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Exklusiv Geheimes Treffen prominenter Neonazis in Baden-Württemberg

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Mehrere Dutzend Neonazis aus Deutschland und Frankreich nahmen am „Thing der Titanen“ vom 8. bis 10. Oktober 2021 in Herboldshausen (Landkreis Schwäbisch Hall/Baden-Württemberg) teil. (Quelle: © Timo Büchner)

Sonntagabend, 19. September 2021: „Das Gute ist, wir haben eine geeignete Räumlichkeit gefunden“, verkündete der Heilbronner Steuerberater Michael Dangel im Gespräch mit dem extrem rechten Portal „FSN.tv“. Dangel, der seit Jahrzehnten in der extremen Rechten aktiv ist, sprach im Livestream über den „Thing der Titanen“. Wo die „geeignete Räumlichkeit“ sein würde, verriet er nicht. Erst nach Überweisung der Teilnahmegebühr in Höhe von 20 Euro wurden nähere Informationen zum Veranstaltungsort preisgegeben. Die Zurückhaltung hatte ihren Grund. Schließlich soll der Ort wohl auch in Zukunft der extremen Rechten ohne kritische Beobachtung und öffentlichen Protest zur Verfügung stehen.

Die geheime Veranstaltung wurde in extrem rechten Social-Media-Kanälen als „Wochenendseminar“ beworben. Dangel verbreitete zwei Werbeclips über seinen privaten YouTube-Account, in denen er mit breiter Brust verkündet,, dass „Männer und Frauen“, die Deutschland „seinen Stolz und seine Ehre zurückgeben wollen“, zur Veranstaltung zusammenkommen würden. Thema der Veranstaltung: offenbar das Spannungsfeld zwischen Vergnügen und Verzicht in der „rechten Lebensführung“. Die Gäste, die im Programm angekündigt wurden, sind prominente Akteur:innen der deutschen Neonazi-Szene. Sie sind seit Jahren in der Szene aktiv und bestens vernetzt.

  • Nicole Schneiders stammt aus Baden-Württemberg und betreibt mit Steffen Wilfried Hammer (von der Rechtsrockband „Noie Werte“) eine Rechtsanwaltskanzlei mit Hauptsitz in Reutlingen und Zweigstellen in Ettlingen und Rottweil. Im Münchener NSU-Prozess war sie die Strafverteidigerin von Ralf Wohlleben. Der NSU-Unterstützer erhielt wegen Beihilfe zum Mord eine zehnjährige Freiheitsstrafe. Schneiders ist nicht nur Anwältin, sondern auch Aktivistin. Sie wird ab 2022 eine Kolumne im Rechtsrock-Magazin „Rock Hate“ schreiben.
  • Malte Redeker aus Rheinland-Pfalz gilt als Schlüsselfigur der europäischen „Hammerskin Nation“ (HSN). Die HSN wurde in den USA gegründet und ist eine extrem rechte Bruderschaft mit Divisionen in zahlreichen Ländern. Sie ist durch ihre Gewaltbereitschaft bekannt. Redeker gründete einst das Rechtsrock-Label „Gjallarhorn Klangschmiede“. In den vergangenen Jahren hat er den extrem rechten Kampfsport in Deutschland geprägt („Kampf der Nibelungen“).
  • Frank Kraemer kommt aus Nordrhein-Westfalen und ist Gitarrist der beiden Rechtsrockbands „Stahlgewitter“ und „Halgadom“. Erstere ist in der extrem rechten Musikszene eine der erfolgreichsten Bands. In den Liedtexten wird die NS-Verherrlichung deutlich: „Die BRD ist uns egal und völlig gleich | Denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich“. Kraemer ist nicht nur Musiker, sondern auch Autor („Werde unsterblich“), Moderator („Der Dritte Blickwinkel“) und Unternehmer („Sonnenkreuz Versand“).
  • Patrick Schröder stammt aus Bayern und ist Betreiber des extrem rechten Portals „FSN.tv“. In der Neonazi-Szene sind die drei Worte „Frei, Sozial, National“ eine beliebte Parole. Er ist Geschäftsführer des „FSN Shop“ und der Nemesis Production GmbH („Ansgar Aryan“). Zwischenzeitlich organisierte Schröder eigene Rechtsrock-Konzerte in Bayern und Thüringen. Beispielsweise veranstaltete er am 28. Oktober 2017 das „Rock gegen Links“-Konzert in der thüringischen Kleinstadt Themar.
  • Aus der Reihe fällt der YouTuber „Outdoor Illner“. Er selbst kündigte im Vorfeld des Treffens an, er sei wohl der einzige „Neurechte“ unter „Altrechten“. Durch seine „satirischen“ Videos wurde Illner unter Identitären gefeiert. In der Vergangenheit hat die extrem rechte Kampagnenagentur „Ein Prozent“ aufgerufen, für den YouTuber zu spenden. Laut Blick nach Rechts soll Illner bereits Ordner bei AfD-Veranstaltungen gewesen sein und Videos für die Partei produziert haben.

Ein altes Bauernhaus in Herboldshausen …

Das „Wochenendseminar“ war keineswegs die erste Veranstaltung von Michael Dangel. Seine extrem rechte Gruppierung „WIR Heilbronn“ trat in den vergangenen Jahren durch Stammtische und Vorträge in Erscheinung. So referierte Sonnhild Sawallisch, eine Akteurin des völkischen „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ (BfG), am 28. Januar 2016 über die „Flüchtlingsfrage“. Sawallisch ist die Tochter der BfG-Bundesvorsitzenden Gudrun Klink aus Ingelfingen (Hohenlohekreis). Der BfG, der bundesweit über einige hundert Mitglieder verfügt, vertritt eine antisemitische und rassistische Ideologie; sie fußt auf den verschwörungsideologischen Lehren von Mathilde Ludendorff (1877-1966). Die „Urgroßmutter des Antisemitismus“ (Der Spiegel) begründete in den 1920er-Jahren die „Deutsche Gotterkenntnis“ und veröffentlichte mit ihrem Ehemann Erich Ludendorff, dem General des Ersten Weltkrieges und Mitinitiator des „Hitler-Ludendorff-Putsches“ (9.11.1923), zahlreiche Schriften. Eine heißt „Die Judenmacht, ihr Wesen und Ende“ (1939).

Der BfG besitzt seit Mitte der 1970er-Jahre ein altes Bauernhaus in Herboldshausen nahe Kirchberg an der Jagst (Landkreis Schwäbisch Hall). Herboldshausen ist ein abgelegener Weiler, der im Wesentlichen aus einer Handvoll Bauernhöfen besteht und unmittelbar an der A6 zwischen Heilbronn und Nürnberg liegt. Größe und Lage von Herboldshausen ermöglichen, Veranstaltungen abseits der kritischen Öffentlichkeit durchzuführen. Regelmäßig veranstaltet der BfG seine Sommer- und Wintersonnenwendfeiern. Allerdings nutzt nicht nur der BfG das „Jugendheim Hohenlohe“. In der Vergangenheit stellte der Verein sein Haus der offenen Neonazi-Szene zur Verfügung. So führte die NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ im August 2020 ihren „Gemeinschaftstag Süd“ im Haus durch. Ein ausführlicher Bericht und mehrere Fotos der Veranstaltung wurden über die Social-Media-Kanäle der Neonazis verbreitet. Ohne Zweifel erinnerten Bericht und Fotos an die Aktivitäten der „Hitlerjugend“.

Das alte Bauernhaus des „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ war der Veranstaltungsort des „Thing der Titanen“. © Timo Büchner

… wird zum Rückzugsort neonazistischer Umtriebe

Nun wurde Herboldshausen erneut zum Rückzugsort neonazistischer Umtriebe. Am Freitag, 8. Oktober 2021 fuhren zahlreiche Autos aus Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen in die süddeutsche Provinz. Die meisten Autos, die in der Einfahrtstraße zum Haus parkten, stammten aus der Nähe der deutsch-französischen Grenze. Ein olivgrauer Land Rover trug ein französisches Kfz-Kennzeichen. Einschlägige Zahlencodes und Heckscheiben-Sticker stellten die Zugehörigkeit zur Neonazi-Szene zur Schau. So trug ein roter VW Polo eine 88 im Kennzeichen und Sticker der Rechtsrockbands „Skrewdriver“ und „Die Lunikoff Verschwörung“ auf der Heckscheibe. Im Haus herrschte fortan reger Betrieb. Am Abend hielt „Outdoor Illner“ seinen Vortrag über „Die Rechte im Spannungsfeld von Mythos und Logos“. Zwar wurden sämtliche Stockwerke des alten Bauernhauses benutzt. Aber alle Fenster, die zur Straßenseite gerichtet sind, waren durch stabile Fensterläden aus Holz verschlossen. Die Lampen, die im Inneren des Hauses brannten, schienen lediglich durch die Fenster der von der Hauptstraße abgewandten Hausseite.

Zwar wurde die Veranstaltung konspirativ organisiert. Aber vor Ort, in der kleinen Siedlung, verlor das Treffen spätestens am Samstag seinen geheimen Charakter. Im Laufe des Tages erreichten weitere Gäste den Weiler. Sie reisten aus Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen an. Die Parkplätze in der Zufahrt zum Haus reichten nicht mehr aus, weshalb mehrere Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Zufahrt parken mussten. Am Samstag fanden insgesamt fünf Vorträge statt. Zum Beispiel sprach laut Website von „WIR Heilbronn“ der Rechtsrock-Unternehmer Patrick Schröder über das „Versagen patriotischer Kräfte im Hinblick auf die Bindung von Jugendlichen“. Zuweilen betraten die Teilnehmenden in den Pausen der einzelnen Programmpunkte das weitläufige Gelände. Sie standen im Eingangsbereich des Hauses und in der Zufahrt zum Haus. Sie standen auf der Wiese im Hinterhof des Hauses, die mit blickdichten Hecken umgeben ist. Einzelne liefen auf den Wegen zwischen den Äckern und Bauernhöfen. Junge Männer mit kurzgeschorenen Haaren, Mittvierziger mit Karohemd und Bart, ältere Ehepaare in altbackener Kleidung, ein Rauschebart mit Nickelbrille und langem Haar: Bereits das äußere Erscheinungsbild der Teilnehmenden machte deutlich, dass unterschiedliche Strömungen der extremen Rechten zusammenkamen. „Stahlgewitter“-Gitarrist Frank Kraemer hielt den letzten Vortrag des Abends. Er kritisierte die „allgegenwärtige Dekadenz in Buntland“ und forderte „von den Gegnern der bundesrepublikanischen Gaga-Republik […] mehr Selbstdisziplin“.

Die Tatsache, dass erneut eine Veranstaltung der Neonazi-Szene im Haus eines Vereins stattgefunden hat – der völkisch ist, aber stets betont, weder antisemitisch noch NS-verherrlichend zu sein – dokumentiert das reibungslose Zusammenspiel zwischen Neonazis und Völkischen. Kontinuierliche Recherche und Berichterstattung über die Geschehnisse vor Ort ist wichtiger denn je. Denn ein zweiter „Thing der Titanen“ wurde bereits angekündigt.

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