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Kommentar Die merkwürdige Liebe der Rechten zu Israel

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(Quelle: Pixabay)

Die NPD ist irritiert. Seit ihrer Gründung polemisiert sie – in der Tradition der europäischen Rechten – gegen Israel. Der frühere Parteivorsitzende und jetzige Europa-Abgeordneter der NPD Udo Voigt tritt dafür ein, Israel als „Terrorstaat“ zu bezeichnen. Inzwischen jedoch muss die Partei feststellen, dass „die europäische Rechte auf Pro-Israel-Kurs“ ist.

„Besonders bestürzend“ für die deutschen Ultrarechten ist, dass die österreichische FPÖ, bislang zuverlässig antisemitisch und antiisraelisch, nun „die Loyalität Israel gegenüber jetzt sogar zu ihrer neuen Parteidoktrin“ mache. Doch „stehen die Freiheitlichen mit dieser Neuausrichtung nicht allein da, sondern offenbar mit kräftigem Rückenwind aus Tel Aviv“, so die NPD, die in typischer Antisemiten-Manier sich einen Wandel der Gesinnungen nur erklären kann als Ergebnis einer „Israel-Connection“, bei der vermutlich auch eine Menge Geld fließt.

Wie viel Verlass ist aber auf jenen „Pro-Israel-Kurs“ der Neuen Rechten? In der WELT habe ich mich dieses Themas angenommen. Zu Recht hat ein Kommentator aber gemeint, dass meine Analyse unvollständig sei. Das ging auch in der Kürze nicht anders. Ich kenne den betreffenden Kommentator „Frank N.“ nicht; ich weiß nicht, ob er von „links” oder „rechts“ die Israel-Liebe der Neuen Rechten analysiert; aber er gibt, wie ich meine, die Haltung dieser Leute gut wieder, deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit seinem Beitrag. Hier ist er in voller Länge:

„Lieber Alan Posener, es ist natürlich schwer verständlich und verdaulich, dass die neue Rechte plötzlich aller Orten ihre Liebe zu Israel entdeckt hat, aber das muss mit etwas mehr Tiefenschärfe analysiert werden. A) Die neue Rechte beneidet Israel um seine Identitätspolitik. Feiertage, Heiratspolitik, Einbürgerung, das geht in Israel nur für Juden und das zu sein oder zu werden gar ist nicht einfach. Fragen Sie mal die philippinischen Hilfskräfte… oder Araber, die Palästinenser heiraten wollen. Klar ist Israel offen für Schwule, Künstler, technische Elite als Gast. Und hat ne tolle Party Szene Aber Einbürgerung? Nein. B) Identitätspolitik auch im Baustil. Warum sehen alle Häuser in Jerusalem und den Siedlungen gleich aus. Jerusalem Stein, Sicherheitsraum. Auch davon träumt der neue und alte Rechte. Es baut nämlich Wiedererkennbarkeit, Heimat. C) die neue Rechte hat wiederentdeckt einen Gedanken, der sowohl Hitler wie Herzl eigen war: die Entmischung. Der eine mit Gewalt, der andere mit Worten. Natürlich. Aber beide lehnen die liberale Idee des österreichischen Vielvölker Gemisches ab. D) die Virilität der israelischen Gesellschaft mit Uniform en und Waffen in jeder Ecke, Militär Dienst und der sagenhaften Coolness der Soldaten sind ein Traum. All das macht Israel attraktiv für eine neue Rechte, die ja auch nicht mehr Russland erobern will, sondern nur gefestigt sein und gegen Fremde im eigenen Land kämpft… Das nur zum Verständnis. Ich unterstütze es nicht wirklich, kann’s aber nachfühlen.“

Israel und die Identitätspolitik

Richtig: „Die neue Rechte beneidet Israel um seine Identitätspolitik.“ Ich sehe darüber hinweg, dass es auch in Deutschland in erster Linie christliche Feiertage sind, die gefeiert werden (Weihnachten, Ostern, Christi und Mariä Himmelfahrt, Pfingsten, Reformationstag usw.). Auch darüber, dass man – wie ich am eigenen Leib erfahren habe – so leicht nun auch nicht Deutscher werden kann (bestimmt nicht als „philippinische Hilfskraft“, aber auch nicht ohne Weiteres per Heirat). Dafür wurden Hunderttausende Russlanddeutsche, über die der Volksmund spottete, manche hätten allenfalls einen deutschen Schäferhund in der Familie, nach Artikel 116 GG als „Volkszugehörige“ in der Bundesrepublik aufgenommen, mit allen Rechten deutscher Staatsbürger, die immer schon hier lebten.

Was übrigens die Architektur angeht: in Jerusalem „sehen alle Häuser gleich aus“ (stimmt nicht, aber egal), weil die Briten – nicht die Israelis! – als Mandatsmacht bestimmt haben, Neubauten müssten wenigstens mit Jerusalem-Stein verkleidet werden. Die Verordnung richtete sich vor allem gegen Juden, die gern moderne Bauten wie in Tel Aviv errichtet hätten. Dass die Verordnung übernommen wurde, ist weise, dient aber der Erhaltung der Identität Jerusalems (einer seit jeher multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Stadt), nicht der Behauptung jüdischer Identität. Man gehe  nur nach Tel Aviv (oder nach Haifa oder Beer Sheva oder Eilat), und schon ist man mit einer Vielfalt von Architekturstilen konfrontiert, die man lieben oder hassen kann, die aber mit „Identität“ schon gar nichts zu tun haben.

Dass alle Häuser in Israel einen Schutzraum haben müssen, in dem man einen Angriff mit Massenvernichtungswaffen überleben kann, ist Ergebnis einer Bedrohungslage – dass die Rechte „davon träumt“, glaube ich allerdings nicht.

Identitätspolitik ist in Israel etwas Anderes als in Deutschland

Akzeptieren wir dennoch der Argumentation halber, dass Israel seine Identität als „Heimstätte des jüdischen Volkes“ stärker betont, als Deutschland seine Identität als Heimat der Deutschen. (Obwohl wir mittlerweile sogar einen Minister für Heimat haben.)

Was Linken suspekt und Rechten vorbildlich erscheint, ist aber nicht Wesen des Staates Israel, sondern – wie die Schutzräume in den Häusern – Ergebnis einer besonderen Bedrohungslage und -geschichte. Nehmen wir an, es gäbe über 90 Millionen Juden (so viele Deutsche gibt es etwa), und nicht höchstens 15 Millionen (so viele Juden gibt es weltweit). Nehmen wir weiter an, diese Juden lebten fast alle in zwei Staaten (wie die Deutschen in der Bundesrepublik und in Österreich); und nicht zur Hälfte in der Diaspora, wie es bei Juden der Fall ist. Nehmen wir an, die Juden hätten dort seit fast zwei Jahrtausenden gelebt, ohne dass ihnen jemand diesen Lebensraum strittig gemacht hätte, dass die beiden jüdischen Staaten von Freunden umgeben wären, statt von Feinden und unsicheren Verbündeten, und dass sie eine arabische Bevölkerung von etwa fünf bis sechs Prozent hätten statt wie Israel von fast 20 Prozent. Nehmen wir schließlich an, dass noch niemand versucht hätte, die Juden auszurotten (was ja auch bei 90 Millionen ziemlich unmöglich wäre): Glaubt irgendjemand, dieser jüdische Staat wäre so bedacht auf die Wahrung jüdischer Identität, wie es der gegenwärtige jüdische Staat Israel ist? Natürlich nicht. Wer gern Israels vermutete Identitätspolitik übernehmen will, darf gern Israels Bedrohungslage und Vergangenheit mit übernehmen; nein, muss das. Ansonsten ist der Vergleich schlicht absurd.

Hitler und Herzl

Was nun der Gedanke der „Entmischung“ angeht: Hitler und Herzl gleichermaßen als Befürworter der „Entmischung“ und Gegner des k.-u.-k. Vielvölkerstaats hinzustellen, heißt das Wesentliche an ihnen zu verschweigen und dadurch nicht nur absurd, sondern obszön zu werden.

Theodor Herzl erkannte am Beispiel des Dreyfus-Prozesses, dass auch ein moderner, westeuropäischer weitgehend demokratischer Staat wie Frankreich anfällig war für den Antisemitismus. Er zog daraus die Konsequenz, dass die Juden den Traum der Assimilation aufgeben müssten und erst dann den Respekt der anderen Nationen erringen würden, wenn sie sich selbst als Volk und Nation konstituieren würden. Er war, wenn man so will, Nationalist in der Tradition des 19. Jahrhunderts, aber sein Ansatz war friedlich, humanistisch und utopisch – in seinem Roman „Altneuland“ ist der Judenstaat eigentlich nur eine Art Genossenschaftsdachverband, ohne Streitkräfte und ohne Probleme mit den Arabern.

Adolf Hitler hingegen war ein Antisemit und Imperialist, für den der Nationalstaat nichts galt. Die Polen, Tschechen, Serben, Russen usw. hatten keinen Anspruch darauf, die Deutschen aber müssten ein weltbeherrschendes Imperium gründen. Herzl und Hitler sind Gegensätze. Im übrigen dürfte man kaum einen Staat auf dieser Erde finden, wo es mehr “Vermischung” gibt als in Israel: osteuropäische und westeuropäische, irakische iranische, nordafrikanische und äthiopische Juden; christliche und muslimische Araber, dazu Beduinen, Drusen, Tscherkessen, Armenier und viele andere mehr. Säkulare Zionisten und religiöse Zionistenhasser, orthodoxe und liberale Religiöse, linke und rechte Säkulare und so weiter und so fort. Nicht umsonst habe ich geschrieben, Israel sei  für jeden Identitären ein Albtraum – und müsste für die Linke, die sich Vielfalt auf die Fahne geschrieben hat, ein Vorbild sein. Freilich hat sich die Linke, wenn es um die „dritte Welt“ geht, in ihrer Mehrheit einer rechten Ideologie verschrieben, die – wie die NPD –  illiberale „Identität“ und antiwestlichen „Antiimperialismus“ feiert und Israel als westlichen „Kolonialstaat“ betrachtet, der die Araber unterdrückt.

Was schließlich die „Virilität“ der israelischen Gesellschaft angeht: Soldaten (und Soldatinnen) an jeder Ecke mögen der feuchte „Traum“ eines Rechten sein; doch auch hier gilt: die Soldaten können die Rechten gern mitsamt der Bedrohung haben, die die Rechten zwar gern herbei halluzinieren – Stichwort “Islamisierung” -, an die sie jedoch in Wirklichkeit selbst nicht glauben. Wie man in Israel witzelt: „Wenn uns schon die Engländer ein Land schenken wollten, das ihnen nicht gehörte, warum nicht gleich die Schweiz?“ Oder wenigstens Schleswig-Holstein. Wäre Israel nach 1945 von den Briten dort etabliert worden – was wollen wir wetten: die NPD müsste sich nicht sorgen wegen der pro-israelischen Wende der europäischen, zumal der deutschen Rechten.

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