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Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ)

Die „Heimattreue Deutsche Jugend e.V.“ (HDJ) war bis zu ihrem Verbot im März 2009 eine neonazistische Jugendorganisation, die eine völkisch-nationalistische Ideologie vertrat. Sie entstand um das Jahr 2000 aus der Gruppe „Die Heimattreuen Jugend e.V.“ (DHJ). Die HDJ gibt vierteljährlich die Zeitschrift „Funkenflug“ heraus.

 

Der Verfassungsschutz schätzte ihre Mitglieder auf rund 400 Personen, Experten gehen aber von ein höheren Anzahl aus. Die HDJ hatte eine große Bedeutung für die gesamte deutsche Neonaziszene. Zu Veranstaltungen der HDJ, kamen regelmäßig mehrere hundert Personen. Der Verein veranstaltete Zeltlager, Fahrten, Wanderungen und Liederabende vermischt mit politischen Schulungen für die ganze (rechtsextreme) Familie. Kinder ab sechs Jahre wurden bei der HDJ geistig und militärisch gedrillt. Im Mittelpunkt stand die Erziehung zu „Kameradschaft, Treue, Mut, Ehre, Aufrichtigkeit, Disziplin und Ehrlichkeit“. „Ihre rechtsextremistische, nationalistische Ideologie“ versuchte die HDJ laut Verfassungsschutz, „hinter einer Selbstcharakterisierung als traditionsbewusst und wertorientiert (‚volks- und heimattreu‘) zu verbergen.“

Ziel der HDJ war es, ganze Familien an die rechtsextreme Szene zu binden: „Das Lebensbundkonzept soll darüber hinaus verhindern, dass ältere Mitglieder nach Familiengründung aus der rechtsextremistischen Szene ausscheiden.“

Die HDJ hatte weitreichende Verbindungen in die deutsche Neonaziszene. Viele ehemalige HDJ-Aktivisten sind gleichzeitig führende NPD-Mitglieder. So zum Beispiel Tino Müller, Stella Hähnel und Jörg Hähnel.

Im Oktober 2007 wurde der HDJ das Tragen von Uniformen verboten. Grund dafür war, dass gegen mehrere Mitglieder der Organisation Anklage wegen Verstoßes gegen das Uniformverbot auf Versammlungen erhoben worden war.

Die HDJ-Mitglieder setzten sich immer wieder über das nach dem Versammlungsgesetz bestehende Uniform-Verbot hinweg. Im Sommer 2007 lehnte das Innenministerium die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung, wie sie zum Beispiel Pfadfindern gewährt wird, für die HDJ ab. Sie galt danach als vorrangig politisch aktive Gruppe. Die HDJ legte gegen die Entscheidung des Innenministeriums Einspruch ein.

Im Jahr zuvor waren eine Journalistin und ein Kameramann am Rande einer HDJ-Veranstaltung von bewaffneten Neonazis brutal angegriffen und verletzt worden.

Auffallend ist, dass die HDJ nicht nur inhaltliche, sondern auch personelle Parallelen zur 1994 verbotenen rechtsextremen Wiking-Jugend hatte. Der letzte Bundesführer Sebastian Räbiger, Dirk Nahrath und einige andere HDJ-Mitglieder waren früher alle führend in der Wiking-Jugend aktiv.

Politiker forderten schon seit längerer Zeit ein generelles Verbot der „Heimattreue Deutsche Jugend – Bund für Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V“ (HDJ). Am 31. März 2009 war es soweit. In den frühen Morgenstunden erhielt der HDJ-Bundesvorsitzende Sebastian Räbiger die Verbotserklärung.
„Die HDJ missbraucht die Jugendarbeit, um Kinder und Jugendliche zu überzeugten Nationalsozialisten zu erziehen“, sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zur Begründung des Verbots. Das Innenministerium stützt sich dabei vorrangig auf Paragraph 3 des Vereinsgesetzes, welcher eine Betätigung in „aggressiv-kämpferische Weise gegen die verfassungsmäßige Ordnung“ unter Strafe stellt.

Darüber hinaus wurden in Berliner, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen Hausdurchsuchungen bei HDJ-Kadern durchgeführt. Einige sind seit Jahrzehnten in der rechtsextremen Szene von NPD bis Freien Kameradschaften aktiv, wobei es zu Ermittlungen und Verurteilungen unter anderem wegen Körperverletzung, Wehrsportübungen, Waffenbesitz und Volksverhetzung kam. Im Vorfeld des Verbotes hatte das Innenministerium bereits in über 80 Räumlichkeiten von HDJ-Funktionären Razzien angeordnet.

Zum Thema

| Verfassungsschutz zur HDJ

| Die verbotene Wiking-Jugend

| Schwerpunkt „Kampf um die Kinder – Rechtsextreme und Familien“

Literatur

| Das Buch Ferien im Führerbunker ? Die neonazistische Kindererziehung der ?Heimattreuen Deutschen Jugend“ von Andrea Röpke (Braunschweig, 2007)

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