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Kopenhagen 3 Tote nach Schüssen — Gibt es einen rechtsextremen Hintergrund?

Im Einkaufszentrum Field's in Kopenhagen erschoss ein 22-Jähriger drei Menschen und verletzte mehrere schwer. (Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mads Claus Rasmussen)

Am Abend des 3. Juli 2022 schoss ein 22-jähriger Mann an zwei Stellen im Einkaufszentrum Field’s in Kopenhagen um sich. Er ermordete einen 47-jähriger Mann aus Russland, der in Dänemark lebt, und zwei dänische 17-Jährige und verletzte mindestens vier Menschen schwer: einen 40-jährigen dänischen mann, eine 19 Jahre alte dänische Frau und zwei Schweden im Alter von 50 und 16 Jahren (vgl. document.no). Nach den Schüssen flüchteten die Besucher:innen des Einkaufszentrums, dabei wurden mindestens 20 verletzt und trugen unter anderem Arm- und Beinbrüche davon. Der 22-Jährige mutmaßliche Täter wurde unmittelbar nach der Tat festgenommen, er hatte ein Gewehr und eine Messer dabei und laut Polizei Zugang zu einer Pistole gehabt. Das Einkaufzentrum war zu Tatzeit besonders besucht, weil in der Nähe eine Konzerthalle liegt, in der am Abend der Musiker Harry Styles auftreten sollte. Das Konzert wurde abgesagt.

Laut der dänischen Polizei handele es sich bei der Tat nicht um einen Terrorakt. „Es gibt keine Hinweise in den Ermittlungen, Dokumenten oder Zeugenaussagen, die belegen könnten, dass es sich um Terror handelt“, so der Chefinspekteur Søren Thomassen während einer Pressekonferenz am Montag. Der mutmaßliche Täter habe in der Vergangenheit psychische Probleme gehabt und sei in Behandlung gewesen. Der Polizei sei er „grundsätzlich“ bekannt gewesen, allerdings nur „peripher“. Eine Wohnung im Stadtteil Valby, sehr wahrscheinlich die des Täters, wurde bereits durchsucht. Der 22-Jährige habe allein gehandelt und keine Komplizen gehabt. Zum Motiv des Todesschützen äußerte sich der Chefinspekteur nicht und ergänzte, dass es bisher keine Anhaltspunkte für einen rassistischen Tathintergrund gäbe.

In den sozialen Medien wurde darüber unmittelbar nach der Tat spekuliert. Eine Nachrichtenseite berichtete, der 22-Jährige sei Mitglied der rechtsextremen Partei „Stram Kurs“, die vor allem durch rassistische und muslimfeindlichen Aktionen in der Öffentlichkeit auffällt. Der Vorsitzende Rasmus Paludan provoziert regelmäßig mit Koran-Verbrennungen und versucht islamfeindliche Demonstrationen in europäischen Ländern zu organisieren. Die Partei hat das mittlerweile dementiert. Der Täter sei kein Parteimitglied und es gäbe keine Verbindungen zur Partei oder Parteichef Paludan. Allerdings nutzte die Partei das Dementi gleich für Rassismus: “Wir haben nie unseren Mitgliedern oder auch sonst jemandem empfohlen, Field’s zu besuchen. Das Einkaufszentrum wird von Menschen besucht, die sich schlecht benehmen. Sie behaupten, religiös zu sein, aber sie belästigen nur andere Gäste und wollen ihre rückständige Religion und Kultur auf andere Gäste übertragen.“

Der Täter betrieb einen – mittlerweile gelöschten – YouTube-Kanal. Ein Analyse seiner Videos und Subscriptions deuten auf eine menschenfeindliches und zynisches Weltbild hin. Eine eindeutige Verbindung zu rechtsextremen Inhalten gibt es allerdings nicht.

Archive des YouTube-Kanals zeigen mehrere Videos, in denen er mit unterschiedlichen Waffen posiert. Mehrere von ihnen tragen den Titel „I don’t care“. Er hält sich sowohl eine Pistole, als auch die Tatwaffe – ein Jagdgewehr – an den Kopf und in den Mund. Zudem hat er mehrere Playlists angefertigt, unter anderem mit den Namen „killer music“ und „last things to listen to“. Die dort geteilten Videos sind eine Mischung aus populärer Musik – der Rapper Post Malone oder die Nu Metal-Band Linkin Park – und aus Meme-Videos mit Titeln wie „I want to die in a war“ oder „I kill pedophiles“, in denen zynische Gewaltverherrlichung betrieben wird. In der Beschreibung eines seiner Videos erwähnt er, ein Medikament zu nehmen, das zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt wird – es würde jedoch „nicht funktionieren“.

Die von dem Angreifer abonnierte YouTube-Kanäle sind auf den ersten Blick ähnlich beliebig. Zahlreiche von ihnen sind beliebte YouTuber:innen mit mehreren hunderttausend Subscriber:innen und befassen sich mit Videospielen, Filmen, Online-Kultur oder Geschichte. Auch ein Channel, der sich ausschließlich Schusswaffen widmet, ist dabei. Einige von ihnen, diejenigen mit nur sehr wenigen Abonnements, stechen jedoch heraus. Einer der Kanäle hat sich der Ideologie des „Antinatalismus“ gewidmet. Hierbei handelt es sich um die oftmals sehr nihilistische Weltsicht, dass Menschen keine Kinder mehr bekommen sollten – einerseits, weil ohnehin zu viele Menschen auf der Erde leben würden, andererseits, weil ein Leben in diesen Verhältnissen eine Zumutung wäre. Geburten und Elternschaft ist für Antinatalist:innen Ausdruck von Egoismus. Wenig überraschend geht diese Weltsicht regelmäßig mit Frauenfeindlichkeit einher.

Ein weiterer Kanal, den der mutmaßliche Angreifer von Kopenhagen abonniert hat, beschäftigt sich mit (stellenweise rechtsterroristisch motivierten) Massenmörder:innen. Einer der auf dem Kanal glorifizierten Attentäter ermordete größtenteils Menschen, die der religiösen Minderheit der Sikhs angehörten, ein anderer hatte vor seinem Amoklauf zahlreiche rechtsextreme Symbole und Slogans auf seinen Körper gezeichnet und war mit dem rechtsterroristischen Attentäter von München 2016 in Kontakt.

Mehr über die Online-Aktivität des Täters von Stockholm ist bisher nicht bekannt. Was das Motiv des Täters war, werden hoffentlich die Ermittlungen zeigen.

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