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Lernen aus der Geschichte Per la Vita – Für das Leben

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Esther Bejarano auf einer Lesung in der KZ-Gedenkstätte Hinzert im März 2012, Foto: Philipp Reichert, c

„Mit Tränen in den Augen spielten wir. Wir hätten uns nicht dagegen wehren können, denn hinter uns standen die SS-Schergen mit ihren Gewehren“
(Esther Bejarano, Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz/Birkenau)

1941 wurden ihre Eltern durch die Nazis ermordet, sie selbst in das Zwangsarbeitslager Neuendorf gebracht und für zwei Jahre zur Arbeit in einer Gärtnerei bei Fürstenwald (Spree) gezwungen. Zusammen mit über 1000 Jüdinnen und Juden wurde Esther Bejarano am 20. April 1943 ins Vernichtungslager Ausschwitz deportiert. Dort bestand ihr Alltag zunächst aus schwerer körperlicher Arbeit bis sie einige Zeit später Teil des Mädchenorchesters des Vernichtungslagers wurde. Dort spielte sie Akkordeon, obwohl sie dies nie gelernt hatte. Heute sagt sie, sie habe keine Ahnung gehabt, was sie mit den Tasten auf dem Akkordeon anfangen sollte und es sei ein Wunder gewesen, dass sie das Lied zustande gebracht habe, dass man von ihr bei einem Vorspiel verlangte. Dieser Schritt in das Mädchenorchester war einerseits eine Erlösung von der schweren Arbeit, auf der anderen Seite jedoch eine starke psychische Belastung. So hatte das Orchester die Aufgabe die Ankunft neuer, nichtsahnender Häftlinge musikalisch zu begleiten, von denen eine Mehrzahl nach kurzer Zeit auf grausamste Weise ermordet wurde.

Gelungene Flucht vom Todesmarsch

Esther Bejarano hatte Glück im Unglück und wurde von Auschwitz in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt. In der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs kam es zur Räumung des Lagers und die Insassinnen und Insassen wurden durch die SS in Richtung Mitte Nazideutschlands getrieben. Auf diesem Todesmarsch wurden unzählige Häftlinge erschossen, Esther Bejarano allerdings gelang die Flucht und sie wurde durch alliierte Soldaten in Sicherheit gebracht.

Fortan lebte sie mit einigen weiteren Überlebenden der Shoah auf dem Gehringshof bei Fulda. Dort bereitete sie ihre Auswanderung nach Israel vor wo sie bis 1970 lebte. Im Anschluss kehrte sie nach Deutschland zurück. und wohnte in Hamburg. Nach ihrer Rückkehr aus Israel arbeitete sie zunächst in einer Wäscherei, ihr Mann, den sie 1950 geheiratet hatte, eröffnete eine Diskothek, die sie allerdings aufgrund einiger Überfälle durch Alt- und Neonazis verkauften. Esther Bejerano betrieb daraufhin eine Boutique in Hamburg.

Engagement gegen Faschismus

Die Musik begleitete Esther Bejarano auch in dieser Zeit. Mit ihren zwei Kindern gründete sie in den 1980er Jahren die Musikgruppe „Coincidence“, mit der sie überwiegend antifaschistische Lieder und Stücke aus dem Widerstand spielte. 2009 veröffentlichte sie mit ihren Kindern und der Kölner Rap-Gruppe „Microphone Mafia“ das Album „Per La Vita“ (Für das Leben), das traditionelle Lieder aus dem Widerstand modern umsetzt. Mit diesem Projekt trat auch im späten Lebensalter regelmäßig auf.

Neben der Musik, in der sich die schrecklichen Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit zeigen, engagierte sich Esther Berjarano auch anderweitig gegen Faschismus. Seit 1978 war sie Mitglied, dann Ehrenvorsitzende der VVN-BDA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten), eine der größten antifaschistischen Organisationen der Bundesrepublik. Ab 2008 war sie Vorsitzende des Ausschwitz-Komitees, das sie 1986 mitbegründet hatte. Bis ins hohe Alter trat sie als Rednerin auf antifaschistischen Demonstrationen auf, besuchte Schulen als Zeitzeugin und war zusammen mit der Journalistin Birgit Gärtner auf Lesetour durch Rheinland-Pfalz, auf der sie gemeinsam ihr Buch „Wir leben trotzdem“ vorstellte, das ihre schreckliche Lebensgeschichte erzählt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf dem Portal „Mut gegen rechte Gewalt“ erschienen (2002-2022).

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