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Ein Leben für die Lüge

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Die bundesweite Neonazigemeinde trauert um Otto Riehs. Am 29. Mai verstarb der „Ritterkreuzträger“ im Alter von 87 Jahren in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main. Riehs war eine Ikone der Szene, einer der letzten Vertreter jener „Erlebnisgeneration“, deren Aufgabe es ist, Nationalsozialismus authentisch zu vermitteln und den neuen Nazis die Bestätigung zu geben, die legitimen Erbfolger der Nationalsozialisten zu sein. Doch sein Heldenepos ist in Teilen wohl selbstgestrickt.

Otto Riehs war ein Hundertprozentiger, ein Unverbesserlicher. Er meldete sich 1940 freiwillig zur Wehrmacht, wurde der „Ostfront“ zugeteilt und blieb dem untergehenden Dritten Reich bis zur letzten Sekunde treu. Das zumindest schreibt Riehs in seinem Lebenslauf. Danach engagierte er sich in einer Vielzahl neonazistischer Parteien und Organisationen, so in der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei, später in der NPD, in der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei, in den Gruppen des Michael Kühnen und in verschiedenen Kameradschaften des Rhein-Main-Gebietes. Der Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS) führte ihn zuletzt als Ehrenmitglied, insbesondere im NS-Fetischisten und KDS-„Führer“ Axel Reitz fand er einen Anhänger, der ihn verehrte wie einen Messias. Wenn Otto Riehs auch hier und da Flugblätter verteilte, Wahlunterschriften sammelte oder sich als Kandidat zu einer Wahl aufstellen ließ: Ein Parteisoldat wurde er nicht mehr. Denn „seine“ Partei, die NSDAP, war 1945 verboten worden. So prägten weder organisatorische Funktionen noch Arbeitseifer sein politisches Engagement. Sein Credo war „Die jungen Leute, die heute fürs Hakenkreuz kämpfen, brauchen uns Frontsoldaten als Idole“. Er sah es als seine Berufung, durch Kneipen-Hinterzimmer zu tingeln und die Jungen auf den Nationalsozialismus einzuschwören. Hier fand er das Publikum, das selbst seine unbeholfenen Versuche der Dichtkunst artig beklatschte, Kostprobe: „Der Stahlhelm – Wie viele ungezählte Stunden, dreht? ich mit ihm denn meine Runden…“.

Wenngleich Riehs als bescheidener Mensch galt, so mochte er die Selbstinszenierung. Das Bild ging durch die Medien, als er am Grab des Altnazis Hans-Ulrich Rudel mit „deutschem Gruß“ salutierte. Er ließ mit stolzgeschwellter Brust, schwarzem Ledermantel und seinem Ritterkreuz am Hals die Aufmärsche an sich vorbeiziehen als würde er eine Parade abnehmen. Und er stilisierte sich postwendend als Opfer „staatlicher Willkür“, wenn die Polizei (so geschehen im Jahre 2004) bei einer Hausdurchsuchung sein Ritterkreuz beschlagnahmte, da er es trotz deutlich sichtbarem, eingraviertem Hakenkreuz bei einem öffentlichen Aufmarsch getragen hatte. Ersatz war schnell besorgt.

Hundertmal ausgeschmückt ist die Geschichte, in der der junge Otto Riehs 1943 todesmutig mit der Panzerabwehrkanone (nach anderen Erzählungen mit einem defekten Flakgeschütz) zehn (nach anderen Erzählungen elf oder zwölf) russische Panzer in zwölf Minuten erledigte. Die Legende besagt, er habe hierfür das Ritterkreuz erhalten. ?
Doch der Mythos des „aufrichtigen Kämpfers und Kameraden“ hat jedoch eine Bruchstelle: So verschwand Otto Riehs Anfang der 1990-er Jahre aus dem Ritterkreuzverzeichnis der extrem rechten Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger (OdR), auch in manch anderer Auflistung von Ritterkreuzträgern fehlt sein Name. Die Geschichte blieb verworren. War Otto Riehs ein Hochstapler? Oder fiel er aus anderen Gründen bei den alten Kameraden in Ungnade? Der OdR gab vor, über Informationen zu verfügen, wonach in der Vergangenheit ein „Otto Rieß“ Anschriften von Mitgliedern der „Gemeinschaft der Ritterkreuzträger“ in die DDR weitergeleitet habe. Die Vorwürfe wurden publik, doch sie schadeten Riehs? Reputation in der Neonaziszene nicht.

Im Gegenteil: Der „verdiente Kriegsheld“ war graue Eminenz der Szene des Rhein-Main-Gebietes und erlangte in den letzten Jahren seines Lebens immer stärkere Bedeutung als Redner auf Aufmärschen in nah und fern. Seine Person wurde umso begehrter je mehr sich die Reihen der Erlebnisgeneration lichteten. Es war gruselig anzusehen, wie der alte Mann, dessen fortschreitender körperlicher und geistiger Verfall seit vielen Jahren erkennbar war, als Hauptattraktion in der wochenendlichen Nazifreakshow vorgeführt wurde. Kaum noch des Lesens und Sprechens mächtig, klangen seine kraftlosen Reden wie ein Endlosband, aus dem ständig wiederkehrend die Worte „Ehre“, „Kameradschaft“ und „historischer Auftrag“ hervordrangen. Man brauchte ihn, denn Alternativen gab es kaum mehr. Und mehr wollte die Szene von ihm ja auch nicht hören. Ein Ende „in Würde“ wünschen die Kameraden ihm erst, als sich abzeichnete, dass er infolge eines Schlaganfalls, den er im März erlitten hatte, den Rest seines Lebens „geistig abwesend“ sein würde. Während einzelne hofften, dass „er es noch mal schafft“, wünschten ihm die anderen schon einmal „viel Glück in Wahall“ (gemeint ist Walhalla), gedachten ihm in Schweigeminuten auf Kameradschaftabenden und forderten die Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen. „Hauptsache ist doch, das er stirbt. Und zwar menschenwürdig, ohne Beatmungsgeräte und technischen Schnickschnack“, so brachte ein Kommentar in einer Neonazi-Internetplattform die Mehrheitsmeinung auf den Punkt. Es schien, als könne Otto Riehs der Szene nur noch als Hauptdarsteller eines Heldenbegräbnisses von Nutzen sein. Das jedoch scheint auszufallen. Seine Familie wendet sich dagegen.

Otto Riehs war einer, der Zeit seines Lebens auf der Verliererseite stand. Der Realität entrückt, verbittert, von der Erinnerung an alte, bessere Zeiten zehrend, verdingte er sich bis ins späte Alter als Taxifahrer und verbrachte seinen Lebensabend in eher kärglichen Verhältnissen in der Tristesse des Frankfurter Ostends – von NachbarInnen und der Polizei längst nicht mehr für voll genommen, von der Antifa als „brauner Märchenonkel“ verlacht. „Sein“ Ritterkreuz gab ihm Stolz und Identität. Und der Beifall der Jungen verschaffte ihm Anerkennung. Er lebte für die Lüge. Dass wohl selbst sein eigener Mythos auf Lügen aufbaut, störte ihn ebenso wenig wie den Rest der Szene.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum e.V. (apabiz)
Erscheinungsdatum: 2.6.2008

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