, folgte am 31. August der Angriffsbefehl für den 1. September. Zunächst von Hitler zur Vorbereitung des Krieges um ?Lebensraum im Osten? vom Zaune gebrochen, entwickelte sich dieser noch europäische Konflikt durch den deutschen Angriff auf Rußland und durch den danach möglichen japanischen Angriff im Pazifik rasch zum Zweiten Weltkrieg.

Dieser Text ist aus dem Buch Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte von Wolfgang Benz (Hrsg.)

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