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Radikalisierungsgrade von Burschenschaften

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Flügelkämpfe

Das völkische Prinzip lässt sich unterschiedlich auslegen: Gemäßigt, aber auch radikaler. Beispielhaft zeigen sich die Differenzen an den jeweiligen Europakonzeptionen. Gemäßigt-Völkische wollen Europa mittels eines »europäischen Volksgruppenrechtes« gliedern, das allen europäischen »Völkern« und »Volksgruppen« kollektive Sonderrechte brächte. Ein solches »europäisches Volksgruppenrecht« würde es den »deutschen Volksgruppen« ermöglichen, sich enger an Deutschland zu orientieren. Da im geeinten Europa die Grenzen an Bedeutung verlieren, werde es für alle »deutschen Volksgruppen« keine wirksame Trennung vom deutschen »Mutterland« mehr geben. Auf diese Weise, so meinen Gemäßigt-Völkische, könne es gelingen, eine sozusagen informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen.

Radikal-Völkische hingegen plädieren eher dafür, die unterschiedlichen »deutschen Volksgruppen« in »Schlesien«, im »Sudetenland« etc. dem deutschen Staat direkt einzuverleiben. Eines der Konzepte, das auf diesem Flügel immer wieder diskutiert wird, ist der militante »Volkstumskampf«. Historische Vorbilder hat er unter anderem in Norditalien (»Südtirol«). Dort waren Burschenschafter an terroristischen Aktionen beteiligt, die zum Ziel hatten, die Ablehnung der deutschsprachigen Bevölkerung gegenüber dem italienischen Staat zu radikalisieren und eine gewaltsame Abspaltung der »Volksgruppe« zu erzwingen. Der »Südtirol«-Terrorismus forderte zahlreiche Todesopfer; die österreichische Regierung sah sich 1961 gezwungen, die Burschenschaft „Olympia“ Wien zu verbieten, weil sie als Schaltzentrale für terroristische Aktivitäten galt.

In der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) gibt es einen gemäßigt-völkischen und einen radikal-völkischen Flügel. Zwischen beiden herrscht seit langem heftiger Streit. In den 1990er Jahren hat dieser Streit zur Abspaltung einiger gemäßigt-völkischer Burschenschaften geführt, die 1996 mit der „Neuen Deutsche Burschenschaft“ (NDB) einen eigenen Dachverband gegründet haben. Seitdem ist der gemäßigt-völkische Flügel in der DB stark geschwächt. Der radikal-völkische Flügel dominiert den Dachverband, er ist außerdem besser organisiert. Mit der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“ hat er sich einen innerverbandlichen Zusammenschluss geschaffen, der ihm eine stringente Politik ermöglicht.

Der gemäßigt-völkische Flügel der DB sowie die NDB sind ? parteipolitisch gesehen ? stark an den Unionsparteien orientiert. Der radikal-völkische Flügel der DB hat Affinitäten zu verschiedenen rechtsradikalen Organisationen. Bekannte Vertreter dieses Flügels sind Rolf Schlierer (Gießener „Burschenschaft Germania“, REP-Bundesvorsitzender) oder Jürgen W. Gansel (Burschenschaft „Dresdensia-Rugia zu Gießen“, NPD-Bundesvorstandsmitglied).

Rechtsradikale

Ein gutes Beispiel für eine rechtsradikal stark durchsetzte Burschenschaft ist die Burschenschaft „Danubia“ München. Aus ihren Reihen kamen zwei Vorsitzende des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB), Lutz Kuche (1971-73) und Uwe Sauermann (1975-76). Unter Beteiligung der »Danuben« Hans-Ulrich Kopp (bekannter Politkader der radikalen Rechten) und Alexander Wolf (über längere Zeit Vorsitzender des Altherrenverbandes seiner Burschenschaft) wurde 1989 der „Republikanische Hochschulverband“ gegründet. »Danube« Sascha Jung wirkte in den 1990er Jahren an der Reorganisation des völkischen Hofgeismarer Kreises in der SPD mit. Mitglieder der „Danubia“ bauten die rechtsradikale Zeitung Junge Freiheit mit auf (Frank Butschbacher, Thomas Clement, Hans-Ulrich Kopp, Michael Paulwitz), waren Redaktionsmitglied der REP-Parteizeitung Der Republikaner (Michael Paulwitz) oder Redakteur von Nation & Europa (Karl Richter, später Chefredakteur von Opposition). Im Jahr 2001 geriet die „Danubia“ unter Druck, weil in ihrem Haus ein polizeilich gesuchter neonazistischer Schläger versteckt wurde.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum e.V. (apabiz)

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