Weiter zum Inhalt

Eine Karte der Gewalt und Proteste gegen Flüchtlinge

Mit der Zahl der Flüchtlinge nehmen wie in Tröglitz Übergriffe aus der rechten Szene zu. Unsere Karte zeigt, in welchen Orten es in Deutschland seit Januar 2014 zu politisch motivierten Angriffen kam.

 
Interaktive Karte der Gewalt und Proteste gegen Flüchtlinge 2014/2015. (Quelle: Welt Online)

Zur interaktiven Karte geht es hier.

Neun Mal pfeifen Kugeln durch die Nacht. Neun Mal treffen die Schüsse aus der Druckluftwaffe vor ein paar Tagen die Flüchtlingsunterkunft in Hofheim. Verletzt aber wird bei dem Angriff keiner der 53 Flüchtlinge, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Containern aufhalten.

Der Vorfall aus Hessen ist keine Ausnahme. Obwohl die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung für die Aufnahme von Asylbewerbern vielerorts groß ist, nimmt die Zahl der Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte zu. Spätestens seit dem Brandanschlag von Tröglitz in Sachsen-Anhalt stellt sich die Frage, wie sicher die Menschen, die aus ihren Ländern geflohen sind, in Deutschland wirklich leben können.

Die „Welt“ hat nun versucht, einen möglichst genauen Überblick über die Vorfälle zu geben. Die interaktive Karte zeigt, wo es in Deutschland seit Anfang 2014 Brandanschläge, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen oder Demonstrationen gegen Flüchtlinge gab. Grundlage dafür sind die aktuellen Zahlen der Amadeu Antonio Stiftung, die in einer Chronik laufend Berichte aus Zeitungsartikeln und Meldungen von lokalen Initiativen zusammenfasst.

Ost-West-Gefälle bei der Gewalt

Die Analyse zeigt, dass der Anschläge alles andere als Einzelfälle ist. Mit zuletzt deutlich steigenden Flüchtlingszahlen nehmen auch die Übergriffe auf Ausländer in vielen Regionen zu. Asylbewerber werden in der Bundesrepublik nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Länder verteilt. Die Höhe der Steuereinnahmen und die Bevölkerungszahl entscheidet darüber, welches Bundesland wie viele Bewerber aufnimmt.

In fast jedem Bundesland gibt es mittlerweile Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Hetze gegen Ausländer. Setzt man dabei die Anzahl der Vorfälle mit der Einwohnerzahl in Relation, fällt ein Ost-West-Gefälle auf: Auch wenn beispielsweise insgesamt die Zahl der Übergriffe auf Heime in den westdeutschen Ländern größer ist, so ist Gewalt gegen Asylbewerber in Ostdeutschland relativ gesehen besonders verbreitet. Vor allem in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen wurden Übergriffe registriert. Der Freistaat, in dem im vergangenen Jahr gewählt wurde, verzeichnete dabei überproportional viele Vorfälle.

Offizielle Angaben der Ermittlungsbehörden bestätigen den Trend, der sich aus den Angaben der Amadeu Antonio Stiftung ableiten lässt. Allein im Jahr 2014 wurden mehr als 150 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gezählt. Und nach Angaben des Bundesinnenministeriums hat die Zahl zuletzt weiter zugenommen.

Private Sicherheitsdienste bewachen die Heime

Angesichts der insgesamt zunehmenden Übergriffe stellt sich unter anderem die Frage, wie sicher Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland sind. Der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), hat erklärt, er sei nicht sicher, dass die Flüchtlinge in Tröglitz wirklich sicher sein werden. Dafür könne er nicht garantieren. Unionsfraktionschef Volker Kauder warnte dagegen in der ARD: Die Sicherheit müsse gewährleistet sein. „Es darf nicht die Botschaft sein aus Tröglitz, dass sich Flüchtlinge in unserem Land nicht mehr sicher fühlen können“, sagte der CDU-Politiker.

Eine Umfrage in mehreren Bundesländer zeigt, dass sich die Sicherheitsbehörden der besonderen Gefahr für Flüchtlingsunterkünfte bewusst sind. Das Innenministerium in Rheinland-Pfalz erklärt dazu: „Flüchtlingsunterkünfte oder Asylbewerberheime unterliegen grundsätzlich einer abstrakten Gefährdung.“ Die Aufgabenteilung beim Schutz sieht so aus, dass die Länder vor allem für die zentralen Aufnahmeeinrichtungen verantwortlich sind. Die Kommunen oder private Betreiber wiederum kümmern sich um die Unterkünfte, wo die Flüchtlinge anschließend unterkommen.

In Niedersachsen zum Beispiel werden die zentralen Standorte in Bramsche, Braunschweig und Osnabrück laut Innenministerium durch private Sicherheitsdienste rund um die Uhr bewacht. Vielerorts ist der Einsatz von solchen Wachdiensten die Regel. Im Grenzdurchgangslager im niedersächsischen Friedland, wo etwa Flüchtlinge aus Syrien ankommen, gibt es rund um die Uhr einen Feuerlösch- und Bewachungsdienst. Bei Bedarf werden die rund 300 Asyleinrichtungen im Land besonders geschützt – das ist derzeit aber nicht der Fall.

Auch in Bayern richtet sich der Schutz der Asylbewerberheime nach der möglichen Bedrohungslage. In Sachsen wird vor der Eröffnung einer neuen Unterkunft mit der jeweiligen Polizeidienststelle ein Sicherheitskonzept erstellt, in das der Einsatz von Wachleuten, Meldewege bei Angriffen oder bauliche und technische Sicherheitsmaßnahmen einfließen.

Zur interaktiven Karte geht es hier.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Welt Online. Erstveröffentlicht am 15.04.2015.

Belltower.News macht gemeinnützigen Journalismus, denn wir klären auf und machen das Wissen von Expert*innen zu Antisemitismus, Rassismus und
Rechtsextremismus und allen anderen Themen der Amadeu Antonio Stiftung für alle zugänglich.
Unsere Reportagen, Recherchen und Hintergründe sind immer frei verfügbar und verschwinden nie hinter einer Paywall. Dafür brauchen wir aber auch deine Hilfe.
Bitte unterstütze unseren Journalismus, du hilfst damit der digitalen Zivilgesellschaft!

Weiterlesen

503632997

Baden-Württemberg 2025 Rechte Netzwerke wachsen und das Klima wird rauer

Jahresrückblick: Baden-Württemberg wurde 2025 zum Schauplatz intensiver rechter Formierung: Professionalisierte Parteistrukturen, eine neue Neonazi-Generation und eskalierende Gewalt markieren ein beunruhigendes Jahr.

Von
IMG_6338

Verfassungsschutzbericht 2019 Deutlich mehr Rechtsextreme und mehr Gewalttäter

Die Veröffentlichung des Verfassungsschutzberichtes 2019 wurde verschoben. Erste Zahlen gibt es allerdings trotzdem. Wieder zählt die Behörde mehr Rechtsextreme und mehr potentielle Gewalttäter.

Von
afd2

Umfragen und Studien Warum wählen Menschen die AfD? Teil 2

Nach den Wahlerfolgen von Sonneberg und Raguhn-Jeßnitz kommen die Umfragen, in denen die AfD stärker und stärker zu werden scheint.…

Von

Schlagen Sie Wissenswertes in unserem Lexikon nach.