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Die netten Ökofaschisten – Besuch bei Familie Müller in Lalendorf

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Typisch Ökotante: Petra Müller trägt einen langen Rock aus filzigem Material, Wollsocken, Gesundheitssandalen; um den Hals hat sie einen Schal aus selbst gewebtem Stoff gewickelt, die dunklen Haare sind zu einem strengen Knoten gekämmt, das frische Gesicht sieht aus, als ob sie daran nur Wasser und Seife ließe. Aus braunen Augen sieht sie mich freundlich an. Das soll eine führende Gestalt der rechtsextremen Szene sein? Lächerlich!

Petra Müller hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Wider Willen, wie sie sagt. Als sie ihr siebentes Kind zur Welt brachte, beantragte sie die Übernahme der Patenschaft durch den Bundespräsidenten. Diese Auszeichnung steht jedem deutschen Kind zu. Das Präsidialamt schickte die Patenschaftsurkunde dem Bürgermeister von Lalendorf in Mecklenburg-Vorpommern zu. Er sollte sie der Familie Müller überreichen. Aber Reinhard Knaack, früher in der SED und heute Mitglied der Linkspartei, hält die Müllers für Rechtsextreme und wollte sie „nicht auch noch hofieren“. Er sandte die Urkunde dem Präsidialamt zurück. Auf bis heute ungeklärten Wegen erfuhr die Journalistin Andrea Röpke vom Vorgang; die Müllers konnten es in der Zeitung lesen. Auf der nächsten Sitzung der Gemeindevertretung erschienen sie mit ihren Kindern und stellten Knaack zur Rede. Anwesend war ein Vertreter der Lokalpresse. Die Sache wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und eskalierte. Neonazis bedrohten den Bürgermeister, Vertreter von SPD und CDU lobten seine antifaschistische Standhaftigkeit. Petra Müller wurde über Nacht zu so etwas wie einer Celebrity. Grund genug, sie aufzusuchen.

Nach Schloss Bansow fährt man durch die sanften Hügel der mecklenburgischen Schweiz. Dicht neben der engen Straße hebt ein Reh kurz den Kopf und sucht dann weiter unter dem dichten Schnee nach Nahrung. Über dem Wald kreisen Raubvögel. Ich bin auf einen angeketteten Pitbull, eine verschlossene Tür, vielleicht sogar eine Wache mit Bomberjacke gefasst. Aber die Tür ist nur angelehnt, und als ich auf die Klingel drücke, erscheint Petra Müller, Hände und Pullover mehlig vom Backen.

Wir reden im eiskalten Windfang. Neben uns zwei Briefkästen: „Gesellschaft für biologische Anthropologie“ steht auf dem einen; Ges. f. Zivilschutz“ auf dem anderen. Ihr Mann Marc ist Vorsitzender beider Vereine.

„Aber das klingt nur so militärisch. Der hat ja nicht einmal den Wehrdienst absolviert, der hat nie ein Gewehr in der Hand gehabt.“ Und „biologische Anthropologie“? Mit Rassenkunde und Rassereinheit habe das gar nichts zu tun. „Schauen Sie mich an. Sehe ich arisch aus?“ Nein, aber der Hitler habe auch nicht gerade … „Na, blaue Augen hatte der aber gewiss.“ Stimmt.

Eine ganz normale bürgerliche Familie seien sie, sagt Petra Müller. Vielleicht dächten sie nicht so wie die Mehrheit, aber: „‚Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden‘, sagte Rosa Luxemburg.“ Sie seien nun einmal der Meinung, dass man „auf seine Wurzeln achten“ müsse, dass „so ein Mischmasch“ wie in den USA nicht gut sei, das habe ja auch der Herr Sarrazin geschrieben. Aber das dürfe man nicht mehr sagen, er sei ja wie die Eva Hermann mundtot gemacht worden, es gebe keine Meinungsfreiheit mehr. Und nun werde sie von der Presse fertiggemacht, wie in Heinrich Bölls Roman „Katharina Blum“.

Fast tut sie mir leid. Bis sie selbst von der tiefen Freundschaft mit „dem Jürgen“ zu sprechen beginnt; den hätten alle verkannt, das sei ein ganz besonderer Mensch gewesen. Jürgen Rieger, Rechtsanwalt, Rassist, Antisemit, Holocaustleugner, Führer der offen neonazistischen Fraktion in der NPD und Chef der „Artgemeinschaft“, einer völkischen, neuheidnischen Glaubensgemeinschaft, zu der sich die Müllers bekennen. Sein Erbe hat Rieger der Gesellschaft für biologische Anthropologie vermacht.

Die Müllers – sie ist Österreicherin, er Schwabe – sind nicht zufällig nach Riegers Tod hierhergezogen. Rund um Güstrow haben Menschen, die so denken wie sie, leer stehende Bauernhöfe aufgekauft und eine Art Wendland oder Toskana der rechtsextremen Szene geschaffen. Sie nennen sich Artamanen nach einer völkischen Bauernbewegung der 30er-Jahre, zu der auch SS-Chef Heinrich Himmler und Auschwitzkommandant Rudolf Höß gehörten. Artam bedeutet „die Erneuerung aus den Urkräften des Volkstums, aus Blut, Boden, Sonne und Wahrheit“. Sie wird gefeiert etwa im utopischen Roman „Das Reich Artam“ vom früheren DDR-Genetiker Volkmar Weiß, dessen Studien auch von Thilo Sarrazin zitiert werden.

Die modernen Artamanen sind ökologisch, sozial, bürgerlich. Zu ihnen gehören in der Gegend um Güstrow etwa Helmut Ernst, Gründer der „Gentechnikfreien Region Nebel/Krakow am See“; Huwald Fröhlich aus Koppelow, der „ökologische Baustoffe für gesundes Wohnen“ anbietet, und der Kunstschmied Jan Krauter aus Klaber, der die Montagsdemonstrationen gegen die Hartz-IV-Reformen organisierte.

„Die Städte vom Land her erobern!“ ist eine – von Mao Tse-tung übernommene – Losung der Rechtsextremen. Während sich Leute wie die Müllers als Biedermänner geben, übernehmen die Typen mit den Bomberjacken die Brandstiftung. Parallelgesellschaften? Im Scheinidyll der deutschen Provinz sind sie längst Wirklichkeit.

Dieser Text erschien am 12.12.2010 in der „Welt am Sonntag„. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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