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Land unter? Landnahme, Unterwanderung und Geschichte

(Quelle: Unsplash)

Völkische Rechtsextreme lassen sich gezielt in ländlichen Regionen nieder, um dort strategische Räume zu ergreifen. Dabei versuchen sie, einerseits bereits bestehende Strukturen zu unterwandern und andererseits eigene Netzwerke mit ihren Unterstützer*innen aufzubauen. Sie zielen darauf ab, jenseits der städtischen Zentren und außerhalb des staatlichen Zugriffs eigene Rückzugsräume zu schaffen, in denen sie ihre Ideologie ungestört auszuleben hoffen. Durch den Zuzug weiterer Gleichgesinnter können ganze Dörfer rechtsextrem unterwandert werden, wenn die demokratische Zivilgesellschaft nicht aufmerksam agiert und dieser Raumergrei-fungsstrategie konsequent begegnet.

Da völkische Akteur*innen vorwiegend im Verborgenen agie-ren und nicht den klassischen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus entsprechen, werden sie nicht als die überzeugten Ideolog*innen wahrgenommen, die sie zweifelsohne sind. Die handwerklich begabten Erwachsenen, die mit vielen Kindern in kleinere Dörfer ziehen, werden mit offenen Armen empfangen. Dadurch kann ein längerer Zeitraum vergehen, den die Siedler*in-nen nutzen, um vor Ort Akzeptanz zu finden, bevor ihre Ideologie offenkundig wird. Zu den Aktionsformen dieser Szene gehören Brauchtumsfeiern wie Lieder- und Volkstanzabende, Maifeste oder Sonnenwendfeiern, die mystisch aufgeladen werden. Dabei beziehen sich die Rechtsextremen auf eine von ihnen konstruierte germanische Tradition, die sie als „arteigene“ Religion der Deutschen ansehen. Zu den Aktionen reisen völkische Siedler*innen aus weiter Entfernung mit ihren Familien an. Die zunächst harmlos anmutenden Zusammenkünfte erfüllen bei näherem Hinsehen politische Zwe-cke, da sie die Vernetzung innerhalb der Szene gewährleisten und sich hier zukünftige Partnerschaften anbahnen: Von den Heran-wachsenden wird eine Partner*innenwahl innerhalb der Szene erwartet. Zudem vermitteln sie den Kindern der Szene den Eindruck einer lebendig erfahrbaren völkischen Gemeinschaft.

Die Geschichte der völkischen Bewegung

Völkische Rechtsextreme blicken auf eine Tradition zurück, die bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückreicht. Hier verbanden sich die neuaufkommenden rassistischen, antisemitischen und biologistischen Ideen mit heidnischer Esoterik und deutscher Romantik. Auch damals verfolgte beispielsweise der völkische Bund Artam bereits Siedlungsprojekte. In den 1990er Jahren ver-suchten Rechtsextreme, diese Siedlungen in Mecklenburg-Vorpommern wiederzubeleben. Auch in der deutschnationalen Szene des Kaiserreichs war die völ-kische Bewegung sehr präsent, ihren Höhepunkt erfuhr sie jedoch nach Ende des Ersten Weltkriegs. Die rechtsintellektuelle Strö-mung, die in den 1920er und -30er Jahren Träger der völkischen Ideologie war, wurde nachträglich als „Konservative Revolution“ bezeichnet.

Die völkische Bewegung stellte die Basis des Nationalsozialismus dar und wurde zum großen Teil in den NS-Herrschaftsapparat integriert. Dabei wurde die rückwärtsgewandte völkische Ideologie von den Nationalsozialist*innen um moderne faschistische Aspekte erweitert.Zahlreiche Nationalsozialist*innen waren zuvor in der völkischen Bewegung aktiv gewesen. Der Besiedelungsgedanke der Bewe-gung, die bereits über praktische Erfahrung mit Siedlungsprojekten verfügte, wurde von den Nazis übernommen und beeinflusste die „Siedlungs- und Germanisierungspolitik“ in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs. Neben dem eliminatorischen Anti-semitismus war sie eine der ideologischen Grundlagen der Shoah und verursachte die Ermordung von Millionen von Menschen.Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden zahlreiche völ-kische Organisationen neu gegründet und setz-ten ihre Arbeit fort. Dazu gehörten zum Beispiel die Artgemeinschaft, die an den Bund Artam anknüpfte, oder die sogenannten „Ludendorffer“, die sich auf das völkische Ehepaar Mathilde und Ernst Ludendorff bezogen. Mit der Wiking-Jugend entstand ein völkischer Jugend-bund in der Tradition der Hitler-Jugend und des Bundes deutscher Mädel – nach seinem Verbot durch den Innenminister 1994 wurde er das Vorbild für die noch heute aktiven Bünde Sturmvogel und Freibund.


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